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(Artikel * 2011) Reinke, Heinz
Tödlicher Biosprit Die Renaissance des Zuckerrohranbaus in Nicaragua
in iz3w Nr. 322 * Seite 6 - 7
Themen: Energie; Gesundheit; Konzern; Pestizide; Wasser; Widerstand; Zucker * Nicaragua * Bioethanol; Agrotreibstoff; Agrokraftstoffe; Biosprit * Dok-Nr: 228603
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Nicaragua

Tödlicher Biosprit
Die Renaissance des Zuckerrohranbaus in Nicaragua

EU und Bundesregierung fordern und fördern massiv die Beimengung von Biokraftstoffen. Am Beispiel Nicaragua zeigt sich, dass von »bio« bei der Herstellung von Bioethanol nicht die Rede sein kann. Die gängigen Methoden des Zuckerrohranbaus schädigen die Gesundheit zahlreicher Menschen – oftmals mit tödlichen Folgen.


von Heinz Reinke

In den 1970er Jahren verursachte der Einsatz des Pestizids Nemagon auf Nicaraguas Bananenplantagen die schleichende Vergiftung tausender ArbeiterInnen. Die Auseinandersetzungen und Entschädigungsforderungen gegen den Dole-Konzern ziehen sich bis heute hin. In unmittelbarer Nachbarschaft in der Pazifikregion Nicaraguas boomt heute der Zuckerrohranbau, die Anbauflächen werden jährlich ausgedehnt. Sowohl auf den Ländereien der Familie Pellas, rund um den Zuckerrohrbetrieb San Antonio bei Chichigalpa, als auch auf den Ländereien der Verarbeitungsanlage Sta. Rosa der Grupo Pantaleon bei El Viejo schlagen tausende von SaisonarbeiterInnen im Akkord Zuckerrohr.
Zuckerrohr dient heute verstärkt als Ausgangsstoff zur Produktion von Bioethanol. Im Erntezyklus 2009/10 waren es 850.000 Liter Bioethanol am Tag. Davon sollen nach Angaben von Álvaro Martínez, Handelsdirektor von Nicaragua Sugar Ltd., 80 Millionen Liter in die EU exportiert werden. Mitentscheidend für die steigende Produktion ist die Beimischungsregelung der EU zugunsten so genannter Biokraftstoffe, die aus verschiedenen Agrarprodukten erzeugt werden. Das Zuckerrohr spielt hierbei eine wichtige Rolle, obwohl seine Energieeffizienz umstritten ist.
Zwar ist die Zuckerrohrproduktion Nicaraguas im Vergleich zu Brasilien und Mexiko gering, doch hat sie für das Land große wirtschaftliche Bedeutung. Mit 35.000 Beschäftigten und einem Exportvolumen in Höhe von 80 Millionen Dollar ist die zuckerrohrverarbeitende Industrie in der Pazifikregion der wichtigste Arbeitgeber.

Erst erkrankt, dann entlassen
Diese Bedeutung wird teuer erkauft. Vielfach wurde gezeigt, wie der Energiehunger des Nordens die Grundnahrungsmittelproduktion im globalen Süden zunehmend zurück drängt. Was weniger bekannt ist: die Anbaumethoden der Biosprithersteller belasten Böden und Grundwasser. Und sie sind gesundheitsschädlich: Allein in Nicaragua leiden tausende ArbeiterInnen und Teile der lokalen Bevölkerung an den Folgen der Zuckerrohrproduktion. An erster Stelle der Erkrankungen steht die chronische Niereninsuffizienz (IRC: insuficiencia renal crónica).
Die Konzentration der Todesfälle in den Regionen Leon und Chinandega, die zu den Hauptanbaugebieten Nicaraguas zählen, lässt nach einer Studie der Boston University School of Public Health aus dem Jahr 2009 den Schluss zu, dass die Methoden des Zuckerrohranbaus und das verunreinigte Grundwasser dafür mitverantwortlich sind.
Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Die Organisation der Opfer, ANAIRC, spricht von bislang 3.500 Todesfällen und 8.000 Erkrankten in der Region. Die Sterblichkeitsrate mit Ursache Nierenversagen in der Region ist zehnmal so hoch als in anderen landwirtschaftlichen Regionen. In der Klinik von El Viejo steht die IRC an erster Stelle der erfassten Todesfälle, mit sechs bis zehn Toten pro Monat. Selbst junge Menschen ohne typische Risikofaktoren und Vorerkrankungen erkranken in den Anbaugebieten an IRC.
Insbesondere der jahrelange Einsatz von Pestiziden, so zum Beispiel von Toxaphen und des auf der schwarzen Liste stehenden Atrazin, sowie ungenügende Schutzmaßnahmen werden von den Geschädigten für die Erkrankungen verantwortlich gemacht. Die ArbeiterInnen und ihre Familien beziehen
hr Trinkwasser aus einfachen Brunnen inmitten der belasteten Anbauflächen. Das dürfte eine weitere Ursache der Erkrankungen sein.
Die betriebseigenen Labore überprüfen die Blutwerte der Arbeiter inzwischen regelmäßig. Werden erhöhte Werte festgestellt, die eine chronische Schädigung der Niere anzeigen können, werden die jeweiligen MitarbeiterInnen entlassen. Durch die daraus folgende prekäre ökonomische Situation der Familien und die kaum zu behandelnde Erkrankung entsteht für die Betroffenen eine alptraumhafte Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Da die Erkrankung meist in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt wird, ist eine Heilung in der Regel ausgeschlossen. Dialyse und Transplantation sind vom lokalen Gesundheitssystem nicht leistbar. Selbst eine Linderung durch Medikamente ist nur schwer finanzierbar, auch wenn die Regierung Ortega den Zugang zur Behandlung erleichtert hat.
Die erkrankten und entlassenen ArbeiterInnen und ihre Familien haben zwei Verbände gegründet: Die Entlassenen des Betriebes Sta. Rosa schlossen sich in der ASTRAIRC zusammen, die des Ingenios San Antonio in der ANAIRC. Nachdem Hunderte der früheren ZuckerrohrarbeiterInnen über ein Jahr in Managua in der Nähe der Kathedrale und der Nationalversammlung kampierten, sind inzwischen etliche der Protestierenden während ihres Aufenthalts im Camp gestorben. Die meisten mussten aufgrund ihrer Krankheit nach Hause zurückkehren und warten dort auf den schleichenden Tod.

Unternehmen streiten alles ab
Die im Konsortium Nicaraguanischer Zuckerbesitz Ltd. (NSEL) zusammengeschlossenen Unternehmen setzen den protestierenden ArbeiterInnen auf unterschiedliche Weise zu und versuchen, deren Organisation unglaubwürdig zu machen. So berichten inzwischen gleich ein Dutzend Internetseiten und Foren über die angeblichen »Wahrheiten der chronischen Niereninsuffizienz«. Betriebsgewerkschaften werden benutzt, um die Entlassenen zu diskreditieren. Die monatlichen Lebensmittelpakete an ehemalige, erkrankte MitarbeiterInnen werden nicht als Entschädigung, schon gar nicht als Schuldeingeständnis gesehen. In ihren Kampagnen bestreitet das Konsortium alle Vorwürfe und präsentiert sich als Vorzeigebetrieb, der nahezu ausschließlich biologische Schädlingsbekämpfung betreibe.
Das Parlament hat sich mittlerweile mit dem Skandal beschäftigt und die Arbeitsschutzgesetzgebung für die in der Landwirtschaft beschäftigten ArbeiterInnen verschärft. Gemäß Gesetz 456 wurde die IRC als Berufskrankheit zwar anerkannt, allerdings als eine »mit vielfältigen Ursachen« – eine Formulierung, die Entschädigungsforderungen gegen die Familie Pellas, eine der reichsten und einflussreichsten Unternehmerfamilien in Nicaragua, erschweren dürfte.
Vor diesem Hintergrund scheint die derzeitige Diskussion um die Biokraftstoffrichtlinie der EU und deren Umsetzung in die so genannte Biokraftstoffquote der Bundesrepublik Deutschland verkürzt. Während der Agrotreibstoff hierzulande in Bezug auf die Verträglichkeit für Ottomotoren diskutiert wird und die jüngst eingeführte Zertifizierung primär ökologische Aspekte berücksichtigt, sterben in Nicaragua Menschen an den Folgen der Herstellung. Doch davon nehmen weder Gesetzgeber noch VerbraucherInnen Kenntnis. Die Verschärfung der Zertifizierungsrichtlinien der EU für den Import von Bioethanol ist überfällig. Auf der politischen Agenda stehen somit die Formulierung umfassender sozialer und umweltrechtlicher Kriterien, die Landgrabbing ausschließen und tödliche Produktionsformen verhindern.


Heinz Reinke organisiert für das Nicaragua-Forum Heidelberg eine Rundreise von zwei Vertretern der Organisation ANAIRC durch Deutschland. Sie werden in der zweiten Märzhälfte 2011 über Zuckerrohranbau, die Erkrankungen und die Gegenwehr der Betroffenen informieren. Unterstützende Organisationen mit Interesse an Veranstaltungen und Kontakte zu Umwelt- und Gesundheitsorganisationen werden noch gesucht (www.nicaragua-forum.de,
heinz.reinke@nicaragua-forum.de).



»Wir hinterlassen unseren Kindern nur Krankheiten«
Interview mit Geschädigten des Zuckerrohrbetriebs Ingenio Monte Rosa

iz3w: Warum protestiert ihr gegen PANTALEON?
Wir waren Erntearbeiter dieser Zuckerrohrverarbeitungsanlage. Sie hat uns krank gemacht, und dann hat die Firmenleitung gesagt: »Gehen Sie weg, gehen Sie nach Hause zum Sterben«. Nachdem sie dich entlassen haben, geben sie dir nichts, sie schmeißen dich raus und du stirbst. Was werden wir unseren Kindern hinterlassen? Krankheiten, eine große Epidemie durch die chemischen Produkte, die sie eingesetzt haben.…

Wie viele ArbeiterInnen sind betroffen?
Wir sind 281 Betroffene, die auf gerichtlichem Weg eine Entschädigung einklagen. Insgesamt gibt es aber weitaus mehr Geschädigte. Die meisten sind Familienväter, die fünf bis sieben Kinder haben. Sie können nicht mehr arbeiten, nirgends mehr, das hat ihnen auch der Arzt gesagt.

Was macht die Arbeit mit Zuckerrohr so gefährlich?
Bis kurz vor der Ernte wird ein Mix von Pestiziden verwendet (Counter, Furadan und Gramoxome, H.R.). Dann flammt man die Zuckerrohrfelder ab, damit die scharfen Blätter die ErntearbeiterInnen nicht schneiden. Beim Schneiden atmen wir dann die aufgewirbelte Asche und die Rückstände der Spritzmittel ein.

Wie geht es Ihrer Familie, Maria?
Ich bin Witwe, mein Mann starb an chronischem Nierenversagen. Er war Zuckerrohrschneider auf der Plantage, dort wurde er krank. Sie sagten, dass er nicht mehr arbeiten könne. Sie entließen ihn, er hatte starke Schmerzen, und fünf Monate später starb er. Er hat zwanzig Jahre auf der Plantage gearbeitet. Mit 55 Jahren ist er gestorben. Ich muss meine Kinder alleine durchbringen. Drei habe ich noch bei mir, die anderen sind schon erwachsen. Sie arbeiten ebenfalls in der Zuckerrohranlage.

Was sagen Sie dazu, dass Ihre Söhne in der gleichen Plantage arbeiten?
Es gibt keine Alternative, keine andere Arbeitsmöglichkeit hier in der Gemeinde. Abgesehen davon, dass ihr Vater starb, müssen meine Söhne sich damit abfinden, auch zu sterben. Aber wenigstens, sagen sie sich, sterben wir nicht jetzt schon vor Hunger, auch wenn wir das Risiko eingehen, an chronischem Nierenversagen zu sterben. Unsere Organisation kümmert sich auch um die Situation der Witwen dieser Fabrik. Etwa 60 Leute sind bisher gestorben.

Wie geht Eure Vereinigung konkret vor?
Wir verklagen die Zuckerrohrverarbeitungsanlage auf Schadensersatz. Wir wollen eine Entschädigung erreichen, die gerecht ist und die Betroffenen zufrieden stellt. Seit neun Monaten stehen wir hier, ohne uns vom Fleck zu bewegen, und stellen diese Forderung. Wir blockieren die Ernte in dieser Zuckerverarbeitungsanlage. Es wird aber der Moment kommen, in dem durch die Gespräche, die wir mit ihnen aufgenommen haben, ein Verhandlungsweg gefunden wird.


A.J. Montero und C. Ochoa sind in der Geschädigtenvereinigung ASTRAIRC aktiv.
Maria F. ist Witwe eines verstorbenen Arbeiters. (Namen von der Red. geändert)
Interview: Heinz Reinke,
Übersetzung: Sabine Eßmann.