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(Artikel * 2010) Lee, Jean H.
Nordkorea will mit Krieg antworten , wenn es wegen eines gesunkenen Schiffes bestraft wird
in Luftpost - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein Nr. LP 138/10 * Seite 1 - 3
Themen: Konflikt * Nordkorea; Ostasien; Südkorea; USA * Cheonan; Übersetzung : Jung, Wolfgang * Dok-Nr: 216890
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Nordkorea will mit Krieg antworten, wenn es wegen eines gesunkenen Schiffes bestraft wird

SEOUL, Südkorea – Nordkorea, das beschuldigt wird, den tödlichsten Angriff auf das südkoreanische Militär seit dem Korea-Krieg geführt zu haben, bestritt am Donnerstag ganz entschieden die Versenkung eines südkoreanischen Kriegsschiffes und warnte vor Vergeltungsmaßnahmen, die einen "ausgewachsenen Krieg" auslösen könnten. Oberst Pak In Ho, ein Sprecher der nordkoreanischen Marine, erklärte am Donnerstag in einem Exklusiv-Interview mit Associated Press Television News / APTN, in (der nordkoreanischen Hauptstadt) Pjöngjang, die in (der südkoreanischen Hauptstadt) Seoul vorgelegten Beweise für die Versenkung eines südkoreanische Kriegsschiffs durch einen nordkoreanischen Torpedo seien gefälscht. Er warnte vor Sanktionen oder einem Angriff auf Nordkorea, das sich mit Gewalt zur Wehr setzen werde. "Wenn Südkorea mit Vergeltung oder Bestrafung droht und Sanktionen oder einen Angriff auf uns durchsetzt, werden wir mit einem 'richtigen Krieg' antworten," äußerte er gegenüber APTN. Ein internationales Untersuchungsteam aus zivilen und militärischen Sachverständigen hatte vorher in Seoul verkündet, ein nordkoreanisches Unterseeboot habe am 26. März (2010) einen zielsuchenden Torpedo auf die Korvette "Cheonan" abgefeuert, der das 1.200-Tonnen-Schiff in zwei Teile zerrissen habe. Achtundfünfzig Matrosen wurden gerettet, aber 46 starben in der schlimmsten Katastrophe, von der das südkoreanische Militär seit dem mit einem Waffenstillstand beendeten Korea-Krieg heimgesucht wurde. (Der südkoreanische) Präsident Lee Myung-bak kündigte "entschlossene Gegenmaßnahmen" an und berief für Freitag eine außerordentliche Sicherheitskonferenz. Das Weiße Haus nannte die Versenkung des Schiffes einen inakzeptablen "aggressiven Akt", der das Völkerrecht und den Waffenstillstand von 1953 verletze. Die Alarmstufe für die US-Streitkräfte in Südkorea und in benachbarten Ländern werde aber nicht erhöht, sagte Admiral Mike Mullen, der Chef de US-Generalstabs. Offizielle des US-Außenministeriums reagierten am Donnerstag noch vorsichtig und weigerten sich, den Angriff als Kriegshandlung oder als Akt staatlich unterstützten Terrors zu bezeichnen. Die zurückhaltende Reaktion der Obama-Regierung zeigt, dass Präsident Barack Obama in dieser explosiven Situation kaum andere Optionen hat. "Wir haben kein Interesse daran, dass die koreanische Halbinsel explodiert," erklärte P.J. Crowley, der Sprecher des US-Außenministeriums. Der japanische Premierminister Yukio Hatoyama bot Südkorea Unterstützung an und nannte die Tat Nordkoreas "unverzeihlich". Die Südkorea zur Verfügung stehenden Vergeltungsmaßnahmen sind jedoch begrenzt. Der Waffenstillstand hindere Seoul an einem allein durchgeführten militärischen Angriff, und außerdem werde Südkorea keine Vergeltungsmaßnahmen riskieren, die einen Krieg auslösen könnten, sagte der Nordkorea-Experte Yoo Ho-Yeol von der Korea University in Seoul. "Die Situation könnte dann völlig außer Kontrolle geraten," meinte er, weil Seoul mit seinen 10 Millionen Einwohnern in Schussweite der vorgeschobenen Artillerie Nordkoreas liege. Südkorea und die USA, die 28.500 Soldaten auf der Halbinsel stationiert haben, könnten als Machtdemonstration einige gemeinsame Militärmanöver durchführen, sagte Daniel Pinkston, ein Analyst des in Seoul angesiedelten Think-Tanks der International Crisis Group. Er fügte hinzu, das Militär werde wahrscheinlich auch sein Frühwarnsystem verbessern und Maßnahmen zur U-Boot-Bekämpfung ergreifen, um solche Überraschungsangriffe in Zukunft zu verhindern. Analysten gehen davon aus, dass Seoul auch finanzielle Strafmaßnahmen gegen Nordkorea ergreifen könnte, und (der südkoreanische) Außenminister Yu Myung-hwan erklärte, Seoul erwäge den UN-Sicherheitsrat mit dem Problem zu befassen. Die Angelegenheit sei jedoch bei einer am Donnerstag einberufenen Sitzung des Sicherheitsrats zum Sudan nicht zur Sprache gekommen, teilten mehrere Botschafter danach mit. Das verarmte Nordkorea leidet bereits unter UN-Sanktionen, die im letzten Jahr nach seinen allgemein verurteilen Atomund Raketentests verhängt wurden. Jede neue Aktivität des Sicherheitsrats bräuchte die Zustimmung des ständigen Mitglieds China, aber nach Meinung des Analysten Koh Yu-hwan von der Dongguk University in Seoul wird Peking als traditioneller Verbündeter und Unterstützer Nordkoreas während des Korea-Krieges kaum zulassen, dass sich der Sicherheitsrat mit dem Untersuchungsbericht zum Untergang der "Cheonan" befasst. China reagierte zurückhaltend auf den Bericht, und sein Vizeaußenminister Cui Ti-ankai, nannte den Schiffsuntergang "ein Unglück" und betonte die Notwendigkeit, den Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu bewahren. Nordkorea wird beschuldigt, im Laufe der Jahre schon mehrere Angriffe auf Südkorea durchgeführt zu haben, unter anderem im Jahr 1987 einen Bombenanschlag auf ein südkoreanisches Verkehrsflugzeug, der alle 115 Passagiere tötete. Nordkorea hat sich aber niemals zu den Angriffen bekannt, und Seoul hat sich auch nie militärisch gerächt. Seit der Unterzeichnung eines Nichtangriffspakts im Jahr 1991 blieben Zusammenstöße zwischen dem Norden und Süden auf die Gewässer vor ihrer Westküste beschränkt. Nordkorea lehnt die nach dem Korea-Krieg von der UNO einseitig festgelegte Seegrenze zu Südkorea ab, und in dem Gebiet, in dem die "Cheonan" gesunken ist, gab es schon mehrere Zwischenfälle, bei denen ebenfalls Tote zu beklagen waren – den letzten im November 2009 (bei dem vier nordkoreanische Matrosen getötet und ihr Schiff schwer beschädigt wurde). Pak, der nordkoreanische Marineoffizier, erklärte, sein Land habe aber trotzdem keinen Grund gehabt, die "Cheonan" zu versenken. "Die Koreanische Volksarmee wurde nicht für Angriffe auf andere Länder geschaffen. Wir werden andere nicht zuerst angreifen," äußerte er gegenüber APTN. "Warum sollten wir ein Schiff wie die "Cheonan" versenken, das uns nichts getan hat? Es gab keinen Grund sie anzugreifen, deshalb haben wir es auch nicht getan." Aus fünf Ländern stammende Experten des Untersuchungsteams berichteten, eine ausführliche wissenschaftliche Analyse der Wrackteile, sowie an der Untergangsstelle der "Cheonan" geborgene Fragmente deuteten auf eine nordkoreanische Beteiligung hin. Auf dem Meeresgrund gefundene Torpedo-Fragmente hätten "passgenau" dem Schema eines Torpedos entsprochen, den Pjöngjang auch ins Ausland verkaufen wollte, sagte der Chefuntersucher Yoon Duk-yong. Eine Seriennummer auf einem Bruchstück stimme mit der Markierung auf einem nordkoreanischen Torpedo überein, der Seoul vor einigen Jahren unbeschädigt in die Hände gefallen sei. "Die Beweise belegen eindeutig, dass der Torpedo von einem nordkoreanischen Unterseeboot abgefeuert wurde," ergänzte er. "Es gibt keine andere plausible Erklärung." Pak, der nordkoreanische Militärsprecher, sprach von gefälschten Beweisen. "Der Versuch, uns das Sinken des Schiffes anzulasten, ist nur eine theatralische Inszenierung Südkoreas," erklärte er. Das Interview mit APTN fand vor einem anderen ausländischen Kriegsschiff statt – vor (dem Spionageschiff) USS "Pueblo", das 1968 von der nordkoreanischen Marine gekapert worden war (s. http://de.wikipedia.org/wiki/USS_Pueblo_%28AGER-2%29). Der amerikanische Kapitän und die Mannschaft wurden erst nach 11 Monaten wieder freigelassen. Das Schiff, das 1999 nach Pjöngjang geschleppt wurde, liegt mit anderen ausgestellten Schiffen der nordkoreanischen Marine als schwimmendes Museum am Fluss Taedong vertäut und ist eine beliebte Touristenattraktion. Marinesprecher Pak, ein 55-jähriger Veteran, dessen Uniform mit Medaillen übersät war, erzählte, er habe zu der Besatzung gehört, die vor mehr als vier Jahrzehnten die USS "Pueblo" geentert hat. Die AP-Mitarbeiter Kelly Olsen, Sangwon Yoon und Hyung-jin Kim in Seoul, Jay Alabaster in Tokyo, Chi-Chi Zhang in Peking, Anne Flaherty und Matthew Lee in Washington und Edith M. Lederer bei der UNO haben zu diesem Bericht beigetragen." [ENDE]

Originalquelle/n:
ASSOCIATED PRESS, 20.05.10
http://news.yahoo.com/s/ap/20100520/ap_on_re_as/as_skorea_ship_sinks

Übersetzung:
Jung, Wolfgang

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Anmerkung/en des Übersetzers:
"(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern und Hervorhebungen versehen. Nach unserem Kommentar drucken wir den Originaltext ab.)
Unser Kommentar
Das Untersuchungsteam ging zunächst davon aus, dass die "Cheonan" von einer alten Treibmine zerrissen wurde, bis plötzlich die "passgenauen" Torpedo-Bruchstücke auftauchten. Es gibt auch Vermutungen, der Torpedo sei von einem der US-Schiffe abgefeuert worden, die an dem im gleichen Seegebiet stattfindenden gemeinsamen Manöver mit der südkoreanischen Marine teilgenommen haben (s. http://www.atimes.com/atimes/Korea/LE05Dg01.html). Der bei seinen Landsleuten wenig beliebte südkoreanische Präsident Lee Myung-bak legt es offensichtlich darauf an, die unter seinem konzilianten Vorgänger Roh Moo-Hyun verbesserten Beziehungen zu Nordkorea wegen bevorstehender Wahlen wieder abzukühlen. Außerdem kann man mit einem hochkochenden Konflikt auf der koreanischen Halbinsel den Nachbarn China stillbeschäftigen, wenn der Überfall auf den Iran beginnt. Vermutlich berichten unsere Medien deshalb so einseitig über den neuen Brandherd in Fernost, um Stimmung gegen Nordkorea zu machen, das Bush neben dem Irak und Iran ebenfalls auf der "Achse des Bösen" angesiedelt hat."





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Erfasst am 08.08.2010
Quelle des "Luftpost"-Artikels:
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_10/LP13810_260510.pdf