Volltext

(Artikel * 2009) Stubbe, Lars; Jurt, Pascal
Contra Continental Ein mexikanischer Arbeitskampf fordert deutsche Gewerkschaften heraus
in iz3w Nr. 315 * Seite 4 - 5
Themen: Arbeit; Gewerkschaft; Streik * Mexico * * Dok-Nr: 204840
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Arbeitskämpfe

Contra Continental
Ein mexikanischer Arbeitskampf fordert deutsche Gewerkschaften heraus

Die mexikanischen Arbeiter des Reifenwerkes Euzkadi in El Salto streikten drei Jahre lang gegen die Werksschließung durch die deutsche Continental AG. Die Selbstorganisierung und der Arbeitskampf verliefen so erfolgreich, dass die Produktion seit 2005 selbstverwaltet wieder aufgenommen werden konnte. Das von Georg Maaß und Lars Stubbe herausgegebene Buch »Contra Continental« rekonstruiert in Interviews mit verschiedenen AkteurInnen die Etappen der Auseinandersetzung.


Pascal Jurt: Ihr habt mit eurem Buch den Arbeitskampf einer mexikanischen Kooperative dokumentiert. Wie kam es dazu?
Lars Stubbe: Zentral ist, dass es ein geradezu modellhafter Streik war: Ein deutsches Unternehmen hat in neokolonialer Manier versucht, seine Interessen durchzusetzen und eine kleine, rebellische und entschiedene Belegschaft nutzt die ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Hinzu kommt, dass ich seit Jahren unabhängige, gewerkschaftsnahe, internationalistische Initiativen unterstützt hatte. Zudem schrie das offensichtlich ablehnende Verhalten der IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) den Leuten von Euzkadi gegenüber geradezu nach einer Dokumentation. Schließlich ging es auch darum, zu zeigen, dass Arbeiterkämpfe immer noch eine bedeutende Größe sind, trotz mancher theoretischer Moden, die davon ausgehen, dass der Klassenkampf nicht mehr den grundlegenden Antrieb des gesellschaftlichen Antagonismus darstellt. Im internationalen Maßstab betrachtet, sind Arbeitskämpfe vielleicht sogar eine im Wachsen begriffene Größe. Ohne zu idealisieren: Hier gab es Arbeiter, die sich nicht nur gegen die Zumutungen der Außerwertsetzung ihrer Arbeitskraft wehrten, sondern die darüber hinaus den Anspruch vertraten, in Zukunft an einer Produktionsweise beteiligt zu sein, die sich an einer Gebrauchswertproduktion orientiert. Und dies einmal nicht in einem Nischenbetrieb der Dienstleistungsindustrie, sondern in einem modernen Großbetrieb als Teil der normalen kapitalistischen Industrie.

Der Streik dauerte sehr lange – die Arbeiter und ihre Familien wurden durch massive Einschüchterungen und Bedrohungen extrem unter Druck gesetzt, die medizinische Versorgung wurde ihnen verweigert, schwarze Listen kursierten. Der Beitrag von Lisa Carstensen in eurem Buch zeigt, wie die Werkschließung den Familienalltag und die ursprünglich recht traditionellen Rollen der Frauen stark veränderte. Inwieweit kam es zu einer Veränderung herkömmlicher Geschlechterverhältnisse?
In der Tat wendete das deutsche Kapital im Ausland viele Methoden der Einschüchterung und Bedrohung an. Um die stattgefundenen Veränderungen einschätzen zu können, muss man wissen, dass Euzkadi ein rein männlicher Betrieb war. Hier herrschte in den meisten Familien wohl eine klassische Familienkonstellation vor. Die Frauen waren meist nach dem Muster »Zusatzerwerb für Kosmetik« erwerbstätig. So lautet die gelegentlich geäußerte abwertende Fremdeinschätzung – und auch Selbsteinschätzung. Mit dem Streik veränderte sich ihre Situation auf einmal objektiv, da sie es jetzt vielfach waren, die den wesentlichen Lohn nach Hause brachten. Das führte langfristig natürlich auch zu Rollenverschiebungen in den häuslichen Beziehungen. Entscheidend war jedoch, dass die Frauen sich in einer eigenständigen Gruppe als Ehefrauen und weibliche Angehörige selbst organisierten. Dies förderte den Informationsfluss und diente der stärkeren Solidarisierung untereinander.
Inwieweit sich die Geschlechterverhältnisse damit auch langfristig änderten oder noch ändern werden, kann vielleicht heute noch nicht abschließend beurteilt werden. Doch so, wie es auch innerhalb der Belegschaft Spaltungen gegeben hat, wenn Arbeiter die Abfindungen angenommen haben oder aus dem Streik ausgeschert sind, hat es natürlich auch in Bezug auf die Familienverhältnisse viele Brüche gegeben. Und manche Beziehung hat den Streik nicht überstanden.

Welche Rolle spielten die mexikanischen Gewerkschaften bei dem Prozess?
Seit dem Pakt, den Teile der Arbeiter während der Revolution zwischen 1910 und 1929 mit dem Kapital gegen die revolutionären Bauern eingegangen sind, hat es in Mexiko einen kooperativistisch orientierten hegemonialen Flügel der Arbeiterbewegung gegeben. Dieser hat sich nach der Gründung der Partido Revolucionario Institucional (PRI) über viele Jahrzehnte in der Confederación de Trabajadores de México (CTM) mit einer völlig verkalkten Gewerkschaftsbürokratie an der Macht gehalten, indem er Arbeiterinitiativen von unten brach und mit milden Zugeständnissen seine nicht selten offen korrupte Politik betrieb. In einzelnen Teilen der Arbeiterklasse hatten sich aber auch nach der Revolution immer Bestände einer Autonomie erhalten. Euzkadi war dafür über 70 Jahre lang ein Beispiel, die revoltierenden Eisenbahnarbeiter im großen Streik 1958/59 ein anderes. Nach 1968 wurden vor allem an den Universitäten autonome Gewerkschaften gegründet. Es gibt also heute eine kleine Gruppe unabhängiger Gewerkschaften, wie zum Beispiel die der Flugbegleiter, die den Streik auch wesentlich unterstützt haben, zum Beispiel durch Vergabe von Freitickets für Flüge nach Europa. Die Mehrheit der in der CTM organisierten Gewerkschaften hat diesen Kampf hingegen nicht unterstützt. Erwähnt werden sollte noch die Unterstützung durch die »Cooperativa Pascual«, eine Getränkekooperative, die selbst nach einem dreijährigen Streik in den Achtzigern nach Enteignung des Unternehmens gegründet wurde. Sie half vor allem, die aufwändige Gewerkschaftsarbeit während des Streiks zu unterstützen.

Wie haben sich denn die deutschen Gewerkschaften verhalten? Oliver Lerone Schultz erwähnt, dass er auf den Webseiten der IG-Metall und der IG-BCE keinen Eintrag zum erfolgreichen Arbeitskampf der mexikanischen Arbeiter gefunden habe. Die ArbeiterInnen der Continental-Werke in Hannover sind ja von dem Klassenkampf von oben durchaus selbst betroffen.
Es scheint mir weniger Ignoranz der Gewerkschaftsführungen zu sein, denn diese sind ja meist sehr gut unterrichtet. Vielmehr sind solche Kämpfe unerwünscht, weil sie hier nicht kontrolliert werden können, schließlich haben die jeweiligen Gewerkschaften keine direkte Gewalt über die ausländischen Delegationen. Wenn dann eine Solidarisierung durch Betriebsräte oder Belegschaft einsetzen würde, sähe sich die Gewerkschaftsführung schnell der Frage ausgesetzt, was sie denn konkret tun sollen. Hinzu kommt, dass gerade Gewerkschaften wie die IG BCE merken, dass ihnen die Konfliktfähigkeit fehlt, die diese KollegInnen mitbrachten. Zudem wird das Denken von der Angst bestimmt, mit den eingefahrenen und etablierten Wegen brechen zu müssen, um in einer ungewissen Zukunft anzukommen. Allerdings ist mit Jürgen Scharna ein Betriebsrat aus dem Werk in Hannover-Stöcken mit einem kritischen Beitrag in unserem Buch vertreten. Teile der Belegschaft haben also durchaus erkannt, dass die Vorgehensweise der Continental in Mexiko nur in kontinentübergreifenden Organisierungsversuchen bekämpft werden kann.

Den Kampf für die Selbstverwaltung ordnest du als Teil der Geschichte der Genossenschaftsbewegung und der Arbeiterautonomie ein...
Die Frage ist doch: Welche Perspektive haben Kooperativen im Kapitalismus? Bleiben sie Inseln oder bilden sie Bestandteile einer neuen Form gesellschaftlicher Verhältnisse, die die politische Ökonomie des Kapitals überwindet? Mir schien es wichtig, ein wenig historisch auszuholen, da die politische Geschichte der gewerkschaftsnahen Kooperativen in Deutschland doppelt gebrochen ist: Einmal durch den Faschismus, der die damals entstandene Kultur widersprüchlich integrierte oder ausmerzte, und dann durch die jüngste Gewerkschaftsgeschichte, wenn wir etwa an die immense Veruntreuung von Mieter- und Mitgliedswerten denken. Es ist kein Wunder, dass es derzeit innerhalb der Gewerkschaftslinken nur sehr marginal Diskussionen zu Betriebsübernahmen und Kooperativengründungen gibt. Also geht es darum, bestimmte Inhalte wieder diskussionsfähig zu machen. Schließlich sind die Strukturen von Kooperativen derart vielfältig, dass eine generelle Aussage über ihre Qualität praktisch unmöglich ist.
Entscheidend ist, wie die verschiedenen Betriebe wirklich Gebrauchswerte zur Befriedigung von Bedürfnissen produzieren. Welche Instanz soll die verschiedenen Interessen bündeln und wo soll über diese Bedürfnisse entschieden werden? Wenn alleine Arbeiterversammlungen über die Produktion entscheiden, wie soll dann verhindert werden, dass ihr egoistisches Interesse nicht die gesellschaftlichen Zusammenhänge gefährdet? Ich denke, es gibt derzeit keinen Plan, was sicher mit der Unterentwicklung der Kämpfe zu tun hat. Die verschiedenen kooperativen Produktionsmodelle sind in Sackgassen gelaufen. Sie hatten nicht hinreichend Möglichkeiten, auf den »grandes Alamedas« (großen Alleen), von denen Allende sprach, zu flanieren, um im selbstbestimmten Versuch eine Auflösung der Politischen Ökonomie durchzusetzen.

Der in Mexiko lehrende Politikwissenschaftler John Holloway plädiert in seinem Nachwort für eine grundsätzliche Kritik an den Mechanismen kapitalistischer Vergesellschaftung.
Im Kern geht es ihm um eine ganz einfache Marx´sche Erkenntnis: Der Mensch als »Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse« wird im Kapitalismus nicht wahrgenommen. Nur insofern seine Arbeitskraft einen Wert hat, als er abstrakte Arbeit zu produzieren in der Lage ist, hat er einen gesellschaftlichen Wert. Schlimmer noch: Seine nützlichen, konkreten Arbeiten existieren nur in der Form der abstrakten Arbeit. Es gibt also keine unmittelbaren Arbeiten, mit denen ich mich auf die Bedürfnisse anderer Menschen konzentrieren kann und die ich nur zu dem Zweck ausführe, weil sie fehlen und die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigen. Wenn wir davon ausgehen, dass es darum geht, die konkrete Arbeit von der abstrakten zu befreien, dann muss die Leitschnur kooperativen Handelns nicht der ökonomische Output, sondern die Frage danach sein, was es zur Abschaffung der Arbeit beiträgt.


Lars Stubbe ist zusammen mit Georg Maaß Herausgeber des Buches »Contra Continental. Der Widerstand der mexikanischen Euzkadi-Arbeiter gegen den deutschen Reifenkonzern«, ISP Verlag 2009. Das Interview führte Pascal Jurt.