Volltext

(Artikel * 2009) Wolters, Alexander
Unser gemeinsames Haus Kirgistan auf der Suche nach einer Nation
in iz3w Nr. 314 * Seite 24 - 25
Themen: Ethnie; Geschichte; Minderheit; Nationalismus; Identität * Kirgistan; Russland * Sprache * Dok-Nr: 203273
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Zentralasien

Unser gemeinsames Haus
Kirgistan auf der Suche nach einer Nation

Knapp zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion scheint das ‘Nation Building’ in Kirgistan gescheitert. Die vielen Versuche der Staatsspitze zur Begründung einer gemeinsamen Identität für alle BewohnerInnen der Republik sind ohne Wirkung geblieben. Auch in der Außenpolitik ist wenig Struktur auszumachen.

von Alexander Wolters

Kirgistans Weg in die Souveränität Anfang der 1990er Jahre war ungewöhnlich für das postsowjetische Zentralasien. Anders als in den Nachbarstaaten, wo zu Präsidenten gewandelte Erste Parteisekretäre für personale Kontinuität sorgten, kam es im unabhängigen Kirgistan zu einer Zäsur. Mit dem Physiker Askar Akaev errang ein liberaler Geist das neue Amt des Präsidenten. Er machte sich an die Reform von Land und Gesellschaft und die Schaffung einer kirgisischen Nation. Akaev genoss dabei international ein hohes Ansehen, hatte er im August 1991 doch die Reformer um Jelzin unterstützt und die russischen Putschisten verurteilt.
Doch bereits beim Amtsantritt Akaevs standen die Bedingungen für den Aufbau einer eigenen nationalen Identität denkbar schlecht. Ohne die historische Erfahrung nationaler Eigenständigkeit war man nach dem Kollaps der UdSSR vor die Aufgabe gestellt, einen neuen Nationsbegriff zu formulieren. Eine Herausforderung stellten diesbezüglich die widersprüchlichen Vorgaben der sowjetischen Nationalitätenpolitik dar, in welcher Ethnie mit Nationalität gleichgesetzt worden war. Hinzu trat im Frühjahr 1990 als Geburtsfehler der jungen Republik der blutige Konflikt zwischen Usbeken und Kirgisen in Osch. Die Zusammenstöße hingen von nun an als Damoklesschwert warnend über allen Versuchen, der ethnischen Vielfalt im Land mit einer Idee von der einzig wahren Nation begegnen zu wollen.

Inflationäre Jubelfeiern
Den Ansätzen einer Kirgisierung des öffentlichen Lebens, eingeleitet mit einem Sprachgesetz 1989, wurde mit großer Skepsis begegnet. Nicht verwunderlich in einem Land, in dem die Titularnation der Kirgisen in jener Zeit nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellte. Zuerst äußerte die große slawische Minderheit (25 Prozent Bevölkerungsanteil) ihre Sorgen, bis schließlich die neuen Machthaber selbst zu zweifeln begannen. Angesichts des wirtschaftlichen und sozialen Verfalls in der ersten Hälfte der 1990er wanderten viele VertreterInnen der slawischen Minderheit aus. Mit ihnen verließen viele IndustriefacharbeiterInnen das Land, was sich für die heimischen Betriebe katastrophal auswirkte.
Auf die Abwanderungen reagierte Akaev 1994 mit der Losung »Kirgistan – Unser Gemeinsames Haus«. In der Folgezeit gründete der Präsident Foren wie die »Versammlung der Völker der Kirgisischen Republik«, um den ethnischen Minderheiten im Land eine öffentliche Stimme zu verleihen. Gleichzeitig übte sich die Staatsspitze in der Wiederentdeckung kirgisischer Geschichte und Kultur. Man besann sich vor allem auf das Epos Manas, in dem die Taten kirgisischer Heroen aus mythischen Vorzeiten erzählt werden. Mit landesweiten Feiern zu »1000 Jahre – Manas« versuchte man die Forderungen nationalistischer Kreise nach einer Propagierung des Kirgisentums zu befriedigen, ohne dabei die Nicht-Kirgisen im Land zu verschrecken. Auch in späteren Jahren entwickelte der Präsident Konzepte zur Einführung nationaler Ideen. Um den wirtschaftlich-technologisch abgeschlagenen Süden des Landes aufzuwerten, organisierte das Regime im Jahr 2000 Feierlichkeiten zum »3000-jährigen Bestehen der Stadt Osch«. Drei Jahre später rief Akaev Feiern für »2200 Jahre kirgisische Staatlichkeit« aus. Jedes Mal mit viel öffentlichem Wirbel veranstaltet, hinterließen diese Jubelfeiern in ihrem inflationären Gebrauch den Nachgeschmack einer politischen Farce.
Flankiert wurden diese Initiativen durch den Mangel klarer politischer Vorgaben für die Bildungs- und Sprachenpolitik. So wurden in den letzten beiden Jahrzehnten unzählige Schulen mit Kirgisisch als Unterrichtssprache gegründet, allerdings ist ihre Ausstattung bis heute miserabel und viele Eltern geben nach wie vor russischsprachigen Schulen den Vorzug. Im Medienbereich dominieren russische Fernsehkanäle und russischsprachige Zeitungen. Weder von der Kapazität noch von der Professionalität her können kirgisischsprachige Medien mit Organen wie dem russischen Kanal ORT oder der Zeitung Vechernyj Bishkek konkurrieren. Unterstützt wird diese Hoheit des Russischen dadurch, dass ihm 2001 der Status einer offiziellen Sprache neben der Staatssprache Kirgisisch verliehen wurde.
Diese Aufwertung des Russischen spiegelt auch die enge Beziehung zur ehemaligen Kolonialmacht wider. Russland nimmt mit seinen wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen direkten Einfluss auf die Politik im Land. Die russische Militärbasis in der Stadt Kant und der Einstieg von Gazprom in den kirgisischen Energiemarkt sind Ausdruck einer in den letzten Jahren stärker gepflegten Patronage.

Übermächtige Nachbarn
Kirgistans Verortung auf internationalem Parkett ist diktiert von solch exklusiven Beziehungen wie jener zu Russland. Umringt von Großmächten, bleibt der kleinen Republik wenig eigenständiger Spielraum, der ob der ethnischen Diasporen im Land noch weiter schrumpft. In den letzten Jahren versucht man diesem Druck mit Hilfe einer multilateralen Einbindung in regionale Organisationen wie der Shanghai Cooperation Organization und der Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit zu begegnen. Dass das nur bedingt gelingt, ist letztlich den ungleichen wirtschaftlichen Verhältnissen zuzuschreiben. Während China sich immer größere Marktanteile in Kirgistan sichert, kaufen kasachische Investoren Touristenbasen rund um den See Issyk-Kul auf. Bei aller Dankbarkeit für die geleisteten Investitionen bleibt daher ein ängstlicher Blick auf den wachsenden Einfluss der übermächtigen Nachbarn.
Mit ihrer eurasischen Einbindung bewegt sich die kirgisische Republik weg vom Kurs des frühen Akaevs, der lange Zeit eine für die zentralasiatischen Autokratien untypische Sonderbeziehung zum Westen gepflegt hatte. Nach dem 11. September 2001 und der Eröffnung einer US-Basis auf dem hauptstädtischen Flughafen Manas wurde die Kirgisische Republik gar zum singulären Fall einer souveränen Beherbergung amerikanischer und russischer Streitkräfte zur gleichen Zeit. Moskau war jedoch die Präsenz der Amerikaner in seinem »nahen Ausland« von Beginn an ein Dorn im Auge. Mit der Bewilligung eines Milliardenkredits überredete man Akaevs Nachfolger Bakiev im Februar diesen Jahres zu einer Schließung der US-Basis. Bakiev, der im Juli 2009 wiedergewählt wurde, nahm das Geld mit Freuden an und veranlasste sofort die einseitige Kündigung des Leasing-Vertrags mit den USA. Angesichts der schwierigen Situation in Afghanistan setzten die USA daraufhin ihre diplomatischen Kanäle in Bewegung. Neueste Absprachen erlauben ihnen nun die Weiterbenutzung des Flughafens, wenn auch zu einem weitaus höheren Preis. In Moskau nimmt man den neuen Deal empört zur Kenntnis, schlägt aber angesichts moderater Signale zwischen den USA und Russland keine aggressiven Töne an.
An der zunehmend engeren Bindung an Russland ändert der neuste Schachzug der Amerikaner ohnehin wenig. Russland bietet Kirgistan das Gefühl umfassender Sicherheit. Die Probleme in Afghanistan sowie jüngste Zusammenstöße mit Islamisten im Ferghanatal führen vor Augen, wie anfällig die Südflanke des Landes ist. Außerdem hilft russischer Schutz bei der Beilegung der ewigen Streitereien mit Usbekistan. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion schwelt ein Konflikt über die rechtmäßige Verteilung kirgisischen Wassers im Ausgleich für usbekisches Gas. Darüber hinaus nahm der usbekische Präsident Karimov seinem kirgisischen Kollegen Akaev lange Zeit dessen vorauseilende Akzeptanz westlicher Liberalisierungsvorgaben übel und reagierte mit einseitiger Grenzverminung, Territorialannektion und Handelsbarrieren.

Rückzug in Gruppenidentitäten
In der Auseinandersetzung um den Süden der Republik tritt schließlich auch die Spaltung des Landes in Nord und Süd an den Tag. Nicht nur die usbekische Minderheit mit ihrem mehr als 15 Prozent Bevölkerungsanteil wird als rückständig stigmatisiert, Stereotype existieren auch in Bezug auf die Kirgisen aus Nord und Süd. Je nach Lesart wird der Süden zur wahren Heimat eines dem Islam und den Traditionen verpflichteten Kirgisentums oder aber zur Brutstätte wahhabitischer Eiferer. Umgekehrt rühmt sich der Norden seiner sowjetischen Zivilisiertheit, oder aber er wird als Irrweg der Moderne verdammt. Seit der Ablösung des Nördlers Akaev durch den Südler Bakiev hat diese öffentliche Sortierung entlang regionaler Herkünfte noch zugenommen und politische Entwicklungen werden verstärkt unter regionalen Vorzeichen beobachtet. Zur selben Zeit überholen die alltäglichen Wirklichkeiten im Land diese Einteilungen. Die massenhafte Arbeitsmigration, sowohl nach Russland und Kasachstan als auch innerhalb des Landes, haben längst alle Kategorisierungen der Kirgisen nach Regionen obsolet werden lassen.
Das Ergebnis aller Versuche, in Kirgistan eine Integration der ethnischen Vielfalt herbeizuführen, ist ernüchternd. Ein Einigungsprozess hat bisher nicht stattgefunden, eine Nation der Kirgistanzi, vergleichbar der Nation der Kasachstanzy, existiert nicht. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in den Abhängigkeiten von äußeren Mächten, die unter anderem einen differenzierten Umgang mit ‚ihren’ Minderheiten verlangen, was für ein differenzübergreifendes Nationsprojekt eher störend ist. Darüber hinaus spielt auch die Diskreditierung der Akaev’schen Initiativen als Polittheater eine nicht unbedeutende Rolle. 3.000 Jahre Osch zu feiern, trotz fehlender historischer Indizien, lässt selbst strenge PatriotInnen schmunzeln.
Schließlich erfolgte sowohl unter Akaev als auch unter Bakiev die Mobilisierung politischer Gefolgschaft nie im Rahmen eines modernen Nationsbegriffs. In Kirgistan bedient sich die politische Spitze in der Regel informaler Institutionen zur Sicherung ihrer Macht. Dabei werden auch immer wieder Gruppenidentitäten bedient, die auf regionale oder verwandtschaftliche Zugehörigkeit abzielen und daher exklusiv sind. Der Widerspruch zwischen den Losungen für nationale Integration und dem Vorwurf, exklusive Kaderauslese zu betreiben, verurteilt das Projekt eines ‘nation-building’ von vornherein zum Scheitern. Umso mehr, wenn zugleich substanzielle Konzepte und finanzielle Ressourcen fehlen.


Alexander Wolters forscht als Doktorand an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).