Volltext

(Artikel * 2009) Graitl, Lorenz
Why? Selbstverbrennungen als Mittel des Protests gegen den Krieg auf Sri Lanka
in iz3w Nr. 312 * Seite 6 - 6
Themen: Minderheit; Bürgerkrieg * Sri Lanka * Selbstmord; Tamilen * Dok-Nr: 202445
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Sri Lanka

Why?
Selbstverbrennungen als Mittel des Protests gegen den Krieg auf Sri Lanka

von Lorenz Graitl

Im Januar 2009 erreichte der Bürgerkrieg auf Sri Lanka, der dort seit 26 Jahren zwischen dem singhalesisch dominierten Staat und der tamilischen Minderheit tobt, eine neue Dimension. Die ethno-nationalistischen Tamil Tigers, die im Norden der Insel einen Quasistaat mit eigener Administration betrieben, verloren ihre wichtigsten Stützpunkte an die Armee. Es schien absehbar, dass bald das ganze Territorium in die Hände der srilankischen Regierung fallen würde. Im Verlauf dieser Kämpfe richtete die Regierung eine »Sicherheitszone« ein, in die etwa 250.000 Zivilisten eingeschlossen waren und so selbst Opfer des Krieges, etwa in Form von Bombardierungen, wurden.
Genau in dieser Situation entschloss sich der Journalist Muthukumar, der für das feministische Magazin Pe’n’nea Nee in Tamil Nadu arbeitete, seinem Leben ein Ende zu bereiten, um so die Weltöffentlichkeit auf das Schicksal der Sri-Lanka-Tamilen aufmerksam zu machen. Kurz bevor er sich mit mehreren Litern Benzin übergoss und sich selbst in Brand steckte, verteilte er einen vierseitigen Abschiedsbrief mit vierzehn Forderungen. Er wandte sich unter anderem an die Bevölkerung des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu, (insbesondere Jugendliche, StudentInnen und PolizistInnen), an die Sri-Lanka-Tamilen und die Tamil Tigers, schließlich an die Internationale Gemeinschaft und Barack Obama. An die EmpfängerInnen appellierte er, die Sache nach seinem Tod weiterzuführen, damit er nicht umsonst gestorben sei: »Geliebtes tamilisches Volk, im Kampf gegen die Ungerechtigkeit haben unsere Brüder und Kinder zur Waffe des Intellekts gegriffen. Ich habe die Waffe des Lebens benutzt. Nützt ihr die Waffe des Fotokopierens.«1
Mit dem für ihn tödlichen Mittel der Selbstverbrennung konnte Muthukumar an eine Tradition des tamilischen Nationalismus anknüpfen. Bereits im Jahr 1964/65 kam es zu mehreren Selbstverbrennungen und -vergiftungen. Der Anlass war, dass Hindi als Ersatz für Englisch als Amtssprache eingeführt wurde. Von der tamilischen Bewegung, die damals teilweise noch ein unabhängiges Südindien anstrebte, wurde dies als Kolonialisierung und Unterdrückung durch die NordinderInnen und BrahmanInnen betrachtet, die sich auf einen »arischen« Ursprung berufen.
Ähnlich wie Chinnasamy, der 1964 zum ersten »Märtyrer der Sprache« wurde, stieß auch der Akt Muthukumars auf enorme Aufmerksamkeit und Anerkennung. Schon am Tag darauf kam es zur nächsten Selbstverbrennung. Drei Wochen lang versuchte alle paar Tage ein Tamile, sich selbst aus Protest zu töten. Normalerweise treten politisch motivierte Selbstmorde isoliert auf, eher selten haben sie kollektiven Charakter. Zwischen dem 29. Januar und dem 22. Februar kam es jedoch zu einer wahren Welle an Selbstmorden, die sich vom indischen Bundesstaat Tamil Nadu bis in die tamilische Diaspora in der Schweiz, Malaysia und Großbritannien ausdehnte. Insgesamt versuchten mindestens achtzehn Menschen, sich das Leben zu nehmen, für acht von ihnen endete dieser Versuch tödlich.
Die Akteure waren Männer im Alter zwischen 21 und 67 Jahren, oftmals verheiratete Familienväter mit mehreren Kindern. Einige von ihnen waren Mitglieder der oppositionellen Partei Dalit Panthers of India, andere waren Mitglieder bei den in Tamil Nadu regierenden Parteien DMK und Congress. Die Selbstverbrennungswelle nach dem Tod von Muthukumar entstand nicht durch koordinierte Planung, sondern wurde durch einen medialen Nachahmungseffekt ausgelöst, bei dem Menschen glaubten, die eigene Sache werde um so bedeutender, je mehr Leben für sie geopfert werden. Bei den Suizidenten handelt es sich nicht einfach um Verrückte, ihre Motivation ist auch keine religiöse. Stattdessen handelt es sich um altruistische Individuen, die aus einer moralischen Verpflichtung heraus handeln und dabei davon ausgehen, durch ihren Akt tatsächlich die Situation auf Sri Lanka verändern zu können. Von ihnen wird die Aufgabe des eigenen Lebens als alternativlos und notwendig dargestellt.
Dies sieht man beispielsweise an der Aussage des kürzlich verstorbenen Tamil Vendan, eines Analphabeten und Mitglied der Dalit Panthers. Als dieser nach seinem Selbstverbrennungsversuch von Parteichef Thirumavalavan im Krankenhaus angerufen wurde und der ihm sagte, dass er nicht diesen fatalen Schritt hätte gehen müssen, entgegnete Tamil Vendan: »Bruder, ihr Leute seid gebildet und könnt verschiedene Formen der Agitation organisieren, um für die Sache der Lanka-Tamilen einzutreten, aber ich konnte nur mein Leben geben.«2
Im Bundesstaat Tamil Nadu wurden die bestehenden Proteste, bei denen sich unter anderen streikende Anwälte Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, durch den Selbstmord Muthukumars emotional weiter aufgeheizt. Zugleich nahm das mediale Interesse ab, je mehr Menschen sich verbrannten. Die Medien in der Schweiz und Großbritannien berichteten über die Selbstverbrennungen nur am Rande.
Unabhängig von der geringen politischen Wirkung bleibt die Frage nach der Motivation. Folgende Stelle des Briefes lässt vermuten, dass Muthukumar offensichtlich von der Untätigkeit der Weltöffentlichkeit schockiert war, sie des Schweigens beschuldigte und mit seinem Akt des Selbstmordes aufrütteln wollte: »So lange ihr stumm bleibt, wird Indien niemals seinen Mund öffnen (...). So lange Indien, Pakistan und China Waffen liefern, Japan ökonomische Hilfe leistet und darüber hinaus Indien Sri Lanka herumkommandiert und Tamilen umbringt, warum realisiert ihr nicht, dass ihr mit eurem Schweigen und eurer Blindheit den gleichen Mord begeht?«
Die naheliegende Antwort auf Muthukumars Frage lautet: Ein Protest, der auf die Abschaffung von Krieg und Töten abzielt, darf sich dieses Leiden nicht stellvertretend selbst auferlegen, sondern muss neue Mittel suchen, um sich Gehör zu verschaffen.

Anmerkungen:

1 http://tamilnet.com/art.html?catid=79&artid =28208
2 http://news.webindia123.com/news/articles/ India/20090218/1180446.html


Lorenz Graitl promoviert in Berlin über politisch motivierte Suizide.