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(Artikel * 2009) Wahdat-Hagh, Wahied
Utopie versus Apokalypse Selbstverständnis und Verfolgung der Bahai im Iran
in iz3w Nr. 311 * Seite 32 - 33
Themen: Diskriminierung; Islam; Menschenrechte; Minderheit; Religionen; Repression * Iran * Bahai * Dok-Nr: 201838
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Iran

Utopie versus Apokalypse
Selbstverständnis und Verfolgung der Bahai im Iran

Die in Persien entstandene Bahai-Religion verfolgt universale gesellschaftspolitische Ziele hin zu einer demokratischen Weltgesellschaft. Weil ihr Weltbild den Dogmen des konservativen Islam widerspricht, gelten die etwa 300.000 im Iran lebenden Bahai als Abweichler. Sie werden diskriminiert und verfolgt. Und es ist nicht nur die Zerstörung von Bahai-Friedhöfen, die an den Antisemitismus erinnert.

von Wahied Wahdat-Hagh

t Die ethischen und rechtlichen Normen der Bahai-Religion knüpfen an die europäische Aufklärung an und erweitern diese zu einem ideell-religiösen Weltsystem. Religion diene nicht nur sittlichem Handeln, sondern trage zur soziokulturellen Entwicklung der Menschheit bei. Jeder Mensch soll demnach selbständig nach Wahrheit suchen. Es sei besser, auf eine Religion zu verzichten, wenn diese Gewalt predige. Menschliche Vorurteile werden der Bahai-Lehre zufolge als Ursache von Hass und Krieg gesehen. Die Menschen seien alle gleich, insbesondere die Gleichberechtigung von Mann und Frau wird hervorgehoben.
Die Bahai-Religion beansprucht, geistige Basis einer neuen Weltzivilisation zu sein, in der weltdemokratische Institutionen auf Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte den Weltfrieden ermöglichen sollen. Sie beruft sich dabei auf die Worte Baha’u’llahs: »Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.« Positive AkteurInnen in der Bahai-Konzeption sind somit die WeltbürgerInnen mit ihrer
Eine-Welt-Identität, die in einer pluralen Welt lebend ihre moralischen Regeln als universal betrachten. Deswegen wenden sich viele Bahai schon aus religiösen Überzeugungen heraus gegen Menschenrechtsverletzungen.

Vorwurf der Blasphemie
t Die gesellschaftspolitischen Ziele der Bahai, die eine in die Zukunft weisende realistische Utopie darstellen, stehen diametral entgegengesetzt zu den islamistischen Vorstellungen, die anachronistische Wertvorstellungen in die Zukunft projizieren. Im Islam gilt Mohammad als letzter Prophet in der Geschichte der Menschheit, der mit dem Koran das abschließende Buch Gottes gebracht habe. Die UN-Menschenrechtscharta soll ergo islamisiert statt universalisiert werden.
Die Bahai glauben hingegen an das Prinzip der fortschreitenden Gottesoffenbarung. Mit Baha´u´llah habe ein neuer Zyklus der Religionsgeschichte begonnen. Dies wird insbesondere von der im Iran herrschenden schiitischen Geistlichkeit als Blasphemie betrachtet. Bahai gelten ihr als vom Glauben Abgefallene, als Apostaten. Die herrschende staatlich-ideologische Eschatologie des Iran schreibt vor, dass der Klerus herrschen müsse, bis der 12. Imam erschienen sei. Wenn er erscheint, würde der Kampf des Guten gegen die Bösen erst beginnen. Die Mythologie und das kollektive Bewusstsein der Schiiten beruhen dabei auf blutigen Bildern, auf Kämpfen, die schließlich die Gerechtigkeit auf Erden bedingen würden. Die Schia geht in ihrem apokalyptischen Determinismus von einem letzten Kampf der vom Messias geführten guten Kräfte gegen das Böse aus.
Im Iran gelten die Bahai als »Najis«, als »unrein«, was ihren Ausschluss von vielen Berufen und ihre Ächtung im gesellschaftlichen Leben rechtfertigen soll. Ihre öffentliche Identität als Bahai ist im Iran verboten. Der einflussreiche iranische Staatskleriker Ayatollah Makarem Shirasi bezeichnete darüber hinaus Ende 2007 die Bahai als »Kofare Harbi« (kriegerische Ungläubige). Gegen sie gibt es nach dem islamischen Gesetz ein Kriegsrecht, das heißt, sie können getötet werden.

Diskriminierung, Übergriffe,
Verhaftungen
t Die Bahai wurden seit ihrer Entstehung in Persien verfolgt, doch spitzte sich ihre Unterdrückung im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979 massiv zu. In den ersten Jahren nach der Machtübernahme der Mullahs wurden über 200 führende Bahai willkürlich hingerichtet. Das Eigentum tausender Bahai wurde konfisziert, Zehntausende verloren ihre Arbeit und bekamen keine Renten mehr. Noch systematischer als bereits in den 1950er Jahren wurden und werden nun auch ihre heiligen Stätten zerstört. Hinzu kommt die immer wiederkehrende Verwüstung von Bahai-Friedhöfen durch muslimische Fanatiker. Am 23. Oktober 2008 wurde beispielsweise der Friedhof von Darzikola mit Bulldozern zerstört. Die wenigen unversehrt gebliebenen Grabsteine wurden dann am 3. und 22. November erneut angegriffen.
Muslimische Kinder im Iran werden durch staatliche Hasspropaganda von Kindesbeinen gegen Bahai erzogen. Selbst Bahai-Schulkinder werden intensivem physischem und psychischem Druck ausgesetzt. An Universitäten dürfen Bahai nicht studieren, selbst wenn sie beste Schulabschlüsse aufweisen. Im Oktober 2008 veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran eine Erklärung von zwei Bahai-Studenten. Navid Khanjani und Hesam Misaqi beklagen darin, dass einem großen Teil der iranischen Jugend das Recht auf universitäre Ausbildung verwehrt werde. Seit mehr als 30 Jahren hätten die iranischen Bahai keine zivilen Rechte mehr inne. Zwar hätten sich in den letzten Jahren einige Wenige immatrikulieren können, die meisten von ihnen seien aber inzwischen allein wegen ihrer Weltanschauung wieder exmatrikuliert worden. Nur eine Handvoll Bahai dürften gegenwärtig an den iranischen Universitäten studieren, weil man internationale Reaktionen einschränken wolle. Khanjani und Misaqi bezeichnen dies als »kulturelles Verbrechen«.
In jüngerer Zeit mehren sich physische Übergriffe und Verhaftungen. Baha’i World News Service meldete im Juni 2008, dass in Rafsanjan, Fars, Babolsar und Karaj Wohnhäuser von Bahai in Brand gesteckt oder mit Molotowcocktails beworfen wurden. Die BewohnerInnen konnten nur knapp dem Tod entkommen. Im Frühjahr 2008 wurden sieben Mitglieder des iranischen Führungskreises der Bahai verhaftet. Sie sind bis heute ohne formelle Anklage in Haft – »aus Sicherheitsgründen«, so ein Regierungssprecher.

Wahn mit Methode
t Aktuell droht den Bahai im Iran Gefahr durch ein neues Gesetzesvorhaben. Es soll zum ersten Mal in der iranischen Geschichte das islamische Sharia-Gesetz zur Tötung von Apostaten zum Staatsgesetz machen. Die Neufassung der islamischen Strafgesetzgebung ist vom iranischen »Parlament« in der ersten Runde mit absoluter Mehrheit ratifiziert worden. Endgültig verabschiedet werden soll das Gesetz aber erst nach der Präsidentschaftswahl vom Juni 2009.
Der Hass der religiösen Fanatiker gegen Bahai wird durch Hetzkampagnen in iranischen Medien geschürt, insbesondere in der Zeitung Kayhan, dem Sprachrohr der »Islamischen Republik«. Eine wichtige Rolle nehmen dabei Verschwörungstheorien ein, ohne die auch der Anti-Bahaismus nicht auskommt. Eine ähnliche Rolle wie im Antisemitismus die »Protokolle der Weisen von Zion« haben beim Anti-Bahaismus die Memoiren von Dimitri Ivanovich Dolgorukov inne. Dieser war in den Jahren 1846-1854 russischer Botschafter in Persien. Da Dolgorukov sich intensiv mit den Babi beschäftigte, propagierten muslimische Kleriker die Verschwörungstheorie, dass die Babi-Bewegung durch eine russische Konspiration entstanden sei. Bis heute werden Bahai oft ähnlich wie Juden als Subjekte der globalen Konspiration betrachtet. Wie stark Dolgorukovs Memoiren bis heute als Beweis dafür gelten, dass Bahai russische Agenten des Zarenreiches seien, belegen zahlreiche Artikel in der iranischen Presse.
Verschwörungstheorien sind nie konsistent, auch nicht diejenigen gegen Bahai. Laut der herrschenden Ideologie im Iran sollen Bahai mit den Bolschewisten und dem KGB zusammengearbeitet haben, aber auch britische, US-amerikanische und selbstverständlich israelische Agenten sein. Sie werden als »internationale Zionisten« dargestellt, die die »islamische Welt unterwandern« und halfen, den jüdischen Staat zu errichten.
Der Mechanismus der Vorurteilsmuster ist simpel: WestlerInnen, Israelis und Bahai werden stereotyp »Islamophobien« zugeschrieben, wobei die eigene Haltung religiös überhöht wird. Die »Feinde« werden dämonisiert und für alles Negative in der eigenen Wahrnehmung verantwortlich gemacht. Angestachelt durch die Propaganda, soll die letzte Schlacht gegen die »Ungläubigen« zum Sieg führen und deren Vernichtung auslösen. Erst dann werde der islamische Gottesstaat gedeihen, glauben die Paten der religiösen Gewalt, die den »gerechten Krieg« propagieren, weil angeblich der Islam in Gefahr sei, zerstört zu werden. Kein Wunder, dass das weltdemokratische Modell der Bahai als »feindselig« betrachtet wird, auch wenn diese den Islam als Religion respektieren.
Der Anti-Bahaismus ist Bestandteil der staatlichen Doktrin der totalitären Diktatur. Die iranische Regierung verfolgt offen das Ziel, die Existenz der Bahai-Gemeinden im Iran zu eliminieren. Wenn Häuser von Bahai-Familien von Unbekannten in Brand gesteckt werden, müssen die gegenwärtigen iranischen Machthaber als die wahren Brandstifter zur Rechenschaft gezogen werden.


t Wahied Wahdat-Hagh ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der European Foundation for Democracy (EFD). Er ist Mitunterzeichner der »Kölner Erklärung« vom August 2008 gegen die Unterdrückung der Bahai im Iran (www.koelner-erklaerung.info).


Die Bahai-Religion
t Die Geschichte der Bahai-Religion begann mit dem im persischen Schiras geborenen Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), genannt »der Bab« (arab. das Tor). Bab erklärte, Vorbote einer neuen Religion zu sein und hob einige islamische Gesetze auf. Religionshistorisch wird die Rolle des Bab mit derjenigen von Johannes dem Täufer verglichen. Der Bab stellte die Rolle des Klerus in Frage und sprach sich für emanzipatorische Werte wie beispielsweise Frauenrechte aus. Eine Anhängerin des Bab, Tahere, legte bereits vor 150 Jahren den Schleier ab und gilt bis heute als Vorbild für die modernen Frauenrechtlerinnen des Iran.
Die revolutionären Ideen des Bab erweckten den Hass des reaktionären Klerus und des Hofes. 1850 wurde er in Tabriz hingerichtet. Über 20.000 seiner AnhängerInnen, die Babi, wurden getötet – ein Pogrom, das bis heute weitgehend vergessen ist. Als Religion im engeren Sinne gestiftet wurde der Bahai-Glaube im Anschluss an Bab von Mirza Husayn Ali Nuri (1817-1892), genannt »Baha’u’llah« (Herrlichkeit Gottes). 1863 erklärte er, ein neuer Gottesoffenbarer zu sein. Die Bahai-Religion gehört zwar zu den kleinen Religionsgemeinschaften, wird aber zu den Weltreligionen gezählt. Weltweit bekennen sich mehr als fünf Millionen Menschen zur Bahai-Religion. Das wichtigste Zentrum der Bahai, das Universale Haus der Gerechtigkeit, steht im israelischen Haifa.