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»Zu begreifen, wie viel man selbst in der Welt bewirken kann«
Youth on the world – Ein internationales Begegnungsprojekt
an Schulen, Unis und in den Medien

Menschenrechtspädagogik, die ihre eigenen Ansprüche ernst nimmt, muss mehr sein als reine Wissensvermittlung. Dafür sind neue Ansätze, Methoden und Konzepte notwendig, die SchülerInnen nicht zu passiven AdressatInnen von Lerninhalten machen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, sich zu engagieren, eigenen Fragen nachzugehen und Ideen einzubringen. Ein Beispiel für partizipatives menschenrechtspädagogisches Engagement ist das Projekt »Youth on the World – junge Frauen und Jugendliche bewegen die Welt«(YOW), das aktuell im zweiten Turnus läuft. Beteiligt sind insgesamt sechs Schulen in Deutschland, der Schweiz und Kamerun, die sich im Jahresrhythmus abwechseln.

von Heidrun Schmitt

»Was immer an Freude ist in der Welt, entspringt dem Wunsch für das Glück aller anderen; und was immer an Leiden ist in der Welt, entspringt dem Wunsch nach nur eigenem Glück.« Dieser Satz umfasst die Menschenrechte: Selbstverantwortung und Gemeinschaft sind notwendig, um die Trennung hin zu einem Bewußtsein der Einheit zu verändern. Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit, Profitstreben, Konkurrenz werden in ihren Folgen unübersehbar. Notwendig ist ein Geist des Teilens, ein Denken im Glück anderer: Jede unserer Handlungen hat Auswirkungen auf das Gesamte. Diesem Grundsatz folgt das Projekt »Youth on the World – junge Frauen und Jugendliche bewegen die Welt« (YOW). Im Vordergrund steht dabei Verständigung und Reflexion des eigenen Handelns, es zählt nicht der Output, sondern die Veränderung von Wahrnehmung und Handlungsperspektiven. Dafür werden Kooperation, Selbstverantwortung und Partizipation auf allen Ebenen umgesetzt: Inhaltlich, organisatorisch und in der Öffentlichkeit. Die SchülerInnen wählen ihre Themen selbst und bearbeiten sie in binationalen Arbeitsgruppen durch Mailaustausch, Recherchen und Workshops, innerhalb und außerhalb des Unterrichts. Im letzten Turnus entstanden auf diese Weise unter anderem ein Projektdokumentarfilm, Theaterstücke, Radiosendungen, Projektmappen. Aktuell arbeiten die Jugendlichen zu Frauen und Erziehung, Homosexualität, Traditionen, Sprachen, internationalen Beziehungen und Migration, Gesundheit und Marginalisierung. Visions- und Theaterarbeit sowie Debatten unterstützen Zielentwicklung und Entscheidungsfindung durch kreativen Selbstausdruck, auch wechselseitige Begegnungsreisen sind im Angebot. Das Projekt gibt den Jugendlichen Gelegenheit, im Austausch mit anderen gemeinschaftliches Denken und Handeln und offene Kommunikation einzuüben: Sie bestimmen bei der Planung mit, suchen nach Geldern und machen Öffentlichkeitsarbeit. Entscheidungsfindung und Kommunikation sind basisdemokratisch organisiert, E-Mails werden jeweils an alle geschickt und es gibt keine Hierarchien. Dadurch sind die Jugendlichen auch dazu gezwungen, Schwierigkeiten, Gerüchte und Konflikte zu thematisieren und als Projektbestandteil aufzunehmen. Die komplexen Themen stellen nicht nur in interkultureller Hinsicht eine Herausforderung dar, die viel Engagement und geduldiges Arbeiten erfordern. Neue Wege zu gehen erfordert Mut, klare Ausrichtung auf die Vision und damit Achtsamkeit und Reflektion.
»Youth on the World« knüpft neue Kontakte und erweitert bestehende Netzwerke: Unis, Medien, NGOs und Einzelpersonen arbeiten im Projekt mit und ehemalige TeilnehmerInnen, Eltern und Lehrende wirken als MultiplikatorInnen, indem sie ihre Erfahrungen und Kenntnisse weitergeben. Außerdem finden Workshops mit hier lebenden KamerunerInnen statt, die Einblicke in verschiedene Lebenswelten geben und wechselseitiges Lernen ermöglichen. In Kamerun ist das Projekt verwoben mit Talking Drum Studios (TDS) und TDS girls, einem Radioprojekt für Jugendliche zu Partizipation und politscher Bildung, das ebenfalls hierarchiefreie Netzwerke und Kommunikationsstrukturen auf- und ausbaut. Die Arbeit von YOW und Partnerprojekten zielt darauf ab, die Jugendlichen als gleichberechtigt anzuerkennen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und Handlungskompetenzen zu fördern. Radioprogramme, podcasts, Tagungen, interkulturelle Feste, Zeitungsberichte, Gespräche mit EntscheidungsträgerInnen bringen die Anliegen nach außen und ermöglichen Teilnahme und Teilhabe aller.
Menschenrechte genügen nicht auf dem Papier. Ihre Grundlagen, Gemeinschaft, Selbstverantwortung und Kommunikation sind eine der schwierigsten Angelegenheiten überhaupt. Der Dialog auf Augenhöhe funktioniert nur, wenn das Gegenüber als gleichberechtigt anerkannt wird. Das gilt für den interkulturellen ebenso wie für den gruppeninternen, den organisatorischen und den öffentlichen Raum. Nur wenn Selbstverantwortung geübt wird, kann ein gleichberechtigter Dialog entstehen. Und nur dann können Menschenrechte mit Leben gefüllt werden.


Heidrun Schmitt ist Vorsitzende von VePIK, einem gemeinnütziger Verein für Veränderung, Partizipation, Integration und Kommunikation, und Initiatorin von Youth on the world (YOW).
Trotz großen Erfolges bekommt das Projekt kaum öffentliche Gelder. Wir sind deshalb für jede Unterstützung dankbar.
VePIK, Sparkasse Göttingen, BLZ 260 500 01, Konto-Nr. 145821