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(Artikel * 2008) Glasenapp, Martin
Die ihre Vergangenheit verbrennen Afrikanische Boatpeople stoßen auf Grenzen, aber auch auf Unterstützung
in iz3w Nr. 306 * Seite 32 - 35
Themen: Flüchtlinge; Migration; NGO/Nichtregierungsorganisationen * Mauretanien; Nordafrika; Senegal; Westafrika * Festung Europa; Frontex * Dok-Nr: 199217
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Afrikas Grenzen

Die ihre Vergangenheit verbrennen
Afrikanische Boatpeople stoßen auf Grenzen, aber auch auf Unterstützung

Die Passage afrikanischer Flüchtlinge nach Europa führt über viele Stationen, sei es im Senegal oder in Mauretanien. Dort hat sich eine vielfältige migrantische Infrastruktur entwickelt. MenschenrechtsaktivistInnen, Selbsthilfegruppen von Abgeschobenen und Initiativen derer, die auf dem Sprung in die Boote sind, organisieren sich für die Rechte der Flüchtlinge. Denn die EU wehrt an den Küsten Nord- und Westafrikas alle Fluchtversuche rigoros ab – oft mit tödlichen Folgen.

von Martin Glasenapp

Laut Schätzungen leben 35 Millionen AfrikanerInnen außerhalb ihres Heimatlandes. Damit weist Afrika die größte Mobilitätsrate der Welt auf. Zugleich sind sechzig Prozent der Menschen in Afrika unter 25 Jahre alt. Für viele von ihnen ist die Emigration, das Wagnis, irgendwie nach Europa zu kommen, die letzte Hoffnung auf ein besseres Leben, selbst wenn sie nicht von Zwangsvertreibungen infolge von Bürgerkriegen und politischer Gewalt betroffen sind. Der Exodus der verzweifelten jungen Menschen führt durch nordafrikanische Länder wie Mauretanien oder Marokko. Im Maghreb werden die meist papierlosen schwarzafrikanischen Flüchtlinge »Harragas« genannt (wörtlich: die ihre Vergangenheit verbrennen).
Doch Europa hat seine Tore verschlossen, selbst die Küsten Marokkos stehen unter steter Beobachtung. Das Budget der Grenzschutzagentur Frontex ist der am schnellsten wachsende Haushaltsposten der EU. 2006 waren es 17,5 Millionen Euro pro Jahr, 2007 bereits 42 Millionen. Dieses Jahr sind 70 Millionen Euro geplant. Die Patrouillenboote sollen nun sogar dauerhaft vor den Küsten Mauretaniens und des Senegals kreuzen. Früher sind die kleinen Flüchtlingsboote, die Pirogen, in Mauretanien Richtung Kanaren gestartet. Inzwischen versuchen sie es im südlichen Senegal in der Casamance oder in Guinea-Bissau. Aufgrund der viel weiteren Entfernung über den offenen Atlantik hat dies oft tödliche Folgen. Offizielle Schätzungen gehen von zirka 7.000 Opfern allein im Jahr 2007 aus. 31.000 Flüchtlinge haben im gleichen Zeitraum die Kanarischen Inseln lebend erreicht.

Auf der anderen Seite
Die tausend Kilometer lange Route von der Hauptstadt des Senegal zur Küste Mauretaniens ist inzwischen ein Weg der Fluchten, ein einziger Transitraum. Von der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott, einer wild wuchernden Ansammlung von Verwaltungsbauten und unansehnlichen Wohnsiedlungen, führt eine Piste in Richtung Norden nach Nouadhibou. Die Hafenstadt auf der Halbinsel Cap Blanc, in unmittelbarer Nähe zur Westsahara, ist das wirtschaftliche Zentrum Mauretaniens. Hier endet die Erzbahn aus den Minen des 800 Kilometer entfernten F’dèrik, und die letzten Überreste der mauretanischen Fischereiflotte liegen vor Anker. Junge WanderarbeiterInnen aus den Armutszonen im Senegal, Guinea und Mali suchen hier Arbeit in der Fischwirtschaft oder im Industriehafen.
Nouadhibou ist zugleich Durchgangsstation für viele MigrantInnen, die letzte Etappe auf dem Sprung nach Europa, das Amadou M’Bow die »andere Seite der Welt« nennt. Der 49-Jährige ist Generalsekretär der Mauretanischen Vereinigung für Menschenrechte (AMDH). Die »Lokale Antenne« der AMDH berichtet, was denen widerfährt, die nach fünf Tagen Tortur auf See die Strände der Kanaren zwar erreicht haben, aber von der Küstenwache abgefangen und an die afrikanische Küste zurückgeschoben werden.
Vom großen Sterben vor den Toren Europas erzählt auch der Rechtsanwalt Niyan Yussuf in seiner winzigen Ein-Raum-Kanzlei. 1992 führten die EU-Staaten mit dem Vertrag von Schengen ein gemeinsames Grenzregime ein. Bis dahin war der Schiffsverkehr zwischen den afrikanischen und europäischen Küsten frei. Auch ungelernte ArbeiterInnen aus dem frankophonen Senegal und Mali konnten in Frankreich und Spanien ein Auskommen finden. Dann dichtete Europa die Straße von Gibraltar ab. Im Spätsommer und Herbst 2005 folgte der vergebliche Ansturm auf die Grenzanlagen von Ceuta und Melilla. Die spanische Guardia Civil und die marokkanische Armee gingen mit verstärkten Einsatzkräften gegen die Flüchtlinge vor, die des Nachts versuchten, mit Leitern und Seilen die Fangzäune vor den europäischen Enklaven zu überwinden. Fünf subsaharische Migranten starben. Danach war nichts mehr so wie vorher. Es folgte die Suche nach neuen Passagen in Richtung Europa. »Wenige Wochen nach dem Sturm auf Ceuta und Melilla«, sagt Niyan Yussuf, »schrie jemand in ein Mobiltelefon: ‚Wir haben es geschafft!’ Der Anruf kam aus Teneriffa und elektrisierte alle. Das erste Boot aus Nouadhibou hatte mit 40 Flüchtlingen den Strand der Kanareninsel erreicht.«
Die Nachricht löste einen Sog aus. Zu Anfang starteten die Pirogen direkt im Fischereihafen. Erst täglich, später wöchentlich, mit 50, 60, manchmal bis zu 100 Personen. Bald wurden am Cap Blanc die ersten Toten angeschwemmt. Überall entlang der Küste wurden aufgedunsene Leiber gefunden, ohne Namen, ohne Papiere. Dann begann die »Rückführung« der Lebenden und die Aktion »Cabo Blanco«. Seitdem patrouilliere Schnellboote mit spanischen Einsatzkräften und mauretanische PolizistInnen vor der Küste, um die Boatpeople noch vor den internationalen Gewässern abzufangen. Nouadhibou ist ihr Ausgangshafen.
Das kleine AMDH-Team ist bemüht, das Schicksal der Abgeschobenen und Wartenden abzumildern. Zu ihrer Arbeit gehören regelmäßige Besuche im nahen Internierungslager, Inspektionen von Polizeiwachen und Verhandlungen mit dem Gouverneur, zum Beispiel dann, wenn Frauen an der Landesgrenze ausgesetzt werden, nur weil sie Verhütungsmittel bei sich haben. Sie gelten als Beweis für Prostitution, und die ist in Mauretanien verboten und damit Grund für eine sofortige Abschiebung. Der Rassismus in Mauretanien gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe nimmt zu, seitdem systematisch Jagd auf Migrationswillige gemacht wird. Zu Niyan Yussuf kommen aber auch verzweifelte Mütter auf der Suche nach verschollenen Söhnen. Die MenschenrechtlerInnen kooperieren dabei mit der katholischen Mission des Ortes. Die AMDH fand erst 2006 offizielle Anerkennung und finanziert sich bisher ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen, da sie staatliche Zuwendungen ablehnt, um ihre Unabhängigkeit zu wahren.

Leben im Transit
Nachts versinkt Nouadhibou in Dunkelheit. Nur wenige Laternen erhellen die Straßen. Da, »wo der Teer aufhört«, wie hiesige Wegbeschreibungen zumeist beginnen, dort, wo die sandigen Gassen beginnen und der Abfall in Jauchegruben verschimmelt, verläuft das Leben der Clandestins. Hier treffen koloniale Sprachfetzen aus Portugiesisch, Englisch und Französisch aufeinander. Viele MigrantInnen haben keine formale Schulbildung, doch viele verfügen über polyglotte Fähigkeiten. Die Universitäten der Migration sind die Straßen, der allgegenwärtige Transit. Tatsächlich entsprechen die Clandestins dem Idealtypus der durchgängig flexibilisierten ArbeiterIn auf den neuen, globalisierten Arbeitsmärkten: Die Männer und Frauen sind jung, vermögen sich fast jeder Situation anzupassen, sind zu jeder Beschäftigung bereit und sprechen im Regelfall zwei bis drei Sprachen.
Teil ihrer Infrastruktur sind spezielle Webseiten, die über Wellengang und Winde informieren: »Ab zwei Metern wird es gefährlich«. Und über die durchschnittlichen Tarife: »Je nachdem, ob das Boot aus Holz oder aus Stahl ist, ob es einen GPS-Empfänger hat oder nicht.« Es gibt Tipps über die Vor- und Nachteile verschiedener »Reisepakete« nach Europa: per Piroge (»le pack D-Day«), durch Heirat (»Erfolgsquote 100%«), als Homosexueller (»im Senegal verfolgt, möglicher Asylgrund in Frankreich«) oder mit gefälschtem Visum (»Vorsicht am Zielflughafen!«).

Furcht vor der Trostlosigkeit
Cheik Diallo ist 32 Jahre und hat es in Nouadhibou zu lokaler Berühmtheit gebracht. Er spricht fließend Arabisch und Französisch, die beiden mauretanischen Amtssprachen, dazu Perl, Wolof und Mandinké. Cheik Diallo war eigenen Angaben zufolge der erste Mauretanier, der eine Piroge bestieg, um zu den Kanarischen Inseln zu gelangen. Er versteht sich als Komödiant, hat seine Erfahrungen auf den Booten zu Sketchen verarbeitet und sie mit anderen Boatpeople im spanischen Konsulat aufgeführt. Seinen Lebensunterhalt verdient er in einer privaten Sicherheitsfirma, für die er von sechs Uhr morgens bis zum Abend und dann wieder von Mitternacht bis vier Uhr früh Privathäuser und Geschäftsgebäude bewacht. Sein Monatsgehalt beträgt rund 130 Euro – auch im armen Mauretanien ein Hungerlohn.
»Dreimal war ich bereits auf den Pirogen«, beginnt er seine Geschichte. »Beim ersten Mal war ich 20 Tage auf See, obwohl die Überfahrt auf die Kanaren eigentlich nur vier bis fünf Tage dauert.« Die Schlepper hatten die MigrantInnen betrogen: »Nur zwei der für die Überfahrt notwendigen Kanister enthielten Benzin. Der Rest war voller Meerwasser. Nach kurzer Zeit fiel der Motor aus und wir dümpelten auf der offenen See. Wir ruderten 20 Tage mit unseren Händen und verloren jegliche Orientierung.« Die spanische Küstenwache brachte sie nach Nouadhibou zurück.
Wenige Monate später versuchte es Cheik Diallo erneut. Diesmal überprüfte er alle Benzinkanister. Als er zum Anlegeplatz kam, saßen über 80 Leute dicht gedrängt in einer Piroge. Er verzichtete. Beim letzten Versuch schien endlich alles zu passen. Ein französischer Journalist hatte ein Boot gechartert und den Schleppern drei Clandestins für 3.000 Euro abgekauft, damit sie ihm als Gegenleistung für eine sichere Passage ihre Geschichte erzählen. Diallo sollte nicht nur die Kamera halten, sondern auch die 15 weiteren, ahnungslosen Flüchtlinge beruhigen, so dass der Doubab (»Rotohr«), wie Weiße auf Wolof genannt werden, keine unnötige Gefährdung der Reise darstellte.
Natürlich löste die Kamera Streit und Misstrauen aus. Das erste Gesetz auf den Pirogen lautet, dass es keine Namen, keine Geschichte, keine Bilder gibt. Diesmal waren Benzin, ausreichend Wasser und Nahrung, sogar ein GPS-Empfänger vorhanden. »Dennoch kamen wir wegen Motorschaden vor der marokkanischen Küste in Seenot.« Der Journalist hatte vorgesorgt und rief mit seinem Satellitentelefon die Küstenwache zur Hilfe. Die Flüchtlinge wurden mit Bussen ins westsaharische Dahlla gebracht, dann verhörten sie marokkanische Grenzpolizisten, um sie später in die Wüste nach Mali abzuschieben. Diallo konnte als Mauretanier nach Nouadibou zurückkehren. Ob er es noch mal versuchen wolle? Seine Antwort ohne Pathos: »Diallo fürchtet nicht den Tod, sondern nur ein trostloses Leben.«

Scanner von der IOM
Früher verlangten die mauretanischen Polizisten Bestechungsgelder, damit die Boote starten konnten. Heute ist der Verfolgungsdruck größer, Kapitäne sind Mangelware und Bootsführer werden mittlerweile im entfernten senegalesischen Saint-Louis geworben. Es starten immer weniger Boote, entsprechend steigen die Preise, denn die Schlepperei funktioniert nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Bis zu 2.000 Euro kostet die Passage nun. Amadou M’Bow hat wenig übrig für den Menschenhandel auf den Pirogen. Bitter spricht er vom »neuen afrikanischen Sklavenexport, den Europa nicht verdient hat.«
In Rosso, der mauretanischen Grenzstadt zum Senegal, überqueren täglich 2.000 Menschen auf Fähren und Pirogen den Senegal-Fluss. Viele arbeiten in Rosso, darunter viele Frauen, die als illegale Prostituierte ein Auskommen suchen. Andere Passagiere haben den Senegal durchquert, um weiter in den Norden zu ziehen. Die Grenzkontrollen sind noch immer lückenhaft, doch fallen die kleinen modernen Handscanner auf, mit denen die Beamten an dem verwitterten Eingangstor zum Hafengelände die Ein- und Ausreisenden registrieren. Die Scanner gehören zu einem EU-finanzierten Pilotprojekt, in dem die Internationale Organisation für Migration (IOM) versucht, Daten über die Bewegung der MigrantInnen entlang der westafrikanischen Landesgrenzen zu sammeln.
Die IOM verfügt über ein Netzwerk von 320 Büros in hundert Ländern. Die im internationalen Auftrag agierende Organisation hat sich »der Steuerung der Migrationsprozesse« verschrieben. Besonders in Westafrika führt die IOM einen zähen Kampf gegen die »illegale Migration« – ein Begriff, den Amadou M’Bow als »falsche Problemstellung« kritisiert.
Laurent de Boeck, Vertreter der IOM in Dakar, berichtet, wie die IOM nicht nur die mauretanische Grenzkontrolle mit Scannern ausrüstet, sondern auch versucht, in enger Kooperation mit den Regierungsbehörden den zurückgeführten Senegalesen durch kleine Kredite einen neuen Start zu ermöglichen. Es ist eine Geschichte des Scheiterns. Die Ursachen der Armut sind damit nicht aufzuhalten. Seit Jahren schon liegt die Jugendarbeitslosigkeit in den Städten über 40 Prozent, auf dem Land herrschen nach der Schockprivatisierung der Erdnussplantagen chaotische Zustände. Die aktuelle Regierung von Abdoulaye Wade privatisiert in rascher Folge sämtliche öffentliche Güter des Senegal. Korea bekam den Zuschlag für die Fischereirechte an der Küste. Die im Bau befindliche Stadtautobahn von Dakar soll ein Investor aus den Golfstaaten betreiben. Der Flughafen, die industriellen Hafenanlagen, die Trinkwasserversorgung, die Telefongesellschaft – alles wurde verkauft, meist zu undurchsichtigen Konditionen. »Durch die Ölverbrennung ist jede Kilowattstunde trotz öffentlicher Bezuschussung bereits teurer als in Europa. Und der IWF verlangt jetzt den staatlichen Subventionsverzicht. Das bedeutet eine weitere Preissteigerung um fünfzig Prozent«. Der Migrationsmanager klingt jetzt fast wie ein linker Globalisierungsgegner.

Im Herzen des Kolonialismus
Im Süden des Senegals liegt Saint-Louis, die frühere Kolonialhauptstadt von Französisch-Westafrika. Gegenüber der restaurierten alten Kolonialkommandantur steht das Hotel de Poste. Hier kleben noch die Werbeplakate der französischen Aéropostale an der Wand, der transkontinentalen Luftpost aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Unweit der verwitterten kolonialen Parkanlagen ringt die Association Aidez les Pêcheurs um kleinste Zukunftsaussichten. Drei ihrer Mitglieder sind Moustapha, Abdouleyle und Adrame, junge Männer von der Landzunge Langue de Barbarie. Die Fischer arbeiten in der informellen Ökonomie, zahlen keine Steuern, sind nicht gewerkschaftlich organisiert und haben keine Lobby. Auch deshalb wurden sie Clandestins und haben mehrmals versucht, auf die Kanaren zu kommen. Stets griff man sie auf und stieß sie zurück in ein Leben, das sie hinter sich lassen wollten. Nach zwei, drei vergeblichen Fluchtversuchen gründeten sie den Verein »Rettet die Fischer!« Ihr Anliegen ist der Versuch, dem »tödlichen Kreislauf der Piroge« zu entkommen: »Wir haben den Mut, aber uns fehlen die Mittel«, erklärt Moustapha. »Natürlich werden wir wieder gehen, aber nur in besseren Booten und auf sicheren Routen.«
Solange diese Bedingungen nicht gegeben sind, arbeiten sie weiter im traditionellen Fischfang, der aber kaum zum Überleben reicht. Früher kehrten sie nach drei Tagen auf See zurück, heute bleiben die Boote bis zu einer Woche draußen, um dann mit nur wenigen Kilo Fisch anzulanden. Adrame, der gelernter Bootsmann ist, träumt von einem Job auf den Fischtrawlern vor der Küste. Die EU-Staaten hatten dem Senegal in einem Abkommen über quotierte Arbeitsmigration Jobs in der europäischen Fischerei zugestanden. Das wäre eine Perspektive. Doch aus ihrem Viertel hat das bisher keiner geschafft. Die Arbeitsplätze auf den Schiffskuttern fallen unter die »Verträge zur zirkulären Migration«. Tausend Arbeitsplätze seien zwischen der EU und dem Senegal vereinbart worden, aufgeschlüsselt nach Fähigkeiten und Ausbildungsgrad. Doch Adrame konstatiert: »Einfluss auf die Bewerbungsliste haben wir nicht. Ich habe Leute mit Verträgen gesehen, die nie zuvor einen Fisch in der Hand hatten. Die wenigen legalen Arbeitsvermittlungen versickern im Klientelismus der einflussreichen Familien und der allgegenwärtigen islamischen Mouriden-Bruderschaften.«

Barça ou Barsaax!
Die AktivistInnen der Association des Rapatriés et Rescapés et Familles Affectées (Vereinigung der Repatriierten, der Überlebenden und betroffener Familien) in dem kleinen Fischerdorf Hann am Rande von Dakar sind allesamt Deportierte. Sie sind es leid, europäischen JournalistInnen ihre Lebensgeschichten zu erzählen. »Es ist doch alles völlig verrückt hier. Mittlerweile ist ein Flug von Dakar nach Paris mit 300 Euro nur noch halb so teuer wie ein Platz auf der Piroge aus Hann.«
Mody Dia, der Vorsitzende der Gruppe, ist Informatiker. Er erzählt von ihren Versammlungen mit über 600 Mitgliedern, die sich auf dem Dorfplatz treffen, um über Alternativen zur Emigration zu beratschlagen. Vergeblich haben sie sich an staatliche Stellen gewandt. Sozialpolitik? »So was gibt’s hier nicht«. Der Minister für Jugend und Arbeit? »Kümmert sich nur um seine Parteifreunde«. Und nach all dem Gerede kämen sie doch nur wieder auf das eine: »Barça ou Barsaax – Barcelona oder sterben!«
Die Flucht aus Subsahara Afrika an die Ränder Europas ist die individualisierte Reaktion auf die kollektiven Katastrophen, die aus ungleicher Globalisierung und brutaler Ausgrenzung resultieren. Die Anzahl der Nichtregierungsorganisationen füllt im Telefonbuch von Dakar mehrere Seiten. Einige versuchen, erste Antworten auf die stete Flucht zu finden. Die Radiokampagne: Tukki Takhul Tekki (»Eure Wünsche werden nicht erfüllt«) will mit kleinen Jingles die Männer und Frauen warnen, die auf dem Weg in die Boote sind. Perspektivlosigkeit lässt sich damit nicht aufbrechen, die Solidarität beginnt erst nach dem Scheitern. Amadou M’Bow bleibt Realist: »Wir haben nicht das Recht, sie aufzuhalten. Aber wir müssen ihnen sagen, was sie auf dem Meer erwartet. Europa verdient diese Opfer nicht«.


Martin Glasenapp arbeitet bei der Hilfsorganisation medico international.


Der nächste Bus nach Granada
Als westafrikanischer Kontraktarbeiter in Südspanien

von Willy Kemmer

M`Baye, eigentlich Architekturstudent, hatte sich seinen Traumjob in Europa anders vorgestellt. An der Universität in Dakar hatte er sich mit einem Sprachkurs für den sechsmonatigen Arbeitseinsatz als Erntehelfer in Spanien vorbereitet. Das half ihm auch dabei, in der spanischen Botschaft im Senegal eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Doch in Andalusien angekommen, entpuppten sich die Arbeits- und Lebensbedingungen als denkbar schlecht. Vor allem die langen Anfahrten auf die Felder nervten: »Jeden Tag brachten sie uns von dort, wo wir lebten, über hundert Kilometer zur Salaternte nach Baza, Granada oder Murcia.«
Den üblichen Tagesablauf schildert M`Baye so: »Täglich standen wir um fünf Uhr auf. Von acht Uhr bis 18 Uhr war die Arbeitzeit, ohne eine richtige Mittagspause. Meistens waren wir erst um 19 Uhr wieder zu Hause.« Dieses Zuhause bestand aus einem ausgemusterten Bauerngehöft, in dem sich dreißig Mann einen Raum zum Schlafen teilten. Trotz winterlicher Temperaturen gab es keine Heizung. Bis zum nächsten Ort waren es drei Kilometer zu laufen. Von den vereinbarten 45 Euro Arbeitslohn pro Tag wurden 15 Euro gleich wieder für die Unterkunft abgezogen. Rein rechnerisch hat der Vermieter von den Afrikanern also monatlich 13.500 Euro für den Raum kassiert.
Arbeit gab es für M`Baye und seine afrikanischen Kollegen nur auf Abruf. Die Tage, an denen es nichts zu arbeiten gab, wurden nicht bezahlt. Schon im ersten Monat wurden fünf der dreißig Arbeiter entlassen. Kurz darauf waren M`Baye und drei weitere Kontraktarbeiter an der Reihe, weil sie sich weigerten, einen Vertrag in spanischer Sprache zu unterschreiben, den sie ohne Übersetzung in Französisch oder Wolof nicht verstehen konnten.
Die Gewerkschaft der Landarbeiter (SOC) klagt mittlerweile gegen einen spanischen Sub-Unternehmer aufgrund der ungesetzlichen Entlassungen. Die SOC wirft ihm zudem Lohnbetrug und inhumane Arbeitsbedingungen vor. Schwere Vorwürfe werden deswegen auch gegen den lokalen Unternehmerverband Coexphal erhoben. Coexphal bestreitet jedoch sowohl generell als auch im konkreten Fall jede Mitverantwortung. Man sei lediglich als Vermittler tätig. Der jeweilige Unternehmer übernehme dann das Arbeitsverhältnis und trage die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen.
Eine Mitschuld für die Lage der angeworbenen AfrikanerInnen sieht die SOC auch bei den staatlichen Behörden. Der SOC-Sprecher für Almeria: »Das Ministerium für Migration präsentiert uns Leiharbeiter als Patentlösung (für den saisonalen Arbeitskräftebedarf), kann aber vor Ort keine vernünftigen Arbeitbedingungen garantieren. Die Menschen kommen aufgrund bilateraler Abkommen, und dann herrschen in Spanien erbärmliche Zustände.« Zudem kritisiert das SOC, dass die Beschränkung der Arbeitserlaubnis auf ein bestimmtes einzelnes Unternehmen nicht zulässig sei.
Um den Bedarf mitteleuropäischer KonsumentInnen nach frischem Obst und Gemüse zu decken, wirbt Spanien jährlich etwa 180.000 SaisonarbeiterInnen an. Bislang kamen sie vor allem aus Osteuropa, Lateinamerika und dem Maghreb. Erst in jüngerer Zeit werden sie auch in den westafrikanischen Heimatländern der Bootsflüchtlinge angeworben. Nach den Vorstellungen der Regierung in Madrid sollen die Zeitarbeitsverträge das Problem des illegalen Massenexodus aus Westafrika lösen. Im Gegenzug erklären sich die Herkunftsländer zur Aufnahme abgeschobener illegaler MigrantInnen bereit. Insgesamt wird die Zahl der »Papierlosen« in Spanien auf über 700.000 geschätzt. Viele von ihnen arbeiten in der Landwirtschaft.
Nach dem Willen der spanischen Regierung sollen die Eigentümer der »Invernaderos« (Gewächshäuser) zukünftig auf die illegal beschäftigten »Papierlosen« verzichten und sie durch legale Kräfte ersetzen. Doch die Unternehmer sind nicht daran interessiert, sich auf Arbeitsverträge einzulassen. Sie brauchen die Illegalisierten als jederzeit greifbare Reservearbeitskräfte. Gerade ihre Rechtlosigkeit ermöglicht es den Unternehmern, sie als Manövriermasse für ihre Produktionsziele einzusetzen. Jeden Morgen stehen Dutzende Tagelöhner an allen großen Kreuzungen und warten darauf, angeheuert zu werden.
Ob das Kalkül der Regierung aufgeht, ist aber auch aus einem anderen Grund fraglich. Über kurz oder lang wird sich in Westafrika herumsprechen, dass die mit Verträgen ausgestatteten KontraktarbeiterInnen nicht besser behandelt werden als ihre illegal eingewanderten Landsleute. Auch sie leiden unter rassistischer Behandlung und sind praktisch rechtlos. Das neue Modell »internationale Sicherheit durch Zeitarbeit« ist somit zum Scheitern verurteilt.
M`Baye will sein Glück jetzt auf eigene Faust versuchen, jedenfalls solange das arbeitsgerichtliche Verfahren läuft. Ob seine spanische Arbeitserlaubnis überhaupt noch gültig ist, ist zwar unklar. Es ist ihm aber auch egal. Coexphal will ihm und seinen Kollegen ohnehin keine Stelle mehr vermitteln. Einer der ebenfalls gefeuerten Landsleute hat Verwandte irgendwo in Granada. Er hat einen Zettel in der Hand, auf dem eine vage Adresse in der Nachbarprovinz gekritzelt ist. Keiner kennt den Ort. Dort wollen sie zu viert jedenfalls erst einmal hin und dann weitersehen. Der gleiche Koffer, mit dem M`Baye schon aus Dakar kam, steht gepackt bereit. Wo bitte geht der nächste Bus nach Granada?


Willy Kemmer lebt in El Ejido (Südspanien).