Volltext

(Artikel * 2008) Rössel, Karl; Kientega, Fidèle
"Eines Tages werden wir obsiegen" Interview mit Fidèle Kientega über Revolution und Reaktion in Burkina Faso
in iz3w Nr. 306 * Seite 25 - 29
Themen: Imperialismus * Burkina Faso; Elfenbeinküste; Frankreich * Panafrikanismus; Thomas Sankara; Blaise Compaoré * Dok-Nr: 199215
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Afrikas Grenzen

»Eines Tages werden wir obsiegen«
»Interview mit Fidèle Kientega über Revolution und Reaktion »in Burkina Faso

Mit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 endete für das westafrikanische Land Obervolta keineswegs die Zeit der wirtschaftlichen Ausbeutung. Der sozialistische Revolutionär Thomas Sankara wandte sich daher gegen neokoloniale Strukturen. Nach einer von Zivilisten und Militärs getragenen Revolte wurde er 1983 Präsident des nun Burkina Faso genannten Landes. Vier Jahre später kam er bei einem Staatsstreich ums Leben. Fidèle Kientega, ehemaliger Weggefährte Sankaras, sprach mit Karl Rössel über die Zeit vor und nach der Revolution, über den Imperialismus Frankreichs und die heutigen Aussichten, Sankaras Ideen doch noch zu verwirklichen.


Thomas Sankara war Hauptmann der Armee und 34 Jahre alt, als er 1983 den Versuch unternahm, Obervolta revolutionär umzugestalten, um es von neokolonialer Dominanz zu befreien. Seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960 hatten korrupte Militärs und Politiker unter dem Schutz der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich das Sahelland zugrunde gewirtschaftet. Anfang der 1980er Jahre formierte sich eine breite Oppositionsbewegung aus Studenten, Intellektuellen und fortschrittlichen Militärs, deren Sprecher Sankara wurde. Als sich Sankara auch durch das Amt des Premierministers nicht einbinden und der amtierende Präsident Jean Baptiste Ouédraogo ihn verhaften ließ, kam es zu Massenprotesten. Am 4. August 1983 wurde Sankara aus dem Gefängnis befreit – nicht im Rahmen eines gewaltsamen Militärputschs, sondern in Folge einer breiten Massenbewegung. Sankara übernahm das Präsidentenamt und ein »nationaler Revolutionsrat« ernannte eine neue Regierung, die dem Land den Namen Burkina Faso gab: »Land der aufrechten Menschen«.
Sankaras politisches Credo lautete: »Ein Volk, das Hunger und Durst leidet, ist ein abhängiges Volk.« Er gab die Parole aus »zwei Mahlzeiten und zwei Liter Wasser täglich für jeden« und trat an, die Abhängigkeit des verarmten Landes von ausländischen Geldern und Waren zu überwinden. Dazu schränkte Sankara die Importe teurer Nahrungsmittel und Konsumgüter aus Europa ein und wies seine Minister an, von ihren Luxuslimousinen auf Kleinwagen umzusteigen. Er verbot die Beschneidung von Frauen und trat für die Verbesserung ihres Status in der Gesellschaft ein. Mit seiner Politik schuf er sich allerdings nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Dazu gehörten die traditionellen Dorfchefs, deren Macht er durch Volkstribunale einschränkte, und die städtische Elite, deren Privilegien er durch Lohnkürzungen für Beamte beschnitt. Seine mächtigsten Gegner kamen jedoch von außen: Die westlichen Industrienationen fürchteten, dass Sankara mit seiner »Entwicklung mit eigenen Mitteln« ihre Geschäftsinteressen tangieren und mit seiner Sympathie für die Blockfreien, die Sandinisten in Nicaragua und Fidel Castro in Kuba zum Vorbild für ganz Afrika avancieren könnte. Frankreich inszenierte mit Hilfe der Regierung in der Elfenbeinküste am 15. Oktober 1987 einen Staatsstreich, bei dem Sankara und zwölf seiner Weggefährten ermordet wurden. Zu seinen Mördern gehörte sein ehemals bester Freund Blaise Compaoré, der Burkina Faso seitdem in autokratischer Manier regiert.

Fidèle Kientega gehörte zu den engsten Weggefährten Sankaras. Von 1983 bis 1987 war er sein außenpolitischer Berater und Redenschreiber. Er bereitete die Auftritte Sankaras vor den Vollversammlungen der UNO und der OAU vor und begleitete ihn zu Staatsbesuchen in China, Kuba, Libyen, die Sowjetunion und Frankreich sowie in zahlreiche afrikanische Länder. Kientega begleitete Sankara auch bei drei Begegnungen mit dem damaligen französischen Präsidenten François Mitterand. Er erlebte mit, wie das konterrevolutionäre Komplott eingefädelt und durchgeführt wurde. Kientega entging dem Attentat auf Sankaras Regierung 1987, weil er an diesem Tag zufällig nicht in der Hauptstadt war. Im November 2000 gehörte Kientega zu den Gründern der Partei UNIR/MS (Union pour la Renaissance/Mouvement Sankariste). Seit Mai 2007 ist er einer der zwölf Oppositionellen unter den 111 Abgeordneten der Nationalversammlung Burkina Fasos.


Karl Rössel: Als Du 1983 an der Seite von Thomas Sankara dazu angetreten bist, das Land revolutionär umzugestalten, warst Du gerade 29 Jahre alt. Wie wurde aus einem Jungen, der in einem abgelegenen Saheldorf aufgewachsen ist, ein Revolutionär?
Fidèle Kientega: Ich komme aus Manesago, das 150 Kilometer von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt liegt und das noch heute über keinen Markt, keine Bäckerei, keine Geschäfte und keine befestigten Straßen verfügt. Von dort haben mich meine Eltern in eine Schule geschickt, die zwölf Kilometer entfernt lag. Ich musste die Strecke jeden Tag zu Fuß laufen. Mein Vater, der inzwischen 101 Jahre alt ist, legte großen Wert auf meine Ausbildung. Als Kolonialsoldat der französischen Streitkräfte hatte er im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika und in Italien gekämpft und dabei andere Länder und Lebensbedingungen kennen gelernt. Er wollte mir ein besseres Leben ermöglichen als das, was er selbst erlebt hatte, und war deshalb in den 1950er Jahren der Erste in unserem Dorf, der seine Kinder zur Schule schickte. So konnte ich eine Verwaltungsausbildung absolvieren und an der Universität in Togo moderne Literatur und internationales Recht studieren.
Damals gab es auch in Westafrika eine Studentenbewegung, die über Internationalismus und Klassenkampf diskutierte und sich mit den Ursachen für die Verelendung in den afrikanischen Ländern auseinander setzte. Ich war Mitglied der Studentenunion Obervoltas und wir agitierten gegen die Korruption und den Neokolonialismus. Letztlich jedoch war die Begegnung mit Thomas Sankara für meine Politisierung ausschlaggebend. Er musste auf furchtbare Weise sterben, weil er den Interessen imperialistischer Mächte wie Frankreich im Wege stand. Deshalb fühle ich mich bis heute verpflichtet, für seine Ideale einzustehen.

Wie begann Deine Freundschaft zu Thomas Sankara?
Ich habe Thomas Sankara 1982 kennen gelernt. Er war Staatssekretär für Information und ich hatte gerade mein Studium abgeschlossen. Wir beide sahen damals die Notwendigkeit, unsere Gesellschaft zu verändern, um eine bessere Zukunft zu erreichen. Wir mussten uns in einer Stadt wie Ouagadougou deshalb wohl zwangsläufig begegnen. Sankara hatte sich bereits als junger, politisch engagierter Leutnant einen Namen gemacht, und anders als die damaligen Minister zeigte er sich sehr offen gegenüber Jugendlichen und Studenten wie uns. Wir haben viel miteinander diskutiert und sind so Freunde geworden.

Welche Bedeutung hatte für Eure Bewegung in den 1980er Jahren die Idee des Panafrikanismus, die zwanzig Jahre zuvor von Anführern der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen wie Kwame Nkrumah in Ghana und Patrice Lumumba im Kongo entwickelt worden war?

Diese Idee war für uns zentral. Aus unserem Land waren Leute wie der Historiker Joseph Ki-Zerbo, der panafrikanischen Idee folgend, Anfang der 1960er Jahre als freiwillige Helfer nach Guinea gegangen. Sie wollten dort Sekou Touré beim Aufbau des Landes unterstützen, nachdem die Kolonialmacht Frankreich mit einem Wirtschaftsboykott auf die Unabhängigkeit reagiert hatte. Auch wenn es den imperialistischen Mächten gelungen ist, den revolutionären Aufbruch in Ländern wie Guinea, Ghana oder dem Kongo zu ersticken und die dortigen Regierenden gegen ihre Bevölkerung auszuspielen – so auch Sekou Touré –, bleibt doch die Überlegung bis heute richtig, dass sich nur ein vereinigtes Afrika aus seiner neokolonialen Abhängigkeit befreien kann.
Unsere Bewegung hat immer die Haltung vertreten, dass die Grenzen, die Europas Kolonialmächte bei der Berliner Konferenz im Jahr 1884 gezogen haben, willkürlich sind. Schon während unseres Studiums hatten wir eine gemeinsame Front mit Studentenorganisationen aus Mali, der Elfenbeinküste, dem Senegal, Guinea und anderen Nachbarländern gegründet. Als wir 1983 die Regierung übernahmen, verfolgten wir den Plan, mit dem befreundeten Nachbarland Ghana eine Staatengemeinschaft zu bilden, die den Ausgangspunkt für einen größeren Zusammenschluss bilden sollte. Bis heute folgen die Sankaristen in Burkina Faso der panafrikanistischen Idee. Ihre Umsetzung ist sogar noch dringlicher geworden als damals und noch schwieriger. Denn inzwischen ist die Afrikanische Union nicht mehr als eine Lobby von Staatschefs, die in ihren Ländern diktatorisch regieren und sich als willfährige Statthalter auswärtiger Interessen erweisen. Eine afrikanische Einheit, die diesen Namen verdient, kann nur von unten ausgehen. Deshalb haben wir Kontakte zu fortschrittlichen Parteien und Basisorganisationen in anderen afrikanischen Ländern aufgenommen, die ähnliche Ideen verfolgen, so z.B. in Mali, Senegal, Benin, Togo, Guinea, Niger, Kongo und Südafrika. Weitere in Nord- und Ostafrika sollen folgen.
Unser Kontinent ist zwar reich, wird jedoch weiterhin von anderen ausgeplündert, gegen die wir uns nur gemeinsam behaupten können. Sankara wusste das, und seine Ideen erfreuen sich deshalb bis heute großer und wachsender Popularität. Zum 20. Jahrestag seiner Ermordung zog im Oktober 2007 eine Protestkarawane durch ganz Westafrika, an der sich Oppositionelle aus vielen Ländern beteiligten. Darunter waren Politiker aus Ghana, der Elfenbeinküste, dem Senegal und Mali. Den Höhepunkt bildete die abschließende Demonstration in Ouagadougou, an der Hunderttausende teilnahmen und zu der auch Sankaras Witwe Miriam aus ihrem europäischen Exil angereist war. Das war eine Manifestation des Panafrikanismus. Sankara hatte immer wieder erklärt, dass wir unsere Revolution nicht nur für Burkina Faso, sondern für ganz Afrika machen würden. Der reaktionäre Präsident der Elfenbeinküste, Felix Houphouët-Boigny, und andere Despoten fürchteten deshalb um ihre Macht und waren bereit, bei seiner Ermordung zu assistieren.

Welche sozialen Faktoren haben 1983 zu Eurem Versuch geführt, die Gesellschaft Burkina Fasos revolutionär umzugestalten?
Bis zum 4. August 1983, als die revolutionäre Bewegung die Macht übernahm, war unser Land nur auf dem Papier unabhängig gewesen. Der Einfluss Frankreichs war nie wirklich gebrochen worden. Alle wesentlichen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen wurden über unsere Köpfe hinweg in Paris getroffen. Noch heute liegt die französische Botschaft in Ouagadougou unmittelbar neben dem Präsidentenpalast. In der Elfenbeinküste gab es damals sogar eine Tunnelverbindung von der Botschaft zum Sitz des Präsidenten Houphouët-Boigny.
Obervolta war nach seiner Unabhängigkeit ein extrem armes Land geblieben. 80 Prozent der Bevölkerung hatten nie eine Schule besucht und konnten weder lesen noch schreiben. Fünf Kilometer außerhalb der Hauptstadt herrschten mittelalterliche Zustände. Es gab weder Strom noch fließendes Wasser, und
alles, was aus der Metropole kam, wirkte wie von einem anderen Stern. Unter diesen Umständen konnte sich keine breite basisdemokratische Bewegung entwickeln. Es waren die Intellektuellen aus der Metropole, darunter Zivilisten wie Militärs, die sich nicht länger mit diesen politischen Zuständen zufrieden geben wollten. Um der wachsenden Unzufriedenheit zu begegnen, ernannte der damals amtierende Präsident Jean-Baptiste Ouédraogo 1982 Sankara zum Premierminister.
Aber der reaktionäre Charakter des Systems änderte sich damit nicht, und Sankara wollte sich dem nicht unterordnen. Deshalb landete er schließlich im Gefängnis, übrigens nur einen Tag, nachdem der Gesandte des Elysée-Palastes, Guy Penne, beim Präsidenten in Ouagadougou vorgesprochen hatte. Dies war der Funke, der den revolutionären Aufstand entfachte. Jetzt gingen nicht mehr nur Studenten, sondern Menschen aus allen Bevölkerungsschichten auf die Straße. Fortschrittliche Militärs setzten schließlich die amtierende Regierung ab und befreiten Sankara aus dem Gefängnis. Er übernahm das Amt des Präsidenten und übertrug mir die Aufgabe, seine diplomatischen Begegnungen und Staatsbesuche vorzubereiten. Offiziell war ich »außenpolitischer Berater« und »Chef der politischen Abteilung des Präsidialamtes«. Diese Funktion habe ich bis zu seiner Ermordung 1987 ausgeübt.

Was waren für Dich die wichtigsten Erfolge der revolutionären Jahre 1983 bis 1987?
Der Bau von Schulen und die Alphabetisierung, der Ausbau der Infrastruktur, also von Brunnen, Wasserreservoirs und Straßen, die Kampagnen für die Gleichberechtigung der Frauen und gegen Polygamie und Beschneidungen und die Konzentration auf unsere eigene ökonomische Kraft. Sankara kritisierte, dass auch die sogenannte »Entwicklungshilfe« nur dazu diente, uns weiter in Abhängigkeit zu halten, denn für das, was man uns in eine Hand gebe, raube man uns doppelt so viel aus der anderen. Er hat keinerlei Vorteile für sich oder seine Familie gesucht, sondern von sich und seinen MitarbeiterInnen verlangt, für eine bessere Zukunft Opfer zu bringen. Es waren diese Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit, die mich am meisten beeindruckt haben, und der Stolz, den viele in unserem Land, die bis dahin weniger als nichts gegolten hatten, für das Erreichte empfanden.

Du hast als außenpolitischer Berater Sankaras an seinen Auslandsreisen und diplomatischen Begegnungen teilgenommen. Gab es Anzeichen für die internationale Verschwörung, die zu seiner Ermordung führte?
Sankara trat überall mit Respekt auf, nahm jedoch nie ein Blatt vor den Mund, was in den diplomatischen Zirkeln jener Zeit höchst ungewöhnlich war. Er sagte mit einem Lächeln, aber sehr direkt, was er dachte. In der von Sankara geschaffenen offenen Gesprächsatmosphäre gestand der Präsident der Elfenbeinküste Houphouët-Boigny ein, dass ihm unsere revolutionäre Politik Angst einflöße. Und als Sankara den Sandinisten Nicaraguas seine Solidarität erklärte, sprach der US-amerikanische Botschafter bei uns vor, um ihn aufzufordern, sich nicht in die Angelegenheiten der USA einzumischen. Als Sankara vor der OAU Partei für die Befreiungsbewegung der Westsahara ergriff, reagierte Marokko geschockt und Frankreich zeigte sich beunruhigt.
Bevor François Mitterand am 17. November 1986 Ouagadougou besuchte, verlangte der französische Botschafter von mir, ihm die Rede, die Sankara zu halten gedenke, im Voraus auszuhändigen. Ich hatte wie üblich diese Rede geschrieben – klar, offensiv, aber im Ton moderat – und sie auf Sankaras Geheiß auch dem Botschafter gegeben. Doch als Mitterand gelandet war und Sankara das Wort ergriff, übernahm er von meiner Vorlage nur die Begrüßungsformel, um danach in freier Rede die Rolle Frankreichs als Kolonialmacht in Afrika und die engen Beziehungen der französischen Regierung zum Apartheidregime Südafrika anzuprangern, dessen Präsident Botha Mitterand kurz zuvor noch mit allen Ehren in Paris empfangen hatte. Sankara sagte wörtlich, dass Botha mit seinen blutigen Händen die französische Erde besudelt habe und dass sich irgendwann diejenigen würden verantworten müssen, die dies zugelassen hätten. Mitterand antwortete darauf, dass er Sankara seine Jugend zugute halte und dass es nicht um ihn persönlich, sondern um strategische Interessen Frankreichs gehe. Und denen, das wurde bei dieser Begegnung deutlich, standen Politiker wie Sankara im Weg. Mir war schon damals klar, dass wir im Fadenkreuz unserer Gegner standen und dass es nur eine Frage der Zeit war, wann sie abdrücken würden. Als Mitterand von Chirac abgelöst wurde, rückte dieser Zeitpunkt immer näher.
Am Vortag des Attentats, dem 14. Oktober 1987, rief ein französischer Journalist aus Paris an und wollte Sankara sprechen. Ich erinnere mich noch genau daran, es war ein Mittwoch. Sankara hatte keine Zeit, aber der Journalist meldete sich noch mehrmals und sagte, es gehe »um eine Frage von Leben und Tod«. Von einem Journalisten aus Madagaskar und von Offizieren unserer Armee kamen am selben Tag weitere Warnungen. Auch der Präsident Ghanas, Jerry Rawlings, hatte von der geplanten Verschwörung erfahren und rief bei uns an, um Sankara einzuladen und für ein paar Tage in Sicherheit zu bringen. Aber Sankara hat ihm geantwortet, dass er sein Land gerade in dieser schwierigen Zeit »um keinen Preis« verlassen werde.

Welche Rolle spielte die Elfenbeinküste bei der Verschwörung?
Präsident Houphouët-Boigny war ein Statthalter Frankreichs in Westafrika und hatte schon frühzeitig Kontakte zu Blaise Compaoré aufgenommen. Er hat diesem auch seine spätere Frau Chantal Terrasson de Fougères vorgestellt, die zur Hälfte ivorianische, zur anderen Hälfte französische Vorfahren hat. Damit war eine direkte Verbindung nach Frankreich geschaffen. Houphouët-Boigny versuchte jeden Politiker aus Burkina Faso, der die Elfenbeinküste besuchte, mit Geld zu ködern – auch mich. Als ich einmal mit einer Botschaft von Sankara zu ihm nach Abidjan kam, erklärte er mir, auch er sei in seiner Jugend ein Revolutionär gewesen, doch mit der Weisheit des Alters habe er diese Haltung aufgegeben und er könne auch uns nur dringend raten, unsere Politik zu ändern. Dann legte er mir einen Aktenkoffer mit Millionen Francs CFA auf den Tisch, damals ein Vermögen. Ich habe den Koffer mitgenommen und Sankara hat das Geld an die Caisse de Solidarité Révolutionaire überreicht, die soziale Projekte unterstützte, und sich öffentlich für die Spende aus der Elfenbeinküste bedankt, was natürlich ironisch gemeint war. Auch Compaoré war des öfteren zu Gast bei Houphouët-Boigny, will jedoch – anders als alle anderen – angeblich nie Geld von ihm erhalten haben. Jedenfalls hat er nie etwas davon an die Staatskasse zurück gegeben.

Wie hast Du den 15. Oktober 1987 erlebt, den Tag der Ermordung Sankaras?
Ich war 200 Kilometer nördlich von Ouagadougou auf dem Land. Sankara hatte mich zwar noch vor meiner Abreise gebeten, an dem geplanten Regierungstreffen am 15. Oktober teilzunehmen, aber ich wollte meine Reise nicht absagen und bin auf dem Rückweg noch in mein Dorf gefahren. Als ich spät am Abend bei meinen Eltern ankam, sagte meine Mutter, sie wäre davon überzeugt, Sankara sei tot und wollte nicht, dass ich in die Hauptstadt zurückkehrte. Ich fuhr trotzdem und dort bestätigte sich ihre Befürchtung. Die Stadt war wie ausgestorben. Ich habe die Gräber der Ermordeten gesehen, die hastig verscharrt worden waren und auf denen lediglich handgeschriebene Zettel mit den Namen der Toten lagen.
Auch ich sah mich mehrfach persönlich bedroht. Schergen des Regimes durchsuchten mein Haus, ich erhielt Todesdrohungen und wurde zu Verhören auf ein Polizeiquartier vorgeladen. Die Mörder Sankaras und unserer anderen Freunde führten derweil die Trophäen vor, die sie bei dem Attentat erbeutet hatten, darunter die privaten und dienstlichen Fahrzeuge der Ermordeten. Später verschwanden die meisten Täter auf fragwürdige Weise. Einer von ihnen gestand in einer Bar ein, dass er Angst habe, ermordet zu werden. Wenige Tage später starb er – angeblich bei einem Unfall.

Wie hast Du danach weiter gemacht?
Blaise Compaoré schickte einen seiner Minister zu mir, der mir anbot, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Aber ich habe es abgelehnt, mich von ihnen kaufen zu lassen und schließlich als Angestellter im Verkehrsministerium gearbeitet, ohne jeden politischen Einfluss. Als ich Jahre später das erste Mal als Abgeordneter der sankaristischen Partei die Nationalversammlung betrat, tat ich das mit sehr gemischten Gefühlen. Denn ich hatte natürlich nicht vergessen, wer für die Ermordung Sankaras verantwortlich war. Aber wir leben in einem Land, in dem die große Mehrheit der Bevölkerung im Elend lebt und es geht darum, alles zu versuchen, um ihre Lebenslage zu verbessern. Deshalb dürfen wir Politik nicht personalisieren, sondern müssen Spielräume nutzen, die sich uns bieten. Es geht nicht um Rache und nicht um den Kopf Compaorés, sondern um die Durchsetzung von Gerechtigkeit und Freiheit. Mit Hass lässt sich keine andere Gesellschaft errichten. Deshalb hat auch Sankara, trotz aller negativen Vorzeichen, nichts unternommen, um Compaoré aus dem Weg zu räumen, obwohl er viele Möglichkeiten dazu gehabt hätte. Er wollte keinen gewaltsamen Kampf um die Macht austragen.

Wie lässt sich das System Comparorés charakterisieren?
Die Korruption umfasst alle Teile der Gesellschaft. Compaoré erkauft sich die Gefolgschaft und Stimmen der Dorfchefs. Geschäftsleute, die es zu etwas bringen wollen, müssen seiner Partei angehören, sonst werden sie in den Bankrott getrieben. Die Gouverneure der dreizehn Landesregionen sind allesamt Mitglieder seiner Partei, ebenso die ihnen unterstehenden Hochkommissare der 45 Provinzen und die Präfekten der 350 Gemeindeverwaltungen, die meisten Schuldirektoren, Polizeichefs und hohen Militärs. Bei Wahlen lässt Compaoré Menschen massenweise kostenlos in die Wahllokale karren. Vom Hubschrauber aus wirft er Geld in die Menge. Tatsächlich können aber bei uns von 14 Millionen EinwohnerInnen nur zweieinhalb Millionen ihre Stimmen abgeben, weil das Regime Wahlerlaubnisse gezielt an diejenigen verteilt, auf deren Unterstützung es vertraut. Die Opposition fordert seit langem die Vervollständigung der Wählerlisten, aber Compaorés Machtapparat wusste dies bislang stets zu verhindern. Zum Vergleich: In Benin gibt es bei acht Millionen Einwohnern fünf Millionen Wähler. Gäbe es in Burkina Faso wirklich freie Wahlen, würde Compaoré diese niemals gewinnen.

Wie lässt sich diese politische Situation verändern?
Wir sind in einer sehr schwierigen Situation, weil Blaise Compaoré nicht so einfach die Macht abgeben kann wie seine Amtskollegen in Mali und im Senegal. Dafür hat er in seiner Amtszeit zu viele Verbrechen begangen. Er hat zahllose Menschen ermorden lassen, z. B. den Journalisten Norbert Zongo, der 1999 mit seinen Begleitern erschossen und dann in seinem Auto verbrannt wurde. Zongo hatte Verbrechen des Präsidentenbruders François Compaoré aufgedeckt, darunter die Ermordung seines Chauffeurs. Blaise Compaoré fürchtet ein Schicksal wie das Charles Taylors aus Liberia, der sich für seine Kriegsverbrechen vor einem internationalen Gericht verantworten muss. In der internationalen Presse war zu lesen, dass in den Unterlagen der Anklage gegen Taylor, die 36.000 Seiten umfassen, auf 9.000 Seiten auch der Name Blaise Compaoré auftauche.
Es ist allgemein bekannt, dass Compaoré aktiv an den Kriegen in der Region beteiligt ist, etwa um vom Handel mit Diamanten aus Liberia und Angola zu profitieren. Er hat auch den Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste geschürt und nicht nur »Rebellen« von dort ausbilden und bewaffnen lassen, sondern ihnen auch Söldner aus Burkina Faso zur Seite gestellt. Als Ergebnis davon wird der Kakao aus der Elfenbeinküste inzwischen über Burkina Faso verkauft (vgl. iz3w 304, S. 24). Dafür sind allerdings die zwei Millionen Burkinabé, die in der Elfenbeinküste leben und arbeiten, ins Visier der dortigen Regierungstruppen geraten. Compaoré fürchtet, für all das zur Rechenschaft gezogen zu werden. Er wird deshalb alles tun, um bis zu seinem Tode an der Macht zu bleiben. Ein politischer Wandel und eine wirkliche Demokratie werden deshalb in Burkina Faso nur sehr schwer durchzusetzen sein, wenn wir nicht in Krieg und Chaos enden wollen, wie der Kongo, Kenia oder der Tschad.

Angesichts Deiner Einschätzung verwundert es, dass Du im Jahre 2000 bereit warst, das Amt des Erziehungsministers unter dem amtierenden Präsidenten Compaoré zu übernehmen. Was hat Dich dazu bewogen?
Nach der Ermordung des Journalisten Norbert Zongo durch Angehörige der Präsidentengarde im Dezember 1999 entwickelte sich eine breite Protestbewegung. Unter dem Motto »Zuviel ist Zuviel!« rief sie zu Demonstrationen auf und vermochte, die Opposition so zu bündeln, dass sie dem Regime zunehmend gefährlich erschien. Compaoré musste deshalb einige Zugeständnisse machen. Er versprach die Aufklärung des Mordes und eine Demokratisierung des Landes. Wir haben uns dafür entschieden, ihn beim Wort zu nehmen und angebotene Regierungsämter zu nutzen, um überfällige Veränderungen einzuleiten und bürgerkriegsähnliche Zustände wie in der Elfenbeinküste und Liberia zu vermeiden. Innerhalb der Opposition gab es sehr kontroverse Positionen zu dieser Regierungsbeteiligung. Wir mussten bald feststellen, dass sich die Versprechen Compaorés einmal mehr als reine Makulatur erwiesen. Ich bin deshalb nach kaum einem Jahr von meinem Ministeramt zurück getreten.

Ein Problem der Opposition Burkina Fasos ist ihre Zersplitterung in mehr als hundert konkurrierende Parteien. Wie erklärt sich dieses Phänomen und wie geht Deine Partei damit um?
Die Vielzahl der Parteien in unserem Land ist eine Folge der Verelendung. In einem korrupten Regime erscheint Politik vielen als Möglichkeit, leicht an Geld zu kommen. Schließlich führen die Regierenden dies alltäglich vor. So besitzen viele unserer Minister Häuser in Paris, ihre Kinder studieren in Frankreich und können es sich erlauben, zum Wochenende nach Ouagadougou zu jetten und hunderte Euros in Nachtclubs zu verschleudern. Und das, obwohl Burkina Faso in den UN-Berichten über die menschliche Entwicklung an vorletzter Stelle von 177 Staaten rangiert. Das Regime fördert zudem die Gründung immer neuer Parteien. Deren Repräsentanten werden mit Geldgeschenken oder Posten im Staatsapparat geködert und wagen es deshalb nicht, Kritik zu üben. Auch ich habe zahlreiche Bestechungsversuche dieser Art erlebt – insbesondere in meiner Zeit als Erziehungsminister. Als stärkste der verschiedenen sankaristischen Parteien versuchen wir gerade, eine Vereinigung mit denen zu erreichen, die Sankaras Ideen wirklich umsetzen wollen, und diejenigen auszugrenzen, die zu bezahlten Agenten des Regimes geworden sind.

Vom 10. bis 12. Februar 2008 reiste der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Ghana, Togo und Burkina Faso. Laut einer Pressemitteilung des Auswärtigen Amts sollte diese Reise »das politische, wirtschaftliche
und kulturelle Interesse« unterstreichen, »das Deutschland Afrika entgegenbringt«. Steinmeier wurde begleitet »von einer Parlamentarier-, einer Wirtschafts- und einer Kulturdelegation«. Wie hast Du als afrikanischer Oppositionspolitiker diese diplomatische Invasion erlebt?
Steinmeier reiste am 12. Februar für nur einen Tag im eigenen Flugzeug an und brachte einige Dutzend BegleiterInnen mit. Die Großdelegation logierte im »Hotel Libya«, der mit libyschem Geld erbauten luxuriösesten Unterkunft von Ouagadougou. Sie liegt im Reichenviertel »Ouaga 2000« direkt neben der größten Shoppingmall. Dorthin waren mehr als hundert Leute zur »Begegnung mit dem deutschen Außenminister« geladen. Ich war als Abgeordneter und Repräsentant einer Oppositionspartei eingeladen. Sprechen konnte ich mit Steinmeier allerdings nicht. Außenminister Djibrill Bassolé schirmte ihn vor mir ab. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz verbreitete Bassolé, in Burkina Faso gebe es ein stetiges Wirtschaftswachstum. Als Beleg für die angeblich gefestigte Demokratie in unserem Land verwies er auf die Einladung an Oppositionspolitiker zum Essen mit dem deutschen Außenminister. Steinmeier lobte im Gegenzug »den Einsatz Burkina Fasos für Frieden und Stabilität in der Region«.

Von Stabilität kann tatsächlich nicht einmal in Burkina Faso selber die Rede sein. Ende Februar, Anfang März 2008 kam es in den größeren Städten des Landes, Ouagadougou, Bobo-Dioulasso, Ouahigouya und Banfora, zu Hungerrevolten. Bei Protesten gegen Preiserhöhungen wurden Fenster von Hotels und Boutiquen eingeworfen, Geschäfte geplündert, Regierungsfahrzeuge angezündet und Barrikaden errichtet. Die Polizei schoss wahllos in die Menge und verhaftete einige Hundert Demonstranten. Entwickelt sich in Burkina Faso zwanzig Jahre nach der Ermordung Sankaras erneut eine revolutionäre Situation?
Die meisten Proteste waren spontan und unorganisiert, und es ist zu befürchten, dass ähnliche Demonstrationen auch in Zukunft vom Regime gewaltsam niedergeschlagen werden. In ersten Schnellverfahren wurden bereits angebliche »Anführer« der Proteste zu hohen Haftstrafen verurteilt, darunter Nana Thibault, der für drei Jahre im Gefängnis bleiben soll. Ich sympathisiere mit den Forderungen der DemonstrantInnen, denn ihre Revolte ist das Resultat der anhaltenden Ignoranz des Regimes gegenüber den realen Problemen unseres Landes. Dies habe ich auch in einem offenen Brief erklärt, den ich nach den ersten Schüssen von Polizisten auf unbewaffnete Demonstranten an Präsident Compaoré geschrieben habe. Darin heißt es: »Wir haben schon immer auf die alarmierenden Vorzeichen in unserer Gesellschaft verwiesen, aber die Machthaber hierzulande wie in anderen Diktaturen Afrikas haben Appelle wie die unsrigen stets ignoriert und uns der Schwarzmalerei bezichtigt. Wir gehen deshalb auch jetzt nicht davon aus, dass Sie als Machthaber bereit sind, ihre Fehler zu korrigieren, so übersättigt wie sie von der Bereicherung und Ausplünderung unseres ausgezehrten Volkes sind, das in Lumpen geht. Uns bleibt somit nur die Hoffnung, dass unser armes Burkina vor den Dämonen des Hasses, der Spaltung, der Zerstörung und des Todes bewahrt bleibt.«
Ich weiß nicht, ob Compaoré diesen Brief auch nur zur Kenntnis genommen hat. Eine Änderung unserer Gesellschaft zum Besseren wird es in jedem Falle erst geben, wenn er die Macht abgeben muss. Da er dies sicher nicht freiwillig tun wird, haben wir noch einen langen und gefahrvollen Weg vor uns, bevor wir wieder an soziale Errungenschaften wie die von Thomas Sankara werden anknüpfen können. Aber eines Tages werden wir obsiegen, auch wenn Fidèle Kientega dann vielleicht nicht mehr lebt.


Das Interview beruht auf Gesprächen, die Karl Rössel vom Rheinischen JournalistInnenbüro in Köln im Oktober 2007 und im März 2008 mit Fidèle Kientega geführt hat.