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Bangladesch

Abwrackindustrie in Bangladesch

Von den 45.000 Öltankern, Frachtschiffen und Luxuslinern, die über die Weltmeere schiffen, werden jährlich rund 700 ausgemustert. Sie sind das Rohmaterial für die Abwrackindustrie, die insbesondere an der Wiederverwertung des Stahls verdient, und die eine der ältesten Recyclingindustrien ist. Seit Beginn der 1960er Jahre wurden Arbeitsschutz und Arbeitsrechte in europäischen Ländern sukzessive verbessert – und damit zum Kostenfaktor. Seither wächst dieser Industriezweig in Billiglohnländern wie Bangladesch, China, Türkei, Pakistan und Indien.
Allein in Bangladesch arbeiten 250.000 Menschen indirekt in diesem Sektor, dem nach der Textilindustrie und der Hafenwirtschaft drittgrößten Industriezweig des Landes. Die Hungersnot im Norden des Landes zwingt viele Bauern, ihre Dörfer zu verlassen. Als Saisonarbeiter heuern sie auf den Schiffsabwrackwerften im Süden an. 30.000 Arbeiter (von weltweit rund 100.000) zerlegen in den Werften entlang der Bucht von Chittagong für durchschnittlich dreizehn Cent pro Stunde die mit giftigen Rückständen und explosiven Stoffen versehenen Ozeanriesen, meist ohne Lohngarantie, ärztliche Versorgung und Schutzkleidung. 400 Menschen kamen hier in den letzten 20 Jahren durch Arbeitsunfälle ums Leben. Bislang operieren die 24 Abwrackunternehmen in Bangladesch in einem quasi rechtsfreien Raum, denn Umwelt- oder Arbeitsschutzbestimmungen gibt es seitens der Regierung keine.
Die NGO Youth Power in Social Action setzt sich für die Rechte der Arbeiter und eine umweltschonende Demontage der Schiffe ein. Sie übt auf internationaler wie nationaler Ebene Druck aus. Da für jeden ausfallenden Arbeiter bereits zehn Arbeitssuchende in der Warteschlange stehen und die globalen Konkurrenten, der Weltmarktpreis für Stahl und die lokalen Lohnkosten den Profit der Abwrackunternehmer bestimmen, gibt es jedoch kaum Fortschritte. Ob das im November 2007 einberufene Nationale Komitee der Regierung, das sich nun mit Arbeitsrechten und Umweltschutzbestimmungen befassen soll, zugunsten der Arbeiter handelt, ist angesichts der Verbindungen zwischen Politik und Unternehmertum zu bezweifeln. mb

Infos unter: www.YPSA.org und www.shipbreakingbd.info


»Eisenfresser«

2007 wurde ein Dokumentarfilm über die Abwrackindustrie in Bangladesch auf dem Münchner Dokfilmfestival uraufgeführt. »Eisenfresser« zeigt neben den Arbeitsbedingungen auf einer Werft insbesondere das (un-)soziale System, mit dem diese gefährliche Arbeit organisiert wird. Am Ende der Verwertungskette stehen vorwiegend junge Männer, die als Saisonarbeiter auf die Werft kommen und aufgrund der Kosten für Anreise, Unterkunft und Verpflegung oft in der Schuldenfalle sitzen. Der Filmemacher Shaheen Dill-Riaz wollte mit seiner Kamera möglichst nah an den gefährlichen Alltag der Schweißer und Seilträger heran, um den Zuschauern die Personen hinter der als Masse von Opfern wahrgenommenen Arbeiter näher zu bringen.

Eisenfresser (2007, 85 Min.) Regie: Shaheen Dill-Riaz. Verleih: Aries Images. Kinostart in Deutschland: 8.5.2008


»Das versteht jedes Publikum«
Interview mit Shaheen Dill-Riaz über seinen Film »Eisenfresser«

iz3w: Auffallend an Ihrer Doku »Eisenfresser« sind die opulenten Kontrastbilder: stählerne Ozeanriesen versus barfüßige Arbeiter. Ist der Film für ein westliches Publikum gemacht?
Shaheen Dill-Riaz: Mein Zielpublikum ist auch das westliche, schließlich wurde »Eisenfresser« für einen Fernsehsender produziert. Doch mein Ziel ist nicht, deutschen Zuschauern die exotischen Aspekte von Bangladesch vorzustellen. Ich will in meinen Filmen Themen zeigen, die eine gewisse Universalität haben. Die Abwrackindustrie findet man so oder ähnlich auch in China, Indien, Pakistan oder in der Türkei. Ich wählte einen Zugang, bei dem die Zuschauer den Protagonisten so näher kommen, dass sie sich auch in Europa hätten begegnen können. Das ist die Grundhaltung meiner Filme. Insofern ist nicht Bangladesch mein Thema, sondern die porträtierten Menschen. In »Eisenfresser« geht es um ein konkretes Thema, um die Hierarchie und die Stellung, die der Einzelne innehat. Der Film zeigt die sozialen Mechanismen, wie der Abbau der Ozeanriesen betrieben wird, wie mit Menschen umgegangen wird, wenn es um Arbeit und Profit geht. Diese Strukturen findet man überall auf der Welt.
Auch in meinem Film »Die glücklichsten Menschen der Welt« gibt es Elend, Schmerz und Leid. Dennoch zeichnet der Film ein Bild von den Menschen, das anders ist als die gängigen Klischees über Massen, die von Überbevölkerung, Überflutung und Katastrophen bedroht sind. Das kleine individuelle Universum der Menschen inmitten dieser Probleme ist deutlich zu spüren. Was einen Menschen konkret unglücklich oder glücklich macht, variiert vielleicht in dem kleinen Kosmos. Doch die Empfindungen sind überall gleich, und das versteht jedes Publikum. Wenn die Arbeiter barfuß durch den mit Eisensplittern gespickten Schlamm laufen, oder über raue Eisenplatten ... ihre Füße sind nicht anders als andere Füße.

Direkte Informationen über die Abwrackindustrie enthält »Eisenfresser« kaum.
Das war eine bewusste Entscheidung. Dieses Fass ist ohne Boden: Wo kommen die Schiffe her, wer bekommt das Geld, wieso landen die Schiffe in Bangladesch, ohne vorher entgiftet zu werden... ein Film darüber wäre ein investigativer Dokumentarfilm. Das wollte ich nicht. Dass die Schiffe aus dem Westen kommen, ist offensichtlich. Über die Struktur innerhalb der Werften und wie die Gesellschaft diese Arbeit reflektiert, ist hingegen wenig bekannt. Ich hätte die Individuen gerne noch mehr in den Vordergrund geschoben und persönliche Geschichten erzählen lassen. Doch diese Chance hat man mir nicht gegeben. Die Arbeiter waren immer in einer Gruppe, sie sind nie als Individuen zu erwischen. Es gibt dort kaum private Räume, man lebt zu 20 in einer kleinen Höhle und kann kaum einen Ort finden, um einmal zu weinen. Die Arbeiter waren zwar sehr kooperativ, aber öffnen sich vor der eigenen Gruppe nicht. Wenn sie reden, herrscht immer ein Gruppengeist vor.

Im Film erscheinen die Arbeiter als Opfer eines Systems. Statt sich zu wehren, machen sie Witze. Barfüßige Schweißer mit ihren paar Stofffetzen bei der Schwerarbeit – derlei Bilder unterstreichen visuell dieses Opfersein.
Ja, aber das ist kein falsches Bild. Ich nutze es auch nicht aus. Mir ging es um die Strategie, die das System durchzieht. Und das ist überall so, nicht nur in Bangladesch. So funktioniert
Kapitalismus. Die Unternehmer sagen, »das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, das man nicht gebraucht wird«. Ihre Haltung ist, die Werft in jedem Fall am Laufen halten zu müssen, damit auch die armen Menschen noch etwas zu Essen haben. Sie glauben daran und waschen ihre Hände in Unschuld, weil die Verhandlungen mit den Arbeitern jemand anderes übernimmt. Auch die Subkontraktoren sehen sich als Opfer. Sie stammen aus der Küstenregion und wurden gezwungen, die Arbeit zu vergeben. Also suchten sie sich ihrerseits Mittelsmänner, die aus den Arbeitern rekrutiert werden. Sie sind für die Anwerbung der Arbeiter im Norden zuständig und müssen dafür sorgen, dass die Männer nicht abhauen. Auch für die Geldverteilung sind die Mittelsmänner zuständig. Der Mittelsmann muss aus seiner eigenen Tasche im Voraus die Arbeiter bezahlen. Diese Mechanismen wurden nach und nach etabliert. Es geht um ein Outsourcing, ein kompliziertes System des Subunternehmertums, wie bei der Telekom, also darum, weniger Lohn zu zahlen.

Ganz in der Nähe der Werften gibt es ein Büro der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Warum unternimmt sie nichts?
Der ILO-Vertreter und der Werftbesitzer sind sehr freundlich zueinander. Der Werftbesitzer behauptet, dass die Werft, auf der ich filmte, eine der besten sei. Dazu hat die ILO allerdings keine Stellung bezogen. Ich durfte den ILO-Vertreter auch nicht während seines Besuches auf einer Werft filmen. Ein Vertreter meinte in einem Telefonat: »Das hieße, dass wir die Arbeitsbedingungen hier ‘ok’ finden. Und das möchten wir nicht zum Ausdruck bringen.« Offensichtlich will die ILO die Werftbesitzer nicht verärgern. Immerhin
hat sie durchgesetzt, regelmäßig ein »Safety-Training« für Arbeiter durchzuführen. Auf die Forderungen, wie Gewerkschaftsgründung, Lohnerhöhung oder Verbesserung der Arbeitsbedingungen, lassen sich die Werftbesitzer nicht richtig ein, und die ILO kann keinen Druck ausüben, da sie nicht die nötige Unterstützung der Regierung hat. Die Werftbesitzer haben natürlich ihre Lobby in der Regierung, die sie schützt.

Was will der Film politisch?
Der Film soll anregen, über die Verhältnisse nachzudenken – und vielleicht auch Druck ausüben, so dass die Leute in Europa vor der nächsten Luxusfahrt fragen: was passiert eigentlich mit dem Schiff, wenn es ausrangiert wird? Es gibt Organisationen in Asien, die intensiv zu der Problematik arbeiten. Doch die Werftbesitzer sind mächtig und viele Subkontraktoren korrupt. Die Politiker und Geschäftsleute sind sehr populistisch, sie benutzen religiöse und philosophische Maskeraden. Wenn man ihre Reden hört, ahnt man nicht, wie es auf den Werften tatsächlich zugeht.
Man muss nicht gleich neue moderne Werften bauen, sondern erst mal mit Kleinigkeiten die Arbeit erleichtern. Ärzte sollten auf der Werft zugelassen werden. Der Grund der miserablen Bedingungen ist ja nicht Geldmangel, sondern die totale Vernachlässigung.

In Bangladesch wurde der Film noch nicht gezeigt.
Ich möchte ihn gerne auf der Werft vorführen, wenn das zugelassen wird. Mal sehen.

Wie sind denn in Bangladesch die Möglichkeiten kritischer Filmkultur?
Interessiertes Publikum gibt es, wie überall. Die Frage ist nur, ob das Publikum die Chance erhält, solche Filme zu sehen. Der einzige Dokumentarfilm in der Geschichte Bangladeschs, der im Kino gezeigt und der groß gefeiert wurde, ist ein Film über den Bürgerkrieg mit sehr authentischen Bildern. Diese Ausnahme kam zustande, weil der Film Leute zeigte, die damals noch Kinder waren und die jetzt sehr berühmt sind. Dokumentarfilme sind als Genre in Bangladesch ansonsten nicht anerkannt. Das Fernsehen ist kaum daran interessiert, unabhängige Dokus zu produzieren. Es produziert nur gewöhnliche Formate und zudem sehr kurze. Doch es gibt eine Parallelszene von unabhängigen Dokumentarfilmern, die ihre Vorführungen privat organisieren, und die sind gut besucht. »Eisenfresser« habe ich dem Fernsehen angeboten. Der Sender will meinen Film zwar zeigen, aber in vier Teilen mit viel Werbeunterbrechung.


Shaheen Dill-Riaz ist Filmemacher und lebt seit 15 Jahren in Berlin. »Eisenfresser« gewann 2007 den ersten Preis im internationalen Wettbewerb des Filmfestivals South Asia in Katmandu (Nepal) und den Grand Prix beim Festival International du Film d’Environnement in Paris. Das Interview führte Martina Backes.