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Bangladesch

Die Bevölkerung von Bangladesch wird nicht nur von Naturkatastrophen geplagt, sondern auch von politischer Gewalt. Die Menschenrechtslage ist seit vielen Jahren verheerend, die politische Zensur allgegenwärtig und die wirtschaftliche Not groß. Die gegenwärtige Übergangsregierung unter Premierminister Fakhruddin Ahmed, die nach schweren Unruhen im Herbst 2006 mit Billigung des Militärs eingesetzt wurde, strebt erst für Dezember 2008 Wahlen an. Derzeit ist unklar, ob es dabei erneut zur lähmenden Polarisierung zwischen der Bangladesh National Party (BNP) und der Awami League (AL) kommt. Die beiden Parteienbündnisse waren in den letzten beiden Dekaden abwechselnd an der Macht und haben das Land gründlich herunter gewirtschaftet. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt die erbitterte Feindschaft zwischen den Präsidentinnen Khaleda Zia (BNP) und Sheikh Asina (AL). Sie waren als Vertreterinnen alteingesessener Familiendynastien ins Amt gekommen und hatten deren Strukturen wie Nepotismus und Korruptionswirtschaft weiter gefestigt.
Aus dem politischen Chaos versuchen islamistische Strömungen Nutzen zu schlagen. Nachdem sie dies zunächst mit Parteigründungen und sogar Regierungsbeteiligung an einer BNP-Koalition versucht hatten, setzen islamistische Gruppen seit 2005 zunehmend auf terroristische Mittel, wie etwa bei einer großen Anschlagserie im August 2005 und darauf folgenden Selbstmordattentaten. Bei säkularen Kräften wächst die Angst vor einer Islamisierung des Landes. cst.


»Der Staat hat versagt«
Interview mit Mesbahuddin Ahmed über Politik und Religion in Bangladesch

In der westlichen Wahrnehmung ist der religiöse Fundamentalismus auch im Falle Bangladeschs sehr präsent. Das beruht nicht zuletzt auf der Bombenserie im Jahr 2005. Welche Verbindung hat der Islamismus in Bangladesch zu den politischen Parteien?
Mesbahuddin Ahmed: Die damals regierende rechtskonservative BNP (Bangladesh Nationalist Party) hatte nichts zu tun mit der radikalen Jama`atul Mujahideen Bangladesh (JMB), die für die Anschläge von 2005 mitverantwortlich gemacht wird. Sie wollte keine extremen Islamisten unterstützen. Später ging die Regierung sogar gegen sie vor. Damit beugte sie sich dem Druck von einigen ausländischen Regierungen, allen voran der USA, aber auch von demokratischen Gruppen und Parteien innerhalb des Landes. Die Regierung hätte aber schon viel früher gegen die Islamisten eingreifen sollen.

Inwiefern?
Die Ursache für die grauenvollen Anschläge ist nicht der Islam an sich, sondern unser Bildungssystem. Die Brutstätte für die Extremisten sind die Koranschulen, die so genannten Madrasen. Das soll jedoch nicht heißen, dass alle Schüler, die Madrasen besuchen, zu potenziellen Fundamentalisten heranwachsen. Viele Eltern schicken ihre Kinder nicht aus Überzeugung in diese Schulen, sondern aufgrund ihrer finanziellen Notlage. Für die ärmeren Bevölkerungsgruppen sind die Madrasen wichtige Einrichtungen, da sie die Kinder nicht nur mit Bildung, sondern auch Nahrung versorgen. Der Staat hat versagt, weil er die arme Bevölkerung nicht erreicht und das mangelhafte Schulsystem nicht rechtzeitig als Problem erkannt hat. Die Fundamentalisten werden ihren Kurs nicht ändern, wir müssen also die Brutstätten stoppen. Auch die Zivilgesellschaft muss ihren Beitrag leisten. Im Grunde ist es nicht eine Sache des Geldes, sondern des Willens, das Problem zu identifizieren und lösungsorientiert zu handeln.

Öffnet das Versagen der Regierung Tür und Tor für fundamentalistische Netzwerke aus dem Ausland?
Gerade im Bildungsbereich versuchen diese Netzwerke ihren Einfluss geltend zu machen. Die Madrasen werden häufig aus den Golfstaaten finanziert, vor allem aus Kuwait und Saudi Arabien. Unsere Regierung hat überhaupt keinen Einfluss auf deren Lehrplan. Wann immer versucht wird, diese Schulen in das nationale Bildungswesen anzugliedern, gibt es große Widerstände seitens der Madrasen.

Gibt es Anzeichen, dass die Parteien religiös beeinflusst werden?
Parteien, die sich hauptsächlich auf den Islam berufen, kommen bei Wahlen nur auf drei bis vier Prozent der Stimmen. Die BNP ist allerdings zur Zusammenarbeit mit diesen Parteien bereit. Wie bei den letzten Wahlen zu sehen war, kamen sie zusammen in einer Mehrparteienkoalition bis auf 40 Prozent der Stimmen, so dass diese BNP-geführte Koalition zwei Drittel der Sitze im Parlament innehatte. Interessanterweise beziehen sich aber im Wahlkampf selbst religiöse Parteien nicht in erster Linie auf den Islam. Viel mehr konzentrieren sie sich auf Stimmungsmache gegen Indien und appellieren damit an das Nationalgefühl. Das zeigt, wie wichtig die eigene Identität ist.
Die AL, die andere große Partei, übt keinen Schulterschluss mit religiösen Fundamentalisten, weil sich ihre Wählerschaft aus den säkularen Kräften rekrutiert. Selbst lose und unbedeutende Allianzen zu kleinen fundamentalistischen Gruppen werden von den Unterstützern der Partei nicht geduldet.

Inwieweit nehmen antidemokratische Kräfte dann tatsächlich Einfluss auf die Politik?
Diese Kräfte sind minimal. Ihnen steht jedoch ein ausgesprochen zerbrechlicher demokratischer Prozess gegenüber. Institutionen wie politische Parteien oder lokale Regierungen sind äußerst schwach. Zudem machen einige Mullahs Stimmung gegen die staatlichen Gesetze und fordern die Einführung der Shari’a. Die offizielle Rechtsprechung im Lande basiert jedoch nicht auf religiösen Auslegungen.

Wie beeinflussen die ArbeitsemigrantInnen aus Bangladesch den Islam in ihrem Herkunftsland?
Gerade die ArbeitsemigrantInnen, die in den Golfstaaten arbeiten, haben einen großen Einfluss. Zum einen bringen sie nicht unerhebliche Geldsummen ins Land. Zum anderen bringen sie aber auch eine neue, konservativere Lebensweise zurück nach Bangladesch, sie sind viel religiöser als die Menschen in Bangladesch selbst. Am Beispiel der Burkhas, der Ganzkörperverhüllung der Frauen, lässt sich diese Tendenz sehr gut beobachten. Nachdem sie lange Zeit nicht präsent war, ist die Burkha wieder zu einer Modeerscheinung auf den Straßen Dhakas geworden – sicherlich ein Einfluss aus den Golfstaaten.

Wächst mit dem Bedeutungszuwachs des konservativen Islam auch eine antiamerikanische Haltung in Bangladesch?
Der Einmarsch in Afghanistan und insbesondere im Irak verärgerte viele Menschen in Bangladesch, insbesondere als man keine Atomwaffen im Irak fand. Viele Menschen nehmen auch Anstoß an der US-amerikanischen Haltung gegenüber dem Iran.
Während des Kalten Krieges positionierte man sich gegen die USA, indem man sich dem politischen linken Spektrum zuwandte. Jetzt ist der Kalte Krieg vorbei und viele sehen im Islam die Alternative, um der Dominanz der USA entgegen zu treten.

Welche anderen Länder neben den Golfstaaten verfolgen starke Interessen in Bangladesch?
Indien ist sehr daran gelegen, die fundamentalistischen Aktivitäten in Bangladesch zu unterbinden, damit sie nicht nach Indien überschwappen, was aber bereits passiert ist.
Pakistans Interessen in Bangladesch betreffen eigentlich Indien: sie wollen Indien durch Bangladesch hindurch kontrollieren. Die Aktivitäten der muslimischen Aufständischen im Nordosten Indiens werden von Pakistan und Saudi Arabien finanziell unterstützt, und Bangladesch nutzen sie als Korridor und als Rückzugsort. Deswegen wirft Indien Bangladesch immer wieder vor, den Aufständischen aus Ostindien Unterschlupf zu gewähren.

Zurück zur Innenpolitik: Wie würden Sie die politische Landschaft Bangladeschs beschreiben?
Die politische Landschaft Bangladeshs ist größtenteils in zwei Lager gespalten. Zum einen gibt es die Awami League (AL), die bis 2006 in der Opposition war. Die andere große Partei ist die bis dahin regierende rechtskonservative BNP (Bangladesh Nationalist Party). Die jetzige Übergangsregierung setzt sich zusammen aus der Zivilgesellschaft, einigen Ex-Bürokraten und dem Präsidenten mit seinem Premierminister. Die Aufgabe dieser Regierung ist es, im Dezember 2008 faire und freie Wahlen abzuhalten.

Welche Reformen sind für eine positive Entwicklung der bengalischen Politik besonders nötig?
Eine erfolgreiche Antikorruptions-Kampagne ist unabdingbar für freie und vor allem faire Wahlen. Dies wird auch langfristig einen positiven Effekt haben und nicht nur für die Wahl von Bedeutung sein. Ein weiteres Problem, das Reformen notwendig macht, sind die innerparteilichen Strukturen. Ganz gleich, welche Partei an die Macht kommt, sie wird nicht demokratisch handeln. Die jeweilige Regierung hat ein autoritäres Selbstverständnis. Der Fraktionszwang und das Fehlen freier Debatten macht es ParlamentarierInnen unmöglich, gegen die Parteilinie zu stimmen. Somit genießt der Premierminister eine herausragende Stellung und uneingeschränkte Unterstützung im Parlament. Insgesamt sollten politische Parteien demokratischer in ihrer Organisation und transparenter in ihrer Finanzierung sein. Die Parteistrukturen müssen also von innen reformiert werden.

Muhammad Yunus, der »Erfinder« der Kleinkredite und Friedensnobelpreisträger von 2006, wollte eine Partei gründen und sich zur Wahl stellen. Trotz einer breiten Unterstützung im Land musste er aufgeben, seine Partei existiert nicht mehr. Was ist passiert?
In einem Land wie Bangladesch mit seiner politischen Spaltung in zwei große Lager ist es schwierig, eine neue Partei zu gründen. Yunus hatte die Unterstützung der Intellektuellen, jedoch nicht der politischen Eliten. Eine politische Partei ohne diese Unterstützung zu gründen, ist praktisch unmöglich. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Eliten weitestgehend korrupt sind.

Was treibt Sie an, mit Ihrer Arbeit als Verleger allen Widrigkeiten und aller Zensur zu trotzen – ein nicht zu unterschätzendes Risiko in einem Land wie Bangladesch?
Es ist richtig, dass ich auf meinem Weg viele Hürden meistern musste. Ich verlege mehrere Arten von Büchern. Ich gebe Lehrbücher für Kinder heraus, veröffentliche aber auch Werke von umstrittenen AutorInnen wie Salman Rushdie oder Taslima Nasrin. Dadurch verliere ich nicht nur viel Geld, sondern gerate auch in unliebsame Konfrontationen mit dem Staat oder bestimmten politischen Gruppierungen. Dennoch mache ich weiter, weil ich mich aktiv für die Verbesserung der Bildung und der Aufklärung in Bangladesch einsetzen will. Wie soll man über ein Thema diskutieren, wenn man gar nicht alle Aspekte kennt? Bangladesch braucht mündige BürgerInnen, um die vielen Herausforderungen zu meistern.


Mesbahuddin Ahmed ist Verleger, Publizist und Gewerkschaftspolitiker in Dhaka. Der von ihm geführte Verlag Chardik gibt in Bangladesch unter anderem die Bücher der säkulären Feministin Taslima Nasrin heraus, die derzeit im indischen Exil leben muss.
Das Interview führten Ahmed Khalifa, Selma Halilovic, Tobias Panofen und Nils Petersen. Sie studieren Politikwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.