Volltext

(Artikel * 2007) Ramirez Voltaire, Simón
Symbolischer Bürgerkrieg Die indigene Bewegung in Bolivien trifft auf Reaktion
in iz3w Nr. 303 * Seite T15 - T18
Themen: Ethnie; Indigene Völker; Verfassung * Bolivien * Santa Cruz * Dok-Nr: 196894
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Indigenität

Symbolischer Bürgerkrieg
Die indigene Bewegung in Bolivien trifft auf Reaktion

Die Wahl des Indigenen Evo Morales zum Präsidenten von Bolivien hat international für Aufsehen gesorgt. Weniger bekannt ist, dass inzwischen eine ‚weiße’, nicht-indigene Gegenbewegung zur Spaltung des Landes führt. Bei dem Konflikt geht es um das nationale Selbstverständnis und das kollektive Imaginäre: Was ist Bolivien? Und welche Rolle spielen Indigene darin?

von Simón Ramírez Voltaire

Der Streit wird nicht mit Waffen ausgetragen. Dennoch hat der Konflikt zwischen dem bolivianischen Tiefland im Osten und dem andinen Hochland im Westen Boliviens historisches Gewicht wie ein Bürgerkrieg: Es geht um das »nationale« Selbstverständnis. Die jeweiligen politischen Eliten sorgten in den letzten Jahren dafür, dass die beiden Landesteile auseinander drifteten. Heute stehen sich zwei Lager gegenüber, die sich kulturell, wirtschaftlich und politisch immer weiter voneinander abgrenzen.
Jede Seite hat eine eigene Vision von Bolivien. Der andine Teil sieht sich als die Kraft, die den im ganzen Land verankerten Kolonialrassismus endgültig überwinden kann und mit der sich die Indigenen neues Selbstbewusstsein einhauchen können. Ihr Ziel: ein »plurikultureller« Staat, mit Betonung auf wieder entdeckten indianischen Prinzipien. Sie sollen bei der »Neugründung der Republik« zu Leitbildern werden.
Der andere Teil Boliviens nennt sich »Halbmond«, weil er aus den fünf halbkreisförmigen departamentos Beni, Pando, Chuquisaca, Tarija und Santa Cruz besteht. Es sind vor allem Unternehmer und einflussreiche Angehörige der alten Elite, die seit der Regierungsübernahme des Indigenen Evo Morales nach Kräften daran arbeiten, dass die »media luna« zum Pol gegen die Regierung in La Paz wird. Ihr wichtigster Akteur ist das Comité Cívico Pro Santa Cruz, in dem sich Wirtschaftselite und Oligarchien versammeln, um ihre Opposition zu artikulieren. Angesiedelt ist es in der Stadt Santa Cruz, dem Wirtschaftszentrum des Landes mit einer Million EinwohnerInnen. Das Comité wurde 1950 gegründet und sieht sich historisch als wichtiger elitärer Impulsgeber für die nationale Politik und als »moralische Regierung« der Cruzeños.

»I was in Bolivia«
Die stärkste Waffe des Comités ist der nationalistisch-populistische Diskurs, mit dem es die Cruzeños als eine eigenständige Nation – die »Cambas« – anruft. Das Comité versucht, die Region identitär und politisch immer stärker von der andinen Bevölkerung abzugrenzen. Es fordert mehr Autonomie vom Zentralstaat und kann dabei auf den cruzeñischen Mythos bauen, aus eigener Kraft von einer vergessenen Region zum Motor der bolivianischen Wirtschaft geworden zu sein. Dies reicht bis hin zu Rufen nach einer Abspaltung vom Rest des Landes. Schon jetzt scherzt man dort in wohlhabenden Kreisen nach einem Aufenthalt in La Paz gerne: »I was in Bolivia«.
Der angeheizte Camba-Nationalismus des Comités ist die politische und ideelle Antwort auf die erstarkte Indígenabewegung. Auf den antirassistischen Kampf der Indígenas reagierte die sich ethnisch überlegen fühlende Oberschicht mit einer Radikalisierung ihres Herrschaftsanspruches. Damit wird sie zum Motor einer unheilvollen Dynamik: Das Erbe des Kolonialismus – die Existenz einer privilegierten weißen Oberschicht, rassistische Diskriminierung, ungleiche Teilhabe – ist der Ursprung eines gesellschaftlichen Konfliktes, den Akteure wie das Comité immer weiter in Richtung einer ethnisch verschärften Spaltung zwischen Osten und Westen des Landes zuspitzen. Deshalb sprechen bolivianische AnalystInnen bereits von einer »Balkanisierung« Boliviens.

Sucre oder La Paz?
Einen deutlichen Ausdruck findet dieser Konflikt in der Verfassungsgebenden Versammlung, die nach einer Volksbefragung ihre Arbeit im August 2006 in Sucre aufnahm (siehe Kasten). Die feindlichen Lager der beiden Boliviens stehen sich hier gegenüber. Trotz der Brisanz der sich verschärfenden Polarisierung ist diese Versammlung aber auch ein Zeichen für die Stabilität der bolivianischen Demokratie: Im Moment der extremen Krise werden die Konflikte immer wieder auf das politische Terrain zurückgeführt. Sie eskalieren nicht in gewalttätigen Konfrontationen, obwohl es durchaus derartige Provokationen und Akteure gibt, wie etwa der »bewaffnete Arm« des Comités, die »Cruzeñistische Jugendunion«. Der – wenn auch zähe – Verfassungsprozess ist somit auch ein Erfolg der bolivianischen Demokratie.
Das Regierungslager verfügt in der Verfassungsgebenden Versammlung über die absolute, nicht aber über die Zweidrittelmehrheit. Nur sie würde es der Evo Morales nahe stehenden Reformbewegung ermöglichen, die neue Verfassung allein nach ihren Vorstellungen zu verabschieden. Die Opposition nutzt dagegen ihr Gewicht, um eine indigen geprägte Verfassung zu blockieren. Das Gezerre in der Versammlung stürzte das Gremium, das Bolivien eigentlich neu gründen sollte, in eine anhaltende Krise. Die Frist für die Verabschiedung der neuen Magna Charta wurde deshalb bis Dezember 2007 verlängert. Im September schlossen Regierung und Opposition eine »nationale Vereinbarung«, um den Weg für Kompromisse zu ebnen und den Verfassungsprozess weiter zu bringen – die »letzte Chance« für eine Einigung, so KommentatorInnen.
In der Verfassungsgebenden Versammlung, in der 16 verschieden Gruppen und Parteien vertreten sind, geht es unter anderem um die künftige Staatsform (Zentralstaat versus Föderalismus) und Staatsorganisation, die Rolle der Indígenas, Bodenschätze, die Rolle des Staates in der Wirtschaft und die Landfrage. Auch das kulturelle Selbstverständnis des künftigen Staates und seiner Symbole sorgten für Streit.
Am stärksten ist der symbolische Kampf über das künftige Bolivien in der Debatte um die Hauptstadt verdichtet: Während das »andine Bolivien« seinen zentralen Sitz weiterhin in La Paz haben möchte, schlägt die Opposition vor, dass Sucre künftig Hauptstadt und Regierungssitz sein soll. Hiermit soll eine republikanische Tradition konstruiert werden, die in Sucre ihren gründungshistorischen Sitz haben soll.

Eine fragmentierte Nation
Die sich in der Verfassungsgebenden Versammlung und im Hauptstadt-Streit zugespitzte Polarisierung zeigt, wie sehr in der bolivianischen Gesellschaft das kollektive Imaginäre und die symbolischen Repräsentationen neu ausgehandelt werden. Mit dem neuen indigenen Selbstbewusstsein und dem verstärkten Vordringen indigener AkteurInnen in das politische Terrain seit Beginn der 1990er Jahre ist das bisher tragende Selbstverständnis des bolivianischen Nationalstaates mitsamt seiner symbolisch-institutionellen Ordnung auseinander gebrochen. Der Zusammenhang zwischen einer »Ethnisierung des Politischen« und den veränderten Bedingungen für politisches Handeln im Neoliberalismus – Rückzug des Staates, sozio-ökonomischer Wandel, Wiederaufwertung der Gemeinschaft – ist in Bolivien deutlich ausgeprägt (siehe den Beitrag von Olaf Kaltmeier in diesem Themenschwerpunkt).
Historisch gesehen ist die bolivianische »Nation« allerdings nie besonders stabil gewesen. Seit der Revolution von 1952 sollte sie auf dem »Mestizischen« gründen – der Konstruktion einer Mischlingsnation aus Nachfahren der SpanierInnen und UreinwohnerInnen. De facto ist Bolivien in hohem Maße plurikulturell: 30,7 Prozent der BolivianerInnen sehen sich heute als Ketschua, 25,2 Prozent als Aymara, 1,6 Prozent als Guaraní, 2,2 Prozent als Chiquitanos und 0,9 Prozent als Mojeños. 1,4 Prozent fühlen sich einer der weiteren rund 30 erfassten ethnolinguistischen Gruppen zugehörig. Nach diesen Selbstzuschreibungen, die im Hinblick auf die kollektiven Imaginationen das wichtigste quantitative Kriterium sind, sehen sich also 62 Prozent der BolivianerInnen als Indígenas.
Die Statistik spiegelt teilweise die Polarisierung des Landes wider: Während sich in den Halbmond-Departmentos Beni, Santa Cruz und Tarija eine Mehrheit zwischen 67 und 80 Prozent als »nicht indigen« fühlt, bezeichnen sich in La Paz, Oruro, Potosi, Cochabamba, Chuquisaca und Pando 64 bis 83,9 Prozent als Indígenas.
Für die politische Ethnizität kann die ethnolinguistische Zusammensetzung nur bedingt Auskunft geben – zumal Statistiken über solche Selbstzuschreibungen ein falsches Bild von klar abgegrenzten und homogenen »Ethnien« suggerieren können. Sie geben aber Aufschluss darüber, wie viele BolivianerInnen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt als Indígenas betrachten. Die Ergebnisse sind sowohl von der politischen Konjunktur abhängig – es liegt nahe, dass sich bei starker indigener Mobilisierung mehr Menschen als Indígenas fühlen –, als auch vom normativen Ansatz und den politischen Interessen, die sich in der Methodik einer solchen Studie niederschlagen. So kam eine Erhebung im Jahre 1900 zu dem Resultat, dass die indigene »Rasse« im Begriff sei, zu verschwinden. 1950 wurden dagegen 63 Prozent Indígenas errechnet, während zwischen 1952 und 1992 das Indigene aus der offiziellen Sprache völlig ausgeblendet wurde.

»Bauer« oder »Indígena«?
Ein Wandlungsprozess der indigenen politischen Subjektivität ist in der Geschichte der Einzigen Syndikalen Konföderation der Bolivianischen Landarbeiter (CSUTCB) erkennbar. Sie ist ein überregionaler indigen-syndikaler Verband neben weiteren Indígena-Organisationen, die zwar auch in der Zentralpolitik in Erscheinung treten, aber regional verwurzelt sind. In die CSUTCB ist das Ringen um die politische Subjektivität – zwischen Klasse und Ethnizität – eingeschrieben. Ihr Vorlauf geht bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, formal gibt es die CSUTCB seit 1979. Sie ist die vereinte Organisation der bäuerlichen Gewerkschaftsbewegung, die seit der Revolution von 1952 zu einem mächtigen Akteur in den Aushandlungen mit zivilen und militärischen Regierungen wurde.
Die CSUTCB ist Teil der Dachgewerkschaft Bolivianische Arbeiterzentrale (COB), in der neben anderen auch die Minen-, Kokabauern- und Bäuerinnengewerkschaft Mitglieder sind. Die widersprüchliche Konstruktion der bolivianischen Subalternen als BäuerInnen, bzw. ArbeiterInnen oder Indígenas durchzieht die Geschichte der bolivianischen Gewerkschaftsbewegung: Je nach historischer Konstellation überwog stets eine Definition. Vereinfacht lässt sich sagen, dass innerhalb der Gewerkschaften und der CSUTCB immer ein Kampf zwischen dem indigenen und dem Arbeiter- oder Bauernsubjekt um die Definitionsmacht herrscht. Bis in die 1990er Jahre hinein waren sie teilweise stark vom marxistischen, arbeiterzentrierten Diskurs der Minengewerkschaft FSTMB geprägt, danach bekam die indigene Ausrichtung immer größeres Gewicht, in der heute die CSUTCB eine Leitfunktion hat.
Die Bauerngewerkschaft ist ein bedeutender Faktor bei der Kanalisierung und Vermittlung von Politik in Bolivien: Selbstbewusste Schätzungen errechnen, dass die CSUTCB heute mit 3,8 Millionen eingegliederten Indígenas Boliviens Organisation mit den meisten Mitgliedern ist, bei einer EinwohnerInnenzahl von rund 8 Millionen.
Die Besonderheit der CSUTCB und des bolivianischen Korporatismus liegt darin, dass sie sich nicht auf die Funktion einer Gewerkschaft beschränken lassen. Bis heute ist die Struktur der CSUTCB, die von der Regierungsspitze bis in kleinste bäuerliche Gemeinden reicht, in vielen Regionen Boliviens die zentrale Form der sozialen und politischen Organisation. Ihre kleinste Einheit ist das sindicato. Das sindicato hat dort, wo es stark ausgeprägt ist, zwei Funktionen inne: Es ist staatliche Verwaltung und Vertreter der indigenen Ordnung. Elemente indigener Organisation finden sich in fast jedem sindicato, zum Beispiel Ämterrotation, die Organisation von Zeremonien und die kollektive Entscheidungsfindung in der Vollversammlung.
Es gibt aber auch Fälle wie im Norden Potosís, in denen die sindicato-Organisation im offenen Konflikt zur indigenen Ordnung – hier den »Ayllus« der Aymaras – steht. Häufig gibt es Mischformen, wie sie in der Hochebene von La Paz weit verbreitet sind. Vor allem in der Region Cochabamba gilt das sindicato als am stärksten akzeptiert. Das Verhältnis von indigenen und syndikalen Strukturen lässt sich kaum für das ganze Territorium bestimmen. Wichtig ist aber die grundlegende Bedeutung, die die sindicato-Struktur historisch und gegenwärtig in vielen Regionen für Politik und Staatsbildung hat.

Ist der Demos ein Ethnos?
Die staatlich-politische Organisation ist somit vor allem auf lokaler Ebene weithin von indigen-syndikalistischen Organisationsformen sowie indigenen Imaginationen über Nation und Staat durchdrungen. Verstärkt wurde dies durch das Gesetz der participación popular von 1994, das eine Dezentralisierung von Verwaltung und politischer Beteiligung zum Ziel hatte.
Politische Ethnizität ist in Bolivien also mehr als ein solidarischer Zusammenschluss ethnisch definierter Gruppen, um den Ausgeschlossenen eine Stimme zu geben (panethnische Bewegung). Im bolivianischen Staatsbildungsprozess sind indigene Formen längst eingeschrieben und Teil seiner täglichen Praxis. Mit der Wieder-Erfindung ihrer Traditionen« (so ein geflügeltes Wort des Historikers Eric Hobsbawm) und der Ausbildung politischer Ethnizität wurden sie wieder aufgewertet.
Somit versteht sich die Konstruktion des Demos vielerorts immer mehr als Konstruktion eines Ethnos – die Bürgerschaft ist indigen. Politik wird in der comunidad mit Hilfe indigener Deutungsmuster vermittelt. Politische Ethnizität ist zu einer Form geworden, die Beziehung zwischen Zentralstaat und der Peripherie zu regulieren. Sie trägt zur Legitimierung des gesamten Staatsgefüges bei – auch wenn dies nicht immer als solche anerkannt wird. Das andin-indigene Imaginäre hat also in dem Konflikt mit den NationalistInnen in Santa Cruz durchaus eine institutionell-materielle Grundlage.
Vor diesem Hintergrund plädiert das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) für eine neue Sicht auf den bolivianischen Staat: Anstatt von einem failed state auszugehen und der Illusion eines liberalen Einheitsstaates anzuhängen, sollten künftig die unterschiedlichen Vorstellungen über Bolivien in einem pluralistischen Sinne stärker betont werden. Der Beitrag der täglichen, häufig indigen geprägten Praxen zur Herausbildung des bolivianischen Staates solle stärker anerkannt werden. Um aus dem »Labyrinth« der bolivianischen Krise herauszukommen, solle ein neues Staatverständnis mit einem Vokabular »made in Bolivia« konstruiert werden (PNUD 2007).

Zwei Seiten einer Medaille
Die ethnisch konnotierten Konflikte in Bolivien sind ein Kampf der unterschiedlichen »imaginarios«. Doch wäre es verkürzt, die Auseinandersetzungen allein auf diese Dimension zu reduzieren. Denn die ethnisch konnotierte Spaltung in Osten und Westen überlagert sich mit Konflikten um Zugang zur politischen Macht, Klassenauseinandersetzungen, der Kontrolle über natürliche Ressourcen und Staatseinnahmen. So sind in Santa Cruz der (nicht selten illegale) Großgrundbesitz, die hohe Konzentration an der einträglichen Erdgasförderung und die Wirtschaftskraft der Region Gründe für das massive Eintreten der »Cambas« für ihre Interessen. Etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden in Santa Cruz erwirtschaftet.
Die imaginäre Polarisierung Boliviens zeigt die Widersprüchlichkeit und gleichzeitig die Gefahren einer Dynamik auf, in der zunehmend ethnisch argumentiert wird: Auf den Emanzipationsprozess und das neue Selbstbewusstsein der indigenen Bevölkerung reagiert die weiße Elite mit einem auf dem alten Rassismus basierenden »Camba«-Nationalismus. Was bei den Indígenas befreiend wirkt, wandelt sich auf der Gegenseite in einen brandgefährlichen Chauvinismus, der zu einer Art symbolischen Bürgerkrieg führt.
In dieser Dynamik sind beide Parteien Gefangene: Für die indigene Bewegung und die Regierung erschweren sich die Bedingungen, eine neue Staatsverfassung mit indigenen Elementen zu errichten, während die Camba-Seite in einem Unternehmer-Populismus festgefahren ist. Die Konstruktion eines integrierenden kollektiven Imaginären, in dem sich die BürgerInnen als BolivianerInnen und als Mitglieder eines Subkollektivs wie Ketschuas, Cambas oder Aymaras fühlen können, rückt in die Ferne.

Literatur:

– Centro de Estudios para el Desarrollo Urbano y Regional (CEDURE) (2005): Santa Cruz y su gente. Santa Cruz

– Alvaro García Linera (Coord.) (2004): Sociología de los movimientos sociales en Bolivia. La Paz

– Programa de las Naciones Unidas para el Desarollo (PNUD/UNDP) (2007): Informe Nacional sobre Desarrollo Humano 2007. El estado del estado en Bolivia. La Paz

– Ramiro Molina B./ Xavier Albó (2006): Gama étnica y lingüística de la población boliviana. La Paz


Simón Ramírez Voltaire ist Politikwissenschaftler und promoviert am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin über lokale Demokratie-Prozesse und fragmentierte Staatsbildung in Bolivien.



Nicht aus einer Rippe Evos
Indigene Frauen in Bolivien auf dem Weg zu politischer Partizipation

Seit August 2006 arbeiten 21 thematische Kommissionen der Verfassungsgebenden Versammlung an der Neugründung der Republik Boliviens. 88 Frauen nehmen daran aktiv teil. Viele von ihnen kommen aus den sozialen, indigenen und Frauenbewegungen.
So wie Nélida Faldín, Mitglied der Kommission für die Struktur des Staates: »Ich bin indigenes Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung und repräsentiere das Tiefland«, stellt sie sich vor. Eines der Hauptanliegen der Gemeinschaften der Chiquitan@s im Bundesstaat Santa Cruz ist es, endlich die kollektiven Landbesitzrechte in der Verfassung festzuschreiben.
Von den indigenen Aufständen des 18.Jahrhunderts bis hin zu den heutigen sozialen Bewegungen waren Frauen an den Mobilisierungen stets zahlreich beteiligt. Dies spiegelte sich allerdings nie in den realen Machtverhältnissen wider. Nun fordern Frauenorganisationen vermehrt ihren Platz in politischen Entscheidungsstrukturen und engagieren sich für die neue Verfassung. Im Januar 2007 trafen sich Vertreterinnen der »Union der Parlamentarierinnen Boliviens« sowie die weiblichen Mitglieder der Verfassungsgebenden Versammlung und wählten eine Koordinatorin für Frauenfragen in den Verfassungsdebatten. Roxana Zaconeta vom Kollektiv »Frauenpräsenz in der Geschichte« begründet das Engagement so: »Unser Ziel ist es vor allem, einen gendergerechten Blick auf alle Prinzipien der Verfassung zu werfen und in die Visionen für das Land einzubringen. Es gibt Forderungen, die unerlässlich sind, wie zum Beispiel die nach einem laizistischen Staat.«
Ende Mai verabschiedeten indigene, afrobolivianische, feministische und gewerkschaftliche Organisationen ein Positionspapier mit Forderungen für die neue Verfassung im Hinblick auf Frauenrechte. Unter anderem wird das Recht auf sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung gefordert. Dass dies in einem katholischen Land wie Bolivien nicht einfach durchzusetzen ist, zeigt die aktuelle Debatte um Abtreibung. Die Kommission »Rechte, Pflichten und Garantien« schreibt in ihrem Bericht: »Das Recht auf Leben beginnt bei der Empfängnis.« Frauenorganisationen wiesen diese Formulierung als religiös gefärbten Konservatismus zurück. Über den Entwurf wird nun die Vollversammlung debattieren und entscheiden.
Von den 88 weiblichen Mitgliedern der Verfassungsgebenden Versammlung gehören 64 zur Partei des indigenen Präsidenten Evo Morales, der Bewegung zum Sozialismus (MAS). Die Wahl der Versammlung verlief ausschließlich über die politischen Parteien. Dies wurde von einigen Angehörigen der Basisbewegungen heftig kritisiert. Nach Meinung des anarcho-feministischen Kollektivs Mujeres Creando erhalten dadurch auch die 2003 gestürzten Parteien erneute Legitimität. Das alte Herrschaftssystem werde aufrechterhalten und bestenfalls durch eine »phallische Dekolonisierung« ersetzt. »Aus einer Rippe Evos wird keine Eva entstehen«, lautet eine der Parolen der Mujeres Creando.
Auch die Frauen der Asamblea Feminista versuchen den Verfassungsprozess von außen mitzugestalten. Sie sehen darin ein Instrument der Bevölkerung »von der Straße aus«. Denn dies sei der Geist des Oktobers – gemeint ist der Oktober 2003, in dem nach Massendemonstrationen der damalige Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada ins Exil gezwungen wurde. Statt Parteizugehörigkeit propagieren die Frauen autonome feministische Räume und Zusammenschlüsse mit anderen Segmenten der Basisbewegungen.
Die bolivianische Frauenbewegung war lange Zeit polarisiert. Auf der einen Seite standen die Organisationen der »Gender-Technokratie«, die die Elite und die herrschaftsunkritische NGO-Szene repräsentierte. Als Gegenpol dazu formierten sich anarcho-feministische Gruppierungen wie Mujeres Creando und die Asamblea Feminista. Doch auch diese Strömung machte es sich ebenso wenig wie erstere zur Aufgabe, die Frauen indigener Herkunft als politische Subjekte in den Mittelpunkt zu rücken. Die bisherige feministische Forschung westlicher Prägung in Bolivien schenkte den realen Lebensumständen indigener Frauen kaum Beachtung, weshalb feministische Ideen von der bolivianischen Bevölkerung kaum aufgegriffen wurden.
Es ist nicht leicht, sich als indigene Frau in einer patriarchalen und von kolonialer Dominanz geprägten Gesellschaft zu behaupten. Nélida Faldín beklagt: »Um zu studieren oder einen Beruf auszuüben, musstest du deinen Namen ändern, um in eine Bank zu gehen, dich elegant anziehen. Andernfalls wärst du nicht hineingekommen.« Isabel Domínguez berichtet, dass auch in der Verfassungsgebenden Versammlung permanent versucht werde, den indigenen Frauen Kompetenz abzusprechen. »Einige Politiker der traditionellen Parteien sind mit meiner Person nicht einverstanden und sagen, die Isabel Domínguez ist nicht professionell, sie ist keine Akademikerin.« Dabei kann Dominguez auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Seit vielen Jahren ist sie in Frauenbewegungen aktiv, wegen ihres Engagements wurde sie in den 1990er Jahren Opfer von politischer Gewalt, Gefängnis und Folter. Derzeit ist sie Vorsitzende der Nationalen indigenen Bäuerinnenvereinigung Bartolina Sisa (FNMCBS). Diese ist mit über 100.000 Mitgliedern die größte Organisation indigener Frauen in Bolivien und verfügt landesweit über gewerkschaftliche Strukturen.
Die MAS-Regierung versteht sich zwar als Instrument der sozialen Bewegungen, an den patriarchalen Machtverhältnissen hat sie bisher aber wenig geändert. Immerhin konnten sich indigene Frauenorganisationen als Vertreterinnen von Fraueninteressen konsolidieren, während die technokratische NGO-Szene an Legitimität verliert. Dabei bleibt die Frage offen, ob die Autonomie der Frauenorganisationen innerhalb der sozialen Bewegungen gewährleistet werden kann. Zu den Herausforderungen für die erstarkende Frauenbewegung indigener Prägung zählen daher einerseits die Erforschung der Überschneidung von kolonialen und patriarchalen Herrschaftsmechanismen sowie andererseits die Ermächtigung der unterprivilegierten Frauen zur Selbstrepräsentation auf politischer Ebene.
Zwar hält sich die Zahl der am neuen Regierungsprojekt beteiligten Frauen noch in Grenzen, die bereits involvierten Frauen lassen sich aber nicht so leicht von ihrem Weg abbringen. Die Präsidentin der Verfassungsgebenden Versammlung, Silvia Lazarte, stellt klar: »Trotz der Drohungen durch einige Abgeordnete werde ich weitermachen. Mit aller Deutlichkeit werden wir weiterarbeiten, bis wir die neue Verfassung überreichen können.«


Alicia Allgäuer und Isabella Radhuber sind Diplomandinnen am Institut für Politikwissenschaft in Wien und absolvierten zahlreiche Forschungsaufenthalte in Bolivien. Die ungekürzte Fassung ihres Beitrages erschien in der Zeitschrift Frauensolidarität (3/2007).