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(Artikel * 2007) Lempp, Sarah
Reinheit versus Einheit Ist der Begriff indigen in Afrika anwendbar?
in iz3w Nr. 303 * Seite T14 - T14
Themen: Diskriminierung; Indigene Völker; Minderheit; Nationalismus * Afrika * * Dok-Nr: 196893
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Indigenität

Reinheit versus Einheit
Ist der Begriff »indigen« in Afrika anwendbar?

von Sarah Lempp

Während der Begriff Indigene in Süd- und Nordamerika gebräuchlich und anerkannt ist, ist er im Falle Afrikas unüblich. Dort ist die Unterscheidung in präexistente und kolonisierende Gruppen relativ neu. Auch fällt sie in Afrika nicht so eindeutig aus wie in Amerika und macht dadurch die Einteilung in indigene und nicht-indigene Bevölkerung schwieriger.
Meist wird für die Bestimmung von Indigenität auf die »Cobo-Definition« zurückgegriffen. Der UN-Sonderberichterstatter José Martínez-Cobo legte 1986 vier Kriterien fest, die »indigene Gemeinschaften, Völker und Nationen« ausmachen: 1. Prä-Existenz: Es handelt sich um die ursprünglichsten, die relativ »ersten« Bewohner eines Territoriums. 2. Nicht-Dominanz: Die Mitglieder sind kaum an staatlichen und gesellschaftlichen Prozessen der Mehrheitsbevölkerung beteiligt. 3. Kulturelle Differenz: Die Gruppe weist unterscheidbare kulturelle Merkmale wie Sprache oder Religion auf. 4. Selbst-Identifikation: Die Mitglieder verstehen sich selbst als indigen.
So ist den amerikanischen Indigenen gemeinsam, Nachkommen der ersten BewohnerInnen eines (kontinentalen) Territoriums zu sein, das von überseeischen Mächten kolonisiert wurde. Da diese sie nicht als eigenständige Nationen anerkannten, wurden sie nicht entkolonisiert, sondern leben heute als marginalisierte Bevölkerungsgruppen in »europäisch-westlich« dominierten Staaten wie den USA. In Afrika für einzelne Ethnien das Kriterium der Präexistenz nachzuweisen, ist deutlich schwieriger. Zudem könnten nach Ende der Kolonialzeit alle AfrikanerInnen als »indigen« bezeichnet werden, da sie kolonisiert wurden und schon vor Ankunft der EuropäerInnen in Afrika gelebt haben. Den Status der Indigenität nun ausschließlich damit zu begründen, dass es sich um marginalisierte und unterdrückte Gruppen handelt, wird vielfach skeptisch gesehen.
Die Regierungen von Ländern wie Namibia oder Nigeria wehren sich gegen die Anwendung des Begriffs »indigen« auf einzelne Ethnien in ihrem Land. Sie befürchten Sezessionsbestrebungen, bangen um ihren Zugriff auf Bodenschätze oder möchten die »nationale Einheit« des Landes nicht durch partikulare Interessen gefährdet sehen. Den Indigenen geht es hingegen oft nur um die Anerkennung sozialer, politischer und kultureller Rechte.
Zu den sich als indigen bezeichnenden Gruppen in Afrika gehören unter anderen die San im südlichen Afrika, die Tuareg in Nordafrika, die Ogoni in Nigeria oder die Mbuti in der Demokratischen Republik Kongo. Sie betrachten sich als verschieden von der Mehrheitsbevölkerung und sind oftmals Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Manche von ihnen definieren sich über ihre (frühere) Lebens- und Wirtschaftsweise, wie Nomadentum oder Jagen und Sammeln. Viele begründen ihren Anspruch auf den Status der Indigenität damit, einem »internen Kolonialismus« ausgesetzt zu sein und sich kulturell deutlich von der herrschenden Ethnie ihres Landes zu unterscheiden. In den letzten Jahren haben sich Indigene zunehmend in Netzwerken und Organisationen zusammengeschlossen, um ihre Interessen vor der UNO, aber auch auf nationaler Ebene besser artikulieren zu können.
Eine verwandte Diskussion dreht sich um die Frage der »Autochthonie«, die vor allem in Westafrika seit den 1990er Jahren eine Rolle spielt. Hierbei konstruiert die vorherrschende Bevölkerungsgruppe mithilfe einer Grenzziehung zwischen »Einheimischen« und »Fremden« (innerhalb eines Dorfes, einer Region oder des ganzen Staates) eine scheinbare »Reinheit«, die als Instrument zum Ausschluss von ImmigrantInnen oder sonstigen »AußenseiterInnen« dient. Beispiele hierfür sind politische Auseinandersetzungen in Côte d’Ivoire, Kamerun oder Gabun, wo Regierende mehrmals versuchten, Oppositionspolitiker von Wahlen auszuschließen, die nicht vollständig »biologisch« zum jeweiligen Land gehörten, etwa weil ihre Eltern in einem Nachbarland geboren wurden.
So spielte im Bürgerkrieg in Côte d’Ivoire das Konzept der Ivoirité eine zentrale Rolle. Die Regierung unter Präsident Bédié entdeckte diesen Begriff, den es schon seit den 1970er Jahren gibt, wieder und verstärkte ihn zu einem ethnonationalistischen, xenophoben Konzept. Sie nutzte das Konstrukt der Ivoirité bei der Landrechtsreform 1998, um nur »wahren Ivoirern« das Erbrecht für Land zuzugestehen – und entzog damit einem Viertel der Bevölkerung die Möglichkeit, Land zu (ver-)erben. Im Vorfeld der Wahlen im Jahr 2000 legte die Nachfolgeregierung unter Guéï fest, dass nur solche KandidatInnen für das Amt des Präsidenten zugelassen werden, deren Eltern beide in Côte d’Ivoire geboren wurden. Dies führte zum Ausschluss des aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Alassane Ouattara, der für die Interessen des muslimisch dominierten Nordens und der oft sehr armen ImmigrantInnen aus Mali und Burkina Faso eintrat – und zum Sieg Laurent Gbabgos.
Ein den Indigenitäts- und Autochthoniediskursen partiell entgegen gesetztes Konzept ist der Panafrikanismus. Die panafrikanische Bewegung, die vor allem in den 1960er und 70er Jahren eine große Rolle spielte, hatte eine Rückbesinnung auf die »afrikanische Identität« sowie die Vereinigung aller AfrikanerInnen zum Ziel – einschließlich der Schwarzen in der Karibik und in den Amerikas. In ihren Anfängen hatte die Bewegung stark kulturalistisch und biologistisch argumentiert. Dahingegen ging es panafrikanistischen Regierungschefs wie Kwame Nkrumah in Ghana oder Sékou Touré in Guinea um kontinentale Solidarität der durch den Kolonialismus unterdrückten AfrikanerInnen, unabhängig von Hautfarbe oder Sprache. Die panafrikanische Bewegung wäre somit heute eine Gegnerin indigener Forderungen, da diese potenziell die afrikanische Einheit gefährden.
Sowohl im Indigenitäts- wie im Autochthoniediskurs geht es um Exklusion, Grenzziehung und die Konstruktion von Dichotomien. Somit stellt sich auch am afrikanischen Beispiel die Grundfrage nach Partikularismus versus Universalismus, der sich die gesamte Debatte um Indigenität stellen muss. Wäre es nicht weitsichtiger, anstelle partikularer Rechte allgemeine Menschenrechte einzufordern – also gleiche politische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Rechte aller Individuen in einem Staat?


Sarah Lempp studiert Ethnologie und Politikwissenschaft in Leipzig. Der Beitrag entstand im Rahmen ihres Praktikums im iz3w.