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(Artikel * 2006) Agudelo, Maria Fernanda; Silva, Aidé; Bernal, Argenis; Romero, Gloria; Bustos, Helena
Wir verkörpern die Angst der Unternehmen Interview mit GewerkschafterInnen der kolumbianischen Blumenindustrie
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 384 * Seite 41 - 43
Themen: Blumen; Fairer Handel; Frauen; Gewerkschaft; Internationale Solidarität; Menschenrechte; Repression; Arbeitsbedingungen * Kolumbien * Gewerkschaftsdachverband Untraflores; schwierige gewerkschaftliche Organisation; Flower Label Program - FLP; Kritik an Siegel * Dok-Nr: 181661
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kolumbien
Wir verk?rpern die Angst der Unternehmen
Interview mit Gewerkschafterinnen der kolumbianischen Blumenindustrie

Kolumbiens Blumenindustrie ist eine der gr??ten weltweit und besch?ftigt rund 90.000 Menschen, etwa 75.000 von ihnen sind Frauen. Obwohl die gewerkschaftliche Organisation in Kolumbien gesetzlich gesch?tzt ist, sind Angeh?rige von Gewerkschaften harter Repression ausgesetzt. Um einen effektiveren Schutz durchzusetzen, haben sich verschiedene Einzelgewerkschaften zu dem Dachverband Untraflores zusammengeschlossen. Aid? Silva, Argenis Bernal, Gloria Romero und Helena Bustos arbeiten im Blumensektor und sind Funktion?rinnen von Einzelgewerkschaften und Ultraflores. Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit ihnen ?ber die harten Arbeitsbedingungen, die Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Organisation und die M?glichkeiten internationaler Solidarit?t.

Ihr geh?rt unabh?ngigen Gewerkschaften unterschiedlicher Unternehmen an. Jede davon ist Teil von Untraflores. Wie haben sich die einzelnen Gewerkschaften gegr?ndet und wie haben die Unternehmen darauf reagiert?

Aid?: Ich pers?nlich wurde, eine Woche nach Gr?ndung unserer Gewerkschaft Sintraflores, pl?tzlich au?erhalb der Firma bei einem Subunternehmen eingesetzt. Dort musste ich sechs Monate lang Kartoffeln sch?len. Man k?rzte uns auch die Unterst?tzung f?r das Essen in der Kantine und wir konnten bis heute keinen Vertrag mit der Firma unterzeichnen, trotz zahlreicher Petitionen. Nach vier Jahren sind wir nur noch sechs Frauen von ehemals 27 Gr?nderinnen und wir arbeiten fast ausschlie?lich von zu Hause. Wir gehen von Haus zu Haus und erl?utern, wie wichtig es ist, sich der Gewerkschaft anzuschlie?en.
Unser Dachverband Untraflores wurde im Mai 2001 gegr?ndet. Seitdem wurden 20 ArbeiterInnen entlassen und viele andere sind Opfer von Verfolgung am Arbeitsplatz geworden.

Gloria: Bei meiner Gewerkschaft Sintrapacna haben sich vor allem ArbeiterInnen aus der Blumenweiterverarbeitung zusammen geschlossen. Grund war die st?ndig zunehmende Arbeitsbelastung. Schon bei der Gr?ndung war der Druck seitens des Unternehmens sehr gro?. Viele lie?en sich abschrecken. Wir haben mit 27 Leuten angefangen, gleich am n?chsten Tag wurden f?nf davon zur Unternehmensleitung zitiert. Daraufhin zogen sich drei aus Angst aus der Gewerkschaft zur?ck. Im Ausgleich hatte man ihnen angeboten, sie von der schwarzen Liste der gewerkschaftlich organisierten Personen zu streichen, die innerhalb der Unternehmen kursiert. Wir konnten allerdings in den zwei folgenden Wochen 200 von 600 ArbeiterInnen der Firma f?r uns gewinnen.
Gleichzeitig hat das Unternehmen jedoch eine vertikale Gewerkschaft gegr?ndet, mit der sie einen selbst ausgearbeiteten Tarifvertrag abschloss. Dieser enth?lt auch illegale Klauseln. Einer Person, die dem Tarifvertrag beigetreten ist und trotzdem gewerkschaftlich aktiv wird ohne die Firma sp?testens zwei Tage vorher dar?ber zu informieren, kann beispielsweise ohne Begr?ndung gek?ndigt werden. Wir haben einen Prozess angestrengt, um gegen diese Klausel zu klagen.
Den ArbeiterInnen wird momentan eine Bonifikation von circa 12 Euro angeboten, damit sie den Vertrag unterschreiben. Die gewerkschaftlich Organisierten werden hingegen in allen m?glichen Bereichen diskriminiert und benachteiligt. Uns wurde die Bonfikation und die f?nfmin?tige Fr?hst?ckspause abgezogen. Wir werden in isolierten Bereichen eingesetzt und ich selbst zum Beispiel darf nicht an Versammlungen teilnehmen. Es gibt auch spezielle T?tigkeiten, wie die M?llverarbeitung, f?r die nur Gewerkschaftsmitglieder eingesetzt werden. Vielen von uns wurde auch die M?glichkeit genommen, ?berstunden zu machen oder an Feiertagen zu arbeiten. Das Unternehmen will nicht mit uns sprechen und behauptet, die Gewerkschaft sei kein Verhandlungspartner, da ihre Gesetzm??igkeit anfechtbar sei.

Argenis: Wir mussten unsere Treffen f?r die Gr?ndung der Gewerkschaft heimlich abhalten. Trotzdem kam eines Tages eine der Aufsichtspersonen zu mir an meinen Arbeitsplatz und sagte mir, dass er sich Sorgen mache, da er ?ber Material verf?ge, das belege, dass sich in der Firma eine subversive Gruppe gebildet habe. Er habe Angst, es k?nne etwas passieren. Da f?hlte ich mich bedroht und machte das bekannt.

Ihr arbeitet seit zw?lf Jahren oder l?nger im Blumensektor. Welche Ver?nderungen hat eure Arbeit erfahren und welchen Gefahren sind ArbeiterInnen im Blumensektor heute ausgesetzt?

Helena: Ich arbeite im Anbau. Wir behandeln die Blume vom Auss?en bis zum Schneiden. Durch die Einf?hrung von Flie?bandarbeit m?ssen wir mittlerweile einen oder zwei Monate lang die gleiche T?tigkeit ausf?hren. Wenn zum Beispiel gerade Blumen geschnitten werden m?ssen, dann machen wir das von 6.30 bis 17 Uhr. Dies bringt bei vielen gesundheitliche Probleme mit sich, zum Beispiel Sehnenscheidentz?ndungen durch die sich st?ndig wiederholende Handbewegung, mit der wir mindestens 280 Blumen pro Stunde schneiden. Weiterhin sind wir der Begasung mit Pestiziden ausgesetzt. Daraus ergeben sich unter anderem Gesundheitsprobleme wie Bronchitis, Asthma und Hautreizungen. Die Mindeststandards in punkto Arbeitssicherheit werden vielfach nicht beachtet. Beispielsweise wird die Zeit nicht eingehalten, die vergehen muss, bis eine Person nach einer Begasung mit Pestiziden die Anbaufl?che wieder betritt.

Aid?: Vor zehn Jahren hatten wir ArbeiterInnen noch nicht so viele Krankheiten. Fr?her k?mmerte sich jede Arbeiterin um circa 30 Pflanzreihen und war f?r die Blumen w?hrend des ganzen Wachstumsprozesses zust?ndig. Die ArbeiterInnen f?hrten verschiedene T?tigkeiten aus und mussten sich st?ndig unterschiedlich bewegen. Heute spezialisieren die Unternehmen eine Arbeiterin nur noch auf einen Arbeitsschritt, so dass wie am Flie?band gearbeitet wird. F?r die Unternehmen bedeutet das nat?rlich einen gro?en Gewinn, da so die Produktivit?t gesteigert wird. Fr?her haben wir durchschnittlich 180 Blumen pro Stunde geschafft, heute sind es je nach Sorte fast 350.
Viele ArbeiterInnen mit gesundheitlichen Schwierigkeiten landen bei einem privaten Gesundheitsdienst, der sie wiederum an die Berufsrisikoversicherung verweist. Diese beurteilt, ob es sich um eine arbeitsbedingte Krankheit handelt. Meistens entscheidet sie sich dagegen und spricht von allgemeinen Leiden wie Rheuma und schlimmstenfalls davon, dass die Krankheit psychologische Ursachen habe. So weigern sich diese Einrichtungen, Verantwortung zu ?bernehmen. Wenn eine Krankheit als nicht arbeitsbedingt eingestuft wird, m?ssen die ArbeiterInnen Einspruch einlegen. Das kann sich lange hinziehen. Ein Problem zieht das andere nach sich, denn die Unternehmen k?nnen ArbeiterInnen entlassen, die mehr als 180 Tage ausfallen. Wird die Krankheit als nicht arbeitsbedingt eingestuft, wird den ArbeiterInnen im Krankheitsfall au?erdem nur 66,5 Prozent ihres Lohns fortgezahlt. Eine unserer Hauptforderungen ist somit die volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Gloria: Ich arbeite in der Blumenweiterverarbeitung. Hier fallen die meisten ?berstunden an. Die ganze Zeit wird ?berwacht, ob wir die Durchschnittsst?ckzahl ? 50 Str?u?e pro Stunde ? einhalten. In der Hauptsaison, zum Beispiel f?r den Valentinstag, arbeiten wir bis zu 36 Stunden am St?ck.

Aid?: Im Jahr 2003 erlitten 384 ArbeiterInnen schwere Vergiftungen. Die meisten von ihnen wurden in die Notaufnahme der umliegenden Krankenh?user gebracht. Obwohl die betroffenen ArbeiterInnen nicht der Gewerkschaft angeh?rten, hat Untraflores Nachforschungen anstellen lassen. Wir haben Klage beim Sozialministerium eingereicht. Dadurch konnten wir erreichen, dass die Firma sich f?r die Vergiftungen verantworten und eine Geldstrafe zahlen musste.

Argenis: Ich habe R?ckenprobleme. Das steht auch in meinen Akten. Trotzdem werden mir Aufgaben ?bertragen, die ich nicht ausf?hren kann. Zweimal wurde ich schon sanktioniert, da ich meine Arbeit nicht bew?ltigen konnte ? obwohl ich gebeten hatte, mir eine andere T?tigkeit zuzuweisen. Eine Sanktion bedeutet, dass der Lohn von zwei Tagen abgezogen wird.

Welche internationale Unterst?tzung erwartet ihr?

Aid?: Wir fordern keinen Boykott. Wir wollen die potentiellen Akteure im Blumensektor sensibilisieren. Dazu z?hlen unter anderem die K?ufer, die Gewerkschaften und NGO. Es geht uns darum, bessere Arbeitsbedingungen und die Wahrung der Menschenrechte zu garantieren. Dies ist das Ziel internationaler Initiativen wie dem Flower Label Program (FLP). Das Programm verleiht ein Siegel, das garantieren soll, dass die Unternehmen, die es erhalten, auf allen Ebenen die internationalen Standards erf?llen.
Die Sache mit den Siegeln ist aber ein bisschen konfus. Wir nennen das Ganze den Krieg der Siegel. Es gen?gt meiner Meinung nach nicht, dass es G?tesiegel gibt. Das ist nur ein Schritt. Wichtiger ist, dass den ArbeiterInnen die M?glichkeit zugestanden wird, sich in unabh?ngigen Gewerkschaften zu organisieren, und dann erst auf ein G?tesiegel zu spekulieren. Unsere Erfahrung in Kolumbien zeigt, dass die Forderung des K?ufers nach einem G?tesiegel nur eine Seite ist. Die andere Seite ist die g?ngige Praxis: die ?berpr?fungen werden nur zu Beginn durchgef?hrt, sp?ter nicht mehr regelm??ig und von verschiedenen Personen. So habe ich eine Firma besichtigt, die eigentlich das Siegel des FLP hatte. Meine erste Frage war, warum es dort keine Gewerkschaft gab, denn das war eigentlich eine wesentliche Voraussetzung, um das Siegel zu erhalten. Man antwortete mir, dass eine Gewerkschaft nicht n?tig sei. Heute wei? ich, dass Gewerkschaften die Angst der Unternehmen verk?rpern, dass die eigenen ArbeiterInnen st?ndig interne ?berpr?fungen durchf?hren und nicht nur auf Pr?ferInnen warten, die seltener und immer angek?ndigt kommen. Eine effektive Kontrolle erfordert ein Zusammenwirken der Unternehmen, der unabh?ngigen Gewerkschaften und der externen Pr?ferInnen auf nationaler und internationaler Ebene. Nur so kann die G?te des Siegels wirklich garantiert werden.

Helena: F?r Kolumbien und die kolumbianischen Exporteure ist es sehr wichtig, welches Bild von der Blumenindustrie international verbreitet wird. Deshalb hat die Vereinigung der Blumenanbauer die Kampagne f?r das Siegel ?Flor Verde? (Gr?ne Blume) unterst?tzt. Es handelt sich hierbei allerdings um ein selbstverantwortlich angelegtes Siegel, das lediglich die Produktion hinsichtlich des Umweltschutzes regelt. Es werden keine Festlegungen ?ber die Arbeitsbedingungen getroffen.

Gloria: Uns interessiert zum Beispiel auch, dass in Deutschland mehr Blumen aus Kolumbien verkauft werden. Wenn die K?uferInnen und VertreiberInnen hier ein Siegel fordern und die Firmen daf?r unter anderem die Existenz von Gewerkschaften erm?glichen m?ssen, dann werden die Firmen auf die bestehende vertikale Gewerkschaft oder den Arbeitgeberverband verweisen. Daher w?re es f?r uns bedeutsam, dass man Gewerkschaften fordert, die Untraflores angeh?ren. Das ist schlie?lich der Zusammenschluss der unabh?ngigen Gewerkschaften, die gemeinsam k?mpfen und sich gegenseitig st?rken, bis eines Tages alle ArbeiterInnen des Blumensektors organisiert sind.

?bersetzung: Katharina Wieland

Mehr Informationen ?ber die Blumenkampagen und Spendenkonto: DGB Bildungswerk ? Nord-S?d-Netz: www.nord-sued-netz.de oder www.fian.de

Text: Mar?a Fernanda Agudelo
Ausgabe: Nummer 384 - Juni 2006