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(Artikel * 2007) Petz Kastner, Jens
"Wir haben keine Linie, wir sind reine Kurven" Das Frauen-Lesbenkollektiv Mujeres Creando in Bolivien
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 391 * Seite 62 - 64
Themen: Feminismus; Homosexualität * Bolivien * Antirassismus; Frauensolidarität; Queer; feministische Fundamentalkritik; Strategie des Ungehorsams; libertäre Grundhaltung * Dok-Nr: 181504
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Queer
?Wir haben keine Linie, wir sind reine Kurven?
Das Frauen-Lesbenkollektiv Mujeres Creando in Bolivien

Mujeres Creando ist ein 1992 in La Paz gegr?ndetes feministisch-antirassistisches Frauenkollektiv, in dem lesbische wie heterosexuelle, indigene wie wei?e, akademische wie proletarische Frauen gemeinsam aktiv sind. Anstatt etwa als und f?r lesbische oder indigene Frauen Politik zu machen, zielen ihre Texte und Aktionen auf die Demontage der patriarchalen, homophoben und rassistischen Klassengesellschaft. Sie versuchen einer Frauen-Identit?tspolitik, die Unterschiede nivelliert, genauso zu entgegen zu wirken wie einer Politik, die ?ber die Anerkennung von Differenzen nicht hinausgeht. Ein Portr?t.

Auch aus der Rippe von Evo wird keine Eva entstehen.? So kommentierte Mar?a Galindo von Mu?jeres Creando die Wahl von Evo Morales zum Staatspr?sidenten Boliviens im Dezember 2005. Sowohl in Morales? Wahlkampf als auch in seiner Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) w?rden Frauen blo? eine marginale Rolle spielen.
Doch auch von indigenen Frauen?organisationen und akademischen ?Gender-Technokratinnen? erwarten Mujeres Creando nicht viel: Auch diese n?hmen Frauen nur als M?tter oder ?Partnerinnen von? wahr, und nicht als politische Subjekte, so Galindo weiter. Unter ?Gender-Technokratinnen? versteht sie jene Frauen, die in NGOs die Interessen internationaler Organisationen ausf?hren und sich zu Erf?llungsgehilfinnen falsch verstandener Entwicklungsprojekte machen lassen w?rden. Die feministische Fundamentalkritik ist seit nunmehr vierzehn Jahren die Sache der Mujeres Creando aus La Paz.
Das Frauenkollektiv produziert jedoch nicht nur Texte. Mujeres Creando veranstalten Workshops, betreiben ein eigenes Frauenhaus namens Virgen de los deseos (Jungfrau der W?nsche) und zwei Homepages. In La Paz ber?chtigt und in Westeuropa bekannt geworden sind sie allerdings vor allem durch ihre Interventionen im ?ffentlichen Raum.
Indigene Frauen aus b?uerlichen Familien des Hochlandes, Sexarbeiterinnen und wei?e, akademische St?dterinnen sind in dem Kollektiv gemeinsam aktiv. Zwar haben diese Frauen verschiedene Marginalisierungen erfahren und scheinen zun?chst nicht viele Gemeinsamkeiten zu haben. Doch die Stigmatisierung als Frauen und der Wunsch, gemeinsame R?ume mit ?komplexen Formen der Interaktion? zu schaffen, seien hinreichend verbindende Elemente, meint Galindo.

Lob der Stra?e

In Graffitis und mit recht spektakul?ren Performances greifen Mujeres Creando verschiedene frauenspezifische Themen auf. Aber auch gegen die Pr?sidentschaft Hugo Banzers (1997-2002), der von 1971 bis 1978 als Milit?rdiktator die Repression gegen Oppositionelle zu verantworten hatte, fanden Aktionen statt. Oder gegen den Neoliberalismus, der mit verschiedenen Privatisierungsoffen?siven seit 1985 in Bolivien installiert wurde.
Dabei beharren die Feministinnen darauf, mit ihren Performances keine Kunst, sondern Politik zu machen. Die Kunstwelt sei ein gesellschaftlicher Bereich des Erlaubten. Ihre Performances aber stehen im Kontext einer Strategie des Ungehorsams. Denn unter Politik verstehen sie weit mehr als die repr?sentative Demokratie zul?sst. Ihre Aktionen richten sich ganz allgemein gegen den Rassismus der bolivianischen Gesellschaft, gegen Homophobie und Klassend?nkel. F?r diesen Kampf sei die Stra?e der beste Ort.
Werden die Differenzen innerhalb der Gruppe nicht besonders hervorgehoben, f?hren sie in der ?ffentlichkeit durchaus Aktionen durch, die etwa spezifisch lesbische Anliegen vermitteln. Die Unterschiede zwischen uns Frauen seien von Beginn an Thema gewesen, hebt eine Mitbegr?nderin des Kollektivs, Julieta Ojeda, hervor. Und zwar zun?chst auf einer ganz grundlegenden Ebene: Sichtbarmachen, dass es sie gibt. In einer Innenstadtaktion liegen zwei Frauen einfach in einem gro?en Bett und geben sich dabei ganz offensichtlich als Liebespaar zu erkennen. Wie alle Performances der Mujeres Creando rief auch die?se sehr heftige Ablehnungen der m?nnlichen Passanten ? aber nicht nur dieser ? hervor. Allein die Thematisierung der Unterschiede richtet sich laut Ojeda schon gegen die ?extrem rassistische, homophobe Macho-Gesellschaft?.
Differenzen zu benennen bedeutet jedoch f?r Mujeres Creando nicht, sie zu bejahen. Im Gegenteil: In dem ?rmsten Land Lateinamerikas mit dem h?chsten Anteil indigener Bev?lkerungsgruppen scheint der antirassistische Kampf zugleich einer um soziale Gleichheit zu sein. In Stra?enaktionen konfrontieren sie so auch b?rgerliche Frauen mit ihrer Abneigung gegen indigene Frauen.
In ihrem Lob der Stra?e kommt einerseits ihre anti-repr?sentative Haltung zum Ausdruck. ?Ich bin keine Sprecherin von irgendjemandem,? schreibt Galindo, ?nicht einmal die Stimmen meiner Schwestern, der Frauen von Mujeres Creando, kann ich vertreten.? Zwar lautet einer der an die W?nde der Stadt gespr?hten Spr?che ?Indias, Huren und Lesben: Vereint, anders herum und verschwestert.? Ein ?bergeordneter Vertretungsanspruch erw?chst daraus aber nicht, ?jede schafft ihre eigene Sprache und spricht f?r sich selbst?, so Galindo. Andererseits liegt ihrem Lob der Stra?e ein sehr emphatisches Verst?ndnis dieses Raumes zu Grunde. Die Stra?e sei nicht nur der Ort, an dem von jeher politische Basisk?mpfe ausgetragen werden. Die Stra?e besitze auch einen ganz eigenen ?Rhythmus?. Ein Beispiel daf?r ist f?r sie der von Frauen organisierte Schwarzmarkt, auf dem mit gef?lschten Markenprodukten der Politik der transnationalen Konzerne getrotzt w?rde. Dass ihre Aktionen auch auf Canal 7 im bolivianischen Fernsehen gezeigt wurden, widerspricht dem programmatischen Faible f?r die Stra?e nicht. ?Das Fernsehen?, schreibt Mar?a Galindo in einem Sammelband zu Theorien der ?ffentlichkeit, ?ist eine Stra?e, die den privaten Raum durchquert. Das Fernsehen ist ein ?ffentlicher Ort. Und deshalb bringen wir uns ins Fernsehen mit derselben Sprache ein, mit der wir auch die Stra?e in Beschlag nehmen.?

Das ganze Paradies

Mujeres Creando konfrontieren aber nicht nur die wei?e Oligarchie mit deren kulturellen und sozialen Ausschl?ssen auf den Stra?en von La Paz. Sie muten diese Konfrontation auch der indigen-linken Regierung zu. So ?bten sie beispielsweise Kritik an der Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung am 2. Juli 2006, die den Prozess der ?Neugr?ndung Boliviens? unter Morales einleiten soll. Durch das Wahlgesetz sei weder eine direkte Repr?sentation der sozialen Bewegungen vorgesehen, so Galindo auf der Mujeres Creando-Homepage, noch seien die ?Exilierten des Neoliberalismus? ber?cksichtigt: BolivianerInnen, die in Argentinien, Brasilien, Spanien oder den USA lebten und zu einer wichtigen St?tze der bolivianischen Wirtschaft geworden seien.
Auch an der parlamentarischen Quotenregelung, die 30 Prozent der Parlamentssitze f?r Frauen vorsieht, ?ben Mujeres Creando immer wieder scharfe Kritik. Die Quote, die in der neoliberalen ?ra eingef?hrt und von der indigen-linken Regierung ?bernommen wurde, basiere nur auf dem biologischen Frau-Sein und nicht auf Inhalten. Es sei nicht einzusehen, warum Frauen andere Frauen nur aufgrund der Biologie repr?sentieren sollten. Au?erdem halte die Quote Frauen davon ab, sich au?erhalb gemischter Gruppen und au?erhalb der Parteien autonom zu organisieren. In einer ihrer Graffiti-Parolen zusammengefasst, lautet die Forderung der Mujeres Creando: ?Wir wollen das gesamte Paradies, nicht 30 Prozent der neoliberalen H?lle.?
Trotz oder gerade wegen ihrer klaren Haltung zur Quote, einem Dauerbrenner hitziger feministischer Debatten, ist der Feminismus der Mujeres Creando in westeurop?isch-nordamerikanische Kategorien schwer einzuordnen. ?Wir haben keine Linie?, hei?t es in einem f?r die ?sterreichische Kunst-Zeitschrift Bildpunkt verfassten Text, ?wir sind reine Kurven?. Dieser Titel persifliert nicht nur die diversen Parteilinien. Er deutet zudem den Kampf um die R?ckeroberung der K?rper an. Diese starke Bezugnahme auf den eigenen K?rper, verbunden mit dem ideologiekritischen Angriff auf dominante K?rpernormen ? in einer Performance befreien sich Frauen aus einem mit Barbie-Puppen verkn?pften Fadengestr?pp ? erinnert stark an den Feminismus der zweiten Frauenbewegung in Nordamerika und Westeuropa. Im Gegensatz zu diesen Str?mungen der sp?ten 1960er und 1970er Jahre aber setzen die Mujeres Creando weniger auf Identit?tspolitik. Eine gemeinsame Identit?t, ein ?Wir Frauen?, wird ? au?er in den Diskriminierungserfahrungen als kleinster gemeinsamer Nenner ? nicht behauptet.

Verschr?nkungen

Trotz der Abgrenzung zu den NGO-Frauen, in der sich die in ganz Lateinamerika vorherrschende Spaltung von institutionalisierten, eher akademischen und bewegungsorientierten, tendenziell proletarischen Frauenbewegten spiegelt, setzen auch die Mujeres Creando auf gegenseitige Bereicherung. Im genannten Theorieband formuliert Galindo das so: ?Um Identit?ten und subversive Heterogenit?ten zu konstruieren, muss ich meine Differenzen, meine Geschichten, meine Schmerzen und meine Talente mit ?der Anderen?, die sich von mir unterscheidet, erg?nzen, erstreiten und vermischen.?
In ihren Aktionen und Texten beschreiben die Feministinnen immer wieder die Verschr?nkungen geschlechtlicher, sexueller, ethnischer und klassenstruktureller Herrschaft. Zum Ausdruck kommt dabei ebenfalls, dass die K?mpfe dagegen auch dementsprechend Hand in Hand gehen sollten. So stimmen die Feministinnen auch grunds?tzlich mit der vom MAS angestrebten Dekolonisierung des Landes ?berein. Ohne die Depatriarchalisierung allerdings sei diese nicht m?glich.


Mujeres Creando-Performances sind auch zu sehen in der Sendung an.schl?ge TV auf dem Wiener Sender Okto. Weitere Informationen:
www.mujerescreando.org

Text: Jens Petz Kastner
Ausgabe: Nummer 391 - Januar 2007