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(Artikel * 2007) Plate, Markus
"Das ist nicht die Freiheit, die wir wollen" Die LGBT-Szene Lateinamerikas entdeckt den politischen Kampf
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 391 * Seite 34 - 37
Themen: Diskriminierung; Homosexualität; Linke; Neoliberalismus; Sexualität; Soziale Bewegung; Widerstand * Lateinamerika * Queer; Bisexualität; Transgender; erkaufte Freiheit; linker Machismo; linke Homophobie; Dominanz- und Gewaltfantasien * Dok-Nr: 181494
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Queer
?Das ist nicht die Freiheit, die wir wollen?
Die LGBT-Szene Lateinamerikas entdeckt den politischen Kampf

In Lateinamerika leben Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) nicht nur im Zauber der Nacht. Inzwischen erobern mehr und mehr f?r sich auch den Tag. Im Kampf gegen neoliberale Politiken, gegen Diskriminierungsmechanismen innerhalb der Gesellschaft und der ?Szene? aber auch gegen homophobe Ressentiments innerhalb der sozialen Bewegung.

Schwul und Links zu sein ist in Lateinamerika eine Kombination, die bei ?ber 30-j?hrigen Seltenheitswert hat. Wenn man schon k?mpfen will, dann vermeidet man einen Zweifrontenkrieg. Die Folge: Offen Linke verbergen ihre Homosexualit?t, offen Schwule verneinen eine linke Gesinnung. Das ?ndert sich, im S?den des Kontinents und in Mexiko schneller als in den sehr konservativen Gesellschaften Zentralamerikas und des Andenraumes. Der Kampf gegen AIDS hat Schwule zu Aktivisten werden lassen. In Buenos Aires und vor wenigen Wochen in Mexiko-Stadt haben sich Schwule und Lesben das Recht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften erk?mpft oder stehen kurz davor. Mit zeitlicher Verz?gerung von zehn Jahren im Vergleich zu Europa oder den USA erlebt Lateinamerika den klassischen Kampf um B?rgerrechte, um Anerkennung in einem b?rgerlichen Leben. Unter mehr und mehr J?ngeren jedoch gewinnt ein dezidiert antikapitalistischer, anti-neoliberaler und anti-hegemonialer Ansatz an Bedeutung, der den Schulterschluss mit anderen sozialen und politischen Bewegungen sucht. Schwule, Lesben und Transgender dr?ngen verst?rkt in linke Zusammenh?nge.
Ein Beispiel daf?r sind die regelm??igen Treffen sozialer Gruppen und Organisationen, die internationalen und lateinamerikanischen Sozialforen oder wie im letzten Jahr, die 16. Weltfestspiele der Jugend und Studierenden in Caracas ? auch wenn diese immer noch ?berwiegend heterosexuelle Veranstaltungen darstellen. Immerhin: Ein mit fast Tausend Delegierten erstaunlich gut besuchtes Seminar setzte sich in Caracas mit Diskriminierung und Gewalt aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung auseinander. Das Seminar baute auf eine entsprechende Veranstaltung auf, die Anfang 2005 auf dem Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre stattfand und aus dem eine Brosch?re mit dem Titel Jugendliche in Bewegung ? Jugend und sexuelle Diversit?t auf dem Weltsozialforum entstanden war. Schwule, Lesben, offen lebenden Bisexuelle und Transgender haben den Kampf gegen neoliberale Politiken f?r sich entdeckt, wenn auch aus unterschiedlichen Gr?nden.

Erkaufte Freiheit

Andererseits findet das Freiheitsversprechen und die Ideologie des Marktes seine Anh?nger und Apologeten auch in den schwulen Szenen. Gro?e Pharmafirmen, Versicherungsunternehmen oder Automarken werben inzwischen um eine zahlungskr?ftige schwule ? und nicht (oder noch nicht?) lesbische oder transsexuelle ? Kundschaft. Gerade innerhalb der schwulen Szenen ?berall auf der Welt wird Geld zunehmend ungeniert zur Schau gestellt und als sexy empfunden. Dem brasilianischen Aktivisten Mario Carvalho st??t solche Freiheit ?bel auf: ?F?r Schwule ist da ja ein ganz wunderbarer Markt geschaffen worden. Warum nur f?r Schwule und nicht auch f?r Lesben? Es liegt nat?rlich vor allem daran, dass M?nner heute immer noch mehr verdienen als Frauen. Zwei M?nner k?nnen also eine Beziehung innerhalb des kapitalistischen Systems finanziell sehr gut ausstatten. Und da schwule Paare meistens keine Kinder haben und es oft auch keinen Kontakt zum Rest der Familie gibt, bleibt nat?rlich ein Haufen Geld ?brig?. Genau dort beginne ein gro?es Gesch?ft, die Vermarktung der schwulen Lebensweise. Schwule m?ssten doch unentwegt f?r ihre Freiheit bezahlen, so Carvalho. Mit dem Eintrittsgeld f?r eine Disko oder eine Bar, f?r schwule Pauschalreisen, f?r teure Appartements in schwulenfreundlichen Gegenden. ?Nein, das ist nicht die Art Freiheit, die wir haben wollen. Wir wollen uns nicht einfach den Markt aufdr?cken lassen, in allen Winkeln unseres Lebens? sagt Mario Carvalho.
Er ist nicht der Einzige. Gerade von j?ngeren AktivistInnen werden Selbstbezogenheit und Materialismus in der schwulen Szene zunehmend kritisiert. Der Kampf um soziale und politische Rechte, an denen den LGBTs als ArbeiterInnen und StudentInnen ebenfalls gelegen sein m?sse, werde weitgehend ausgeblendet, hei?t es. Eine Wortmeldung einer argentinischen Teilnehmerin bei den Weltfestspielen der Jugend in Caracas macht dies deutlich: ?Wir sehen die absolute Notwendigkeit einer autonomen LGBT-Bewegung mit einem klaren antikapitalistischen Ansatz! Wir sind ?berhaupt nicht einverstanden mit diesen ganzen internationalen Netzwerken schwuler und lesbischer NGOs, die sich um sich selbst drehen und die es nur gibt, weil sie von au?en, n?mlich aus staatlichen Quellen finanziert werden. Wir dagegen fordern den Schulterschluss mit anderen Bewegungen. Denn wir ALLE werden durch dieses kapitalistische und patriarchale System unterdr?ckt. Auch wir Schwulen und Lesben sind arbeitslos, studieren in zerfallenden Universit?ten, leiden als Kranke an einem miserablen Gesundheitssystem. Ein w?rdevolles Leben werden wir uns in einem kapitalistischen System niemals erk?mpfen k?nnen, denn der Kapitalismus fu?t auf der Unterdr?ckung und Ausbeutung von Menschen ? auch von M?nnern durch M?nner, von Frauen durch Frauen. Wie gesagt, unser Ansatz ist radikal.?
Ein solcher, radikaler Ansatz kommt gerade innerhalb der schwulen Szene nicht von ungef?hr: Denn Machismus und Rassismus sind in den schwulen Szenen von Mexiko-Stadt, San Salvador oder Guatemala-Stadt, von Caracas, Quito oder Buenos Aires nicht weniger ausgepr?gt als bei den heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Im Gegenteil: ?In Ecuador und Bolivien m?ssen sich schwule Ind?genas in der mestizisch dominierten Schwulenszene als Cholos beschimpfen lassen, als dreckige Indios? entr?stet sich Rio, der aus diesem Grund vor f?nf Jahren seine ecuatorianische Heimatstadt Cuenca verlassen hat. Heute schl?gt er sich im spanischen Granada illegalisiert und mit schlecht bezahlten Jobs durch. Daf?r bekomme er aber weit weniger Ressentiments aufgrund seiner Hautfarbe zu sp?ren, als in seiner Heimatstadt, so Rio.

Dominanz- und Gewaltfantasien

In Mexiko-Stadt haben sich Nazi-Uniformen zu einem Fetisch entwickelt, zu einem Symbol f?r M?nnlichkeit und Dominanz, w?hrend in Chatrooms der Run auf passive Jungen gestartet worden ist, die sich wie eine ?H?ndin v?geln, schlagen und benutzen? lassen. Offen fordern schwule Machos zudem vom passiven Coun?ter?part, sich ?bare?, also ohne Gummi ficken zu lassen. Die weit verbreitete Ansicht, der aktive Part k?nne sich nur schwer mit HIV infizie?ren, ist dabei zweitrangig. Es geht um m?nnliche Domi?nanz- und Gewalt?fan?tasien und um ein bem?htes Kopieren traditioneller Rollenbilder, wie der 23-j?hrige Schau?spieler Carlos Pereira aus Mexiko Stadt vermutet: ?Aktive schwule M?n?ner wollen auch in einer homo???sexu?ellen Beziehung ihrer m?nnlichen Do?mi?nanz?rolle gerecht werden und sie wollen diese auch ausleben.? W?h?rend Frauen in Lateinamerika immer selbstbewusster w?rden und sich gegen diese Art m?nn?licher Dominanz zu wehren versuchten, f?gten sich passive Jungen und M?nner bereitwillig in diese Rolle. ?Das sieht zwar nach sexuellen Rollen?spielchen aus?, sagt Pereira, ?hat aber einen f?r meinen Geschmack ziemlich ekligen Hintergrund.?
In Guatemala-Stadt tobt seit einigen Monaten ein Krieg zwischen drei schwulen Disko-Betreibern, die in wechselnden Allianzen zur Gesch?ftssch?digung der Konkurrenz nicht davor zur?ckschrecken, mit dem Todfeind eines jeden lateinamerikanischen Schwulen zu paktieren: der Polizei. In Caracas werden von zahlungskr?ftigen Schwulen solche Kneipen gemieden, die von ?la gente fea?, von ?den H?sslichen? besucht werden ? wobei sich ?h?sslich? nicht auf die physische Attraktivit?t bezieht, sondern auf schwule M?nner aus unteren Einkommensschichten! Die Schwulenszene in Lateinamerika (und nicht nur dort) scheint bisher kein sichtbares Gegenmodell zur traditionellen Diskriminierung der eigenen Lebensweise entworfen zu haben. Im Gegenteil: Teilweise werden die am eigenen Leibe erfahrenen Mechanismen im Umgang miteinander kopiert oder sogar verst?rkt.
Von einer Einigkeit der Queer-Community kann also keine Rede sein. Was schon innerhalb der schwulen Szene an Neid, Missgunst und Hass ausgetauscht wird, trifft erst recht die Transsexuellen. Sie sind nicht nur Opfer von Diskriminierung durch heterosexuelle Machos ? ob Polizisten, Arbeitgeber, Kollegen oder Freier ? sondern auch durch Schwule. Transsexuelle werden als Showacts respektiert, doch wenn die Show vorbei ist, gelten sie auch vielen Schwulen als Abschaum der Gesellschaft. Dabei haben gerade Transsexuelle und Transvestiten oftmals ein starkes Selbstbewusstsein und einen hohen Organisationsgrad entwickelt. In Guatemala- Stadt haben transgeschlechtliche Sexarbeiterinnen im letzten Jahr begonnen, sich zu organisieren, um sich besser gegen polizeiliche ?bergriffe und die allgemeine Diskriminierung zur Wehr setzen zu k?nnen. Von der Mehrheit der Schwulen ist das ?T? der LGBT-Bewegung in puncto Solidarit?t jedenfalls reichlich entt?uscht, ebenso vom b?rgerlich-kapitalistischen Gestus eines Gro?teils der sichtbaren Schwulenszene. Einigerma?en akzeptiert sind die Transsexuellen oft dort, wo man es am wenigsten vermutet: In den marginalisierten Barrios Populares von Guatemala-Stadt und Caracas oder in brasilianischen und mexikanischen D?rfern, wo sie sich, wenn sie Gl?ck haben, in zwar konservativen, aber ?berschaubaren Gemeinschaften als ?schriller? Teil einer ?Familie? einigerma?en aufgenommen f?hlen d?rfen.

Homophobie und Machismus der Linken

So sucht die neue Generation der politisch bewegten Schwulen, Lesben und Transgender den Ausbruch aus dem schwulen Ghetto und den Schulterschluss mit der sozialen und links-politischen Bewegung des Kontinents. Auch der kolumbianische Anwalt German Rinc?n Perfetti ist davon ?berzeugt, dass ?wir als Schwule endlich ?ber unseren Tellerrand hinausschauen m?ssen?, um die Diskriminierung durch die Gesellschaft, aber auch innerhalb der LGBT-Szene zu ?berwinden. Solche Initiativen werden von den sozialen Bewegungen jedoch nicht immer freudig begr??t. Die Reaktionen auf die Mitarbeit offen schwuler oder lesbischer AktivistInnen, vor allem in den Gewerkschaften, reichen von Unsicherheit bis zur offenen Ablehnung. Der Machismus innerhalb der lateinamerikanischen Linken sorgt zudem immer noch daf?r, dass Frauen und Lesben einen schweren Stand in der sozialen Bewegung haben. Beide Elemente verbinden sich, wenn es um Transsexuelle geht, die auch in linken Zusammenh?ngen am meisten unter Diskriminierung zu leiden haben. Aber w?hrend sich ?ltere Generationen aus der LGBT-Bewegung davon abschrecken lie?en und sich zun?chst um ihre eigenen Belange k?mmerten, fordert die j?ngere Generation mit wachsendem Nachdruck ein Mitspracherecht innerhalb der sozialen Bewegung.
Schwule, Lesben und Transsexuelle sind in Lateinamerika in den letzten zehn Jahren sichtbarer und selbstbewusster geworden. So gibt es von Mexiko bis Chile mehr und mehr politische Initiativen, die nicht nur f?r schwule B?rgerrechte k?mpfen, sondern grundlegende gesellschaftliche Ver?nderungen bewirken wollen, sei es in Gewerkschaften, Universit?ten oder Stadtteilorganisationen. Die linke, soziale, anti-neoliberale Bewegung in Lateinamerika ist also um eine Facette reicher. F?r Schwule, Lesben und Transsexuelle k?nnen sich daraus spannende Entwicklungsm?glichkeiten ergeben, freut sich German Rinc?n Perfetti aus Kolumbien. Denn ?die M?glichkeit, aus dem homosexuellen ?Ghetto? auszubrechen, um beim Aufbau einer besseren, sozialeren und respektvolleren Gesellschaft zu helfen, ein solcher Prozess ist absolut g?ttlich.?

Text: Markus Plate
Ausgabe: Nummer 391 - Januar 2007