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(Artikel * 2007)
Die vielen Facetten der (Un)Sicherheit Das neue Lateinamerika-Jahrbuch widmet sich einem aktuellen Thema
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 49 - 50
Themen: Diskriminierung; Gewalt; Guerilla; Migration; Militär/Militarismus; Polizei; Strafverfolgung/Straflosigkeit; Paramilitär * Lateinamerika * Sachbuch; Plan Colombia; Frauenmorde; Wirtschaftsintegration Lateinamerikas * Dok-Nr: 181478
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Sachbuch
Die vielen Facetten der (Un)sicherheit
Das neue Lateinamerika-Jahrbuch widmet sich einem aktuellen Thema

Mit dem Ende der lateinamerikanischen (Milit?r-)Diktaturen seit den 80er Jahren verband sich die gro?e Hoffnung, dass die einsetzenden Demokratisierungsprozesse zu einem weniger repressiven Charakter des Staates und der Abnahme institutioneller Willk?r f?hren w?rden. Statt der erhofften Rechtsstaatlichkeit ist die gegenw?rtige Situation jedoch von Repression, korrupten Polizeikr?ften und Gewaltkriminalit?t gepr?gt, was mit einem wachsenden Gef?hl von Unsicherheit in der Bev?lkerung einhergeht.
Das Verhalten der staatlichen Sicherheitskr?fte bestimmt in entscheidendem Ma?e den Grad der Rechtssicherheit, der in einer Gesellschaft herrscht. Angesichts des weitreichenden Mangels an Rechts?sicherheit in vielen Staaten Lateinamerikas gibt es Versuche, die Strukturen der Polizei sowie ihr Verh?ltnis zur Bev?lkerung zu ver?ndern. Diesen Versuchen widmet sich Hugo Fr?hling von der Universit?t Chile in seinem Beitrag ?B?rgernahe Polizei und Polizeireform in Lateinamerika?. Aus Nordamerika und Europa ?bernommene Konzepte b?rgernaher Polizei sind in den vergangenen Jahren in verschiedenen L?ndern Lateinamerikas implementiert worden. Studien zeigen, dass diese Programme von den B?rgerInnen in hohem Ma?e positiv
bewertet werden und zu einer Verringerung des Gef?hls von Unsicherheit f?hren. Ob sie jedoch auch zu einer sinkenden Kriminalit?tsrate beitragen, ist aufgrund der geringen vorhandenen Datenmenge bisher nicht zu beurteilen. F?r die Bek?mpfung von Korruption und Gewalt seitens der Polizei seien au?erdem breiter angelegte Ma?nahmen notwendig, so der Autor. Eine Ver?nderung der ?hierarchischen, zentralisierten, quasi-milit?rischen? Organisationsmodelle (Fr?hling) sei dabei unum?g?nglich.
Eine sehr interessante Analyse der Bundespolizei von Buenos Aires als Wirtschaftssubjekt liefert die Politikwissenschaftlerin Ruth Stanley in ihrem Beitrag ?Unheimliche Begegnungen?. Die Polizei betreibt in Argentinien ein eintr?gliches Gesch?ft ? sei es in Form einer polic?a adicional, einer
?Zusatzpolizei?, die f?r eine extra Bezahlung angemietet werden kann, durch das Abtreten polizeilicher Autorit?t in Elendsvierteln gegen Geld, oder durch unz?hlige unbegr?ndete Verhaftungen, mit denen Bu?gelder eingetrieben werden (so standen im Jahr 2.000 nahezu 46.000 Festnahmen wegen Stra?enprostitution 72 Verurteilungen gegen?ber). Um diese gewinnbringenden, oft korrupten Praktiken nicht zu gef?hrden und nicht allzu gro?em Druck von ?f?fent?licher Seite ausgesetzt zu sein, betreibt die Polizei Imagepflege. Allerdings nicht in Form tats?chlich gelungener Polizeiarbeit, die sich in sinkenden Deliktzahlen ausdr?cken w?rde, sondern zum Beispiel mittels der Praxis, nichtsahnende Personen in ein ausgekl?gelt angeordnetes Verbrechensszenario
hineinzulocken und diese dann vor VertreterInnen der Medien ?ffentlichkeitswirksam zu verhaften. Das eingenommene Geld dient jedoch nicht nur, wie man vermuten k?nnte, der Bereicherung h?herrangiger Polizeioffiziere, sondern auch der Beschaffung von Arbeitsmaterial der stark unterfinanzierten Polizeikr?fte. Hier wird
deutlich, dass allein durch Ver?nderungen in der Organisationsstruktur und einen ebenso erforderlichen Mentalit?tswechsel innerhalb der Polizei das Problem gesetzesbrechender Gesetzesh?ter noch nicht gel?st w?re.

Paramilitarismus in Kolumbien

Nicht minder kompliziert ist die Lage, wenn das Milit?r involviert ist. Raul Zelik gibt einen umfassenden ?berblick ?ber die Entwicklung des Paramilitarismus in
Kolumbien. F?hrten die paramilit?rischen Gruppen urspr?nglich nur staatliche Anweisungen aus, wurden sie in den 80er Jahren in zunehmender Allianz zwischen Staat, Milit?r und organisiertem Verbrechen gemeinsam gest?tzt und aufgebaut. Die verschiedenen Akteure, bei denen es durchaus auch personelle ?berschneidungen gab und immer noch gibt, verband dabei das gemeinsame Interesse, die Guerilla und alle anderen Gruppen, die auf die Ver?nderung der gesellschaftlichen Strukturen hinwirkten, zu schw?chen. Angriffe richteten sich dabei in h?herem Ma?e gegen Zivilisten, die als legaler Arm der Guerilla betrachtet wurden, als gegen die Guerilla selbst. Es existierten jedoch nicht nur gemeinsame, sondern auch widerstreitende Interessen. Dies f?hrte u.a. dazu, dass das in die Finanzierung paramilit?rischer Gruppen stark involvierte Medellin-Kartell Ende der 80er Jahre selbst von den paramilit?rischen Verb?nden vereinnahmt und schlie?lich zerschlagen wurde. Heute sind die Paramilit?rs l?ngst zu einem eigenm?chtig handelnden (Unsicherheits-) Akteur geworden.
In den 90er Jahren war unter der Regierung von Andres Pastrana, der Friedensverhandlungen mit der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) f?hrte, zu beobachten, dass sich Teile des Staatsapparats deutlich gegen den Paramilitarismus wendeten. Dies f?hrte jedoch nicht zu einer Demilitarisierung, sondern zur Forderung nach der Reinstallation des staatlichen Gewaltmonopols und zum Startschuss f?r den Plan Colombia, in dessen Zuge seit 1999 j?hrlich mehr als 700 Millionen US-Dollar Milit?rhilfe an den kolumbianischen Staat gezahlt worden sind. Die daraus resultierende ?Modernisierung der Armee (...) und Ausbreitung des Paramilitarismus als umfassendes, auch sozio?konomisches Kontrollregime?, stellen, so Zelik, die Grundlage f?r Uribes Politik der ?Demokratischen Sicherheit? dar.

Zentrale Einblicke

Sebastian Huhn und Anika Oettler widmen sich in ihrem Beitrag ?ber Jugendbanden in Mittelamerika, den so genannten Maras. Die AutorInnen zeigen, dass zwischen dem wenigen gesicherten Wissen ?ber die Banden und deren medialer Pr?sentation als transnational organisierte kriminelle Gruppen, die f?r einen Gro?teil aller Schwerverbrechen verantwortlich gemacht werden, eine erhebliche Diskrepanz besteht. Anne Huffschmid stellt in ihrem Beitrag ?ber den Feminicidio eine erhellende Theorie zu den seit Jahren zunehmenden Frauenmorden in Mexiko und Mittelamerika vor. Johannes Specht zeigt, wie unterschiedlich die diskursive Konstruktion ?illegaler? MigrantInnen in Mexiko und den USA aussieht. Werden MigrantInnen auf der einen Seite der Grenze als Opfer von Diskriminierung und Staatsgewalt dargestellt und wahrgenommen, dominiert auf der anderen Seite das Bild vom gef?hrlichen Kriminellen. Lucia Eilbaum beschreibt eine lokale Kampagne der Polizei in Buenos Aires. Hervorzuheben ist nicht zuletzt der Beitrag von Fabrizio Mejia Madrid ?ber Entf?hrung und Straflosigkeit im modernen Mexiko ? der Reportagestil macht diesen Text zu einem besonderen Lesegenuss.
Neben den Schwerpunkt-Beitr?gen enth?lt der sehr empfehlenswerte Band eine kritische Analyse der lateinamerikanischen Wirtschaftsintegration (Martin Ling), einen Blick auf die Wasserproblematik in Lateinamerika (Annette von Sch?nfeld) und, zum 30j?hrigen Jahrestag des argentinischen Milit?rputsches, einen Bericht zum langen Kampf gegen die Straflosigkeit (Wolfgang Kaleck).
Nat?rlich kann das Themenfeld Sicherheit in Lateinamerika auf 200 Seiten nicht ersch?pfend behandelt werden. Den HerausgeberInnen und AutorInnen ist es jedoch gelungen, eine Zusammenstellung sehr informativer und spannender Einblicke in zentrale Themen zu bieten. Wer sich also f?r Fragen der (Un)Sicherheit in Lateinamerika interessiert, dem wird das neue Jahrbuch eine ?beraus gewinnbringende Lekt?re sein.


Karin Gabbert, Wolfgang Gabbert, Ulrich Goedeking, Anne Huffschmid, Albrecht Kosch?tzke, Michael Kr?mer, Christiane Schulte, Ruth Stanley, Juliane Str?bele-Gregor (Hsg.): Jahrbuch Lateinamerika 30
- Mit Sicherheit in Gefahr. Analysen und Berichte. Westf?lisches Dampfboot. M?nster: 2006. 195 Seiten.
24,90 Euro

Text:
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007