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(Artikel * 2007) Papacek, Thilo F.
Fette Reime aus Brasilândia Der Film "Antônia" erzählt von Frauen Hip Hop aus der Peripherie São Paulos
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 36 - 38
Themen: Film; Frauen; Musik; Stadt * Brasilien * Berlinale 2007; fotogene Favela; starke Frauen * Dok-Nr: 181472
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film
Fette Reime aus Brasil?ndia
Der brasilianische Film Ant?nia erz?hlt von Frauen Hip Hop aus der Peripherie S?o Paulos

Eigentlich bin ich ein Mensch, der immer in die Zukunft blickt, und sich nicht mit dem belastet, was vergangen ist. Aber wenn ich mich erinnere, Preta, dann denke ich daran, wie wir gemeinsam auf der B?hne standen?, sagt die Stimme aus dem Off. ?In letzter Zeit kann ich kaum noch von etwas anderem erz?hlen als von Ant?nia. Als ob ich eine Platte mit einem Sprung w?re.?
Vier junge Frauen laufen eine steile Stra?e hinauf und kommen so langsam ins Bild. ?ber die H?gel hinter ihnen erstreckt sich Brasil?ndia, eine Favela in der Peripherie von S?o Paulo. Es sind die Protagonistinnen Preta, Lena, Barbarah und Mayah. Zusammen sind sie die Rap-Gruppe Ant?nia, von der Barbarah aus dem Off erz?hlt.
Eigentlich sangen sie nur die Backing-Vocals f?r die MCs auf den Hip Hop - Jams in Brasil?ndia. ?Doch immer nur die Backings zu singen, ist doch, als ob man nur zur H?lfte dabei ist?, sagt Barbarah. Nach einiger ?berredungskunst bekommen sie schlie?lich die Chance, einmal ganz alleine, als Rapperinnen, aufzutreten.
Aufgeregt warten schlie?lich die vier Frauen auf ihren Auftritt. Mit einem frischen Freestyle werden die M?dchen auf die B?hne gerufen und fangen an. Kaum haben sie angefangen zu rappen, dr?ngt sich ein betrunkener Junge durch die Menge und ruft zur B?hne: ?Eh, ihr schicken M?dels, gebt mir mal eure Telefonnummer!? Doch Barbarah l?sst sich nicht beirren, sondern ?bergeht diese respektlose Unterbrechung gekonnt mit einigen improvisierten Reimen. Ihr Erfolg ist durchschlagend, die Band Ant?nia bekommt immer mehr Auftritte. Schlie?lich werden sie von dem Produzenten Marcelo Diamante (dargestellt von der brasilianischen Hip Hop Gr??e Thaide) entdeckt, und beginnen, mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Doch dann fangen auch schon die Probleme an.

Starke Frauen

Mit ihrem dritten Spielfilm erz?hlt Tata Amaral die Geschichte von vier jungen Frauen, die sich erfolgreich in einer machistischen Welt durchsetzen. Die Hip Hop - Szene ist eben durchsetzt mit Codes von M?nnlichkeit, Frauen haben es da sehr schwer. Doch mit K?nnen und Selbstbewusstsein schlagen sich die Vier durch und unterst?tzen sich gegenseitig, denn gemeinsam sind sie am st?rksten.
F?r den Film hat Tata Amaral mehrere Jahre in der Peripherie von S?o Paulo recherchiert. Dabei hat sie ausgiebig die dortige Hip Hop Szene kennen gelernt. ?Eigentlich sollte das Skript 'Lila Rapper' hei?en, und die Geschichte eines Gangster-Rappers erz?hlen. Doch als ich in der Peripherie unterwegs war, lernte ich einen anderen Hip Hop kennen, mit narrativeren Texten. Richtige Sagas von den allt?glichen K?mpfen der Favelabewohner und von den sozialen Gegens?tzen in unserer Stadt?, erz?hlt die Regisseurin in einem Interview. Schnell war das Drehbuch zum ?Lila Rapper? verworfen, und die Idee f?r Ant?nia entstand.
Von Fernando Mereilles Kassenschlager Cidade de Deus hat Tata Amaral die Idee, mit LaienschauspielerInnen zu arbeiten, die Charaktere darstellen, die an ihrer wirklichen Lebenssituation orientiert sind. Die vier Hauptdarstellerinnen sind tats?chlich Rapperinnen, die Amaral bei ihren Recherchen in der Peripherie getroffen hatte. In den vielen Musikszenen zeigen sie ihr gro?es K?nnen. Kein bisschen gespielt wirkt es, wenn Preta auf der B?hne steht und anf?ngt zu rappen: ?Die da bin ich, ja! Eine Frau, ja! Mit sehr viel stolz, ja! Kriegerin, ich bin nicht geboren, um zu dienen!?
Tata Amaral lie? die Darstellerinnen vor einer Videokamera improvisieren, damit sie sich daran gew?hnen, gefilmt zu werden. Au?erdem konnten so die Darstellerinnen freier sprechen ? das Drehbuch ist erst mit dem Film fertig gestellt worden. Damit erreicht der Film eine enorme Glaubw?rdigkeit: Die M?dchen sprechen so, wie sie selbst tats?chlich in solchen Situationen reden w?rden. Die Drehbuch?nderungen gingen so weit, dass die Fokussierung auf eine Hauptperson, wie es urspr?nglich vorgesehen war, aufgegeben wurde. Eigentlich sollte Ant?nia eine Rapperin sein, doch schlie?lich wurden es vier.

F?r die Favela

?Das Publikum aus der Favela soll sich in dem Film wiedererkennen?, sagt Amaral im Interview weiter, was ihr sehr wohl gegl?ckt sein k?nnte. Die Probleme, mit denen sich die vier Frauen im Film herumschlagen, geh?ren in den Favelas durchaus zum Alltag. ?Viele Rapperinnen in der Peripherie h?ren mit der Musik auf, weil ihre Partner nicht wollen, dass sie auf der B?hne von anderen M?nnern angestarrt werden?, erz?hlt Amaral. Und so ist dann auch im Film zu sehen, wie eine der Vier das Rappen deshalb aufgibt. Sexistische Gewalt in der Favela wird nicht ausgeblendet, aber der Film vermeidet, die Frauen nur als Opfer zu betrachten. Hier geht es um starke Frauen, die sich durchaus zu wehren wissen. Die Kraft der vier Frauen liegt auch in ihrer Solidarit?t. So ist es selbstverst?ndlich, dass Preta bei Barbarah einziehen kann, als diese mit ihrer Tochter ihren nichtsnutzigen Mann verl?sst.
Auch die sozialen Gegens?tze S?o Paulos werden sehr nuanciert dargestellt. Als die Gruppe mehr Erfolg bekommt, verdienen sie ihr Geld mit Auftritten auf Geburtstagspartys und in Clubs der Oberklasse. Doch wenn sie abends wieder in die Favela kommen, wechseln sie sich f?r den Nachhauseweg noch die Schuhe. Die schicken Schuhe f?r die Clubs der Reichen sind einfach unm?glich f?r die verdreckten Pflastersteine der Favela. ?Ich habe diesen Moment des Schuhewechselns bis zum Ende beibehalten. Er markiert den ?bergang von der Welt 'da drau?en' und der intimen Welt in der Favela, in der die M?dchen aufgewachsen sind?, sagt Amaral.

Fotogene Favela

Auf die Frage, warum sie trotz aller Widrigkeiten entschieden hat in Brasil?ndia selbst zu drehen, erkl?rt Tata Amaral: ?Es ist sehr schwierig, nicht in Brasil?ndia drehen zu wollen. Die Favela ist einfach sehr fotogen. Am Horizont kann man sowohl die Hochh?user des alten Zentrums, als auch die von der Avenida Paulista [dem modernen Zentrum, Anm. d. Red.] sehen?. In der Tat eignen sich die Aussichten der Favela f?r hervorragende Bilder. Als Lena ihren Mitstreiterinnen auf einer Dachterrasse erz?hlt, sie sei schwanger, wird die Dramatik dadurch verst?rkt, dass man im Hintergrund sieht, wie ein Blitz in einem Hochhaus der Avenida Paulista einschl?gt und abgeleitet wird.
Der Film hat eine positive Botschaft. Er richtet sich vor allem an die Jugendlichen der brasilianischen Peripherie, insbesondere an die M?dchen dort. Er fordert sie auf, sich durchzusetzen und nicht unterkriegen zu lassen. Und er ermutigt, Loyalit?t mit den eigenen FreundInnen zu zeigen, und in Konflikten einen fairen Ausgleich zu finden. Schlie?lich ist in der Hip Hop - Kultur Respekt der wichtigste Wert. Damit der Film auch in der Favela ankommt ? f?r viele Jugendliche ist eine Eintrittskarte ins Kino ein schwer erreichbarer Luxus ? l?uft nun auch eine Telenovela im gr??ten Sender des Landes an, der die Geschichte von Ant?nia weitererz?hlt.
Der Erfolg des Films Ant?nia ist eine sichere Sache. Hervorragend gemacht erinnert er stilistisch an sein Vorbild Cidade de Deus. Vor allem aber ist Tata Amaral ein gro?artiger Jugendfilm gelungen, der bis zuletzt die Spannung h?lt. Und auch f?r ?ltere ist der Film sehenswert, insbesondere, aber nicht nur, wenn man sich f?r Hip Hop interessiert. Man kann ihm nur w?nschen, dass er auch in Deutschland einen Verleih findet.

Der Film ist auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar im Programm Generation 14plus zu sehen.

Text: Thilo F. Papacek
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007