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(Artikel * 2007) Papacek, Thilo F.
Und täglich grüßt das Gürteltier Der brasilianische Film "O deserto feliz" thematisiert Tierschmuggel, Kinderprostitution und die Schwierigkeiten, in der Fremde zu leben
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 34 - 36
Themen: Film; Frauen; Kinder; Migration; Prostitution * Brasilien; BRD * Berlinale; verzweifelter Überlebenskampf * Dok-Nr: 181471
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film
Und t?glich gr??t das G?rteltier
Der brasilianische Film O deserto feliz thematisiert Tierschmuggel, Kinderprostitution und die Schwierigkeiten, in der Fremde zu leben

FilmemacherInnen versuchen mit allen Mitteln, nicht in die Grauzone zwischen Kurz- und Langfilm zu rutschen. Denn f?r die Verkaufszahlen ist diese Zone ein schwarzes Loch. Es gibt keinen Markt f?r Filme, die zu lang f?r das Kurzfilmformat sind, aber zu kurz f?r das Spielfilmformat. Filmverleihe wissen dies. Deshalb sind solche ?Mittelfilme? auch so gut wie nie im Kino zu sehen. Und so werden die Filme, wenn notwendig, etwas aufgebl?ht, um zumindest mehr als 70 Minuten Laufzeit zusammen zu bekommen. Das ist eigentlich schade, denn viele Filme w?rden mit Sicherheit gewinnen, wenn sie einfach 20 Minuten k?rzer w?ren.
Der brasilianische Film O deserto feliz (Die gl?ckliche W?ste) ist daf?r ein gutes Beispiel. Aus ?sthetisch nichtigen, aber verkaufstechnisch unerl?sslichen Gr?nden bringt es Paulo Caldas Film auf ganze 85 Minuten. Einige Einstellungen sind unsagbar langatmig. Und die Kameraf?hrung ist gut, aber nicht so ?berragend, dass es dies rechtfertigen w?rde.
Dabei ist die Thematik durchaus interessant. Zu Beginn des Filmes sieht man den famili?ren Hintergrund einer minderj?hrigen Prostituierten. Die halbw?chsige J?ssica wohnt in einem kleinen Kaff im Sert?o, der Trockenregion im Nordosten Brasiliens. Sie lebt bei ihrer Mutter Maria und deren Partner Biu. Der arbeitet auf einer Weinplantage und verdient sich etwas dazu, indem er wilde Tiere f?ngt und an wohlhabende Ausl?nderInnen verkauft. Der Film f?ngt damit an, dass er mit einem Freund durch die n?chtliche Caatinga (Buschlandschaft) jagt und ein G?rteltier f?ngt.
Doch wenn Biu alleine zu Hause ist, und seine Partnerin in einem Gesch?ft in der Stadt arbeitet, missbraucht er J?ssica. Die h?lt diese Situation schlie?lich nicht mehr aus, und haut ab nach Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco ab. Dort angekommen arbeitet sie als Prostituierte, und bedient verfettete Sextouristen aus Europa.
In der Darstellung des verzweifelten ?berlebenskampfes der jungen M?dchen hat der Film seine st?rksten Momente. Ihre Abstumpfung wird ebenso dargestellt wie ihre Sehns?chte. Gl?ck ist f?r sie, irgendwann einen sch?nen Gringo-Prinzen zu treffen, der sie aus der Misere befreit, und ins Ausland mit nimmt. Immer wieder singt J?ssica das kitschige Pagode-Lied, in dem es um die gro?e Liebe geht, die einen erl?st.
Irgendwann erscheint dann Markus auf der Fl?che. Er ist mit einem Freund zum Ficken und Koksen von Deutschland nach Recife geflogen. Und mit J?ssica und ihrer Freundin Pamela gehen sie diesen Besch?ftigungen dann auch ausgiebig nach. Zwischendurch unterhalten sie sich auch mal auf Deutsch miteinander, ob J?ssica wohl noch minderj?hrig sein k?nnte. Doch so richtig wollen sie dies gar nicht wissen.
Nach einigen durchzechten N?chten hei?t es f?r Markus, wieder nach Deutschland zur?ckzukehren. Und schlie?lich scheint sich J?ssicas Traum doch zu erf?llen. Der M?rchenprinz nimmt J?ssica (Warum eigentlich? Der Film erkl?rt es nicht) mit in seine schikke Dachgeschosswohnung in der Prenzlauer Allee in Berlin.
Schnell fangen die Probleme an. Markus ist genervt, dass J?ssica nichts unternimmt. Und die findet keinen Anschluss in Berlin. Hier rutscht der Film ins Unertr?gliche ab. Ohne jeden Dialog folgen aufeinander Spazierg?nge am winterlichen Lietzensee, im Regierungsviertel und in irgendwelchen Berliner Parks. J?ssicas einzige Besch?ftigung scheint es zu sein, im Streichelzoo Ziegen zu f?ttern. (Weil sie sie an den Sert?o erinnern? Man erf?hrt es nicht.) Nicht dass dies f?r die Handlung eine Bedeutung h?tte, aber daf?r sieht man sie gleich zweimal dort Karotten in den K?fig schieben.
So nimmt J?ssicas Drama in Berlin seinen Lauf. Nach ein paar Monaten ist das brasilianische M?dchen eben nicht mehr interessant genug. Dabei agiert Peter Ketnath sehr glaubhaft als der egoistische Markus. Der deutsche Schauspieler spielt ?brigens auch eine Hauptrolle in der ebenfalls brasilianischen Produktion Cinema, Urubus e Aspirina, die f?r die diesj?hrigen Oskars nominiert ist.
Es ist ?berraschend, dass Paulo Caldas Film so entt?uscht. Schlie?lich hat der Regisseur aus Paraiba 1996 bereits mit Baile Perfumado einen sch?nen Film ?ber den Sert?o gedreht.
Darin hatte er die reizvolle Geschichte des libanesischst?mmigen Filmemacher Benjamin Abra?o verfilmt. Diese historische Person besuchte und filmte Ende der drei?iger Jahre den ber?hmten Banditen Lampi?o im Hinterland. Im Jahr 2000 drehte Calda die Dokumentation O Rap do pequeno Principe, das Portrait zweier Jugendlicher aus den armen Vorst?dten von Recife. Der eine ist als verurteilter M?rder im Gef?ngnis, der andere bet?tigt sich als Schlagzeuger in der interessanten Musikszene der Stadt. Der Film ist ein kleines Meisterwerk.
O deserto feliz dagegen hat zu viele L?ngen. Wenn man J?ssica ?ber eine Minute dabei zusieht, wie sie eine Stra?e ?berquert, sinkt die Bereitschaft der ZuschauerInnen, sich dies weiter anzusehen, fast auf den Nullpunkt.
Dabei merkt man auch bei O deserto feliz, dass Paulo Calda sein Handwerk durchaus versteht. Wenn etwa Biu von der Motorhaube seines Treckers mit einem Fischauge-Objektiv gefilmt wird, und die Szene mit Mangue-Beat Musik aus Recife unterlegt wird, ist dies ?sthetisch durchaus reizvoll. Und wenn Markus v?llig fertig am fr?hen Morgen in Pernambuco noch ein paar Lines zieht und von der schlafenden J?ssica Geschlechtsverkehr verlangt, wird sein verdrogter Zustand filmisch sehr gut dargestellt.
Selbst ohne die ?berfl?ssigen L?ngen w?re es fraglich, ob der Film, funktionieren w?rde. Er ist einfach ?berladen. Die Tierschmuggelei von Biu, Kinderprostitution und die Schwierigkeiten von MigrantInnen in Berlin ? es sind einfach zu viele Themen, die der Film anschneidet. Am Ende behandelt er keines befriedigend. Der Sinn des Fimtitels O deserto feliz, die gl?ckliche W?ste, er?ffnet sich nicht aus dem Film selbst. Man muss schon im Internet recherchieren, um herauszufinden, dass so die Stadt hei?t, in der J?ssica aufw?chst.
Irgendwie ergeht es dem Film wie dem G?rteltier, das am Anfang gefangen wird. Es wird nicht von Biu verkauft, sondern w?chst bei der Familie heran, und ist dort oft im Bild zu sehen. Schlie?lich sind G?rteltiere recht possierlich und ergeben sch?ne Bilder, wenn sie richtig in Szene gesetzt werden. Paulo Caldas hat dies dann auch ausgiebig und gekonnt gemacht. Man erwartet, dass nun irgendetwas mit ihm passiert, dass es eine Funktion in der Handlung erh?lt. Doch Fehlanzeige: Irgendwann endet das Tierchen einfach auf dem Esstisch, ohne dass es irgendeine Bedeutung erlangt h?tte. Genau wie der ganze Film war das Tier f?r Caldas nur Vehikel, um ein paar sch?ne Aufnahmen zu machen. Eine richtige Geschichte entwickelt sich leider nicht, weder zum G?rteltier noch sonst in dem Film.

Der Film ist auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar im Panorama Programm zu sehen.

Text: Thilo F. Papacek
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007