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(Artikel * 2007) Bruckner, Ingolf
Krallen zeigen oder auswandern Viele BewohnerInnen Guyanas suchen immer wieder Wege aus der Armut in den Norden
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 29 - 31
Themen: Alltag; Armut; Migration * Guyana * RückkehrerInnen; Abgeschobene; sozialer Abstieg * Dok-Nr: 181469
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Guyana
Krallen zeigen oder auswandern
Viele BewohnerInnen Guyanas suchen immer wieder Wege aus der Armut in den Norden

Fast ein Drittel aller GuyanerInnen lebt im Ausland. Das sind diejenigen, die es geschafft haben. Viele jedoch werden abgeschoben und erleben bei der R?ckkehr in die Heimat einen drastischen sozialen Abstieg. Eine Begegnung.

In der Pfanne brutzelt die Leber. Es ist kurz nach Mitternacht. Drau?en vor dem Schuppen und dem Stelzenhaus, im blauen Garten, steigen Leuchtk?fer auf. ?berall raschelt und wispert es ? das sind die Ratten, die Ochsenfr?sche, die Geister der Toten, die aus ihren Sumpfverstecken heraus kriechen.
Saymore Ramrattan steckt sich eine in Zeitungsschnipsel gedrehte Zigarette an, atmet tief: Es war gar nicht einfach, das gro?e gefrorene St?ck Leber durchzuhacken. Es ging nicht mit dem Messer, es ging auch nicht mit dem Hammer ? sondern erst mit der achtzehn Zoll langen Machete, die der 32-j?hrige Guyaner unter seiner Matratze gegen Einbrecher aufbewahrt.
Wir befinden uns zwei Meter unter dem Meeresspiegel: im Zentrum von Georgetown, der Hauptstadt des s?damerikanischen Staates Guyana, nahe der M?ndung des milchkaffeebraunen Demerara-Flusses in dem milchkaffeebraunen Atlantischen Ozean. Wo heute schiefgewitterte Wracks ehemals schneewei?er viktorianischer Edelholzh?user aus dem Schwemmland ragen, strich der Passat vor zweihundert Jahren noch ?ber schier endlose Zuckerrohrfelder, auf denen afrikanische SklavInnen erst f?r Holl?nderInnen, dann f?r Engl?nderInnen rackerten.

Koloniale Geister

Die holl?ndischen KolonialistInnen galten als besonders grausam. Darum verwundert es wenig zu h?ren, dass manche von ihnen an den von knorrigen Saman-B?umen ges?umten, dickfl?ssigen Kan?len, die einst Teil des ausgekl?gelten Entw?sserungssystems bildeten, oder in den Obst- und Gem?seg?rten der St?dterInnen, noch immer ihren Spuk treiben: ?Meiner ist lang und d?nn; er kommt im Hinterhof zwischen den Kokospalmen und Feigenbananen hervor und geht ruhelos auf und ab. Er tr?gt einen Zylinder, aber das Schockierendste kommt jetzt: Sein Gesicht ist wei? wie Kreide!?, erz?hlt Rasa Singh. Irgendwann reichte es ihr. Sie ging zum Obeahman, dem Geisterbeschw?rer und folgte seinem Rat: J?hrlich sprenkelte sie den Inhalt einer Flasche El Dorado-Rum an die vier Pfosten ihres Hauses und verbrannte einige Zigarren. Der Geist verschwand.
Mittlerweile ist auch Rasa Singh weg ? bei ihrer Tochter, in New York. Und alles, was die ?ltere, in Kochk?nsten sehr bewanderte Dame ihrem Hausmeister Saymore zur?ckgelassen hat, ist neben einem Fass Reis der Klumpen gefrorene Leber, der ihn nun schon eine Woche ern?hrt. Frau Singh ist bei weitem nicht die einzige Guyanerin, die emigriert ist. Mindestens 300.000 ihrer Landsleute leben in den USA, in Kanada, Gro?britannien oder in der Karibik. Nur 750.000 sind in ihrer Heimat verblieben ? viele, weil sie keine andere Wahl haben. Denn die Konsulate der potenziellen Einwanderungsl?nder tun sich selbst bei der Vergabe von Touristenvisa sehr schwer. Das schreckt die GuyanerInnen nicht: Sie finden immer neue Schleichwege, die aus dem Elend nach Norden in die Wohlstandsgesellschaft f?hren.
Und dann gibt es die, die es schon mal geschafft hatten. Georgetown ist voll von ihnen: den Abgeschobenen. Man trifft sie an jeder Ecke, und man sieht ihnen die Bitterkeit von weitem an. Da ist der Ingenieur in abgerissenen Kleidern mit kalifornischer Fahrerlaubnis, der ziellos auf dem Deich umherl?uft und Hindus wie Muslime zu Jesus f?hren m?chte. Da ist der schweigsame einstige Chicagoer Krankenhausmanager, der nur noch selten seine verrottende Holzbude verl?sst ? um die monatliche Geldsendung seiner Verwandten abzuholen. Und da ist Saymore.
Saymore hat schon ein Leben hinter sich, und was heute von ihm ?brig ist, erscheint manchmal wie das Leben eines Phantoms. Er wohnt in einem verwinkelten Schuppen an der Seite des Mietshauses, das nach wie vor der Gesch?ftsfrau Rasa Singh geh?rt, die mittlerweile eine Kammer in der Bronx bezogen hat und bei reichen US-AmerikanerInnen die Fu?b?den wischt ? gegen vergleichbar gute Bezahlung. Frau Singh war es, die Saymore vor der Obdachlosigkeit bewahrte.

Fr?her in Miami

?Ich wei? nicht, wie man Leber zubereitet?, sagt er, ?ich wei? ?berhaupt nicht, wie man kocht.? Aber es zeigt sich: Wer Hunger hat, lernt schnell. Die Leber schmeckt jedenfalls. Und weil Mitternacht vor?ber ist, zeigt Saymore Fotos von fr?her und erz?hlt aus Miami, Florida, wo seine Mutter wohnt, wo er drei niedliche Kinder hat und fr?her einen Chevrolet Century besa? ? nebst einem guten Job in einer Autowerkstatt, einer h?bschen Frau, einigen l?ssigen Sommeranz?gen, Sonnenbrillen und dickem Goldschmuck. ?Die Diskos in Miami waren edel?, erinnert sich Saymore mit gl?nzenden Augen, ?nur einmal sprang eine Kugel von der Wand ab und erwischte mich am Ohr.? Er zeigt mir die Narbe. ?Die Latin Kings wollten, dass ich bei ihnen mitmache, die Latin Scorpions wollten, dass ich bei ihnen mitmache, aber wei?t du, diese Bandengeschichten waren nie mein Ding.?
Warum Saymore vor vier Jahren abgeschoben wurde, dar?ber will er nicht reden. Zur?ck in Guyana verdiente er in einer Sicherheitsfirma als Wachmann hundert Dollar im Monat ? soviel, wie er in Miami in einer einzigen Diskonacht auszugeben pflegte. ?Wachschutz ist die einzige Branche, die hier boomt?, meint er resigniert, ?wegen der hohen Kriminalit?t?. Nach einem Streit k?ndigte man ihm. Rasa Singh nahm ihn auf, damit er nach dem Rechten in ihrem Mietshaus s?he. So bleibt Saymore viel Zeit zum Tr?umen und zum Planen.
Einen Strich durch den letzten seiner Pl?ne machte ihm niemand anderes als Katrina. Saymores Mutter hatte schon alles vorbereitet: Sie hatte ihm Geld geschickt und ein Flugticket via Barbados nach Jamaica. Doch als er in Barbados zwischenlandete, ging keine Maschine mehr raus: Hurrikanwarnung! Nach zwei Tagen erst gelangte er nach Kingston. Von hier sollte ein Boot gehen ? ?backtrack, hinten rum? ? in die USA, das gelobte Land. Aber das Boot konnte nicht fahren, wegen Katrina. Der Sturm lie? sich so lange Zeit, bis Saymore all sein Geld aufgezehrt hatte und gezwungen war, den ungeliebten R?ckflug anzutreten ? wieder nach Guyana.

?Wer kein Geld hat muss cool sein?

Wieder nach Guyana ? in jenes wirtschaftlich wenig entwickelte, ?u?erst sp?rlich besiedelte Dschungelgebiet von der Gr??e der Insel Gro?britannien. Zur?ck in den Staat, der seit ?berwindung der englischen Kolonialzeit um seine nationale Identit?t ringt und in den achtziger Jahren unter dem Autokraten Forbes Burnham international v?llig isoliert in tiefer Armut versank. Nach Guyana, mit seinen allt?glichen Spannungen zwischen den beiden gro?en Volksgruppen: den Afro-GuyanerInnen, NachfahrInnen ehemaliger SklavInnen, und den Indo-GuyanerInnen, deren AhnInnen von den BritInnen nach der SklavInnenbefreiung als KontraktarbeiterInnen aus Indien geholt worden waren, um Plantagenarbeit zu verrichten.
In Georgetown herrscht ein rauher Ton. ?Nur die Ratten sind fett bei uns. Wer kein Geld hat, muss wenigstens cool sein. Ja, cool sein ist alles?, meint Taxifahrer Ray Shakespeare, ?wer nicht cool ist, ?berlebt nicht lange. Das Gesch?ft ist hart, die Jungs, die die Gesch?fte machen, sind hart. Wer nicht ab und zu seine Krallen zeigt, wandert besser aus.?
Doch wer nur Schatten sieht im sonst so sonnigen, tropischen Guyana, das letztes Jahr seinen 40. Unabh?ngigkeitstag feierte, der tut dem Land unrecht. Hier lagern reiche Sch?tze: Erd?l, Bauxit, Gold, Diamanten, Edelholzreserven, Wasserkraft. Trotz hoher Arbeitslosigkeit, fortw?hrender R?ckschl?ge und zeitweilig b?rgerkriegs?hnlicher Zust?nde hat sich in den letzten zehn Jahren die Situation deutlich gebessert und der grundlegend positive Trend h?lt an: Es wird investiert und gebaut, wenn auch mit Geld aus ?bersee. Schon nennen manche das Land ?Klein-Amerika?. Wo Mitte der neunziger Jahre noch Pferdefuhrwerke dominierten, stehen heute Gel?ndewagen, Taxis und Minibusse im Stau. Neue Wohngebiete werden aus dem Boden gestampft, ebenso wie ein gro?es Stadion f?r die anstehende Cricket-Weltmeisterschaft.
Jetzt ist das letzte St?ck Leber dieser Nacht verzehrt, und Saymore ist zufrieden. Er rollt sich noch eine Zigarette, schl?gt sich auf die Brust und ruft: ?Me is de Baby, ich bin das Baby, das Gro?e Baby!? Mit Baby meint er soviel wie ?Boss?. ?Wei?t du, was das Wichtigste ist im Leben? Dass du dich selbst liebst. Und ich liebe mich am meisten! Ich bin das Baby! Ich!?. Er schreit und freut sich; einer der Mieter im Stelzenhaus klopft gegen die Diele und schimpft ?ber die Ruhest?rung. Die Ratten im blauen Garten sind still.

Text: Ingolf Bruckner
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007