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(Artikel * 2007) Lambert, Tobias
Gut gemeint, schlecht gemacht Mit Starbesetzung will der Film "Bordertown" das Thema Frauenmorde von Ciudad Juárez in die breite Öffentlichkeit tragen
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 393 * Seite 49 - 50
Themen: Arbeit; Film; Frauen; Gewalt; Menschenrechte * Mexico * Maquiladores * Dok-Nr: 181451
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film
Gut gemeint, schlecht gemacht
Mit Starbesetzung will der Film ?Bordertown? das Thema der Frauenmorde von Ciudad Ju?rez in die breite ?ffentlichkeit tragen

???Der Busfahrer dreht sich l?chelnd um. ?Ist es in Ordnung, wenn ich kurz tanken fahre??, fragt er die letzte verbliebene Passagierin des Fabrikbusses, der die Arbeiterinnen am Ende eines langen Arbeitstages nach Hause bef?rdern soll. Sie nickt. Der Fahrer verl?sst seine Route und steuert sein Gef?hrt in die W?ste hinaus. ?Hier ist doch gar keine Ta?????nk?stelle?, sagt die junge Frau zitternd als der Bus mitten im Nirgendwo pl?tzlich anh?lt. Kurz darauf wird sie brutal misshandelt und vergewaltigt. Die T?ter verscharren sie im W?stenboden. Die Frau ist jedoch noch am Leben und entkommt mit letzter Kraft aus ihrem Grab.
Mit dem Thriller Bordertown wollte der Regisseur und Autor Gregory Nava bewusst einen politischen Film machen. Starbesetzung, wie Jennifer L?pez in der Hauptrolle, soll dem brisanten Thema der Frauenmorde (feminicidios) in der mexikanischen Stadt Ciudad Ju?rez eine breite ?ffentlichkeit verschaffen. Die furchtbaren Ereignisse haben der an der Grenze zu den USA gelegenen Stadt traurige Ber?hmtheit beschert: Mindestens 400 Frauen sind dort seit 1993 nach offiziellen Angaben auf brutale Art und Weise ermordet worden. Weitere 700 gelten als vermisst. Die meisten der Opfer arbeiteten in einer der als maquiladoras bezeichneten Fabriken, in denen unter unmenschlichen Bedingungen Konsumg?ter vornehmlich f?r den US?Markt produziert werden. Ob???????gleich zahlreiche Theorien ?ber die Morde existieren, kennt niemand die wirklichen Gr?nde. Die Gleichg?ltigkeit der zust?ndigen Beh?rden, der Polizei und der Politik lassen jedoch auf m?chtige Interessen hinter den Verbrechen schlie?en.
Diese ?wahren Begebenheiten? bilden die Grundlage f?r die fiktive Geschichte des Films: Die karrieres?chtige Journalistin Lauren Adrian (Jennifer L?pez) will eigentlich f?r den Chicago Sentinel als Auslandskorrespondentin in den Irak, doch ihr Chef George Morgan (Martin Sheen) schickt sie nach Ciudad Ju?rez, um ?ber die Frauenmorde zu berichten. Als sie den mexikanischen Journalisten Alfonso Diaz (Antonio Banderas) kontaktiert, taucht in dessen Redaktion die von ihren Vergewaltigern lebendig begrabene Eva (Maya Zapata) auf. In Todesangst bittet sie die beiden JournalistInnen um Hilfe. Adrian begibt sich auf die Suche nach den Vergewaltigern, deren Spur bis in die h?chsten wirtschaftlichen und politischen Kreise f?hrt. Im Gegensatz zu Diaz, der vor allem Evas Leben sch?tzen m?chte, sieht Adrian in dem Schicksal der jungen Frau die Story ihres Lebens. Doch im Laufe des Films wandelt sich die Journalistin ? aufger?ttelt durch verdr?ngte Kindheitserinnerungen ? nach und nach von der kalten Karrierefrau zur leidenschaftlichen K?mpferin f?r Gerechtigkeit.

Politischer Anspruch

Leider steht diese typische Hollywood-Geschichte viel zu sehr im Mittelpunkt, als dass der Film seinem politischen Anspruch gerecht werden k?nnte. Es entsteht der Eindruck, die Frauenmorde und die thematisch viel relevantere Geschichte der ?berlebenden Eva dienten lediglich als ?berbau, um die pers?nliche Wandlung von Adrian zu erz?hlen. Dabei ?berschreitet der Film auch zu oft die Grenze zur unfreiwilligen Komik. Zudem sorgen ein peinlicher Kurzauftritt des kolumbianischen Musikstars Juanes, eine unn?tige Sex-Szene von L?pez und eine ge????h?rige Brise Gewalt daf?r, dass Fans von Mainstream-Filmen auf ihre Kosten kommen. Eine f?r Action- und Psychothriller typische Musikuntermalung und Schnitttechnik tut das ?brige.
Schade ist das vor allem deshalb, weil der Umgang mit den Frauenmorden in Ciudad Ju?rez an sich nicht schlecht ist. Das Ph?nomen wird nicht isoliert betrachtet, sondern in seinen komplexen Kontext eingeordnet. Die Ungerechtigkeit des Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada, durch den die massive Expansion der maquiladoras erst m?glich gemacht wurde, wird von der ersten Sekunde an angeprangert. Es wird gezeigt, dass die gro?en Unternehmen und die Politik auf beiden Seiten der Grenze einer heuchlerischen Rationalit?t folgen und das Desinteresse an der Aufkl?rung der Frauenmorde durchaus System hat.
Zumindest besteht die Hoffnung, dass dank Hollywood m?glichst viele ZuschauerInnen ?berhaupt erst von den Frauenmorden erfahren. Der Film solle ?die Aufmerksamkeit der Welt auf diese Trag?die lenken und Druck auf die mexikanische Regierung aus?ben?, betont L?pez, die auch als Co-Produzentin fungierte und bisher nicht gerade durch ?berm??iges politisches Engagement aufgefallen ist. Amnesty International hat sich daher daf?r entschieden, die voraussichtliche Popularit?t des Filmes daf?r zu nutzen, das Thema bekannter zu machen. Die Menschenrechtsorganisation stand nicht nur bei den Dreharbeiten beratend zur Seite, sondern ?berreichte Jennifer L?pez einen Tag vor der Premiere auf der Berlinale den ?Artists for Amnesty-Award? (siehe Kasten). Es wird sich zeigen ob dies dazu beitragen kann, die Morde aufzukl?ren. Einen Versuch ist es allemal wert.

Der Film lief im Berlinale-Wettbewerb und kommt am 22. Februar in die deutschen Kinos.

Kasten: Das Glamourgirl und die Menschenrechte

?Ich hoffe, dass der Film Bordertown nicht nur als Hollywood-Spektakel gesehen wird. Diese Geschichte repr?sentiert einen Teil der grausamen Realit?t von Frauen in Mexiko?, so er?ffnete die Menschenrechtsaktivistin Marisela Ortiz ihren Redebeitrag. Marisela ist die Vorsitzende der Angeh?rigenorganisation ?Wir wollen unsere T?chter zur?ck? (NHRC), in der sich M?tter und Angeh?rige von ermordeten Frauen in Ciudad Ju?rez zusammengeschlossen haben um gegen die Straflosigkeit zu k?mpfen. Ihr Auftritt fand im Rahmen der Verleihung des ?Artists for Amnesty Award? an Jennifer Lopez statt. amnesty international vergab den Preis an die Schauspielerin f?r ihr Engagement, die Situation der Frauen von Ciudad Ju?rez im Grenzthriller Bordertown international sichtbar zu machen.
ai hatte vier engagierte Menschenrechtsaktivistinnen aus Ciudad Ju?rez nach Berlin eingeladen, um auf der Preisverleihung vor internationaler Presse ?ber ihren Kampf f?r Wahrheit, Gerechtigkeit und Entsch?digung zu berichten. Die Frauen von NHRC setzen sich insbesondere f?r die Kinder der ermordeten Frauen ein. Diese sind oft schwer traumatisiert und bleiben nach der Ermordung der Mutter in vielen F?llen allein und ohne staatliche Unterst?tzung zur?ck. F?r Norma Andrade ist der 14. Februar, an dem die Preisverleihung stattfand, ein schmerzhafter Jahrestag. Genau an diesem Tag vor sechs Jahren wurde Normas Tochter Lilia Alejandra von Unbekannten entf?hrt. Die junge Frau, selbst Mutter von zwei Kindern, befand sich auf dem Heimweg von der Arbeit in einer maquiladora, als sie verschwand. Ihre Leiche wurde wenige Tage sp?ter aufgefunden, gezeichnet von schwerem k?rperlichen und sexuellen Missbrauch. Ein Anruf von ZeugInnen, die zum betreffenden Zeitpunkt eine Entf?hrung und Vergewaltigung in einem Auto beobachtet hatten, wurde von der Polizei stundenlang ignoriert. Die Polizei wurde f?r ihr Fehlverhalten nie zur Rechenschaft gezogen.
So war diese Preisverleihung, mit einer bisweilen seltsam anmutenden Mischung aus Glamour, Starrummel und Menschenrechten, vor allem auch ein Gedenken an Lilia Alejandra Andrade und ein Akt der ?ffentlichen Solidarit?t mit den Angeh?rigen.
Info: www.mujeresdejuarez.org und www.amnestyusa.org/bordertown
Anja Witte

Text: Tobias Lambert
Ausgabe: Nummer 393 - M?rz 2007