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(Artikel * 2007) Bojert, Jannes; Abelli, José
"Wir wollen unser solidarisches Modell globalisieren" Interview mit José Abelli von der Nationalen Bewegung Wiederangeeigneter Betriebe (MNER) über selbstverwaltete Betriebe in Argentinien
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 393 * Seite 24 - 26
Themen: Arbeit; Autonomie; Partizipation * Argentinien * Wirtschaftsdemokratie; selbstverwaltete Betriebe; Betriebsbesetzungen * Dok-Nr: 181441
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Argentinien
?Wir wollen unser solidarisches Modell globalisieren?
Interview mit Jos? Abelli von der Nationalen Bewegung Wiederangeeigneter Betriebe (MNER) ?ber selbstverwaltete Betriebe in Argentinien

Seit dem Massensterben argentinischer Betriebe und den anschlie?enden Besetzungen und Wiederaneignungen durch ihre ArbeiterInnen wurden sie von den einen als Alternative zur kapitalistischen Produktion gefeiert. Die meisten jedoch hielten sie f?r ein reines Krisenph?nomen. Die Zahl der demokratisch geleiteten Betriebe nimmt jedoch unvermindert zu.

Den MNER gibt es jetzt schon fast sieben Jahre. Glaubst du, die Bewegung hat ihren H?hepunkt schon hinter sich oder w?chst sie noch weiter?

Das wird immer wieder diskutiert in Argentinien. Vor allem von links h?ren wir permanent, wenn es der Wirtschaft besser ginge, w?rde es bald keine Kooperativen mehr geben. Aber 2006 sind weitere zehn Betriebe wiederangeeignet worden. Nat?rlich liegt noch viel vor uns. Insgesamt sind es jetzt um die 200 Betriebe von 80.000, die w?hrend der 1990er Jahre in den Ruin getrieben wurden. Dar?ber hinaus haben wir allerdings auch schon angefangen eigene, neue Betriebe zu gr?nden.

Also eine einzige Erfolgsgeschichte oder hat es auch Krisen oder R?ckschl?ge gegeben?

Ja, letztes Jahr haben wir die Bewegung in der Krise gesehen. Mitte des Jahres wurde Eduardo Mur?a, einer der Gr?nder des MNER, von der Organisation H.I.J.O.S. (Organisation der Kinder von Verschwundenen, Anm. d. Red.) angeklagt, einen Kredit ?ber 400.000 US-Dollar veruntreut zu haben, den die Organisation der selbst verwalteten Aluminiumfabrik IMPA gew?hrt hatte. Das Geld stammte von den Entsch?digungen f?r ihre verschwundenen Eltern und sollte dem Betrieb IMPA in Buenos Aires, dessen Pr?sident Mur?a damals war, helfen, die Produktion aufrecht zu erhalten. Als einige der H.I.J.O.S. ihr Geld zur?ck haben wollten, war die IMPA dazu nicht in der Lage. Sp?ter stellte sich heraus, dass der Betrag nirgendwo in den Gesch?ftsb?chern der IMPA auftaucht. Die Aluminiumfabrik und Eduardo selbst waren schon so etwas wie Symbole der Bewegung, deshalb meinen viele, die Krise der IMPA sei eine Krise der ganzen Bewegung.

Laufen die Besetzungen und Wiederaufnahmen der Betriebe heute noch immer so ab wie zu Beginn? Oder hat sich da etwas ge?ndert hinsichtlich der Behandlung von Seiten des Staates? Gesetzlich hat sich doch einiges getan.

Wichtiger noch als die gesetzlichen Reformen sind die politischen Ver?nderungen. Seit Kirchner an der Regierung ist, gibt es eigentlich keine Repression mehr. Er empf?ngt uns sogar in der Casa Rosada, dem Regierungspalast in Buenos Aires, und diskutiert mit uns. Auch wenn dabei f?r uns noch nichts raus gesprungen ist, Repression gibt es keine mehr.

Was versucht ihr in diesen Gespr?chen mit der Regierung Kirchner zu erreichen?

Vor allem eine Umstrukturierung der ?ffentlichen Ausgaben. Wenn man sich mal den argentinischen Haushalt f?r 2007 ansieht, findet man da einen Posten von 37 Milliarden Peso an Subventionen f?r die Privatwirtschaft. Der ?ffentliche Transport ist defizit?r wie ?berall sonst auf der Welt, also m?ssen die privatisierten Staatsunternehmen unterst?tzt werden. Ein weiterer Teil dieses Geldes geht in den Finanzsektor, an die Banken, die Argentinien so betrogen haben. Man glaubt sie seien nicht rentabel und sie w?rden pleite gehen, wenn man sie nicht unterst?tzt. Und es gibt kein modernes Land ohne Banken. Und ein weiterer gro?er Teil dieser Summe sind Steuerabschreibungen. Alle gro?en Unternehmen behaupten sie w?rden investieren, bezahlen keine Steuern mehr.
Um die legitime Besch?ftigung in den selbst verwalteten Betrieben aufrecht zu erhalten und zu unterst?tzen, hat der Staat gar kein Budget. Gleichzeitig gibt der Staat im Jahr 10.000 bis 12.000 Peso pro Arbeitslosen aus. Das was davon f?r den Arbeitslosen selbst bleibt, ist sehr wenig und nicht ausreichend. Unserer Meinung nach sollte der Staat lieber in die Schaffung von Arbeitspl?tzen in den selbst verwalteten Betrieben investieren. Das hilft nicht nur dem Einzelnen, der Arbeit hat, sondern indirekt auch der gesamten Gesellschaft, da der Arbeiter Steuern und Sozialabgaben zahlt.
Und der Arbeiter oder die Arbeiterin bewahrt die eigene Qualifikation...
Seine Qualifikation und seine W?rde. Also wenn der Staat 37 Milliarden f?r die privaten Unternehmen bereithalten kann, wie kann es dann sein, dass er nicht einmal zehn Milliarden f?r einen Fonds aufbringen kann, aus dem die Kooperativen ein Grundkapital beziehen, um produzieren zu k?nnen. Im Vergleich ist das nichts! Leider haben wir das trotz unserer guten Beziehung zum Pr?sidenten nicht erreicht, aber wir werden es weiter fordern.

Nehmen sich die selbst verwalteten Betriebe auch der Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit an?

Ja, da wird einiges unternommen. Zum Beispiel bilden wir in der ehemaligen Adidas-Fabrik in Pigu? H?ftlinge in textiler Produktion und in einer anderen Fabrik im Schiffbau aus. Ein weiteres Beispiel ist eine Glasbl?serei in der Provinz Santa Fe. Nach deren R?ckgewinnung hatten wir Schwierigkeiten, ein ad?quates Produktionsniveau zu erreichen, da es nur noch einen Meister gab. Also haben wir eine Schule aufgebaut, in der jetzt Jugendliche in diesem Handwerk ausgebildet werden. Der Betrieb ist heute der gr??te Argentiniens.
In Rosario haben vier Metallbetriebe eine Genossenschaft mit einer Technikschule aus einer sehr armen Gegend gebildet. F?r ein Jahr k?nnen die Sch?lerInnen f?r einen Basislohn ein Praktikum machen. Von den f?nf PraktikantInnen des letzten Jahres sind drei ?bernommen worden, zwei arbeiten in privaten Betrieben. Diese Genossenschaft ist ?brigens im Rahmen eines Abkommens mit Venezuela gegr?ndet worden. 2000 Traktoren und andere Maschinen hat Venezuela von diesen Betrieben bestellt.

Gibt es sonst noch internationale Kooperationen oder Versuche welche aufzubauen?

Ein compa?ero hat einmal gesagt, wir h?tten vor allem drei Aufgaben: besetzen, Widerstand leisten, produzieren. Mittlerweile sind wir allerdings in einer neuen Etappe angelangt, in der es darum geht, auch intelligent zu wirtschaften, nachhaltig zu produzieren und vor allem darum, zu kooperieren und uns zu vernetzen.
Zur Zeit sind wir dabei, das erste multinationale selbst verwaltete Unternehmen zu gr?nden. Gomus, ein italienischer Betrieb, der Kautschuksohlen herstellt, baut zusammen mit der Ex-Adidas Fabrik in Pigu? eine neue Schuhfabrik auf. Die Italiener liefern das Know-How und die Maschinen und wir sorgen f?r die Arbeiter, das Geb?ude und die Infrastruktur. Am Ende sollen Schuhe unter der Marke CADI, abgek?rzt Argentinisches Leder Italienisches Design, vertrieben werden. Nur mit Hilfe solcher Netzwerke k?nnen wir auf Dauer auf M?rkten bestehen, die einer kapitalistischen Profitlogik folgen. Wir wollen unser solidarisches Modell globalisieren und zeigen, dass Ausbeutung, Kinderarbeit und private Konzentration von Verm?gen nicht notwendig sind.

Bedeutet dieses solidarische Modell, dass alle, vom N?her bis zur Designerin, den gleichen Lohn bekommen?

Alle die in einem solchen Betrieb arbeiten sind gleichzeitig dessen Besitzer. Nat?rlich nicht im Sinne von Privateigentum, sondern sozialem Eigentum. Also haben alle im Prinzip die gleichen Anspr?che, was nicht hei?t, dass die L?hne unbedingt einheitlich sein m?ssen. Dar?ber entscheidet die Betriebsversammlung. Grunds?tzlich gilt, dass die h?chsten L?hne nicht mehr als das Dreifache der niedrigsten betragen d?rfen. Anders ist das mit den erwirtschafteten Gewinnen. Meistens werden sie in Produktentwicklung und Maschinen reinvestiert, aber wenn beschlossen wird, dass sie an die TeilhaberInnen ausgezahlt werden sollen, dann immer zu gleichen Teilen.

Wie funktioniert der demokratische Alltag in einer Kooperative? Es k?nnen doch nicht immer alle Entscheidungen von allen getroffen werden.

Eine Kooperative hat immer einen Verwaltungsrat mit Pr?sidentIn, Vorstand, Sekret?rIn und SchatzmeisterIn. Au?erdem gibt es s?ndicos/as, die die Interessen aller TeilhaberInnen vor diesem Gremium vertreten. Der Verwaltungsrat ist sozusagen die Exekutive, die Betriebsversammlung die Legislative des Betriebes. Gesetzlich vorgeschrieben sind zwei Betriebsversammlungen im Jahr, auf denen der Verwaltungsrat Rechenschaft ablegen muss. Bei der Menge an Entscheidungen, die gef?llt werden m?ssen ist es allerdings unm?glich, nur zwei Versammlungen im Jahr abzuhalten. Jeden Tag eine Versammlung w?re genauso wenig praktikabel. Schlie?lich muss ja auch noch produziert werden. Meistens gibt es pro Monat eine, aber das ist nur die formelle Seite der Partizipation. Partizipation ist eigentlich unumg?nglich und eigentlich partizipiert man jeden Tag.

In jedem Fall bedeutet diese Partizipation aber, zus?tzlich Zeit im Betrieb zu verbringen. Und demokratische Entscheidungsfindung kann eine langwierige Angelegenheit sein. Nehmen an den Versammlungen alle teil oder gibt es auch welche, die nach Hause gehen?

Nein, an den Versammlungen nehmen in der Regel alle teil. Trotzdem ist das ein kompliziertes Thema. Jemand hat mal gesagt, die Kooperativen h?tten einen gro?en K?rper mit kleinem Kopf, was bedeuten soll, dass immer nur ein kleiner Teil versucht mitzudenken und Verantwortung ?bernimmt. Das Problem ist, dass wir noch kein Produktionsmodell gefunden haben, das zu der Art der Organisation der Betriebe passt. Die wohlfahrtsstaatliche Marktwirtschaft hatte ein Produktionsmodell, den Fordismus, und das neoliberale Modell ist der Toyotismus. Wir sind alle sozialisiert in Betrieben mit einem Chef, der die Entscheidungen trifft. Eine mit der demokratischen Organisation korrespondierende Arbeitskultur gibt es noch nicht. Vielleicht hat die n?chste Generation von ArbeiterInnen schon eine Vorstellung davon, wie in einem selbst verwalteten Betrieb produziert wird. Da liegt eine unserer gr??ten Herausforderungen.

In Deutschland werden st?ndig Betriebe geschlossen und die Belegschaft entlassen. Trotzdem kommt offenbar niemand darauf, den Betrieb zur?ckzuerobern. Was sind aus deiner Sicht die Voraussetzungen daf?r, dass sich diese Idee verbreitet?

Ich glaube letztendlich k?nnen die Entlassenen doch nur gewinnen. Das war auch die Frage, die wir uns gestellt haben: Was haben wir denn noch zu verlieren?

Also muss die Situation erst richtig aussichtslos sein.

Nein, ich denke nicht. Die maoistischen Gruppen in den 1970ern haben das geglaubt. Dem Volk m?sse es erst so richtig schlecht gehen, damit das richtige Bewusstsein entsteht. Wir sind keinesfalls der Meinung, das sei wie beim Tango, wo man sagt: Zuerst lerne zu leiden, dann zu weinen. Davon abgesehen ist soziale Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit doch schon l?ngst auch in Europa zum Problem geworden. Und in einigen L?ndern gibt es doch auch schon Beispiele wiederangeeigneter Betriebe. In Italien sind es schon ?ber 100 selbst verwaltete Betriebe und als ich vor kurzem dort war, musste ich den ArbeiterInnen einer Kooperative erst erz?hlen, dass es in ihrem Land noch so viele weitere gibt. Es fehlt also auch an Kommunikation. Wenn sich diese Erfahrungen erst einmal verbreitet haben, wird das bald auch in Europa ?hnlich sein wie in Argentinien.

Text: Jannes Bojert
Ausgabe: Nummer 393 - M?rz 2007