Volltext

(Artikel * 2007) Messerschmidt, Martina
Oaxaca - Frauen in Bewegung "Trotz Angst sind wir Frauen weiter dabei!"
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 393 * Seite 6 - 9
Themen: Frauen; Indigene Völker; Repression; Widerstand; Anarchismus * Mexico * APPO; Frauen im Untergrund * Dok-Nr: 181436
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Mexiko
Oaxaca ? Frauen in Bewegung
?Trotz Angst sind wir Frauen weiter dabei!?

Seit dem Aufstand im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca vor neun Monaten sind viele Frauen im Aufbruch. Sie haben ihren Alltag zugunsten der Bewegung, die den Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz st?rzen will, hinter sich gelassen. Sie sind in Frauengruppen organisiert oder Sprecherinnen von Angeh?rigengruppen, die f?r die Freilassung der Gefangenen k?mpfen. Sie besetzten einen Fernsehsender und gestalteten drei Wochen lang das Programm. Sie organisierten Lebensmittel f?r die Hunderte von Barrikaden und die belagerten Regierungsgeb?ude in der Stadt. Sie erlitten starke Repression, sowohl von paramilit?rischen Gruppen als auch durch staatliche Sicherheitskr?fte. Doch sie werden weitermachen, trotz ihrer Angst.

Wir mussten improvisieren.? Patricia Jim?nez Alvarado, Pressesprecherin der Koordination der Frauen von Oaxaca COMO, beschreibt im Gespr?ch den Alltag im besetzten Fernsehsender. ?Die Arbeit war schwierig, denn die meisten von uns hatten so etwas noch nie gemacht. Doch es gab sehr viel Unterst?tzung aus der Bev?lkerung. Wir gr?ndeten Kommissionen, f?r Finanzen, Lebensmittelversorgung, Pressearbeit, Sicherheit, in die sich die Frauen aufteilten. Oft hatten wir Angst und trauten uns nicht hinaus, weil wir als aktive Frauen nun sichtbar und angreifbar waren.?
COMO ist die einzige reine Frauenorganisation in der APPO (siehe Kasten). Hervorgegangen aus einer Frauendemonstration am 1. August 2006, der marcha de las cacerolas ? des Kochtopfmarschs ?, besetzten mehrere Hundert Frauen spontan den regionalen staatlichen Fernsehsender Canal 9. Nach zum Teil handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Belegschaft begannen die Frauen mit der Ausstrahlung eines selbst gestalteten Programms. Sie konnten damit sowohl den diversen Sektoren der am Aufstand Beteiligten eine Stimme geben als auch den L?gen der Regierungssender etwas entgegen setzen. Doch die Repression blieb nicht aus. ?In unsere Autos und H?user wurde eingebrochen, wir wurden per Telefon beschimpft und wir erhielten Morddrohungen,? berichtet Patricia Jim?nez. ?Doch wir haben durchgehalten. Wir haben gemeinsam geweint und uns dann gegenseitig wieder aufgebaut. Es war ein Zusammenhalt, den ich zuvor nie erlebt hatte.? Dabei seien sie so verschieden, sagt sie. Nicht nur organisierte Frauen wie sie aus der Lehrergewerkschaft seien dabei gewesen. Auch Marktfrauen, Unternehmerinnen, junge Studentinnen und Arme aus den Vororten stie?en dazu. ?Viele sagten uns, wie stolz es sie machte, dass wir einfach im Fernsehen auftraten und sprachen. Auf den Demos liefen sie vorn, malten Parolen an die W?nde, wachten an den Barrikaden. Unser Leben ?nderte sich zu 100 Prozent. Es war eine klare Entscheidung mitzumachen.? Durch die Besetzung haben mehr Frauen Mut gefasst, ?ffentlich das Wort zu ergreifen, glaubt sie.

Frauenpower

?hnlich sieht das Elena, eine junge Studentin vom Land, die dem 200-k?pfigen Koordinationsrat der APPO angeh?rt. Seit Beginn der Besetzung des Uniradios war sie begeistert mit dabei: ?Ich habe durch meine Mitarbeit im Uniradio, das wir mit circa 300 Leuten betrieben, viel mitbekommen. Zu uns kamen Frauen, die niemals zuvor ?ffentlich gesprochen hatten. Sie sagten ihren Ehem?nnern, dass sie sich ihr Essen selbst zubereiten sollten, wenn sie Hunger h?tten. Sie erkannten, dass auch sie stark sind und die Bewegung gegen Ulises Ruiz unterst?tzen k?nnen; nicht nur die M?nner, die an den Barrikaden standen. Zum Teil waren Paare in den gleichen Gruppen aktiv, f?r sie war es leichter. Andere mussten sich gegen ihre Familien durchsetzen. Aber allen war klar: Wir haben als Frauen eine Stimme, wir k?nnen nicht auf die M?nner h?ren, wenn wir mitmachen wollen.?
Die diversen von der APPO betriebenen Radiosender waren f?r die Mobilisierungen auf den Stra?en Oaxacas von immenser Bedeutung. Immer wieder wurden sie von Paramilit?rs zerst?rt und ihre BetreiberInnen angegriffen. Doch Elena berichtet, wie ihre Angst mit jeder Aktion schwand. Auch auf dem Land h?tten pl?tzlich mehr Frauen mitgemacht. Sie seien zu den Gro?demonstrationen gefahren und h?tten die Regierungsgeb?ude verschiedener Landkreise besetzt. ?Dabei waren und sind die Forderungen dieselben, ob Frauen, M?nner, Kinder, Alte: Weg mit Ulises Ruiz, her mit den Gefangenen, endlich Gerechtigkeit und Demokratie!?.
Der Kampf gegen den Machismo sei hart und lang, sagt Elena. Innerhalb der APPO h?tten sie zumindest einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent im Koordinationsrat durchsetzen k?nnen. Zugleich ist die Angst vor erneuter Repression auch heute allgegenw?rtig. ?Doch wir Frauen sind trotzdem weiter dabei!?, sagt sie k?mpferisch.

Frauen im Untergrund

Etliche Frauen mussten bis heute aus Angst vor einer drohenden Festnahme oder wegen Morddrohungen ihre gewohnte Umgebung, ihre Familien und die Arbeit in ihren Organisationen verlassen. So etwa Berta Mu?oz, ?rztin und Universit?tsdozentin aus Oaxaca. Sie hatte die Verarztung der Verletzten koordiniert, als die Bundespolizei PFP Ende November 2006 die Bewegung angriff. Zuvor schon war sie durch ihre Mitarbeit im subversiven Uniradio zu einer Ikone des Widerstands geworden. T?glich hatte sie ihre Stimme gegen den Gouverneur erhoben. Sehr viele kannten und bewunderten sie.
Gegen Mu?oz liegt nun offenbar ein Haftbefehl vor ? so wie fast gegen die gesamte F?hrung der APPO. Im Interview mit der Internationalen Kommission zur Beobachtung der Menschenrechte CCIODH sagte sie: ?Am 28.11.06 hatte ich mich entschieden unterzutauchen. Es gab sogar Drohungen und Ger?chte, dass sie mich verschwinden lassen wollen. Ruiz? M?rderbanden, die in Zivil und vermummt schon einige von uns umbrachten, haben mich im Auge, wahrscheinlich wegen meiner Arbeit am Radio. Auch meine erwachsenen Kinder, die ebenso wie ich bedroht wurden, sind seitdem an unterschiedlichen, geheimen Orten. Ich kann sie leider nicht sehen.?

Indigene AnarchistInnen

Dolores Villalobos Cuamatzin ist Sprecherin des Indigenen Rats der V?lker Oaxacas/Ricardo Flores Mag?n (CIPO/RFM), benannt nach einem Anarchisten, der w?hrend der Mexikanischen Revolution f?r die Rechte der indigenen Bev?lkerung stritt. Wie viele indigene Frauen ist sie in der APPO aktiv. F?r sie ist der Aufstand im Sommer letzten Jahres ?eine Explosion vergangener Ereignisse?. ?Es gab keine L?sung f?r die vielen Probleme: die Landfrage, Wasserprivatisierung, Umwelt zerst?rende Gro?projekte, Ungerechtigkeit; weder in der Stadt noch auf dem Land.?
Der CIPO ist seit langem in 13 Landkreisen aktiv. Sein Ziel ist, die demokratischen indigenen Traditionen der d?rflichen Selbstverwaltung zu bewahren und weiter zu entwickeln und ?Gerechtigkeit von unten aufzubauen, ohne die korrupten Parteien?. Daher habe sich der CIPO dem Aufstand angeschlossen, so Villalobos. Mittlerweile sei er in der APPO eine treibende Kraft geworden. ?Die lange Erfahrung der indigenen D?rfer im Widerstand und in der Selbstorganisierung sind wertvoll in diesem breiten und vielf?ltigen B?ndnis, das die APPO darstellt. Wir m?ssen anfangen, eigene Strukturen aufzubauen, ganz praktisch im Alltag, nicht nur theoretisieren. Daher unterst?tzen wir die Idee der Autonomie, die von der zapatistischen Bewegung vorangetrieben wird, und nicht den naiven Glauben an rein parlamentarische Ver?nderungen.?
Die meisten Frauen, die in der Bewegung aktiv wurden, erfuhren bald staatliche oder paramilit?rische Gewalt. Immer wieder wurden AktivistInnen bedroht, geschlagen, festgenommen und sogar ermordet. Die CCIODH spricht von 23 Toten im Kontext des Konfliktes. Auf dem H?hepunkt der Repression, am 25. November 2006, wurden mehr als 220 Menschen durch die Bundespolizei PFP auf den Stra?en Oaxacas willk?rlich verhaftet, darunter 88 Frauen. Im Zuge dessen bildeten sich mehrere Vereinigungen, in denen Angeh?rige, Anw?ltInnen und Mitglieder der APPO aktiv wurden. Eine davon ist die Kommission der Angeh?rigen von Verschwundenen, Inhaftierten und Ermordeten (Cofadappo). Sprecherin Yolanda Guti?rrez Ortiz erz?hlt, wie sie dazu kam, sich einzumischen: ?Mein Sohn wurde am 25.11. festgenommen, daher bin ich aus der Hauptstadt angereist. Nie h?tte ich gedacht, dass unser Staat so mit den Menschen umgehen kann! Ich habe mein Leben gelebt und war nie besonders politisch interessiert oder kritisch eingestellt. Nun sehe ich, was wirklich los ist in Mexiko und ich sch?me mich daf?r. Mit meinen 47 Jahren fange ich an aktiv zu werden. Mein Sohn sitzt im Gef?ngnis und ist erstaunt, dass seine Mutter sich so entwickelt hat.? Seitdem steht Yolanda der Presse Rede und Antwort, geht zur Rechtsberatung und demonstriert mit vielen anderen Betroffenen vor den Gef?ngnissen. Am 13. Januar wurde sie nach einer harmlosen Aktion sogar von der Polizei mit dem Tode bedroht: ?Wir versuchten zu fl?chten, als die Polizei den Kundgebungsplatz und die Mahnwache vor dem Knast r?umte. Es gab willk?rliche Festnahmen. Stundenlang mussten wir, in der Mehrzahl Frauen, in den B?schen hocken. Wir wollten Hilfe holen. Doch an wen wendet man sich in solch einem Fall? An die Polizei, die gerade vermummt eine friedliche Kundgebung aufmischt? Als sie uns aufst?berten, wurde mir ein Gewehr in die Seite gesto?en und gedroht, dass dies mein Ende sei. Aber wir lassen uns von diesem faschistoiden Terror nicht einsch?chtern. Wir werden weitermachen, bis alle Gefangenen frei sind und Ulises Ruiz endlich abtritt!?

Kasten:

Die APPO in Oaxaca

Die Volksversammlung der Bev?lkerung von Oaxaca (APPO) ist sehr heterogen. Neben sozialen Organisationen, indigenen Gemeinden und politischen Gruppierungen haben sich Tausende von unorganisierten, vor allem marginalisierten Menschen aus den Vororten von Oaxaca-Stadt seit Sommer 2006 der Bewegung angeschlossen. Entgegen den herrschenden patriarchalen Vorstellungen beteiligten sich Frauen massiv und selbstst?ndig in der APPO. Doch der Staat antwortet auf die soziale Bewegung f?r Demokratie und Gerechtigkeit mit Repression und Kriminalisierung. Hunderte von AktivistInnen landeten wegen fingierter Delikte hinter Gittern, etliche verschwanden spurlos, wurden in den Untergrund gedr?ngt oder sogar umgebracht. 23 Tote z?hlt der Konflikt bis heute. Auf Bestrafung der Schuldigen und gerechte Gerichtsprozesse gibt es wenig Hoffnung. Im Moment versucht die APPO, sich zu reorganisieren, die Ereignisse auszuwerten, auf den Stra?en Pr?senz zu zeigen und die Kriminalisierung zur?ckzudr?ngen.
Weitere Infos:
APPO: www.asambleapopulardeoaxaca.com
Bericht der CCIODH: http://cciodh.pangea.org

Text: Martina Messerschmidt
Ausgabe: Nummer 393 - M?rz 2007