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(Artikel * 2007) Haberland, Marius
Nur ein kurzes Aufschimmern der Hoffnung "Der Fall Argentinien" analysiert detailliert die Krise des Jahres 2001
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 394 * Seite 56 - 56
Themen: IWF/Weltbank; Neoliberalismus; Soziale Bewegung; Wirtschaftskrise * Argentinien * Staatsbankrott; Sachbuch; öffentliche Verarmung * Dok-Nr: 181433
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Sachbuch
Nur eine kurzes Aufschimmern der Hoffnung
Der Fall Argentinien analysiert detailliert die Krise des Jahres 2001

Als 2001 die argentinische Wirtschaft kollabierte und in rasanter Geschwindigkeit weite Teile der Gesellschaft verarmten, verband sich der Protest der Marginalisierten mit dem jener, die bis dato vom Neoliberalismus zu profitieren schienen. Die Regierung wurde mit Hubschraubern evakuiert, w?hrend sich auf den Stra?en in Blockaden und Versammlungen eine soziale Bewegung formierte.
Dieter Boris und Anne Tittor setzen sich in ihrem neu erschienenen Buch ?Der Fall Argentinien? intensiv mit dem historisch-?konomischen Kontext der Krise des Jahres 2001 auseinander. Daf?r wird die politisch-?konomische Entwicklung Argentiniens im 19. und 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Eine zentrale Bedeutung wird dabei dem Peronismus beigemessen, der zun?chst als ?populistische? Demokratie f?r soziale Gerechtigkeit eintritt und sp?ter entgegen aller Versprechungen dem Neoliberalismus Einlass gew?hrt. Dabei wird Argentinien historisch als reicher Staat mit gro?er Armut und einem st?ndigen Wechsel zwischen (Re-)Demokratisierung und Diktatur beschrieben.
Der Schwerpunkt und auch die St?rke des Buches liegt in der Analyse des Zusammenhanges zwischen den neoliberalen Reformen und der schrittweisen ?ffentlichen Verarmung bis hin zum totalen Staatsbankrott 2001. Unterlegt mit stichhaltigem Zahlenmaterial werden die durch die Reformen verursachten sozialen Einschnitte dargestellt. Der Weg in die Krise wird dabei nicht als Zwangsl?ufigkeit verstanden, sondern als Resultat des ?Mythos der Souver?nit?t des Marktes?. Diesem Mythos erlegen h?tten korrupte Regierungen aus unf?higen Politikern bis zum bitteren Ende die Empfehlungen des IWFs befolgt.
Die sozialen Bewegungen, die in Folge der Krise entstanden, werden von den beiden AutorInnen als vor?bergehendes Ph?nomen beschrieben, dass aus dem B?ndnis der ?unteren Klassen? mit einer verarmten Mittelsschicht entstand. Sozio?konomische Ph?nomene wie die Piquetero-Bewegung, Stadteilversammlungen, besetzte Betriebe, Tauschringe und KartonsammlerInnen wurden durch die Krise verst?rkt oder als ?berlebenspraxis hervorgerufen und entwickelten mit ihrer basisdemokratischen Praxis eine ungeheure soziale Kraft. Mit dem ?konomischen Aufschwung in den Nach-Krise-Jahren verloren sie jedoch einen Gro?teil ihrer Unterst?tzung. Dass es diesen sozialen Bewegungen nicht gelang, sich in einem B?ndnis oder einer Partei zu vereinen, interpretieren Boris und Tittor als deren Schwachpunkt. Hingegen sei es dem seit 2003 amtierenden Pr?sidenten Kirchner gelungen, viele der Inititativen an seine Regierung zu binden und einen neuen Mitte-links-Peronismus zu etablieren. Dies wird von den AutorInnen positiv bewertet, jedoch kritisieren sie, Kirchner wende sich somit zwar gegen den Neoliberalismus, halte jedoch gleichzeitig den Status quo einer polarisierten Gesellschaft aufrecht.
?Der Fall Argentinien? ist ein hervorragender ?berblick ?ber die Zusammenh?ng der argentinischen Krise von 2001. Das Buch l?sst sich leicht lesen und beleuchtet dennoch tiefgr?ndig die ?konomischen Hintergr?nde der Entwicklungen. Auch jene, die ?ber die in dieser Zeit erstarkten sozialen Bewegungen einen kurzen ?berblick gewinnen wollen, werden f?ndig. Wer hingegen mehr ?ber deren basisdemokratische Praktiken wissen m?chte, muss sich anderweitig informieren.

Boris, Dieter; Tittor, Anne (2006): Der Fall Argentinien. Krise, soziale Bewegungen und Alternativen. VSA Verlag. Hamburg. 136 Seiten.

Text: Marius Haberland
Ausgabe: Nummer 394 - April 2007