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(Artikel * 2007) Papacek, Thilo F.
Frauenpower gegen Biodiesel Am Weltfrauentag organisierten landlose Frauen Proteste im ganzen Land
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 394 * Seite 12 - 13
Themen: Energie; Frauen; Gewerkschaft; Soziale Bewegung; Widerstand * Brasilien * Ethanol; MST; Agrarpolitik; Umweltzerstörung; Landlosenbewegung; Via Campensina * Dok-Nr: 181416
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Brasilien
Frauenpower gegen Biodiesel
Am Weltfrauentag organisierten landlose Frauen Proteste im ganzen Land

Am 8. M?rz organisierten Frauen der Via Campesina und der Landlosengewerkschaft Besetzungen und Demonstrationen in ganz Brasilien. Sie wollten damit gegen die aktuelle Agrarpolitik und den Besuch des US-Pr?sidenten George W. Bush demonstrieren

Auf der Avenida Paulista, der Hauptstra?e im modernen Zentrum von S?o Paulo, stie?en etwa 20.000 DemonstrantInnen auf die Milit?rpolizei. Von den gewaltsamen Stra?enk?mpfen die folgten, bekamen die Adressaten der Proteste wenig mit. Lachend und scherzend zeigten sich US-Pr?sident George W. Bush und sein Gastgeber, Pr?sident Luis In?cio Lula da Silva, der Presse.
W?hrend im Stadtzentrum die Polizei Tr?nengaskartuschen auf DemonstrantInnen schoss, zeigte Lula dem US-Pr?sidenten in der Vorstadt Guarulhos die Samen verschiedener Pflanzen, aus denen Biodiesel gewonnen werden kann, und deren Produkte. Beide schnupperten an den fetthaltigen Fr?chten, wobei Bush sein Gesicht
verzog. Er versuchte, einen portugiesischen Akzent nachzuahmen und sagte: ?Riecht gar nicht mal schlecht.?

Im Zeichen der Biokraftstoffe

Dass die Biotreibstoffe, die Lula und Bush beschnupperten, tats?chlich einen Wohlgeruch verbreiten, ist unwahrscheinlich. Vermutlich rochen beide Pr?sidenten eher eine gute Chance, in Zukunft ihre Wirtschaft anzukurbeln und sich gleichzeitig als Umweltsch?tzer zu zeigen.
?Wir wollen heute eine Partnerschaft f?r die Zukunft einweihen [...], um Ethanol und Biodiesel endg?ltig in die Energiepolitik unserer beiden L?nder zu integrieren?, sagte Lula in seiner offiziellen Begr??ungsrede. ?Biotreibstoffe bieten eine ?konomisch sinnvollere und sauberere Alternative f?r die Zukunft.?
Pr?sident Bush gab seinem Kollegen Recht. Biokraftstoffe seien gut f?r die Umwelt und b?ten Entwicklungsm?glichkeiten f?r arme L?nder in Afrika und Lateinamerika. ?Sie sind eine M?glichkeit, den Reichtum in Zentralamerika zu verbreiten, dass diese L?nder zu Energieproduzenten und unabh?ngig von ?lexporten anderer L?nder werden.?

Aktionen im ganzen Land

Zur gleichen Zeit protestierten tausende von Frauen gegen die Behauptung, dass man mit Bio- treibstoffen die Umwelt sch?tzen und Armut bek?mpfen k?nne. Um den Weltfrauentag am 8. M?rz herum, zeitgleich mit Bushs Besuch in Brasilien, organisierten Frauen der Landlosenorganisationen Via Campesina und MST koordinierte Aktionen in verschiedenen Bundesstaaten, um gegen die Agrarindustrie zu demonstrieren.
In Rio de Janeiro besetzten etwa 200 Frauen die Nationalbank f?r ?konomische und Soziale Entwicklung BNDES. Sie wollten damit gegen die Politik der Kreditvergabe der staatlichen Institution protestieren. Die BNDES f?rdert mit ihrer Kreditvergabe vor allem die exportorientierte Agrarindustrie.
Im ganzen Land organisierten Frauen Besetzungen und Demonstrationen. Wie die Tageszeitung Folha de S?o Paulo berichtete, besetzten im Bundesstaat Cear? 500 Frauen eine Bundestra?e. In Alagoas st?rmten 200 Frauen das B?ro des Staatssekret?rs f?r Landwirtschaft. In Pernambuco besetzten 10 Frauen eine Farm. In Minas Gerais blockierten 300 Frauen die Eingangstore einer Eisenerzaufbereitungsanlage des Bergbauunternehmens CVRD. In Rio Grande do Sul, wo die Landlosenorganisation MST Ende der siebziger Jahre gegr?ndet wurde, beteiligten sich 3.600 Frauen an der Besetzung von vier Farmen. In noch vielen anderen Staaten f?hrten Frauen Protestaktionen und Besetzungen durch.
Die spektakul?rste Aktion war wohl die Besetzung der gr??ten Ethanolfabrik Brasiliens, Cevasa, in Riber?o Preto im Bundesstaat S?o Paulo. Sie geh?rte bis vor kurzem Blairo Maggi, dem gr??en Sojaproduzenten der Welt und Gouverneur von Mato Grosso. Er will aus ?seinem? Bundesstaat den gr??ten Ethanolproduzenten der Welt machen ? nat?rlich soll der Sprit aus Soja gewonnen werden. Inzwischen ist die Fabrik aber an das multinationale Unternehmen Cargill verkauft worden.
Die Frauen w?hlten die Fabrik Cevasa in Riber?o Preto aus, weil sie ein Symbol f?r die wahren Auswirkungen der Ethanolproduktion ist. Erst w?hrend der letzten Jahrzehnte boomte in der Region der Zuckerrohranbau, inzwischen wird dort mehr als anderswo produziert. Seitdem hat die Landkonzentration dort massiv zugenommen, was vor allem Kleinb?uerinnen und -bauern betrifft. Immer wieder gab es Berichte von sklaverei?hnlichen Arbeitsverh?ltnissen, unter denen Menschen auf den Plantagen in Riber?o Preto das Zuckerrohr h?tten ernten m?ssen. Der Internetzeitung Carta Maior zufolge sollen seit 2004 ?ber 15 Menschen in der Region an ?berarbeitung gestorben sein.
In 15 Omnibussen kamen am Morgen des 7. M?rz 800 Frauen der Via Campesina und der MST vor den Werkstoren der Cevasa an. Dort blockierten sie die Eingangstore und besetzten anschlie?end friedlich das Werk, wie die Polizei mitteilte. Dort hielten sie bis zum n?chsten Tag aus.

Die andere Seite des Biosprits

Ihre Proteste stellten die Frauen von Via Campesina und der MST explizit in den Kontext des Bush-Besuchs in Brasilien. ?Im Februar 2007 haben die Regierungen Brasiliens und der USA beschlossen, in Zukunft st?rker auf dem Feld der Biokraftstoffe zu kooperieren?, schrieben sie in einer Erkl?rung auf der Homepage von Via Campesina.
Au?erdem vertr?ten die Regierungen vor allem die Interessen von gro?en Agrar-, Automobil- und Chemieunternehmen. ?Gro?e Unternehmen ziehen ihren Vorteil aus der berechtigten Sorge um die Klimaerw?rmung, und nehmen Biotreibstoffe vor allem als M?glichkeit der Kapitalakkumulation wahr.? Die Argumente, dass mit den neuen Treibstoffen die Umwelt gesch?tzt und Armut bek?mpft w?rde, seien bewusst verf?lscht.

Keine erneuerbare Energie

Marina dos Santos ist Koordenatorin der Bewegung der Landfrauen MMC, die auch in der Via Campesina organisiert ist. ?Durch die Monokulturen der Agrarindustrie wird unsere Umwelt zerst?rt?, sagte sie der brasilianischen Internetzeitung Carta Maior. Tats?chlich w?rden durch die Produktion von Biotreibstoffen die negativen Folgen der Erderw?rmung noch verst?rkt. Die riesigen Zucker-, Palm?l- und Sojaplantagen, die zur Gewinnung der Treibstoffe n?tig sind, entz?gen dem Boden N?hrstoffe und w?rden die Wasserreserven ganzer Regionen verbrauchen. Biotreibstoffe w?rden dadurch direkt die Desertifikation von Trockenregionen voran treiben. ?In Wahrheit ist Biotreibstoff gar keine ?erneuerbare? Energiequelle.?
Dass die Proteste haupts?chlich von Frauen organisiert und durchgef?hrt wurden, ist kein Zufall. Sie wollten mit den Aktionen f?r eine ?kologische und vielf?ltige Landwirtschaft demonstrieren, die vor allem der armen Landbev?lkerung nutzt.
Nach Daten der Via Campesina leben etwa 32 Prozent der brasilianischen Bev?lkerung unterhalb der Armutsgrenze. In l?ndlichen Regionen seien aber 57 Prozent der Bev?kerung arm. Wenn man diese Daten geschlechtsspezifisch entschl?ssele, seien aber 70 Prozent dieser Armen Frauen und Kinder. Frauen m?ssen h?ufig ihre Familien alleine ern?hren, bekommen aber durchschnittlich deutlich geringere L?hne. Sie sind am st?rksten von den Folgen der Armut betroffen, die aus der Landkonzentration in Brasilien resultiert. Deshalb sei es gerade am Frauentag wichtig, gegen die Agrarindustrie und die Produktion von Biotreibstoffen zu protestieren, wie die Frauen von Via Campesina schreiben. Mit ihrem
Widerstand wehren sich die Frauen gegen die Zerst?rung ihrer
Lebensgrundlage.

Text: Thilo F. Papacek
Ausgabe: Nummer 394 - April 2007