Volltext

(Artikel * 2008) Bruckner, Ingolf
Gehärtete Sonnentränen Ein Diamantwäscher aus Guyana erzählt
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 409/410 * Seite 42 - 46
Themen: Arbeit; Rohstoff * Guyana * utopisches Lebenskonzept; Emanzipationssinnbild; Buch-Vorabdruck * Dok-Nr: 181400
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Guyana
Geh?rtete Sonnentr?nen
Ein Diamantenw?scher aus Guyana erz?hlt

In Guyana ist der Gold- und Diamantenabbau stets mehr gewesen als ein blo?er Erwerbszweig: Er ist utopisches Lebenskonzept, Sinnbild der Emanzipation f?r die w?hrend und nach der Kolonialzeit Unterdr?ckten, Fluchtort f?r Au?enseiter, Traum der Jugend und zugleich bitterer Fluch. Schon Sir Walter Raleigh erlag 1595 der Magie des Goldes. Seine waghalsigen Unternehmungen, in Guyana das legend?re El Dorado zu finden, fra?en nicht nur sein Verm?gen auf, sondern auch ihn selbst. Ab 1880 brach ein Gold- und Diamantenrausch aus. Vornehmlich afrikanischst?mmige Landarbeiter machten sich auf in den Busch; ein batelle zum Goldwaschen und rations (Proviant) waren ihre einzige Ausr?stung. Heute arbeiten die meisten Gold- und Diamantengr?ber nicht mehr zu zweit als Partner, sondern in Teams zu sieben bis zehn Personen. Beinahe jeder gesunde Afro-Guyaner, etliche Amerindians und Brasilianer arbeiten w?hrend ihrer Jugend in den Minen, viele bleiben dieser T?tigkeit bis zu ihrem Tode treu. Der folgende Erfahrungsbericht eines Diamantenw?schers ist dem neuen Guyana-Buchprojekt ?Im Banne des Kumaka-Dschungels? entnommen und erscheint hier als Vorabdruck:

?Ich bin seit sieben Jahren im gold und dymon bush, ich wei?, wovon ich spreche. Wir sind alle bibeltreu, und wir haben eine h?bsche Ahnung, was das Leben wert ist. W?ren wir sonst hier? Leicht h?tten wir zur?ckbleiben k?nnen im Filz von Georgetown, wo die Ratten gro? und fett sind wie pekaris und die Menschen d?nn wie verkohltes Papier. Aber wir arbeiten lieber wie Sklaven f?r unsere fernen Ladies an der K?ste, unsere Mamas, unsere kleinen Schwestern und Br?der, anstatt dort zu sein und sie und uns zu dem?tigen.
Im dymon bush tun wir immer was gegen Langeweile. Die meiste Abwechslung gibt es bei den supply shops [Vorratsl?den]. Die liegen an strategischen Verteilungspunkten: an Flusslandestellen, Flugpisten, Weggabelungen. Einfache Holzkisten sind sie, in denen du schier alles kaufen kannst: Schaufeln, N?gel, Munition, geschmuggeltes Bier, Gummistiefel, Batterien, Malariatabletten, Samuraischwerter, Streuselkuchen. Hier treffen sich alle crews auf neutralem Boden. Ein guter shopkeeper [Ladeninhaber] dekoriert den Laden mit Lampions und Weihnachtsschmuck. Weihnachtsschmuck sieht immer sch?n aus und erfreut auch zu Ostern oder Pfingsten.
Der gute shopkeeper besitzt mannshohe Lautsprecher und ein Arsenal von Musikkassetten: Nat King Cole und Frank Sinatra sind romantische Musik f?rs weiche Herz, vertonte Emotion, noch wichtiger aber ist heutzutage der dub: die Dancehall-DJs aus Kingston, angefangen bei Bounty Killer bis hin zu Elephantman, bassschwer, gestyled, gemixt. Dann gibt es die sound systems aus Georgetown, den Soca aus Trinidad, und schlie?lich culture music: Da steht allen voran der Mann, den sie Bob Marley nannten. Wenn Musik l?uft, gibt es kein Halten: War auch der Tag so schwer und die Sonne so hei? und die Sklavenzeit der Vorfahren so hart, wir tanzen und johlen juhujui! und leben, denn ob es ein Morgen gibt, wir wissen es nicht.
Der gute shopkeeper besitzt Videos s?mtlicher dritt- und viertklassiger Kung-Fu-, Box-, Gangster-, Horror-, Donald-Duck- und Western-Filme, die die yankeeboys [US-Amerikaner] oder chyneemen [Chinesen] je abgedreht haben. Aber wo gibt es einen guten shopkeeper! Der normale shopkeeper hat zwanzig Filme, die er immer wieder dem immer gleichen Publikum vorf?hrt. Und so kommt es, dass sich die ZuschauerInnen auch im Alltag stetig ihren ewig gleichen Filmhelden ann?hern. Sie ?bernehmen nicht nur ihre klangvollen Namen. Jeder will auch so cool & slack und bitterb?se sein. Nach einem Jahr hat die crew X lange Chinesenz?pfe, die crew Y tr?gt zum Ausgehen Strumpfmasken oder gr?ne Duschhauben, die crew Z l?sst sich den Hals t?towieren.
Der gute shopkeeper hat Ladies im Angebot, manche von ihnen bis aus Brasilien...
Aber genug! Denn wann kommt es zu Zerstreuungen? Doch nur, wenn wir unseren backdam, also unseren wok place [Arbeitsplatz], unsere Mine, verlassen, um in die Zivilisation zu reisen und unsern Kies auszugeben und Rationen zu kaufen. Der shop an der Wegscheide, das ist die einzige Zivilisation, das einzige St?ck Kultur, das viele von uns kennen. Pl?tze wie Kurupung, Kamarang, Arakaka, Kaitum ? welch unwirkliche, verwirrende Glitzerwelten!
Drei Jahre bearbeite ich meine eigene land drudge [Sch?rfanlage] auf 25 claims, offiziell registriert zu je 800 x 1.200 Fu?. So bin ich kein wilder pork knocker [illegaler Goldsucher] und doch mein eigener bossman [Chef].
Vor Morgengrauen stehen wir auf. Wir essen ger?stetes Topfbrot, R?hrei, frittierten patwa [Fisch]. Daran soll es nicht fehlen. Kriegen die M?nner nicht gut zu essen, werden sie launisch, schaffen nichts, rebellieren. Wir trinken ein Gemisch aus Sasparilla-Sud, porridge, Milchpulver und Zucker, nelkengew?rzt. Wir nennen diese Mischung ?Tee? oder ?Kaffee?. Sasparilla-Wurzeln sind gut f?r den R?cken, und Zucker weckt den Geist. Jeder w?scht sein tinnin cup, also sein Geschirr, im Wassereimer selber ab ? ich dulde keine Hierarchien ?, und h?ngt es dann an seine Astgabel am Pfosten der Feuerstelle, ich als bossman ganz oben. Der alte Solex bleibt im camp zur?ck, schaut nach dem Rechten und kocht; wir anderen, also ich, die beiden entflohenen Str?flinge aus Minas Gerais, Quamin, Sickman und Quashie z?gern nicht lange, jeder wei?, was er zu tun hat, schweigend steigen wir den Pfad herab zum backdam [dem ?Hinterland?], warishis [geflochtene Tragek?rbe] mit Benzin auf dem R?cken, Regenwasserkanister zum Trinken, Kettens?ge, Schaufel, Gabel, Axt, Spitzhacke, Machete in der Hand. Der Tag dr?ut aschgrau und taufrisch. Die Pumpe l?uft an, welche auf dem Flo? in der Mitte des k?nstlichen Sees liegt, der sich neben unserer Diamantengrube gebildet hat. Jeder geht auf seinen Posten. Quashi bleibt oben, zerschneidet mit der Kettens?ge das Wurzelchaos am Grubenrand, Sickman hilft ihm dabei, hackt mit der Axt die Deckschicht locker, r?umt Laub, Astwerk, Steine zur Seite, achtet au?erdem auf die Benzinzufuhr f?r die Pumpen. Wir andern arbeiten in 15 Fu? Tiefe. Ich und Joao sind die jetmen: Wir f?hren die beiden von der Seepumpe gespeisten Kerscher und sp?len mit ihnen, den Wasserstrahl leicht von unten nach oben auf das Bodenprofil der Grubenwand gerichtet, aus dem Rand der Grube diamanthaltigen gravel, welcher sich in einer breiten Schicht zwischen wurzeldurchflochtener Humusdecke und Tonsockel befindet.

Hitze, bitterkalter Regen, nichts h?lt uns auf, wir sind Soldaten. Soldaten des Gl?cks

Das Seewasser aus den Spritzd?sen verbindet sich mit dem gel?sten Material zu kostbarem, sedimentreichem Schlammwasser. Dieses l?uft von der Grubenwand hinab bis in die tiefste Stelle der Grube. Quamins Aufgabe ist, den Weg f?r das Schlammwasser freizuhalten. Dazu muss er mit Gabel oder Spitzhacke grobes Ger?ll und herabgest?rzte Zweige entfernen und mit der Schaufel die optimale Flie?richtung vorbereiten. Wenn er Hilfe braucht, springt Sickman hinzu. Bonfa ist unser marokman. Er steht den ganzen Tag bis zu den Schenkeln hinauf im diamanthaltigen Schlammwasser, das sich letztlich an der trichterf?rmigen Vertiefung der Grube sammelt. Bonfa h?lt das Ende des dicken Schlauches im Arm, durch den mittels unserer zweiten, abseits stehenden Pumpe das schlammhaltige Wasser aus der Grube angesaugt wird. Mit der anderen Hand erh?ht Bonfa die Saugst?rke der Pumpe, wenn der Wasserpegel sehr hoch ist oder senkt sie, indem er einen Stock dreht, auf den ein mit der Schaltung des Pumpengetriebes verbundenes Seil gewickelt ist. Das kostbare Wasser wird auf diese Weise bis hinauf in den lavador gepumpt. Der lavador sammelt schweres diamant- und goldhaltiges Material; er siebt die gro?en Gesteinsbrocken aus und sp?lt die leichten, wertlosen Schlammpartikel mit dem Wasser zur?ck in den See. Beinahe wie eine richtige Waschmaschine funktioniert so ein lavador: Membranen bewegen sich seitw?rts in ihm vor und zur?ck, dadurch steigt und sinkt der Wasserlevel rhythmisch, und die Diamanten mit ihrer gro?en Dichte sinken an den Grund.
So verl?uft der Tag: Hitze, bitterkalter Regen, nichts h?lt uns auf, wir sind Soldaten. Soldaten des Gl?cks. Mittags gibt es eine Pause. Dann kommt Solex mit dem Essen, er kommt singend, er singt immer, und zwar stets das gleiche Lied: ?Rasta don?t wok fuh no CIA!?, und wir setzen uns an den Rand der Lichtung in den Schatten. Was Solex bringt? Hei?en Sasparilla- oder Capadula-Tee, dazu Rind oder Huhn, Reis, Bohnen und duff [Mehlpudding], manchmal Kl??e aus Mehl, die wir tiger nennen, manchmal Kassava, manchmal K?rbis, immer Mayonnaise, Ketchup, Senf, wiriwiri-Pfefferschoten.
Bis kurz vor Sonnenuntergang erlauben wir uns keine vergeudete Zeit. Steigen die Fl?sse im Juni an, m?ssen wir diesen wok place [Arbeitsplatz] r?umen und k?nnen erst im Dezember zur?ck. Da auch zwischendurch nach kr?ftigem Regen das Wasser kurzzeitig anschwellen mag, habe ich die Pumpe, die den lavador versorgt, auf ein Ponton geschraubt.

Jeder in der crew macht, was er am besten kann, jeder wei?, alle Arbeit muss verrichtet werden, ist gleich viel wert

Abends sind wir still vor M?digkeit, zittern vor K?lte und Feuchtigkeit oder Fieber, gehen an unsern Bach, um den Schlamm abzuwaschen, der unsere K?rper bedeckt. Wir sind Krieger, erl?st bis zum Sonnenaufgang. Solex nennt uns buffalo soldiers. Solex hat was Gutes in der Pfanne, vielleicht hat er einen Truthahn erlegt oder Alligatoren geangelt, die er sofort zubereitet, weil ihr Fleisch im Handumdrehen verdirbt. Oder er hat chow mein [chinesische Nudeln] oder einen fetten cook up gekocht. Vor allem hat er das Radio an f?r uns: Es gibt Cricket News, BBC-Weltpolitik, eine theologische Diskussion, eine Predigt. Das Radio ist winzig, es steht auf der Tischkante im camp, das umkr?nzt ist von gezackten Baumkronen eines endlosen Dschungels und beschirmt von Stier und L?we und Schlangentr?ger; zitternde, von den Zikaden halb ?bert?nte Stimmen dringen aus dem Lautsprecher, legen Zeugnis ab von fernen, hoffnungslosen Kriegen. Um acht geht der vorletzte Kerosindocht aus, Quashie beginnt sofort in seiner H?ngematte zu schnarchen.
In die Stadt fahre ich alle zwei Wochen, verkaufe unsere Ausbeute bei Karautzky. Der zahlt f?r einen sauberen Einkar?ter 60.000 Guyana-Dollar (cirka 200 EURO), f?r den man im Busch nur 45.000 kriegt, f?r einen Zweikar?ter 300.000. Ich k?mmere mich in den Mines & Geology und Lands & Surveys Departments um den Papierkram f?r die Mine, besorge Vorr?te, Ersatzteile, Benzin, Kleinigkeiten f?r die Jungs, die sie mir auf die Liste geschrieben haben, ?berbringe Briefe und Geld an ihre Ladies. Wenn ich wieder hier bin, muss ich als erstes den Bootsmotor reparieren, Zinkblechschilder f?r die claims ausschneiden, beschriften und erneuern (f?r jeden claim brauche ich vier St?ck, h?ufig fallen sie ab oder verschwinden), Benzin ins Versteck bringen, damit es nicht von herumstreunenden Fremden abgesaugt wird, im Busch Limonen f?r den patwa pfl?cken.
Alle sechs Tage lassen wir die Pumpen ausruhen und schippen den Inhalt des lavadors portionenweise in Eimer. Die kippen wir nach und nach auf drei ?bereinanderliegenden runden Handsieben verschiedener St?rke aus, welche in einem flachen, wassergef?llten Holzbecken liegen. Jeder in der crew macht, was er am besten kann, jeder wei?, alle Arbeit muss verrichtet werden, ist gleich viel wert ? darum ?bernimmt stets Sickman die Handsiebe, wenn wir den lavador auswaschen. Er wei?, wie gro? er die Portion des k?stlichen Materials zu w?hlen hat, wie er sie am besten im Sieb sammelt, wie er ein jedes Sieb flach auf dem Wasserspiegel h?lt und in ruckartigen Bewegungen dreht, dabei kurz losl?sst und wieder zupackt, das vier- bis f?nfmal...? und schon nimmt die Portion im Sieb Gestalt an: die pebbles ? wei?e, relativ leichte und h?ufig vorkommende Quarzsteine ? bilden nun einen dicken Ring am Rand des Siebs, in der Mitte aber hat sich schwereres Material gesammelt, schwarzsilberner Pyrit, sogenannte ironstones, darin liegen die Diamanten, geh?rtete Sonnentr?nen, stecknadelkopfgro? zumeist, oft reiskorngro?, mit Gl?ck wie ein Kirschkern, selten gr??er, und doch stets sofort erkennbar im glei?enden Tageslicht, wir sammeln sie mit der Hand raus und tun sie in ein Wasserglas. Ab und an ? weil Gold noch schwerer ist als Diamanten ? haben wir ein nugget dabei.?

Der Artikel wurde bereits in der Schweizer Zeitschrift f?r Kulturkritik Schritte ins Offene publiziert.

Text: Ingolf Bruckner