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(Artikel * 2007) Bruckner, Ingolf
Das Ende der Nacht? Die Vergangenheit lastet schwer auf Guyana, doch es gibt Anlass zur Hoffnung
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 402 * Seite 50 - 52
Themen: Geschichte; Länderkunde * Guyana * gesellschaftlicher Umbruch * Dok-Nr: 180790
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Guyana
Das Ende der Nacht?
Die Vergangenheit lastet schwer auf Guyana, doch es gibt Anlass zur Hoffnung

Armut und Brutalit?t pr?gen die Geschichte des s?damerikanischen Staates. Doch trotz aller R?ckschl?ge haben die GuyanerInnen Grund zu der Hoffnung, dass sie das Schlimmste hinter sich haben. Die Wahlen des letzten Jahres verliefen weitgehend friedlich. Wirtschaftlich hat das Land Anschluss gefunden an Brasilien, den gro?en Nachbarn im S?den.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht nahm die Berbice Anti Smuggling Squad (BASS) den 15-j?hrigen Shazad Bacchus fest. Er war gerade dabei, etliche Kisten mit Plastikt?tenrollen in ein Fischerboot zu verladen, das nach Surinam auslaufen sollte.
Die BASS ist eine Spezialeinheit im Osten Guyanas, die den Schmuggel mit Surinam zu unterbinden sucht. In letzter Zeit hat sie einige Erfolge zu vermelden gehabt. So ist es ihr gelungen, mehrere SchmugglerInnen zu ertappen als sie gerade 7.000 Pfund illegal ins Land geschaffter Bananen entladen. Die Bananen wurden beschlagnahmt und zerst?rt.
Die schwere Kopfverletzung, hei?t es sp?ter im Polizeireport, habe Shazad sich zugezogen beim verzweifelten Versuch, der Verhaftung zu entgehen. Man bringt ihn unverz?glich ins Hospital von Skeldon, wo er unter strenger Bewachung verbleibt. Skeldon liegt im Nordosten Guyanas; Guyana im Nordosten S?damerikas.
Als die ersten europ?ischen Abenteurer im 16. Jahrhundert nahe der Orinoko-M?ndung auf ein Boot mit Indigenen stie?en, so die Legende, fragten sie nach dem Namen des f?r sie unwirtlich und wild anmutenden Gestades. Die Insassen des Einbaumes, die das Waldland s?d?stlich als tabu betrachteten, weil dort kriegerische Kariben hausten, antworteten: ?Wayana!? Das bedeutete in ihrer Sprache: ?Dieses Land ist namenlos!? ? und so, in gewisser Weise, ist es bis heute geblieben.
Holl?nderInnen legten erste Handelsst?tzpunkte und Plantagen an, welche immer wieder von FreibeuterInnen gepl?ndert oder von UreinwohnerInnen angegriffen wurden. Sp?ter verb?ndeten sich die Europ?erInnen mit k?mpferischen Indigenenst?mmen: Die halfen gegen Lohn, entlaufene afrikanische SklavInnen einzufangen.
Als Folge von Kriegen und Feilschereien wechselte das Gebiet des heutigen Guyana mehrfach die H?nde, bis sich die Engl?nderInnen dauerhaft etablierten und British Guiana gr?ndeten. 1838 endete die Sklaverei.
Sieben Jahre sp?ter versammelten sich 400 ?kultivierte? Indigene, von denen viele den Europ?erInnen als Sklavenj?gerInnen gedient hatten, nunmehr arbeitslos geworden, hungrig und ihrer urspr?nglichen Lebensweise entw?hnt in einem Wald, der ihnen fremd vorkam, fielen auf die Knie, beteten ? und t?teten sich dann, um, wie erz?hlt wird, als wei?e M?nner aufzuerstehen.
Zur Deckung des wachsenden Bedarfs an PlantagenarbeiterInnenn warben die BritInnen KontraktarbeiterInnen in Madeira, China und Indien an, die sich zu mehrj?hrigem Zwangsdienst verpflichteten. Eine ?globalisierte? Gesellschaft wurde geboren, deren ethnische Gruppen untereinander nur wenig Gemeinsamkeiten sahen.
Als das Land sich in den 1950er Jahren auf seine Unabh?ngigkeit vorbereitete, waren die Volksgruppen erstmals gezwungen, miteinander gesellschaftlich zu verkehren und Entscheidungen zu treffen, die zuvor Kolonialherren f?r sie gef?llt hatten. Noch bevor Guyana 1966 staatliche Souver?nit?t erhielt, eskalierten die ethnischen Auseinandersetzungen, herrschte Terror: Gangs pl?nderten, vergewaltigten, brandschatzten.
Streng an ethnischen Linien ausgerichtete Parteien k?mpften um die Macht. Dem Afro-Guyaner Forbes Burnham gelang es, Staatschef des unabh?ngigen Guyana zu werden und bald schon Milit?r und Polizei direkt seiner Macht zu unterstellen. Wahlen waren von nun an nur mehr eine Farce.
Staatsziel wurde ein auf Selbsthilfe beruhender kooperativer Sozialismus. Doch auf den Staat vertrauen die BewohnerInnen Guyanas bis heute wenig. Sich selbst zu helfen, geh?rt ganz selbstverst?ndlich zur sozialen Psyche der guyanischen Bev?lkerung.
Und so musste Shazad, der Plastikt?tenschmuggler, auch nicht lange unter Polizeiaufsicht im Hospital von Skeldon verbleiben. Wenige Stunden nach seiner Verhaftung st?rmte Vater Azad zusammen mit dem 18-j?hrigen Cousin Faddil Ally und etwa 30 Nachbarn und Freunden unter Sch?ssen das Krankenhaus. Sie ?berw?ltigten einen Sicherheitsmitarbeiter und verletzten im Handgemenge einen BASS-Mann, der Shazad bewacht hatte. Die Krankenschwester, die gerade Shazads Wunde behandelte, sowie die ?brigen BASS-Einsatzkr?fte konnten gerade noch in den Nebenraum fl?chten. Shazad und seine Retter entkamen in die Nacht.
Ende der 1970er Jahre trieben Vetternwirtschaft, Verschwendung und Verschuldung Guyana ins Chaos. Die Sekte House of Israel terrorisierte die ?ffentlichkeit. Schl?gertrupps trieben oppositionelle Versammlungen oder Streikende auseinander. Bevor Guyana dann dauerhaft aus dem Licht der Welt?ffentlichkeit verschwand und nahezu in Vergessenheit geriet, erreichte die internationale Presse eine letzte Meldung: In der Dschungelsiedlung Jonestown nahe dem entlegenen Manganverladehafen Port Kaituma hatten 914 Anh?nger der von Jim Jones geleiteten Sekte People?s Temple of Christ kollektiven Selbstmord begangen. Jones war einige Zeit zuvor aus den USA eingewandert und hatte sich f?r reichlich US-Dollars bei Burnham das Recht erkauft, einen ?Staat im Staat? zu gr?nden, in dem er tun und lassen durfte, was ihm beliebte.
In seiner Neujahrsrede 1984 gab der nach Autarkie strebende Pr?sident Burnham zu, dass ?uns einzig der Wille zu ?berleben, weitertreibt?. Einfuhrverbote, die selbst Grundnahrungsmittel betrafen, und Erh?hungen der Zucker- und Reisexporte sollten helfen, den Staatshaushalt zu sanieren, vergr??erten jedoch nur das Elend. Zum einzig boomenden Wirtschaftszweig entwickelte sich der Schmuggel von G?tern des t?glichen Bedarfs aus den Nachbarl?ndern.
Mit den ersten freien Wahlen 1992, sieben Jahre nach Burnhams Tod, kam trotz gewaltt?tiger Ausschreitungen wieder Hoffnung auf. Zwar f?hlten sich insbesondere Afro-GuyaneInnen vom neuen Staatschef Cheddi Jagan unzureichend vertreten, doch leitete dieser eine verst?rkte ?ffnung ein und warb um internationales Vertrauen. Das Wahlverhalten der guyanischen Bev?lkerung orientiert sich bis heute an ethnischen Zugeh?rigkeiten. Zust?nde allgemeiner Gesetzlosigkeit insbesondere vor und nach Wahlen konnten einen generell positiven Trend in Guyana aber nicht aufhalten. Die letzten Wahlen 2006, bei denen sich erneut die PPP behauptete und der gegenw?rtige Pr?sident Bharrat Jagdeo wiedergew?hlt wurde, verliefen friedlich. Gleiches gilt f?r die Cricket-Weltmeisterschaft 2007, die erstmals in der Geschichte des Landes eine gr??ere Zahl ausl?ndischer BesucherInnen anzog. Obwohl weiterhin Fachkr?fte auswandern, gibt es doch auch R?ckkehrerInnen, die neben sorgf?ltig gesparten US-Dollars neue Ideen und eine neue Mentalit?t in ihre traumatisierte Heimat mitbringen.
Unter den R?ckkehrerInnen war auch Shazads Familie, die zuvor in Surinam gelebt hatte. Gegen 4 Uhr morgens, wurde der Minibus, in dem Shazad geflohen war, entdeckt und gestoppt. Ergebnis der darauf folgenden Schie?erei: f?nf Personen entkommen, drei bleiben tot im Minibus zur?ck: Shazad, sein Vater Azad und Cousin Faddil Ally.
Doch Sabita Shivgobin, Shazads Stiefmutter, die nahe dem Hospital wohnt, erz?hlt eine andere Geschichte: Kurz nach der Flucht, gegen 2 Uhr 30, habe ihr Mann Azad sie von der Stra?e aus zu Hilfe gerufen: ?Shabo, es hat mich erwischt!? Woraufhin sie aus dem Haus gerannt sei und ihn mit erhobenen H?nden gesehen habe. BASS-M?nner h?tten auf ihren Mann und die Jungs geschossen und seien anschlie?end mit ihnen fortgefahren. Ein anderer berichtet, alle drei seien wenig sp?ter, trotz des Flehens der Nachbarn, vor seinem Haus in Race Course hingerichtet worden.
Das lie?en die AnwohnerInnen nicht auf sich sitzen. In den folgenden Tagen protestierten hunderte von ihnen vor der BASS-Station. Die Situation erhitzte sich und erneut gab es Tote. In der Folge wurden Spezialeinheiten angekarrt, um die Gegend zu befrieden. Die Gewalt in Guyana richtet sich gegen den Staat, gegen das Volk, gegen Nachbarn, die eigene Familie, den eigenen K?rper.
In einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs sind dabei vor allem guyanische Frauen Gewinnerinnen und Hoffnungstr?gerinnen. Die M?nner, denen traditionell die finanzielle Versorgung der Familie obliegt, treiben Landwirtschaft, oft wie ehedem mit der Machete und ert?nken ihren Frust im Rum. Oder sie verlassen fr?hzeitig die Schule, um irgendwie Geld zu verdienen, wie Shazad. W?hrenddessen graduieren die M?dchen erfolgreich, eignen sich EDV-Kenntnisse an, nehmen teilweise lukrative Besch?ftigungen im Dienstleistungssektor auf.
Trotz zeitweiliger R?ckschl?ge ist das Wirtschaftswachstum bemerkenswert, auch wenn es oft zu Lasten der Natur geht und damit der indigenen Bev?lkerung schadet, die in und von ihr lebt: Internationale Holzfirmen sichern sich hunderttausende Hektar Urwald zur Ausbeutung der wertvollen Tropenholzbest?nde. Brasilianische, US-amerikanische und kanadische InvestorInnen nutzen das Potenzial Guyanas vor allem im Bergbausektor. Neben Gold, Diamanten und Bauxit verf?gt das Land ?ber erhebliche, noch nicht erschlossene Erd?lvorkommen.
Geplant ist die Einrichtung eines Tiefseehafens an der M?ndung des Essequibo, der es auch Kreuzfahrtschiffen erlauben w?rde, vor Guyana zu ankern. Zu den wichtigsten nationalen Projekten der letzten Jahre geh?ren die Ausweitung des Stra?ennetzes sowie die Erschlie?ung von ehemaligen Zuckerrohrfeldern f?r dringend ben?tigte Wohngebiete. Eine regul?re F?hrverbindung wurde zum Nachbarstaat Surinam aufgenommen.
Die zweifellos gr??te Auswirkung auf Guyanas Zukunft hat die vor wenigen Jahren gebaute Stra?e von der Hauptstadt Georgetown nach Brasilien. Nur ?ber sie steht das Land in unmittelbarer Verbindung zum ?brigen S?damerika, nur ?ber sie vermag die Staatsgewalt das weite Hinterland zu erreichen und zu kontrollieren. 1991 wurde ein sogenannter trail (Pfad) buchst?blich mit der Machete in den Busch geschlagen. Noch f?nf Jahre sp?ter dauerte die Reise im robusten Truck bis zu einer Woche. Heute befahren selbst Minibusse in kaum 24 Stunden die Strecke. Ein zunehmend brasilianischer Einfluss wird im viktorianischen Georgetown sp?rbar. Der Wandel, der im Land sp?rbar ist, verhei?t hoffentlich das Ende der langen guyanischen Nacht.

Text: Ingolf Bruckner