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(Artikel * 2007) Nehe, Börries
Jenseits der Grenzen Das Treffen der indigenen Völker Amerikas und die Schwierigkeiten einer indigenen Identität
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 402 * Seite 34 - 38
Themen: Indigene Völker; Soziale Bewegung; Tradition; Widerstand * Lateinamerika; Mexico * Frauendiskriminierung; Widersprüche; unterschiedliche Politikziele; neues Selbstbewusstsein; Nationaler Indigener Kongress - CNI * Dok-Nr: 180785
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Amerika
Jenseits der Grenzen
Das Treffen der indigenen V?lker Amerikas und die Schwierigkeiten einer indigenen Identit?t

Mitte Oktober trafen sich im nordmexikanischen Vicam indigene Bewegungen aus dem gesamten Kontinent. Das Treffen der indigenen V?lker Amerikas zeigt das neue Selbstbewusstsein der Ind?genas. Aber es zeigt auch die Br?che der Bewegung: Bewegungen aus Nord- und S?damerika haben unterschiedliche politische Ziele. Und die Yaquis, die zum Treffen eingeladen haben, hindern die Frauen an der Teilnahme.

Im Jahr 1927 verk?ndete die Southern Pacific Railroad stolz die Fertigstellung einer neuen Eisenbahnlinie. Seitdem f?hrt eine Bahntrasse von der mexikanischen Stadt Nogales, an der Grenze zum US-amerikanischen Arizona, quer durch den im Norden Mexikos gelegenen Bundesstaat Sonora bis nach Guadalajara im Zentrum des Landes. Einige Minuten oberhalb des 27. Grades n?rdlicher Breite verlaufen die Bahnschienen durch eine kleine Stadt namens V?cam und zerteilen den Ort in zwei ungleiche H?lften. Auf der einen Seite der Trasse beherbergen steinerne H?user ihre BewohnerInnen, und zwei an der Bundesstra?e gelegene 24-Stunden-Superm?rkte konkurrieren um Kundschaft.
Auf der anderen Seite der Schienen leben die Menschen in aus Holz gezimmerten Eigenbauten im Schatten der ?rtlichen Betonfabrik, und nicht einmal ein Lebensmittelladen buhlt um ihre Kaufkraft. Auf dieser anderen Seite sind jene zu Hause, die sich dem ?Stamm der Yaqui? zurechnen. Und auf dieser anderen Seite auch, auf dem staubigen Feld zwischen Kirche und Gemeindezentrum, organisierten der Nationale Indigene Kongress (CNI), die EZLN und eine Fraktion des ?Stammes der Yaqui? Mitte Oktober das ?Treffen der indigenen V?lker Amerikas?.
Nat?rlich sind es nicht nur Eisenbahnschienen, welche die Grenze zwischen den beiden Teilen V?cams markieren. Sie sind nicht mehr als die bauliche Vergegenst?ndlichung der Teilung der amerikanischen Gesellschaften per se: jener nunmehr 515 Jahre andauernden Trennung in einen indigenen und einen nicht-indigenen Teil der Bev?lkerung des Kontinents. F?r diejenigen, die sich selbst als Spanier, Wei?e oder Mestizen betrachteten und betrachten, waren die ?anderen? selten mehr als ?Indios?. Im Gegenzug bezeichnen jene, die sich Yaquis nennen und genannt werden, alle nicht-indigenen Menschen als yoris ? ein von negativen Konnotationen nicht immer freier Sammelbegriff.
Beide Begrifflichkeiten zur Bezeichnung des ?Anderen? ? sowohl Indio als auch yori ? haben in den letzten Jahrzehnten tief greifende Bedeutungsverschiebungen erfahren. ?Mit dem Begriff Indio hat man uns beleidigt, hat man uns erniedrigt und kolonisiert. Mit diesem selben Begriff, Indio, werden wir uns erheben, compa?eros!?, ruft V?ctor Morocho den etwa 5000 Anwesenden, von denen mehr als 600 Delegierte indigener Gruppen aus ganz Amerika sind, von der B?hne aus zu. Und f?gt hinzu: ?Ind?gena zu sein bedeutet, der Stolz Amerikas zu sein!? Das neue Selbstverst?ndnis der indigenen Bewegungen Amerikas spricht aus den Worten des Delegierten des Nationalen B?ndnisses der Bauern-, Indigenen und Farbigenorganisationen Ecuadors FENOCIN.
?Es geht auf diesem Treffen um die Zukunft unserer indigenen V?lker, um unsere Autonomie?, gibt Juan Domingo, technischer Koordinator einer der traditionellen Autorit?ten der yaquis, zu verstehen. ?Es ist das erste Mal, dass wir uns in die Augen schauen und Freundschaften schlie?en k?nnen ? das ist ein erster, fundamentaler Schritt auf dem Weg zu einer Einheit der indigenen Gruppen Amerikas.?
Im Kern des Wunsches nach einer gro?en, vereinten indigenen Bewegung findet sich aber auch die Frage nach dem vertrackten Verh?ltnis zwischen dem Partikularen und dem Universellen, welche die Bewegungen zu l?sen haben. Denn der Suche der ethnischen Gruppen Amerikas nach dem ?gemeinsamen Indigenen? haftet stets der immanente Widerspruch an, im Grunde nicht viel mehr gemein zu haben als die koloniale Kollektivbestimmung als ?Indios? ? und die damit verbundene Erfahrung rassistischer Ausgrenzung und Diskriminierung. Ausgerechnet das Konzept ?Indio?, das dem Herrschaftsdiskurs entstammt und hinter dem sich tats?chlich eine Vielzahl sehr verschiedener Gruppen verbirgt, soll diesen Gruppen also heute dazu dienen, die fragmentierten K?mpfe zu koordinieren und ein gemeinsames politisches und soziales Projekt zu entwerfen.
So herrscht vor allem in der Definition des gemeinsamen Feindes relative Einm?tigkeit: Die Mutter Erde soll verteidigt werden, wie Juan Ch?vez vom Nationalen Indigenen Kongress (CNI) fordert, gegen ?kozid, Ethnozid und Genozid des Kapitalismus. Die Winterolympiade 2010 in Kanada soll ein Kristallisationspunkt des Widerstands werden.
Doch in den konkreten politischen Anspr?che zeigen sich die Unterschiede: W?hrend f?r die gro?e Mehrheit der nordamerikanischen RednerInnen eine Neuordnung des politischen Systems in weiter Ferne erscheint, haben die indigenen Bewegungen Lateinamerikas im Verlauf der letzten Jahre zum Teil weit reichende politische, soziale und kulturelle Ver?nderungen erstritten. ?Der Kolonialismus und seine weiter bestehenden Konsequenzen haben uns in einem genutzt: wir lernten, uns zu organisieren?, erkl?rt Victor Morocho, seines Zeichens Quechua. ?Wir in Ecuador haben in weniger als zehn Jahren drei Regierungen gest?rzt, und dies ist der politischen Arbeit der indigenen Bewegung zu verdanken. Nicht nur hat unsere neue Regierung die Existenz der indigenen V?lker anerkannt ? per Dekret muss das Quechua heute in jeder Schule als Fach angeboten werden?, verk?ndet er stolz, und erntet den der Bewegung geb?hrenden Beifall.
F?r die Delegierten des Indigenen Volksrat Oaxacas Ricardo Flores Mag?n (CIPO-RFM) hingegen steht die Mitarbeit in staatlichen Institutionen nicht zur Debatte. Vertreten wird die Organisation, die sich auf die Ideen des mexikanischen Anarchisten Ricardo Flores Mag?n beruft, von aus dem s?dmexikanischen Bundesstaat Oaxaca angereisten zapotecos. Sie berichten, dass verschiedene Gruppen der zapotecos sich angesichts der K?mpfe und der Repression in Oaxaca entschlossen h?tten, am Kampf der Versammlung der V?lker Oaxacas APPO teilzunehmen. ?Denn wir haben festgestellt, dass wir unseren Kampf nicht allein ausfechten k?nnen. Wir brauchen die Unterst?tzung von allen, nicht nur denen, die Teil einer indigenen Kultur sind, sondern all denen, die eine bessere Welt wollen.?
Doch nicht allein am Gesagten lassen sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der indigenen Gruppen Amerikas ablesen ? auch das Nicht-Gesagte ist aufschlussreich. So bringen einzig die ZapatistInnen die Geschlechterthematik explizit zur Sprache. Nur eine Handvoll Frauen aus den Yaqui-Gemeinden ist anwesend, w?hrend die Gruppe weiblicher Delegierter die Grundlinien des vor knapp 15 Jahren verabschiedeten ?Revolution?ren Gesetzes der Frauen der EZLN? erl?utert und ?ber Probleme und Fortschritte des Kampfes um Gleichberechtigung referiert. Die Yaqui-Frauen, hei?t es auf Nachfragen, m?ssten auf den Feldern arbeiten.
Die Suche nach einer Gespr?chspartnerin aus den Yaqui-Gemeinden gestaltet sich schwierig ? die wenigen anwesenden Frauen wollen nicht ?ber ihre Situation sprechen. Schlie?lich erkl?rt sich Angelina Galindo aus dem nahe gelegenen Sarmiento bereit, Auskunft zu geben. Sarmiento ist eine von der Organisation Mujeres Esperanza (Frauen der Hoffnung) ins Leben gerufene, tiefkatholische Gemeinde, in der verwitwete oder aus tyrannischen Ehebeziehungen gefl?chtete Frauen aus den Gemeinden der Yaquis die M?glichkeit haben, durch eigene Arbeit f?r ihren Lebensunterhalt aufzukommen ? und daneben kirchliche Funktionen wahrzunehmen.
?Die Frauen kommen aus Angst nicht zu diesem Treffen?, meint Angelina. ?Ihre Ehem?nner sagen ihnen, sie sollen nicht kommen ? und der Mann ist es, der befiehlt.? Auf die Frage, ob die Frauen sich denn auf irgendeine Art Organisation innerhalb der Gemeinden st?tzen k?nnten, antwortet Angelina mit Bestimmheit. ?Nein. Die Yaqui-Frau hat weder eine Stimme noch das Recht auf Teilnahme an Entscheidungen. Und von Mujeres Esperanza abgesehen gibt es keinerlei Organisation von Yaqui-Frauen.?
Es sei sehr mutig von Angelina, hier zu sein und dazu noch ein Interview zu geben, sagt Mary Carrazco von Mujeres Esperanza, die Angelina begleitet. ?Drei Tage vor Beginn des Treffens bekam unsere Organisation einen Brief von Frauen aus den Yaqui-Gemeinden, in dem sie uns davor warnten, an dem Treffen teilzunehmen.?
Erst am letzten Tag des Treffens ? ein kulturellen Feierlichkeiten gewidmeter Sonntag ? nimmt die Pr?senz weiblicher yaquis unter dem Schatten spendenden Stoffdach zu. Auch f?r die Lehrerin Tomasa Mar?a Valenzuela, die auf Spanisch und yaqui unterrichtet, ist der letzte Tag der Veranstaltung der erste, an dem sie anwesend ist. ?Es sind vor allem die Frauen, die unsere Werte und Traditionen weitergeben und daf?r sorgen, dass unsere Sprache weiterhin gesprochen wird?, sagt Tomasa. Der weiblichen Emanzipation steht sie deshalb mit gemischten Gef?hlen gegen?ber: ?Wir versuchen einige Dinge zu ?ndern, aber ohne unsere Werte und Traditionen zu verlieren?, erkl?rt sie.
Dass die Befreiung der Frau aus ihrer angestammten Rolle unter Beibehaltung der Tradition sich als schwierig gestaltet, liegt nicht an einem immanenten Widerspruch, sondern derzeit vor allem an der Art und Weise der Befreiung: ?Beinahe alle Frauen sind heute dazu gezwungen, in den maquiladoras im nahe gelegenen Empalme zu arbeiten? sagt Tomasa. ?Nachdem die M?nner sich bei der Bank verschuldeten, um die notwendigen Landmaschinen kaufen zu k?nnen, mussten sie nach und nach ihre L?ndereien verpachten. Jetzt arbeiten alle, die M?nner und die Frauen, um diese Schulden abzubezahlen.?
Unz?hlige Kinder aus der Gemeinde haben jeden Winkel des staubigen Platzes f?r Ballspiele in Beschlag genommen. Das violette Licht der ?ber Sonora untergehenden Sonne scheint auf Francisco Palma, raramuri aus Chihuahua, w?hrend er die Erkl?rung von V?cam verliest. ?Mit dem Schmerz, den der andauernde koloniale und kapitalistische Krieg gegen uns hervorruft, w?chst auch der Widerstand unserer V?lker. Wir lehnen diesen Krieg ab, den Unternehmen und Staaten f?hren, wie auch die Pl?nderung der Mutter Erde. Wir wehren uns gegen die Privatisierung des Wassers, der Erde, der W?lder und K?sten, der Luft, des Regens, des traditionellen Wissens und allem, was aus der Erde geboren wird.?
Wenig sp?ter spricht V?ctor Morocho, Quechua aus Ecuador, die abschlie?enden Worte: ?Wir hatten so wenig Zeit, es reichte gerade eben, uns gegenseitig ein wenig kennenzulernen, ein wenig ?ber die Erfahrungen von Diskriminierung und Kampf der indigenen V?lker zu lernen. Mit diesem Treffen haben wir eine T?r ge?ffnet, und jetzt gilt es, eine gemeinsame Identit?t zu entwerfen.?
Nur die Scheinwerfer der B?hne und die Lampen der Betonfabrik spenden noch Licht, als die letzte Eisenbahn des Tages vorbei rollt. Eine kilometerlange Reihe von Waggons schleppt sich Richtung Norden, wahrscheinlich kommen sie aus Empalme, wahrscheinlich bringen sie Produkte aus den maquiladoras an die Grenze zu Arizona. ?Wir stehen am Anfang des Weges?, ruft V?ctor gegen den L?rm des Zuges an, ?ein Weg, der uns zur Einheit aller Armen dieser Welt f?hrt, und zu einem weltweiten interkulturellen Lebensprojekt.?

Text: B?rries Nehe