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(Artikel * 2008) Siller, Nikola; Kerkeling, Lutz
"Wir können viel vom Mut der ZapatistInnen lernen" Interview mit Nicola Siller, Teilnehmerin des 1. Treffens der zapatistischen Frauen der Welt" im mexikanischen Chiapas
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 404 * Seite 12 - 14
Themen: Frauen; Guerilla * Mexico * Rebellion; Veränderung der Geschlechterrollen; Ziele der Zapatistinnen * Dok-Nr: 180735
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Mexiko
?Wir k?nnen viel vom Mut der Zapatistinnen lernen?
Interview mit Nikola Siller, Teilnehmerin des ?I. Treffens der zapatistischen Frauen mit den Frauen der Welt? im mexikanischen Chiapas

Vom 29. bis 31. Dezember 2007 fand in La Garrucha, Chiapas, das ?I. Treffen der zapatistischen Frauen mit den Frauen der Welt? statt. Nikola Siller, Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Bildungsvereins Zwischenzeit e.V. in M?nster, hat daran teilgenommen. Mit ihr sprachen die Lateinamerika Nachrichten ?ber das Treffen, die Ver?nderungen der Geschlechterrollen in der Bewegung sowie die Errungenschaften und Ziele der aufst?ndischen Frauen.

Sie haben an dem internationalen Frauentreffen der Zapatistinnen teilgenommen. Wie kam es zu dem Treffen?

Den Wunsch nach einem zapatistischen Frauentreffen gab es seit Jahren. Der konkrete Vorschlag kam von den Zapatistinnen selbst, nachdem die mexikanische und internationale Zivilgesellschaft auf dem ?I. Treffen der Zapatistas mit den V?lkern der Welt? vor einem Jahr deutlich machte, dass sie ein gro?es Interesse an der spezifischen Situation der indigenen Frauen in Chiapas sowie an der Rolle der Zapatistinnen in der Bewegung und den Ver?nderungen seit dem Aufstand von 1994 gibt.

Wie k?nnen wir uns die Arbeitsweise des Treffens vorstellen?

Rund 150 delegierte Zapatistinnen aus den f?nf autonomen Verwaltungszentren berichteten im ?berf?llten Auditorium, in dem nur Frauen Rederecht hatten, ausf?hrlich von ihrer Arbeit. Das allein ist schon revolution?r. Vor einigen Jahren war es noch undenkbar, dass die Frauen selbstbewusst auftreten und ihre Stimme erheben. Bemerkenswert finde ich ebenfalls, dass auch Frauen das Wort ergriffen, die nicht besonders gut Spanisch sprechen und Wert darauf gelegt wurde, dass sich m?glichst viele beteiligen. Die Vortr?ge ?ber die von Region zu Region teilweise sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit der Autonomie waren f?r die Zapatistinnen selbst und ihr Vorankommen sehr wichtig. Der Zivilgesellschaft wurde die M?glichkeit gegeben, die K?mpfe der zapatistischen Frauen aus erster Hand kennenzulernen, Fragen zu stellen und von den eigenen K?mpfen zu berichten.
Durch alle Wortbeitr?ge zog sich eine klare antikapitalistische Position. Immer wieder betonten die Rednerinnen, dass es bei ihrem Kampf nicht um Unterschiede zwischen Ind?genas und Nicht-Ind?genas, Frauen und M?nnern oder Hetero- und Homosexuellen ginge, sondern um die ?berwindung des kapitalistischen Systems und des Parlamentarismus, der nur im Sinne der Ausbeuter agiere.

Welche Themen standen auf der Tagesordnung?

Ein wichtiges Thema war die Frage, wie das Leben fr?her war, vor dem Aufstand von 1994, und wie es heute ist. Die Frauen erl?uterten die seit 1994 erk?mpften Fortschritte und schilderten die Schwierigkeiten, die es in der Selbstorganisation gegeben hat, weil viele von ihnen Analphabetinnen waren und als indigene Frauen auf keine Tradition der politischen Partizipation zur?ckgreifen konnten. Sie bezeichneten einige Traditionen als ?schlechte Traditionen?, die es abzuschaffen gelte. Seit der Durchsetzung des von ihnen erk?mpften ?revolution?ren Frauengesetzes? k?nnen die Frauen selbst entscheiden, ob und wen sie heiraten, ob, und wenn ja, wie viele Kinder sie bekommen m?chten. Bemerkenswert finde ich, dass die Erziehung der Kinder durch die M?tter als Politikum gewertet wird und den anderen Aufgaben gleichgestellt ist. Sie haben heute zudem das Recht, sich an allen Arbeitsbereichen zu beteiligen, die f?r die Selbstorganisation der Bewegung wichtig sind.
Den Aufbau der Autonomie bezeichneten sie als einen langwierigen und problematischen Prozess, weil er inmitten eines Krieges stattfand, den die Regierung und die Paramilit?rs gegen die Ind?genas vorangetrieben haben. Dieser ?Krieg niederer Intensit?t? umfasst st?ndige Einsch?chterungen, Repression, Bedrohung, Morde, Verfolgung, R?umung von autonomen D?rfern und h?lt bis heute an.
Das Thema Land war ebenfalls wichtig. Fr?her haben viele Ind?genas f?r die Gro?grundbesitzer gearbeitet. Sie wurden wie Sklaven behandelt. F?r die Frauen bedeutete dies Missbrauch und Vergewaltigung. Es war normal, dass die jungen Frauen vor ihrer Hochzeit vergewaltigt wurden, viele haben auch Kinder von den Gro?grundbesitzern bekommen. Durch die Landbesetzungen sind die Zapatistas heute nicht mehr darauf angewiesen, f?r die Gro?grundbesitzer zu arbeiten. Dadurch hat sich die Situation der Frauen erheblich verbessert. Sie betonten, dass sich ihr Leben insgesamt erheblich verbessert h?tte, auch wenn es zwar noch immer viele Schwierigkeiten gebe und sich ihre Unterdr?ckung als Frauen nicht aufgel?st habe.

In welchen Bereichen der Bewegung partizipieren die Frauen heute?

Heute arbeiten die Frauen in allen Bereichen mit, als Guerilleras und Kommandantinnen der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN, als Autorit?ten der zivilen Selbstverwaltungsr?te und anderer Gremien, als Promotorinnen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Agrar?kologie und Kollektivarbeit sowie als Beauftragte f?r Rechtsangelenheiten. Einige Frauen haben als Teil der politischen F?hrung der EZLN im Rahmen der ?Anderen Kampagne? weite Teile Mexikos bereist. Die ?Andere Kampagne? ist eine zivile mexikoweite Mobilisierung der EZLN, die eine neue antikapitalistische Verfassung von unten und von links erarbeiten und durchsetzen will.

Gab es auch Kritik gegen?ber den eigenen compa?eros?

Ja, insbesondere die Frauen aus Oventic und Morelia richteten kritische Worte an ihre m?nnlichen Genossen. Sie kritisierten die noch immer vorkommende h?usliche Gewalt und Benachteiligung innerhalb der Bewegung. Sie unterstrichen jedoch stets, dass es den zapatistischen Frauen nicht darum gehe, gegen die M?nner zu arbeiten, sondern sich als Frauen in der Bewegung zu organisieren und gemeinsam mit ihren compa?eros f?r die Autonomie der indigenen Gemeinden und eine antikapitalistische Verfassung zu k?mpfen.

Es kamen auch viele M?nner zu dem Treffen. Wie k?nnen wir uns ihre Teilnahme vorstellen? War sie unumstritten?

Die Zapatistinnen hatten explizit auch m?nnliche Genossen eingeladen, die aber zu schweigen und den Frauen zuzuh?ren hatten. Die Zapatistinnen waren nicht zimperlich, wenn es darum ging, M?nner aus dem Auditorium zu werfen, die diesen exklusiven Frauenraum auf dem Treffen nicht respektierten. So unsensibel waren im ?brigen nur einige zugereiste M?nner der mexikanischen und internationalen Zivilgesellschaft.
Den M?nnern wurde auf un?bersehbaren Plakaten ihr Platz auf diesem Treffen zugewiesen: Sie sollten kochen, sich um die Kinder k?mmern, M?ll beseitigen und Feuerholz holen ? eine absolute Umkehrung der Rollenverteilung. Mindestens drei Essensst?nde wurden dann auch tats?chlich ausschlie?lich von M?nnern betreut. Wer schon einmal in Chiapas war, wei?, dass dies als revolution?r zu betrachten ist.
Interessant zu beobachten war, dass viele zapatistische M?nner vom Rande des Versammlungsraums aus den kritischen Worten der Frauen ?ber Stunden konzentriert zuh?rten.

Aus welchen politischen Spektren stammten die Teilnehmerinnen und wie fand der Austausch untereinander statt?

Die rund 3.000 Teilnehmerinnen kamen aus unterschiedlichen Zusammenh?ngen und bildeten ein breites Spektrum ab. Neben den Zapatistinnen waren Frauen aus anderen bedeutenden sozialen K?mpfen Mexikos, wie zum Beispiel der Gemeindefront zur Verteidigung der Erde FPDT aus Atenco oder der Volksversammlung der V?lker von Oaxaca APPO angereist.
Sehr pr?sent zeigte sich V?a Campesina, ein Zusammenschluss, in dem ?ber 160 kleinb?uerliche Bewegungen weltweit organisiert sind. Es sprachen Delegierte aus Guatemala, Brasilien, Ecuador, Nicaragua, Kanada, Korea und Frankreich. Schwerpunkte waren Repression, die katastrophalen Auswirkungen der globalen kapitalistischen Politik und die durch mehrfache Unterdr?ckung gepr?gte Situation der Frauen. Vereinend war der Wille und die Entschlossenheit, sich ?ber die Kontinente und Grenzen hinweg zu organisieren, um gemeinsam eine andere, bessere Welt aufzubauen. Austausch und Vernetzung fanden in den wenigen Pausen zwischen den arbeitsintensiven Plena und dem allabendlichen, ebenfalls sehr interessanten Kulturprogramm statt.

Bei ihren Abschlussreden dr?ckten mehrere Kommandantinnen der EZLN ihre gro?e Zufriedenheit mit dem Treffen aus. Teilen Sie diese Einsch?tzung?

Es war ein gro?artiges und sehr bewegendes Treffen. Die Fortschritte der zapatistischen Frauen sind sicht- und sp?rbar, in immer mehr Bereichen ? auch in leitenden Positionen ? sind sie pr?sent und ?bernehmen Verantwortung.
Besonders die jungen Zapatistinnen der dritten Generation traten mit einem ganz neuen Selbstbewu?tsein auf. Sie reklamierten auf dem Treffen neben dem Anspruch auf Partizipation in allen Bereichen auch ihr Recht auf ein gl?ckliches und erf?lltes Leben, eine Forderung, die vor wenigen Jahren noch vollkommen ausgeschlossen gewesen w?re. Sie bekamen enormen Applaus f?r ihre offensiven Ausf?hrungen. Dieser Beifall hat die zapatistischen M?nner sichtlich beeindruckt. Das Treffen hat somit nicht nur internationale Frauenaktivistinnen zusammengebracht, sondern auch vor Ort klare Spuren hinterlassen.
Auch wenn der Kampf der zapatistischen Frauen weit von hiesigen K?mpfen entfernt ist: wir alle k?nnen viel von ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit und ihrer Ausdauer lernen.


Quellen im Internet
Alle Redebeitr?ge des Treffens finden sich unter:
http://zeztainternazional.ezln.org.mx/
Artikel und Fotos: http://chiapas.indymedia.org

Text: Interview: Luz Kerkeling