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(Artikel * 2008) Hörtner, Werner
Paramilitärs nehmen Feministinnen ins Visier Frauenorganisation in Barrancabermeja begegnet Repression mit internationaler Vernetzung
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 407 * Seite 34 - 38
Themen: Frauen; Gewalt; Krieg; Widerstand; Paramilitär * Kolumbien * Bürgerkrieg; Organizacion Femenina Popular-OFP; Einschüchterungsversuch * Dok-Nr: 180665
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kolumbien
Paramilit?rs nehmen Feministinnen ins Visier
Frauenorganisation in Barrancabermeja begegnet Repression mit internationaler Vernetzung

Barrancabermeja ist das Zentrum der kolumbianischen Erd?lindustrie. Hier sitzt auch die Organizaci?n Femenina Popular (OFP), eine der aktivsten Frauenorganisationen Kolumbiens. Die OFP setzt sich in Kolumbien f?r Betroffene des B?rgerkriegs ein ? und ist erkl?rtes Ziel der Paramilit?rs.

Zwei maskierte bewaffnete M?nner drangen in die Wohnung von Yolanda Becerra in Barrancabermeja ein. Sie misshandelten die wehrlose Frau, dr?ckten ihr die Waffe so fest in die Stirn, dass sich noch geraume Zeit sp?ter der Abdruck der M?ndung abzeichnete. Und das, obwohl beim Eingang des Wohnblocks ein Wachtposten stationiert ist. Sie drohten Becerra: ?Wenn du nicht binnen 48 Stunden von hier verschwindest, wird es dir und deiner Familie schlecht ergehen!? Das war im November letzten Jahres. Vorf?lle dieser Art sind jedoch keine Seltenheit in Kolumbien.
?Yolanda dachte, das w?re ihre letzte Stunde gewesen?, erz?hlt Jackeline Rojas. Die beiden M?nner h?tten die Frau ohne weiteres t?ten k?nnen, doch sie haben es nicht getan, sie h?tten ?nur? sie und ihre Familie bedroht. Das komme daher, dass die politischen Kosten f?r die T?ter im Fall einer Ermordung doch zu hoch seien. Auch in die Wohnung von Jackeline Rojas ist in den fr?hen Morgenstunden jenes Sonntags ein Kommando der Paramilit?rs eingedrungen, nachdem sie ein Schutzgitter im Gang und die Wohnungst?r mit Spezialschloss aufgebrochen hatten. Sie beschr?nkten sich allerdings darauf, das Schloss mit einem Kleber unbrauchbar zu machen, so dass Jackeline und ihre Familie die Wohnung nicht verlassen konnten. Eine Drohung mit klarer Aussage: Wir k?nnen euch jederzeit an jedem Ort erwischen, selbst in euren mit Wachpersonal und Spezialschl?ssern gesicherten Wohnungen.

Drei Mitarbeiterinnen wurden in den letzten Jahren von den Paramilit?rs ermordet ...

Beide Frauen geh?ren dem F?hrungsgremium der Organizaci?n Femenina Popular (OFP) an, eine der gr??ten und auch international bekannten Frauenorganisationen Kolumbiens. Drei Mitarbeiterinnen der Organisation wurden in den letzten Jahren von den Paramilit?rs ermordet, ?ber 140 wurden angegriffen, bedroht oder entf?hrt. Die OFP wurde 1972 gegr?ndet und war Teil der Sozialpastorale der Di?zese Barrancabermeja. Ihr Ziel war es, die Frauen in ihrem Kampf gegen Unterdr?ckung und famili?re Gewalt zu organisieren. 1988 l?ste sie sich von der Di?zese und wurde eine eigenst?ndige Organisation, doch erst Mitte der 1990er Jahre wurde sie auch ?ber die Grenzen von Barrancabermeja hinaus aktiv. Zur Zeit hat die OFP rund 3.000 aktive Mitglieder (siehe Kasten).
Barrancabermeja hat etwa 350.000 Einwohner-Innen und liegt am Mittellauf des R?o Magdalena, dem gr??ten Fluss Kolumbiens, und ist seit Jahrzehnten das Zentrum der Erd?lindustrie des Landes. Seit ihrer Gr?ndung gilt Barrancabermeja als Brennpunkt der sozialen Konflikte des Landes, die Gewerkschaftsbewegung Kolumbiens ist hier traditionell sehr stark. Bis Ende der 1990er Jahre stand die Stadt noch unter der Kontrolle der Guerilla-Organisationen Bewaffnete Revolution?re Streitkr?fte Kolumbiens (FARC) und Nationales Befreiungsheer (ELN). 1998 dann erk?mpften die Paramilit?rs mit tatkr?ftiger Unterst?tzung von Polizei und Milit?r die Vorherrschaft in der Region. Seither ist die Stadt ein Modellfall daf?r, wie Kolumbien aussehen k?nnte, wenn alles nach dem Willen der Paramilit?rs und des Pr?sidenten Uribe ginge.
Offiziell gibt es die Paramilit?rs nicht mehr. Die erste Amtsperiode von ?lvaro Uribe V?lez, seit August 2002 autorit?r herrschender Pr?sident des Landes, war gepr?gt vom so genannten Demobilisierungsprozess der Paramilit?rs, der Mitte 2006 abgeschlossen wurde. ?ber 30.000 angebliche Paras, wie sie in Kurzform in Kolumbien genannt werden, erkl?rten ihre Abkehr vom illegalen bewaffneten Kampf. Seither kommen immer mehr Details von der engen Zusammenarbeit der Paramilit?rs mit Polizei und Milit?r und mit PolitikerInnen aus dem Umfeld des Staatspr?sidenten an die ?ffentlichkeit. ?ber ein Dutzend Abgeordnete sitzen deshalb bereits in U-Haft, gegen noch einmal so viele und gegen einige andere PolitikerInnen, auch engste Vertraute Uribes, laufen Voruntersuchungen.

?Der einfache Para kann auch der Sohn meiner Nachbarin sein, den sie f?r ihre kriegerischen Ziele eingefangen haben.?

Doch im Magdalena Medio selbst ist von der Demobilisierung der Paramilit?rs nichts zu sp?ren. F?r die Menschen hat sich hier nichts ge?ndert. Die Paramilit?rs sind weiterhin pr?sent, ge?ndert haben sich nur die Namen der Einheiten. Jackeline Rojas berichtet ?ber den Demobilisierungsprozess: ?Die Paras zahlten jungen M?nnern und Frauen ?ber eine Million Peso (circa 330 Euro) f?r drei Monate, damit sie sich in ihre Gruppen einschreiben lie?en. Dann nahmen sie an der Demobilisierung teil, damit die Chefs sagen konnten, so und so viele von uns haben abger?stet. Das war eine einzige Farce! Nachdem sie dann demobilisiert waren, erhielten sie oft Wohnungen oder Stipendien und sonstige Starthilfen.?
Seit einem Jahr berichten die paramilit?rischen F?hrer vor einem Sondergerichtshof ?ber ihre Verbrechen, um im Rahmen des Gesetzes Nr. 975 ?F?r Gerechtigkeit und Frieden? eine wesentliche Strafreduktion und andere Verg?nstigungen zu erhalten. Zuerst kamen die Aussagen schleppend und bruchst?ckhaft, doch gewannen sie mit der Zeit eine unerwartete Eigendynamik. Immer mehr Gr?ueltaten kommen ans Licht der ?ffentlichkeit. Iv?n Laverde Zapata alias ?Der Leguan?, einer der Vertrauten vom Paramilit?r-F?hrer Mancuso, berichtete von etwa 2.000 Morden, die seine Leute von 2000 bis 2004 im Norden Kolumbiens begingen. ?ver Veloza Garc?a alias ?HH? und seine Para-Truppe, der Bloque Bananero, ermordeten allein in den Jahren 1995 und 1996 in der Bananen-Region Urab? ?ber 1.200 Personen: Bauern und B?uerinnen, GewerkschafterInnen, AktivistInnen sozialer Bewegungen.
Das Gebiet am mittleren Magdalena mit der Hauptstadt Barrancabermeja war Mitte der 1980er-Jahre das erste gro?e Versuchslaboratorium, in dem der Paramilitarismus gro?r?umig mit milit?rischen Aktionen die Guerilla sowie oppositionelle soziale und politische Organisationen bek?mpfte ? in Zusammenarbeit mit der Armee sowie Gro?grundbesitzern und der Drogenmafia. Seit damals fielen diesem ?Kampf?, der besser als Vernichtungsfeldzug definiert werden kann, an die 15.000 Menschen zum Opfer. Iv?n Cepeda vom Movimiento de V?ctimas de Cr?menes del Estado (Movice; siehe auch Interview in dieser Ausgabe) sch?tzt, dass in 4.000 Gr?bern die sterblichen ?berreste von 10.000 Ermordeten liegen.
Yolanda Becerra ist seit knapp 20 Jahren Direktorin der OFP und war als eine der ?Tausend Frauen f?r den Friedensnobelpreis 2005? nominiert. F?r Becerra ist es klar, weshalb die OFP zum Ziel der Paramilit?rs wurde: ?In unserer Arbeit und unserer Einstellung sind wir eine B?rgerbewegung von Frauen der Basis, die f?r eine Ver?nderung der Strukturen dieser Gesellschaft eintreten. Es ist klar, dass das ohne soziale Mobilisierung der Gesellschaft nicht m?glich ist.? Diese ?berzeugung und der Versuch, solche Ver?nderungen umzusetzen, sind in Kolumbien lebensgef?hrlich.
Die Aktivistinnen der OFP leben und arbeiten seit Jahren in einem Klima der st?ndigen Bedrohung und der Angst. Jackeline Rojas hat das ganze Ausma? der in der Region herrschenden Gewalt pers?nlich erlebt. Vor zehn Jahren ist ihr Vater von der FARC-Guerilla ermordet worden, da er von seinem Arbeitgeber, der damals noch staatlichen Erd?lgesellschaft Ecopetrol verpflichtet wurde, als Chauffeur f?r das Milit?r zu arbeiten. Eine Leiharbeit mit t?dlichen Folgen. Ihr Bruder wurde vor wenigen Jahren von den Paramilit?rs umgebracht, weil er in der Gewerkschaft aktiv war. Und auf ihren Mann, ebenfalls Gewerkschafter, wurde ein Attentat ver?bt.
?Es ist sicher nicht leicht, mit dieser st?ndigen Angst umzugehen?, sagt Yolanda Becerra und l?chelt, ?aber wir suchen und finden immer irgendwelche Ventile. Wir sprechen viel miteinander ?ber die Angst, um sie zu entmystifizieren. Es gibt aber dennoch Momente, in denen du glaubst, nicht weiter machen zu k?nnen.? Yolanda Becerra hat beschlossen, trotz der Drohungen in Barrancabermeja zu bleiben und ihre Arbeit fortzusetzen. Obwohl die Stadt auch weiterhin von den Paramilit?rs kontrolliert wird.
Bei den Kommunalwahlen letzten Herbst haben zwar linke oder unabh?ngige Parteien die B?rgermeister?mter der drei gr??ten St?dte Bogot?, Cali und Medell?n gewonnen, doch in den l?ndlichen Regionen, vor allem im Norden des Landes, ist der Einfluss der Paramilit?rs immer noch sehr stark.
F?r Jackeline Rojas ist klar, dass die Struktur des Paramilitarismus ? nach deren ?Demobilisierung? haben sich zahlreiche neue paramilit?rische Gruppen gegr?ndet ? auf ein politisches Ziel hin ausgerichtet ist, n?mlich mit allem aufzur?umen, was in Opposition zum Staat steht. ?Dazu geh?ren auch wir. Doch da entsteht f?r uns ein Widerspruch. Wir wollen n?mlich nicht nur unser eigenes Leben retten, sondern auch das der Paramilit?rs. Denn der einfache Para, der K?mpfer an der Basis, kann auch der Sohn meiner Nachbarin sein oder ein Spielgef?hrte aus meiner Kindheit, den sie f?r ihre kriegerischen Ziele eingefangen haben.?

?Es ist nicht leicht, mit dieser st?ndigen Angst umzugehen, aber wir suchen und finden immer irgendwelche Ventile.?

Das Rekrutieren des Para-Nachwuchses verl?uft im allgemeinen auf zwei Ebenen. Eine ist die ?konomische. Es gibt nur wenige Arbeitspl?tze in der Region; die Jugendlichen haben keine Verdienstm?glichkeiten. So nehmen sie das Angebot von umgerechnet 200 Euro monatlich an und reihen sich in die Einheiten der Paramilit?rs ein. Die andere Ebene resultiert aus einem politischen Druck, der bis in die Vergangenheit reicht, als die Guerilla in der Region stark pr?sent war: Oft kommen Mitglieder der Paramilit?rs zu den Familien und sagen: ?Wir wissen, dass jemand in eurer Familie bei der Guerilla war oder immer noch ist. Nun m?sst ihr f?r uns k?mpfen.? Und so schlie?t sich ein Bruder oder der Neffe den Paras an, um die Familie vor Repressalien zu sch?tzen.
Nach der Zuspitzung der Angriffe und Bedrohungen ist die OFP nun damit besch?ftigt, neue Methoden und Strategien zu entwerfen, um das Leben der Aktivistinnen und den Fortgang der Arbeit zu sichern. Einen wichtigen Stellenwert nimmt dabei die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen im Inland und die Unterst?tzung aus dem Ausland ein. Deshalb hat die OFP eine internationale Kampagne gestartet mit dem Ziel, weltweit ?eine Million Freundinnen und Freunde? zu gewinnen. ?Stell dir vor, wie sie erschrecken werden, wenn es pl?tzlich statt 3.500 Frauen und M?nner eine Million mehr sind, die uns unterst?tzen!?, lacht Jackeline. Sie ist ?berzeugt, dass Yolanda bei dem ?berfall Anfang November nicht ermordet wurde, da dies der kolumbianischen Regierung international gro?en Schaden zugef?gt h?tte. Die Frauen der OFP haben inzwischen auch schon in anderen St?dten des Landes Zweigstellen gegr?ndet. Sie sind fest entschlossen, weiterzumachen.


Kasten
Organizaci?n Femenina Popular
Die rund 3.000 Mitglieder der Organizaci?n Femenina Popular (OFP) betreuen in ganz Kolumbien circa 173.000 Menschen. Sechzig Prozent davon sind direkt Betroffene des nun seit sechzig Jahren andauernden B?rgerkriegs, darunter viele Vertriebene, durch bewaffnete Gruppen bedrohte Personen, Angeh?rige von ermordeten AktivistInnen sowie Opfer famili?rer Gewalt. Der Hauptsitz und die meisten Anlaufstellen der OFP befinden sich in Barrancabermeja, doch inzwischen verf?gt die Organisation landesweit ?ber verschiedene Netze aus Frauenh?usern, Gesundheits- und Verpflegungsstationen sowie Rechtsberatungsstellen und ein Informationszentrum.
Die Arbeit der OFP umfasst zudem ein breites soziales, politisches und wirtschaftliches Spektrum. Die Mitglieder engagieren sich in Ausbildungsprogrammen und Kooperativen;- gewerkschaftlicher Arbeit, Beratungsleistungen und Informationsveranstaltungen vor Ort;- Gesundheitsf?rderung durch Workshops; kulturelle Aktivit?ten auch f?r Kinder und Jugendliche; F?rderung von lokalen Entwicklungsprojekten; Menschenrechtsarbeit wie beispielsweise die Unterst?tzung f?r vertriebene Familien und Rechtshilfe f?r Opfer von Menschenrechtsverletzungen sowie Kampagnen gegen Gewalt und Krieg. Diese Arbeit und ihre systemkritische Haltung bringen die OFP seit Jahren in Konflikt mit der rechtsautorit?ren Regierung des Pr?sidenten ?lvaro Uribe V?lez. Laut einem Bericht der US-Sektion von amnesty international kursiert in Barrancabermeja seit 2005 eine Todesliste der Paramilit?rs. Auf der Liste stehen Namen von MenschenrechtsaktivistInnen, GewerkschafterInnen und JournalistInnen sowie Menschen und Organisationen, die die Paras ablehnen, darunter auch die OFP. Die kolumbianische Regierung verspricht seit Jahren, gegen die Paramilit?rs vorzugehen. Doch die Attacken, Drohungen und Einsch?chterungsversuche gegen die OFP halten an.
Weitere Infos: www.ofp.org.co, zur Unterst?tzung der internationalen Kampagne siehe www.frauensolidaritaet.orgm

Text: Werner H?rtner