Volltext

(Artikel * 2008) Sherin, Abu Chouka; Susán, Margarita; Ramírez, Elisa; Rodríguez, Ana Ignacia
Kein Zurück mehr Die Geschichten dreier Frauen, die 68 an der Unam studierten, zusammengestellt aus dem Katalog des Memorial Del 68
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 406 * Seite 46 - 50
Themen: Frauen; Linke; Repression; Universität; Widerstand * Mexico * Emanzipation; undogmatische Linke; Aktionsformen - Protest - Widerstand; Rolle der Frauen in der Studentenbewegung * Dok-Nr: 180576
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Mexiko
Kein Zur?ck mehr
Die Geschichten dreier Frauen, die 68 an der UNAM studierten, Zusammen?gestellt aus dem Katalog des Memorial del 68

Margarita Suz?n
1968 war ich nicht mehr in der Kommunistischen Partei aktiv, hatte aber schon einige Erfahrung in politischer Arbeit. Von Beginn an organisierten wir uns an der politikwissenschaftlichen Fakult?t. Die Trotzkisten verleumdeten uns alle, die wir auf die eine oder andere Art marxistisch orientiert waren, obwohl man dachte, dass das gar niemand wusste. Wir waren eine, wie soll ich sagen, eine undogmatische Gruppe: Wir h?rten die Stones, lasen Sartre, f?hlten uns wie die Kings. Die Anderen betrachteten uns mit Argwohn. Wir lasen viele B?cher, die wir, wenn wir sie nicht im Buchladen klauten, aus der Bibliothek ausliehen und diskutierten dann dar?ber. Wir gingen ins Kino und machten viele Dinge, die nicht im Einklang mit der strengen Parteidisziplin standen. Die ?schicken? Linken wurden wir genannt. Uns gefielen eben andere Dinge. Ich stellte einen Filmklub auf die Beine, verteilte aber auch Flugbl?tter am Unabh?ngigkeitstag, wobei ich von der Polizei verhaftet wurde.

Ich sollte mich immer ums Essen k?mmern. Bis ich sagte: ?Diese Assoziation Frau-K?che-Essen - vergesst es!?

1968 wurden an allen Fakult?ten Vollversammlungen abgehalten, auf denen die Anf?hrer per Abstimmung gew?hlt wurden. Meistens wurden jene in die Leitung gew?hlt, die sich bereits vorher politisch engagiert hatten, die wussten, was in einer bestimmten Situation zu tun ist, die allgemein anerkannt waren und Charisma hatten. Einige waren begnadete Redner. Die Wahlen durch die Vollversammlungen liefen absolut demokratisch ab, was allerdings auch sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Wenn der CHN eine Entscheidung getroffen hatte, wurden an den einzelnen Einrichtungen nochmal Versammlungen einberufen, auf denen ?ber die Annahme abgestimmt wurde. Bei einer Ablehnung musste das Thema im Nationalen Streikrat erneut diskutiert werden. Ich war eine Zeit lang Delegierte im Streikrat, wo wir Sitzungen von vierzehn, f?nfzehn, manchmal sogar achtzehn oder zwanzig Stunden hatten. Wir waren derma?en demokratisch, dass niemandem das Wort verwehrt oder entzogen wurde. Das erste Mal, dass ich ein geschlossenes Nein h?rte, ohne dass sich noch wer zu Wort meldete, war, als im H?rsaal der medizinischen Fakult?t ein Redner forderte, dass wir bewaffnet durch die Stra?en ziehen sollten. Die Leute sagten: ?Wir machen doch keine Revolution, wir wollen doch nur, dass es in diesem Land ein bisschen mehr Demokratie gibt.? Es ging um demokratische Freiheiten, um ein bisschen mehr Raum f?r die politischen Rechte des Einzelnen.
Eine Sache, die mich furchtbar aufgeregt hat, war, dass die Kommunisten und die Sozialisten so konservativ und kleinkariert waren, was das Bed?rfnis von uns Frauen anging, uns zu entfalten: ?Frauen k?nnen auf der Schreibmaschine tippen, aber doch kein Manifest schreiben.? Das war schon in den Jahren davor so. In den Sechzigern hat es viel mehr als nur die Studentenbewegung gegeben, f?r mich war es wie ein Erwachen. Die Tatsache, dass ich ? wenn ich nicht verga?, jeden Tag die Pille zu nehmen, und mir auch jemand gefiel ? schlafen konnte, mit wem ich wollte, war geradezu Identit?tsfindung: Ich bin meine eigene Herrin, ich kann machen, wonach mir ist. Also kannst du, nur weil du zu einem anderen Geschlecht geh?rst, mir nicht erz?hlen, was ich zu machen habe. Als wir in Brigaden unterwegs waren, sollte ich, nur weil ich die einzige Frau in der Gruppe war, mich st?ndig um die Verpflegung k?mmern. Bis ich eines Tages sagte: ?Nein! Warum soll ich mich um das Essen k?mmern? Diese Assoziation Frau-K?che-Essen ? vergesst es!?
Die Demonstration am 27. August. Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal das Gef?hl hatte, dass diese Stadt, in der ich geboren war, meine Stadt war ? es war unsere Stadt, durch die wir Parolen skandierend marschierten. Zum Schluss, als wir nur noch rannten, verfolgte mich ein Soldat. Er beschimpfte mich und versuchte, mich festzunehmen, gleichzeitig aber auch nicht, ich glaube, zu dem Zeitpunkt gab es noch keinen Befehl, jemandem etwas zu tun. Er war aber v?llig ?berzeugt, beschimpfte mich als Nutte, ich rannte, und er lief immer schimpfend hinter mir her. Sp?ter, ich wei? nicht mehr auf welcher H?he, konnte ich in ein Auto einsteigen, mit dem ich wieder zur?ck zum Uni-Gel?nde fuhr. Als wir uns dann an den Fakult?ten wieder versammelten, hatte jeder eine Anekdote zu erz?hlen. Wir waren alle ?ber den Anblick der Panzer schockiert. Noch nie zuvor hatten wir das Milit?r aus der N?he gesehen, noch dazu in einer Situation, in der wir als die Feinde angesehen wurden.
Leute starben, weil sie von der Polizei dabei erschossen wurden, als sie Parolen an die W?nde schrieben, manche verschwanden einfach und kehrten nie mehr zur?ck. Das ist verb?rgt. Wir wussten, dass es Repression geben k?nnte, es hatte sie auch vorher gegeben. Schon seit den ersten Aktionen der Brigaden wussten wir, dass wir unterwandert wurden, es gab viele Spitzel ? wir stellten schlie?lich eine wirkliche Bedrohung f?r den Status quo dar. Aber es gab auch kein Zur?ck mehr. Niemand hat in dem Moment gedacht: ?Und was, wenn sie mich schnappen und in den Knast stecken? Ich geh? lieber wieder nach Hause.? Sie steckten uns dann wirklich ins Gef?ngnis, zu dem Zeitpunkt waren sie allerdings zum Gl?ck noch bei Sinnen. Einmal wurden wir, 25 Frauen, in eine Zelle gesteckt, in die Nachbarzelle 25 M?nner. Wir sangen die ganze Nacht Lieder und bei Tagesanbruch hielten es die Wachleute wohl nicht mehr aus und lie?en uns frei.
Nach dem 2. Oktober, wo sollten da noch Massenversammlungen stattfinden ? und mit wem? Die Stadt war v?llig verst?rt. Die Leute trauten sich abends nicht mal mehr auf die Stra?e, alles war erstickt. Es gab tats?chlich keine M?glichkeit mehr, die Bewegung wieder zu beleben, so wie es vor dem 2. Oktober ja noch gelungen war. Die Gefangenen sahen das anders. Die dachten, wir w?rden nur nicht hart genug arbeiten oder w?ren nicht dazu in der Lage. [...]
Wir waren ?berzeugt davon, dass wir weiter k?mpfen mussten: f?r Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit. Viele von uns hatten nach wie vor dieselben Ziele. Ich glaube ? und das ist nur meine eigene Vermutung ? uns hat sehr gepr?gt, dass pl?tzlich so viele Drogen verf?gbar waren und so viele unserer Genossen begannen, Marihuana und LSD zu konsumieren, w?hrend andere bereits begannen, sich auf den Kampf der Stadtguerilla der n?chsten Jahre vorzubereiten. Es gab einen gro?en Unterschied zwischen denen, die nicht so sehr in der Bewegung aktiv waren, beziehungsweise nur schnell zur?ck in ihre Seminare wollten, und denen, die sich der erlittenen Niederlage bewusst waren und nun keine Alternativen mehr sahen. Und die gingen zur Guerilla, wof?r ihnen mein ganzer Respekt geb?hrt.
Ich ging in den Siebzigern nach Nicaragua, weil ich immer noch fand, dass die Revolution irgendwie stattfinden m?sste. Da ich sie in meinem Land nicht machen konnte, ging ich dazu eben in ein anderes. [...] Ich blieb 15 Jahre lang. Als ich gefragt worden war, ob ich trotz der beginnenden Militarisierung bleiben wollte, hatte ich mit Ja geantwortet. Denn ich dachte, das hie?e nur, meine Zivilkleidung gegen eine Uniform einzutauschen.

Elisa Ram?rez
Ich bin in einer au?ergew?hnlichen Familie aufgewachsen. Mein Vater war Universit?tsprofessor, au?erdem Psychoanalytiker, Pionier einer Wissenschaft und Praxis, die es noch nicht gab. Meine Mutter war berufst?tig, ebenfalls als Psychoanalytikerin. Im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitoninnen, die die ersten Akademikerinnen in ihrer Familie waren, bin ich bereits die dritte weibliche Generation an der Universit?t. Mein Vater war absolut liberal. Kein Linker, aber liberal, tolerant. Er verstand sich wunderbar mit all unseren Freunden. Er war 1968 Koordinator der entstehenden Psychologischen Fakult?t, die damals aus der Philosophischen Fakult?t heraus entstand. Bei uns zuhause wurde einfach ?ber alles gesprochen und gestritten, auch laut. Als ich an die Uni kam, wurde ich sofort von der Kommunistischen Partei rekrutiert, das lag an meinem Bruder, der in der Kommunistischen Jugend aktiv war. Doch w?hrend ich noch dabei war, Texte zu lesen und mich diszipliniert damit auseinander setzte, worum es ging, warben mich die Spartakisten ab. Ich war auch dort noch gar nicht richtig dabei, als wir schon wieder in Massen zu den Trotzkisten ?berwechselten. Nachdem wir zwei Jahre lang versucht hatten, Teil dieser Bewegung zu sein, gr?ndeten wir schlie?lich eine kleine anarchistische Partei, was f?r damalige Verh?ltnisse ziemlich ungew?hnlich war.
Unser 68 war ? wenn es nicht so tragisch gewesen w?re ? unglaublich fr?hlich. Wir hatten wahnsinnig viel Spa?. Eines der ausgelassensten Erlebnisse war die Nacht, in der wir auf Beschluss des Nationalen Streikrats (CHN) die Stadt mit Parolen versch?nerten. Da gab es ein Riesendurcheinander. Wer sich beim Schmieren erwischen lie?, wurde von der Polizei verfolgt. Wir mussten also rennen und uns verstecken. Wir waren au?erdem so viele, dass es eine Schlacht um die W?nde im Umkreis der Nationalen Autonomen Universit?t Mexikos (UNAM) und des Polytechnikums gab. Unsere Gruppe suchte sich die Mauer des Heldenfriedhofs Pante?n Civil de Dolores aus, auf die wir schrieben: ?Hier ruhen die ?berreste der 36 Studenten, die von der faschistischen Regierung Gustavo D?az Ordaz ungestraft umgebracht wurden?. Diese Mauer ist unendlich lang, und wir brauchten eine ganze Weile. Als wir fertig waren, stellten wir fest, dass wir das Wort ?faschistischen? zweimal geschrieben hatten und mussten alles wieder ab?ndern. Es war ein Heidenspa?.

Unser 68 war - wenn es nicht so tragisch gewesen w?re - unglaublich fr?hlich.

Wir bildeten Frauenbrigaden f?r frauenspezifische Aktionen und lie?en uns dabei von gro?en, starken M?nnern begleiten, die nur dazu da waren, uns zu besch?tzen. Wir verteilten oft Flugbl?tter in der Gegend um die Stra?en San Antonio Abad und Izazaga. Wir fragten die Frauen dort, wie es ihnen gehe, was sie wollten, was sie nicht wollten und wer sie seien. Aber jetzt, mit einigem Abstand, scheint es mir so, dass wir mehr daran interessiert waren, ihnen zu erz?hlen, wer wir waren, als ihnen zuzuh?ren. Innerhalb der Uni hatten wir Frauen einen ganz anderen Umgang miteinander. Das war eher Konkurrenz als Schwesterlichkeit, obwohl das nat?rlich immer auch auf den einzelnen Fall ankam. Eine Sache habe ich aber wirklich als bedrohlich und einsch?chternd empfunden, dieses Verlangen des N?chsten, mir Lektionen zu erteilen, mir meinen Stolz zu nehmen, meinen Witz, meine Sch?nheit, meine Intelligenz. Das hat mir irgendwie Angst eingejagt, um es gelinde zu sagen. Denn ich kam aus v?llig beh?teten Verh?ltnissen und fand mich pl?tzlich mit meinem Minirock und meiner Albernheit im Raubtierk?fig wieder.
Die Nacht des 27. August. Verfolgung und Zweifel. Die Soldaten kamen wieder und wir rannten die ganze Avenida Ju?rez hinunter. Aus den Hotels wurden sie mit Gl?sern beworfen, mit Eis, Matratzen, Kleidungsst?cken, Schuhen, St?hlen, mit allem, was die Leute in den umliegenden Bars und Hotels in die H?nde bekamen. Einige von uns waren auf die Baustelle der U-Bahn vorgedrungen, weil die Panzer nicht auf diese Allee konnten. Ich erinnere mich noch an das Ger?usch der Rosenstr?ucher, die ?ber unsere Schuhe kratzten, als wir den Platz in Richtung der Station Hidalgo verlie?en, wo uns die U-Bahn-Fahrer empfingen und wieder zur?ck zum Uni-Gel?nde brachten. Ich glaube, das war der Moment, als mich wirklich Angst durchfuhr und ich dachte: ?Dieses Spiel ist wahnsinnig lustig, aber die werden uns umbringen!? Und wenn dich jemand umbringen will, fragst du dich zumindest, warum du dein Leben aufs Spiel setzt. Aber w?hrend da diese Zweifel aufkamen, f?hltest du dich gleichzeitig moralisch verpflichtet gegen?ber all den anderen, die um dich herum waren.
Das Jahr 68 hat einige Prozesse beschleunigt, die ohnehin gekommen w?ren. Die sexuelle Befreiung hatte schon vorher begonnen, sie war weder inexistent noch unsichtbar, aber leiser. Es war mehr oder weniger zu sp?ren, was in der Gesellschaft vor sich ging. Ich glaube, 1968 war nur eine zeitliche Verdichtung ? nicht mehr. Es h?tte vermutlich genauso auch 1970 passieren k?nnen. Was mit dem Minirock, dem freien Ausleben unserer Sexualit?t und unserer K?rperlichkeit begonnen hatte, setzte sich schlie?lich in einer neuen Sprache fort, in neuen Sichtweisen, in Forderungen und in der Verpflichtung meiner Generation jenen gegen?ber, die f?r immer jung bleiben werden.

Ana Ignacia Rodr?guez (Nacha)
Ich hei?e Ana Ignacia, den Spitznamen Nacha erhielt ich im Zusammenhang mit meiner Festnahme und meiner Haft. Es war der Deckname, mit dem ich im Strafregister gef?hrt wurde. Damit sollten wir stigmatisiert werden: Straft?terin Nacha. Ich bin aber stolz auf diesen Namen, und auch darauf, dass in meiner Prozessakte steht: ?Ana Ignacia Rodr?guez M?rquez, alias Nacha, Guevara-Anh?ngerin?. Daf?r bin ich der Regierung sehr dankbar: Mir wurden zwei Jahre Frauengef?ngnis bezahlt und ich hatte Zeit, Guevara zu lesen. Jetzt bin ich tats?chlich Guevara-Anh?ngerin.
Ich studierte damals an der Juristischen Fakult?t. Diese war eine Hochburg der Partei der institutionellen Revolution (PRI) sowohl was das Personal als auch was die studentischen Organisationen anging. Wir brachen das v?llig auf. Wir gr?ndeten eine Gruppe namens Progressive Studentenpartei, die kulturelle Aktivit?ten organisierte. [...] So fingen wir an, eher ruhig, aber dann kam 1966 der erste Streik, und ich erlebte die ganze Beteiligung unserer Fakult?t mit.
Es ist eigentlich nie deutlich gemacht worden, welch wichtige Rolle die Frauen in der Studentenbewegung spielten. Aber schon 68 bildeten wir eigene Brigaden, gingen zu ?ffentlichen Versammlungen und in die Fabriken, auf die M?rkte, sammelten Spenden ? und die Bev?lkerung unterst?tzte uns. Von dem gespendeten Geld und den Lebensmitteln konnten wir eine ganze Weile leben. Wir wohnten in der Fakult?t. Es gab oft Ger?chte, dass das Milit?r einmarschieren w?rde, so oft, dass wir nicht mehr daran glaubten, auch dann nicht, als es schlie?lich wirklich kam. Am 8. September h?rte ich ? es war ein unglaublich lautes Ger?usch ? die Stiefel der Soldaten. Als wir aus der Fakult?t rannten, fragten wir uns, wohin wir fl?chten sollten. Wir entschieden uns f?r das Rektoratsgeb?ude, weil wir dachten, dort seien wir halbwegs sicher. Ich sehe uns noch, wie wir durch den kleinen Garten neben dem damaligen Geb?ude des Rektors liefen. Sp?ter wurden wir von einem Kommando festgenommen und auf den Vorplatz gef?hrt.]

Es ist nie deutlich gemacht worden, welch wichtige Rolle die Frauen in der Bewegung spielten.

Man brachte uns auf einen Hof mit steinernen Tischen. Wir waren derma?en euphorisch, dass wir dachten, die anderen Genossen w?rden uns h?ren, und riefen laute Parolen, um ihnen Mut zu machen. Noch war uns nicht klar, was Repression bedeuten sollte. Ich wusste noch nicht einmal, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits politische Gefangene gab, auch kannte ich das Frauengef?ngnis nicht. Am n?chsten Tag kamen unz?hlige Kriminalbeamte, um uns zu befragen. ?Wie oft sind sie nach Kuba und in die Sowjetunion gereist?? ? ?Ich war oft in den USA. Ich habe dort Geschwister.? ? ?Nein, darum geht es nicht, uns interessieren nur Kuba und die Sowjetunion, wie oft Sie bei den Roten waren.? Und dann haben sie es so hingedreht, dass wir Teil eines kommunistischen Komplotts seien, wir unterst?tzten den Kommunismus dabei, hier Ableger zu bilden, handelten auf Anweisung. Unsere Freilassung erfolgte auf Druck der Leute drau?en. All unsere Kommilitonen hatten sich vor dem Gef?ngnis versammelt und riefen ganz laut: ?Freiheit, Freiheit!? Nach drei Tagen wurden wir freigelassen. Als ich die Haftanstalt verlie?, war ich sehr ger?hrt, die Leute hoben mich hoch und begr??ten mich. Meine Gedanken waren damals: ?Sie haben die Unabh?ngigkeit der Universit?t angetastet, was so ziemlich das Schlimmste ist, was der Bewegung widerfahren ist ? und wir m?ssen weitermachen, wir m?ssen sogar noch h?rter k?mpfen. Denn es gibt Gefangene, Verletzte und Tote.?
Den 2. Oktober hatten wir nicht erwartet. Ich stand auf dem Vorplatz, als wir die Leuchtraketen sahen, die von dem Hubschrauber abgeschossen wurden. Ich wusste in dem Moment nicht, was das zu bedeuten hatte. Sp?ter erfuhr ich, dass es der Einsatzbefehl war. Das einzige, was ich mitkriegte, war, dass der Redner auf dem Podium von einem Typ mit einem Handschuh gepackt wurde. Er und andere wurden nach hinten geschleppt. In dem Moment wurde mir bewusst, dass etwas vor sich ging, und schon h?rte man die Geschosse ?ber und unter uns. Ich sagte: ?Das kann doch nicht sein, die k?nnen doch nicht auf uns schie?en.? Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen und sagte zu Tita: ?Das kann doch keine echte Munition sein.? Sie antwortete: ?Jetzt stell dich nicht bl?d, siehst du nicht, wie die Leute umfallen?? Ich drehte mich um und sah, wie die anderen zu Boden fielen. Wir begannen um unser Leben zu rennen. [...]
Sie holten mich und Antonio aus meiner Wohnung ab und brachten uns zu einem Geb?ude der Sicherheitspolizei. Ich glaube, es war an der Ausfallstra?e nach Toluca, denn wir ?berfuhren Gleise und wurden an einen Ort gebracht, an dem Ballen mit Pferdefutter gelagert waren. Dort wurden unsere Daten notiert. Das Schlimmste an dieser Entf?hrung war die Fessel, eine breite Fessel, aber derma?en straff angelegt, dass ich dachte, sie zerquetscht mir mein Gehirn. Am n?chsten Tag wurde ich in einen anderen Raum gef?hrt und das Verh?r begann. Es wurde von einem US-Amerikaner durchgef?hrt. Er war rothaarig, hatte einen B?rstenhaarschnitt, war mit einer Tarnuniform bekleidet und sprach mit Akzent. Er sagte, ich solle unterschreiben.

Text: ?bersetzung Sebastian Henning, zusammengestellt von Sherin Abu Chouka