Volltext

(Artikel * 2007) Sobich,Frank Oliver
Vom "Kind-Neger" zum "schwarzen Wüstling" Deutsche Imgainationen von AfrikaerInnen vor 1920
in iz3w Nr. 302 * Seite 12 - 15
Themen: Dominanzkultur; Kolonialismus; Rassismus * Afrika; BRD * * Dok-Nr: 177069
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Deutscher Kolonialismus


Das Bild, das sich Deutsche von AfrikanerInnen machen, hat sich im Laufe der Jahrhunderte durchaus gewandelt. Viele Versatzstücke von vermeintlich vergangenen Stereotypen finden sich jedoch bis heute – das Bild vom »edlen Wilden« ebenso wie das vom »enthemmten Barbaren«. In besonders starkem Maße geformt wurden diese Bilder in den Jahren rund um die deutsche Kolonialherrschaft von 1884 bis 1918. Im Rahmen unserer fortlaufenden Reihe zum Deutschen Kolonialismus zeichnet der Historiker Frank Oliver Sobich die Diskursverschiebungen während jener Jahre nach. Galten AfrikanerInnen zunächst als »Mangel-Menschen«, die aber immerhin erziehbar seien, sprach man ihnen später ihr Menschsein ab – ein erschreckendes Kapitel in der Geschichte deutscher Ideologieproduktion.

Vom »Kind-Neger« zum »schwarzen Wüstling«
Deutsche Imaginationen von AfrikanerInnen vor 1920


von Frank Oliver Sobich

Die Bilder der ‘Anderen’ spielen für die Durchsetzung und Akzeptanz rassistischer Politiken eine zentrale Rolle. Sie sind Visualisierungen oder prägnante Zusammenfassung dessen, was das ‘Wesen’ der ‘Anderen’ sei. Sie können leicht rezipiert werden und das Denken und Handeln von Menschen gerade dann beeinflussen, wenn sie unhinterfragter Teil des Alltagsdiskurses einer Gesellschaft werden. Rassistische Vorstellungen, die nicht nur verquere Ansichten Einzelner darstellen, sind zumeist gesellschaftlich gültige Assoziationsketten. Das bedeutet, dass einzelne Begriffe bestimmte Konnotationen besitzen und Assoziationen hervorrufen, die allen Mitgliedern einer Gesellschaft präsent sind. Dabei ist sogar egal, ob die übliche Wertung geteilt wird oder nicht, solange das entsprechende Bild vom Großteil der Mitglieder einer Gesellschaft unterschiedlich interpretiert, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird. Der Frage, wie und warum sich solche Verbindungen von bestimmten Vorstellungen mit sozialen Gruppen so durchsetzen, dass alle sie kennen – eine wichtige Voraussetzung von rassistischen Witzen und Karikaturen – ist eine zentrale Aufgabe historischer Rassismusforschung mit erheblicher politischer Relevanz.
Ändern sich solche Assoziationsketten, beruht dies im Regelfall nicht auf der Eigendynamik von Diskursen und Bildern, sondern auf dem Versuch, Fremd- und Feindbilder mit veränderten Verhältnissen, Interessen und/ oder Selbstbildern in Einklang zu bringen. Denn die Macht solcher Ideologien beruht gerade darauf, dass sie ihren AnhängerInnen die Welt (oder Ausschnitte aus ihr) »einleuchtend« erklärt.1 Dabei erfindet das rassistische Denken die Gruppen, die es hasst oder liebt, nicht jedes Mal neu: Vorhandene Vorstellungen werden neu bewertet, in einen neuen Kontext gestellt und/ oder ihnen eine neue Qualität zugesprochen. Bislang verbreitete, dazu im Widerspruch stehende Vorstellungen werden entweder direkt angegriffen oder existieren beziehungslos neben dem neuen Bild, bis sie verschwinden oder einen neuen rassistischen Sinn bekommen.
All dies zeigt sich idealtypisch bei der Veränderung des Bildes von AfrikanerInnen und ‘Schwarzen’ in der deutschen Öffentlichkeit zwischen 1884 und 1920.

Vom »edlen Wilden« ...
Bis weit in das 17. Jahrhundert lässt sich in Europa kein einheitliches Bild von ‘Schwarzen’ feststellen, schon weil die Subsumtion von Menschen unter ihre – angebliche oder wirkliche – Hautfarbe kein durchgesetztes Konzept war.2 Dies änderte sich, als die AufklärerInnen begannen, die Menschheit nach ‘Rassen’ zu systematisieren. Die Beschreibungen der ‘Schwarzen’ waren dabei noch relativ einheitlich: Ihnen wurde abgesprochen, zu denken oder zu arbeiten. Sie galten als sinnlich, leidenschaftlich und musikalisch und ihnen wurde ein starker Körpergeruch zugesprochen. Die verschiedenen afrikanischen Hochkulturen wurden entweder ignoriert oder durch negative Attribute
mit diesem Weltbild kompatibel gemacht.
Dies alles führte jedoch zu keiner einheitlichen Bewertung der AfrikanerInnen: Während sie mit Orang-Utans gleichgesetzt und häufig versklavt wurden, schwärmten die bürgerlichen und adeligen Salons Europas sie auch als »edle Wilde« an. Zur gleichen Zeit wurden die ‘UreinwohnerInnen’ Australiens, Asiens und beider Amerikas von EuropäerInnen massakriert und partiell ausgerottet. Dies wurde augenscheinlich nicht als allzu großer Widerspruch empfunden.

... zum »geborenen Sklaven«
Just in dem Moment, als Sklavenhandel und Sklavenhaltung – die lange Zeit kulturell geradezu unsichtbar waren – in das Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik gerieten, traten genau jene Bilder, die diese brutale Praxis bis dato gerechtfertigt hatten, ihren Siegeszug an. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts lässt sich eine Vereindeutigung konstatieren. Teile des vorhandenen, positiven Bildes wurden dabei benutzt und umdefiniert: Aus dem fröhlichen Müßiggang wurde Faulheit, aus der Idealisierung der Unbefangenheit des ‘Naturmenschen’ wurde die angewiderte Darstellung schamloser Sexualität und angeblich kannibalistischer Praktiken.
Das nach 1800 entworfene Bild des negativen Naturwesens und der heidnischen Barbarei war eine hervorragende Rechtfertigung der Aufteilung der Welt durch die europäischen Mächte und die USA. Angesichts des gleichzeitigen Siegeslaufs des Sozialdarwinismus wäre zu vermuten, dass sich nunmehr das Bild des ‘Negers’ als ‘Tier’ durchgesetzt hätte. Dies war aber nicht der Fall, sondern die Vorstellung des ‘Negers’ als ‘Kind’ wurde Allgemeingut. Dieses Bild passte besser zu den Erwartungen und Wünschen der Metropolen an ihre Kolonien und deren Bevölkerung: Es erlaubte eine Selbststilisierung der kolonialen Gewalt als hilfreiche Erziehung. Schilderungen, die vom Bild des ‘Schwarzen’ als ‘Kind’ ausgingen, pflegten Grausamkeit und Sexualität nicht in den Vordergrund zu rücken, wohl aber Faulheit, Schmutz und moralische Unarten.
Mit der Infantilisierung war im Regelfall zumindest teilweise Erziehbarkeit, ja oftmals eine – allerdings in fernster Zukunft liegende – mögliche Gleichbehandlung von ‘Schwarz’ und ‘Weiß’ verbunden. Für manche AutorInnen war aber das Bild des ‘Kindes’ durchaus vereinbar mit der Vorstellung einer unumstößlichen ‘Kindlichkeit’ als vererbbarer ‘Rasseneigenschaft’. Das ‘Kind’ ist hier ein Bild für einen bestimmten Entwicklungsstand als Mangel-Mensch, der nicht oder erst nach vielen Generationen überwunden werden kann.
Dieses Bild geriet in eine Legitimationskrise, als sich 1904 im heutigen Namibia die Herero und Nama gegen die deutsche Kolonialherrschaft erhoben. Es mutierte in mehreren Etappen zum Bild vom »blutrünstigen Wilden«.

Dämonisierte Herero und Nama
Die Kriegsführung der Herero und Nama bot dafür eigentlich kaum Anhaltspunkte. Die Herero und Nama hatten insgesamt 200 Menschen getötet, in der Regel deutsche Männer, während sie Frauen, Kinder, Missionare und Nicht-Deutsche verschonten. Von einem »Rassenkampf«, wie der Krieg häufig bezeichnet wurde, konnte von Seiten der Herero und Nama keine Rede sein. Wohl aber von deutscher Seite. Der Oberbefehlshaber General v. Trotha bekannte sich öffentlich zu einer Politik des »krassen Terrorismus«. In seiner berühmt-berüchtigten Proklamation vom Oktober 1904 hatte er erklärt: »Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen«. 3
»Zu ihrem Volke zurück«, das hieß: zurück in die Omaheke. Die Omaheke war
eine wasserarme Steppengegend, dorthin waren die Herero von den deutschen Truppen vertrieben worden. Ein 250 Kilometer langer Absperrungsgürtel verhinderte so gut wie jede Flucht. Im Dezember 1904 wurde dieser Befehl aufgehoben, und die Internierung von Hereros, die sich ergaben, angeordnet. Nach zwei Monaten, in denen die Alternative darin bestand, in der Wüste zu sterben oder von deutschen Soldaten erschossen zu werden, eröffnete sich dann auf höchste kaiserliche Weisung hin noch die Möglichkeit,
in einem Internierungslager bei Zwangsarbeit und Mangelernährung zu vegetieren.4 Im Verlaufe der Aufstandsniederschlagung starben zwischen 45.000 und 65.000 Herero und etwa 10.000 Nama.
Doch in der deutschen Öffentlichkeit, die über Verlauf und Niederschlagung der Aufstände zeitverzögert, aber umfassend informiert wurde, ging es um Anderes. Mit Beginn des Aufstandes wurde in einem Zusammenspiel von Romanliteratur, Zeitungsberichterstattung, Reichstagsdebatten, Gerüchteproduktion und Regierungsäußerungen das bisherige ‘Wissen’ über die ‘Wilden’ aufgerufen, verfestigt, umorganisiert und in einen politischen Zusammenhang gestellt. In der Berichterstattung der bürgerlichen Tagespresse wurden die Herero als eine bedrohliche Masse geschildert. Sie tauchten, bis auf einige Häuptlinge, nur als »Horden« und »raubend und mordend umherstreifende Banden« auf. Sie seien »mordlustige Schwarze«, »Unholde«, »Wilde«, »Bestien«, »Scheusale«, »Schweine« und »Hunde«. Sie fielen angeblich »mordend, sengend und plündernd« in die Farmgebiete ein, ihre Kriegführung sei von »Vernichtungswut und Mordlust« gekennzeichnet.
Diese Berichterstattung blieb nicht ohne Wirkung. Die Aufstände 1904/07 waren ein »regelrechtes Diskursereignis«, es entstand »eine Flut von Texten«5 unterschiedlicher Genres und Textgattungen. In diesen Texten wurde die Vernichtung der Herero und Nama offen gerechtfertigt und die Herero und Nama als faul, verlogen, sinnlich und grausam dargestellt. Die Darstellung der »Faulheit« und »Lügenhaftigkeit« diente der Propagierung der Versklavung der Bevölkerung von Deutsch-Südwestafrika. Die Betonung der Sinnlichkeit – »Endziel und Inhalt« des Lebens der Herero sei der Genuss, hieß es vorwurfsvoll – sollte dieses Urteil zementieren. Zum anderen sollte die Darstellung der Sittenlosigkeit der Herero beweisen, dass die sexuellen Übergriffe der ‘Weißen’ auf keinen Fall den Grund für den Aufstand darstellten.

Zum Tier gemacht
Großen Wert legen die Bücher auf die Darstellung der »viehisch-brutale[n] Negernatur«. Zwar seien die BewohnerInnen Afrikas von »kindischem Gemüte«, aber ihre »teuflische Lust« an den Qualen von Menschen und Tieren unterscheide sie von Kindern. Der Kampf der Deutschen sei »kein Krieg gegen Menschen, sondern gegen Bestien, schlimmer als die Tiere der Wildnis«. Es gab zwar einige kritischere Töne, doch der Tenor war zumeist gleich, ob Belletristik oder Sachbuch. Die ‘Schwarzen’ – auch diejenigen, die nicht am Aufstand beteiligt waren – wurden zu Exemplaren einer minderwertigen, tierähnlichen und grausamen ‘Rasse’ gemacht. Die BewohnerInnen anderer deutscher Kolonien spielten dabei keine Rolle in der Öffentlichkeit (auch der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika schlug sich nicht nieder). Mit dem Aufstand wurden Ansichten über Charakter und Wesen der ‘Schwarzen’ zu handlungsleitenden, relevanten Ideologien in Bezug auf Kriegsführung und Kolonialpolitik.
Mit den Kolonialaufständen 1904-06 wurden ‘Schwarze’ erstmals als aktive GegnerInnen wahrgenommen. Der ‘schwarze’ Mann6 wurde von einem Kind oder ‘ekligen Tier’ zu einer wirklichen Bedrohung. Beim »Tier« wie beim »Kind« handelte es sich um Natur, die bearbeitet werden sollte. Das Kind soll erzogen, das Tier dressiert, die Bestie gebändigt werden. So sehr sich in der wilhelminischen Zeit Dressur und Erziehung auch ähnelten, ihre Ziele waren unterschiedliche: Das Kind sollte erwachsen werden, das Tier sich dauerhaft unterordnen – da es niemals ein Mensch werden konnte. Der Schritt vom Kind zum Tier als angeblichem Charakter der kolonialisierten Menschen ist eine De-Humanisierung des Gegners, die die eigene enthumanisierte Haltung ihm gegenüber rechtfertigt. Kinder sollen ‘gezüchtigt’, aber kaum, wie das radikalisierte Tier-Konstrukt ‘Bestie’, vernichtet werden.

»Schwarze Bestien« – zweiter Akt
Die Berichterstattung des Jahres 1904 über die Aufstände hatte dazu geführt, dass bestimmte Bilder von ‘Schwarzen’ verbreitet waren und somit bereits durch Andeutungen aufgerufen werden konnten. Dies zeigte sich, als im Dezember 1906 der Reichstag aufgelöst wurde, weil eine bunte Koalition von Sozialdemokraten, katholischem Zentrum und den Vertretern der polnischen Minderheit die Mittelforderungen der Reichsregierung für die restlose Niederschlagung der Aufstände zurückwies. Der sich anschließende Wahlkampf war gekennzeichnet durch den Vorwurf, die schwarzen und roten »Reichsfeinde« wollten zulassen, dass die Aufständischen »deutsche Männer und Frauen morden« und »unsere tapferen Soldaten« in Deutsch-Südwestafrika »grausamen Feinden« schutzlos preisgeben.
Wieder erschienen nicht die Herero und Nama, sondern die Deutschen als Opfer des Kriegs. Die deutschen Truppen stünden im Kampf gegen einen »wilden«, »besonders gefährlichen« und »geradezu bestialisch grausamen« Feind. Immer wieder wurde entgegen aller Tatsachen behauptet, die »Mordgier« der Herero habe nicht einmal »vor wehrlosen Frauen und Kindern« halt gemacht. Auch Berichte, die ‘Eingeborenen’ hätten deutsche Krieger »bei lebendigem Leibe verstümmelt«, wurden verbreitet. Jedes Zurückweichen vor den Aufständischen – wie es Sozialdemokraten und Zentrum angeblich propagierten – habe mit Sicherheit »ein neues Aufflackern des Aufstandes« und »neue scheußliche Grausamkeiten heimtückischer Feinde« an Soldaten und SiedlerInnen zur Folge.
Während das Bild des ‘schwarzen Mörders’ damit durchgesetzt und jederzeit abrufbar war, war die Assoziation ‘schwarzer Mann’ = ‘Vergewaltiger weißer Frauen’, die sich in der Kampagne gegen die »Schwarze Schmach am Rhein« ab 1919 (siehe unten) so folgenschwer etablierte, augenscheinlich noch nicht Allgemeingut. Aber die Voraussetzungen dafür waren geschaffen.

Biologisierung, Bestialisierung, Sexualisierung
Mit der Etablierung eines biologistischen Rassebegriffs, der einer Menschengruppe ein Set von unveränderlichen, vererbbaren Eigenschaften zuordnete, war es möglich geworden, animalische Eigenschaften oder Verhaltensweisen als von der Situation unabhängige Determinanten darzustellen. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die Logik des Verdachts, mit welcher der Rassismus arbeitet: Da er zu wissen meint, wie die entsprechenden Menschen sind, denken und handeln, braucht er nur noch Anlässe, aber keine Beweise mehr dafür, dass diese Menschen auch dem Urteil entsprechen, das er über sie etabliert.
Die zunehmende Sexualisierung der ‘Schwarzen’ folgte ganz diesem Muster. Sie wurde erst ermöglicht durch die Ersetzung des Kind-Schemas durch das Tier-Schema – denn Kinder haben nach bis heute durchgesetzter Überzeugung keine Sexualität. Es ist bemerkenswert, dass zum ursprünglichen Bild des ‘Wilden’ die animalische Sexualität immer dazu gehört hatte, um in der patriarchalischen Phantasie vom ‘Schwarzen’ als großem Kind in den Hintergrund zu treten. Aber nicht um zu verschwinden, sondern um sich mit neuer Kraft zu entfalten, als es wieder zu den in den völkisch-rassistischen Ideologien sich artikulierenden Interessen passte.
Im Gefolge des Aufstands in Deutsch-Südwestafrika hatte die Kolonialverwaltung, begleitet von einer erregten Debatte, schrittweise jede »Mischehe« zwischen ‘Weißen’ und ‘Schwarzen’ in den deutschen Kolonien verboten. Zu der weit verbreiteten Furcht vor der drohenden »Verkafferung« der ‘weißen’ Siedler, also mit ihrem Herabsinken auf das kulturelle Niveau der ‘Eingeborenen’, kam nun die Bedrohung durch »Mischlinge« hinzu. Dies war »Ausdruck einer kollektiven Untergangsangst der deutschen Kolonisten«7, die in auffälligem Widerspruch zur wirklichen Machtverteilung in den Kolonien stand. Die Kampagne gegen »Mischehen« nahm kolonialkritische Motive, wie etwa das der sexuellen Übergriffe gegen ‘Schwarze’, auf und verwandte sie als Argumente für die Errichtung einer kolonial-rassistischen Herrenmoral – die sich auch gegen die sexuelle Autonomie der Männer wandte und durchaus Berührungspunkte mit der Gleichstellungspolitik der nationalistischen Frauenverbände hatte.
Eine Debatte im Reichstag über die Aufhebung dieses Mischehenverbots zeigt den rassistischen Konsens im spät-wilhelminischen Deutschland: Wiewohl es sich um eine Machtprobe über die Gültigkeit des Bürgerlichen Gesetzbuches in den deutschen Kolonien handelte, war man sich »über alle religiösen und politischen Grenzen hinweg« einig, dass diese Ehen unerwünscht waren.8 Zwei Punkte sind bei dieser Debatte auffällig. Erstens kritisierte keiner der Redner den ‘Rassestandpunkt’. Stattdessen wurde die gesamte Debatte darüber geführt, ob auch andere Punkte entscheidungsrelevant sein sollten. Zweitens trat überraschend eine Phantasie auf, die in den bisher skizzierten rassistischen Debatten noch keine Rolle gespielt hatte: Die Angst vor dem ‘schwarzen’ Mann als Konkurrenten. Diese Phantasie war immer wieder damit verbunden, dass es Frauen aus höheren Schichten seien, die vom animalischen ‘schwarzen’ Mann angezogen seien. Der ‘Schwarze’ war spätestens damit zur doppelten Bedrohung geworden: militärisch als (potenzieller) Aufständischer und sexuell als attraktiver und besonders aktiver Exot.

Die ‘schwarze Schmach’
Im Vorfeld des Ersten Weltkrieges gesellte sich eine weitere »Bedrohung« hinzu: Angesichts sinkender Geburtenraten war vor allem Frankreich dazu übergegangen, in seine Kriegsplanungen auch die BewohnerInnen seiner Kolonien einzubeziehen, um den militärischen Vorteil des Deutschen Reichs auszugleichen. Es begann eine Kampagne in alldeutschen und völkischen Blättern, die davor warnte, im Falle eines Krieges seien die Deutschen den »wilden Instinkten der Negersoldateska« schutzlos ausgeliefert. Doch erst mit dem Ersten Weltkrieg erreichte das Thema größere Publizität. Dabei gerieten die britischen und die französischen Kontingente gleichermaßen ins Visier. Die ‘farbigen’ Soldaten wurden als »Teufel«, »entmenschte Wilde« und Bestien geschildert.9
In vielerlei Hinsicht war die Kampagne gegen den Einsatz von Kolonialtruppen die Vorwegnahme der Propaganda gegen die ‘Schwarze Schmach’ 1919-1924. Diese begann, als die Entente das Rheinland besetzte und Frankreich dabei auch ‘farbige’ Truppen einsetzte10. War der Herero-Aufstand die Infragestellung der kolonial-rassistischen Hierarchie durch ‘Eingeborene’, der Einsatz ‘farbiger Truppen’ die Gleichsetzung von ‘schwarzen’ mit deutschen Soldaten durch den ‘Erbfeind’ – so wurde mit der Tatsache, dass ‘Farbige’ als Besatzungssoldaten Ordnungsfunktionen gegenüber den ansonsten recht obrigkeitstreuen Deutschen wahrnahmen, dem rassistischen Verstand Ungeheuerliches zugemutet.
Zwischen 1919 und 1924 begann eine weltweite Propagandakampagne, die in einem Sturm der Entrüstung Gräuelgeschichten über hunderte vergewaltigte ‘weiße’ Frauen und Mädchen und geschändete ‘weiße’ Knaben verbreitete und damit das Verabscheuungswürdige des französischen ‘Besatzungsterrors’ illustrieren wollte. Diese Kampagne sollte über rassistische Propaganda einen Keil zwischen die USA und Frankreich treiben und den Nachwirkungen der »Hunnenpropaganda« in den Siegerstaaten und neutralen Länder entgegenwirken. Zugleich stellte die Kampagne eine Antwort auf den Vorwurf der ‘Kolonialgräuel’ dar, der eine zentrale Rolle dabei spielte, die deutschen Kolonien an den Völkerbund zu überstellen.
Wie immer bei rassistischen Kampagnen, an denen staatliche Stellen beteiligt sind, muss das Verhältnis von Ressentiment und Kalkül genau untersucht werden. Zumindest Teile des deutschen Staatsapparates waren sich des übertriebenen Charakters und der Verlogenheit der Behauptungen bewusst.11 Die nachhaltigen Wirkungen der Kampagne auf das Bild des ‘Schwarzen’ deuten darauf hin, dass es sich aber nicht nur um eine kühl gehandhabte Methode der deutschen Diplomatie handelte.
Zumeist war von ‘Schwarzen’ und ‘Negern’ die Rede, dabei war durchaus bekannt, dass es sich bei den fraglichen Besatzungssoldaten vor allem um Nordafrikaner handelte, die nun beim schlechtesten Willen nicht ‘schwarz’ waren. Aber das Bild war wohl nicht eindeutig genug, während die Sexualisierung und Bestialisierung der ‘Schwarzen’ schon so weite Fortschritte gemacht hatten, dass die entsprechenden Projektionen schon durch die kleine Anzahl von Soldaten aus Madagaskar und Westafrika angeregt wurden. Wiederum ein Beweis dafür, dass Rassismus die Farbe macht und nicht die Farbe den Rassismus.

Gier auf Germanenfleisch
Die Bilder der ‘schwarzen’, in Deutschland stationierten Soldaten waren eindeutig negativ. Es handele sich um eine »auf niedrigem Niveau stehende Rasse« mit »exorbitante[m] sexuelle[n] Triebleben«. Die »maßlose Gier auf weißes Germanenfleisch« führe zu unzähligen »Sittlichkeitsverbrechen«, »Schandtaten« und »Vergewaltigungen«. Die deutsche Bevölkerung sei wehrlos »den tierischen Instinkten der Farbigen« preisgegeben.
Angesichts des heutigen Wissens über die üblichen Mechanismen in Vergewaltigungsprozessen ist es schwierig, Zahl und Ausgang der Gerichtsverfahren als Indizien dafür zu nehmen, wie viel sexuelle Gewalt es wirklich gegeben hat. Aber alles spricht dafür, dass es nur zu relativ wenigen Vergewaltigungen gekommen ist und vielmehr alle Kontakte zwischen farbigen Soldaten und deutschen Frauen automatisch als »Vergewaltigungen« bezeichnet wurden. Die Propagandakampagne war geprägt von jener Mischung aus hysterischer Projektion, dem wichtigtuerischen Aufbauschen von gehörten ‘Stories’ und der schlichten Bereitschaft, alles zu glauben und alles anzuführen, was den eigenen Standpunkt untermauern könnte. Ein schwedischer Pastor beispielsweise wollte in Mainz ein ‘Mischlingskind’ gesehen haben – es hatte angeblich weiße und schwarze Streifen auf dem Rücken.12 Andere Quellen sprachen davon, dass die von ‚Schwarzen’ eingebrachte – in Wirklichkeit durch Tse-Tse-Fliegen übertragbare – »Schlafkrankheit« bereits mehrere Tote gefordert habe.
Fast alle Seiten waren überzeugt, die »Mulattisierung von Teilen unserer Heimat« folge einem »von maßlosem Vernichtungswillen und Hass diktierten Plan« Frankreichs. In die anti-französische Propaganda mischten sich auch antisemitische Töne: Verantwortlich für die »Schwarze Schmach« seien die »meist halb- und ganz semitischen Advokaten«, die Frankreich regierten.
Niemals »in der Weltgeschichte« habe es einen »auch nur annähernd ähnlichen Fall solch bestialischer Behandlung« gegeben, war man in jenem Land überzeugt, das die Herero und Nama mit einem Vernichtungs-, Dezimierungs- und Demoralisierungskrieg überzogen hatte. Die Kampagne gegen die »Schwarze Schmach« nahm die aggressive nationalsozialistische Rassenhetze vorweg, ebnete den Weg für die zwangsweise Sterilisierung der so genannten »Rheinlandbastarde« und etablierte bis heute gültige Vorstellungen. Heutige Afrika-Diskurse über Aids, Überbevölkerung oder Bandenkriege beruhen also auf einer soliden Grundlage.

Anmerkungen:

1 Robert Miles: Rassismus. Geschichte und Theorie eines Begriffs. Berlin 1991, S. 107.

2 Vgl. dazu Valerian Groebner: Haben Hautfarben eine Geschichte? In: Zeitschrift für historische Forschung, 2003, S. 1-17, und Wulf D. Hund: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Münster 1999.

3 Bundesarchiv Berlin, R 1001, 2089, fol. 7. Zum Aufstand selber siehe Jürgen Zimmerer: Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Hamburg 2002.

4 Joachim Zeller: »Ombepera i koza – Die Kälte tötet mich«. In: Jürgen Zimmerer/ Joachim Zeller (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Berlin 2003.

5 Medardus Brehl: »Das Drama spielte sich auf der dunklen Bühne des Sandfeldes ab«. In: Jürgen Zimmerer/ Joachim Zeller (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Berlin 2003, S. 86.

6 Das Bild der ‘schwarzen’ Frau änderte sich nicht gleichermaßen signifikant, obwohl eine deutliche Entsexualisierung des Bildes gegenüber vorher zu konstatieren ist.

7 Pascal Grosse: Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918. Frankfurt a.M. 2000, S. 145.

8 Birthe Kundrus: Moderne Imperialisten. Köln 2003, S. 23.

9 Zu diesem Themenkomplex: Christian Koller: »Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt«. Stuttgart 2001.

10 Vgl. dazu die Arbeiten von Sandra Maß.

11 Gisela Lebzelter: Die »schwarze Schmach«. Vorurteile – Propaganda – Mythen. In: Geschichte und Gesellschaft 11 (1985), S. 42.

12 Sally Marks: Black Watch on the Rhine. In: European Studies Review. Bd. 13 (Jg. 1983), S. 317.


Frank Oliver Sobich ist Historiker und lebt in Bremen. Er arbeitet in der Jugend- und Erwachsenenbildung. Dieser Artikel beruht auf seiner Dissertation »Schwarze Bestien, rote Gefahr« – Rassismus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich (Campus, Frankfurt a.M. 2006). Dort finden sich die Quellenangaben für die verwendeten Zitate.