Volltext

(Artikel * 2007) Anderson,Kevin; Hudis,Peter
"Die Linke hat Fehler gemacht" Über radikale Bewegungen in den USA
in iz3w Nr. 301 * Seite 14 - 17
Themen: Linke; Soziale Bewegung; Marxismus * USA * * Dok-Nr: 177060
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

USA


Die Gruppe News & Letters

Die einst recht starke radikale Linke der USA ist seit der konservativen Wende der 1980er im Niedergang begriffen. Das betrifft auch solche MarxistInnen, die weder in der Orthodoxie stecken geblieben sind, noch probieren, ihr poststrukturalistisch oder im Antiglobalisierungs-Aktivismus zu entkommen. Zu den übrig gebliebenen Gruppen, die am undogmatischen Marxismus festhalten, gehört News & Letters.
Die Gruppe fand sich 1955 anlässlich der wilden Streiks gegen Rationalisierungen in der Automobilindustrie in Detroit und des Bus-Boykotts gegen rassistische Segregation in Montgomery zusammen, um die Zeitung News & Letters herauszubringen. Diese ist bis heute zentraler Bestandteil des Engagements in der Gruppe, deren Mitgliederzahl auf etwa 200 geschrumpft ist. Die treibende Kraft der Gründung, Raya Dunayevskaya, ukrainische Einwanderin und zeitweise Mitarbeiterin von Trotzki, hatte sich vor der Gründung vom Trotzkismus abgewandt. Sie bezichtigte, vielleicht als erste überhaupt, den sowjetischen ‚Kommunismus’ des Staatskapitalismus, was mit der trotzkistischen Linie, die Sowjetunion als degenerierten Arbeiterstaat letztlich noch zu verteidigen, nicht vereinbar war. Profil gab Dunayevskaya der Gruppe zudem mit ihrer anspruchsvollen Hegel- und Marx-Rezeption und mit ihrer Anknüpfung an die emphatisch auf ‚den Menschen’ setzende Tradition des marxistischen Humanismus.
Heute zeichnet sich die auch in England aktive Gruppe News & Letters durch eine kritische Reflexion linksradikaler Bewegung aus. Diese steht auch im Mittelpunkt der hier präsentierten Email-»Interviews« über die US-Linke, das Simon Birnbaum mit zwei Mitgliedern geführt hat. Den vollständigen Text wird die Gruppe im Juli 2007 zusammen mit anderen Texten unter dem Titel »Eingriffe in linke Debatten in den USA über Fundamentalismus und Krieg« im Unrast-Verlag veröffentlichen.


»Die Linke hat Fehler gemacht«
Kevin Anderson und Peter Hudis von News & Letters über radikale Bewegungen in den USA


iz3w: US-AmerikanerInnen sehen sich oft als »tolerant« an. Sie sind außerdem gegenüber dem Staat grundsätzlich sehr skeptisch eingestellt – zumindest im Vergleich zu vielen EuropäerInnen. Deutet das darauf hin, dass die USA eher vor Staatsterror sowie vor faschistischem Rassismus und Antisemitismus geschützt sind?
Peter Hudis: Unzweifelhaft ist eine gewisse Skepsis gegenüber dem Staat unter US-BürgerInnen verbreiteter als in vielen europäischen Ländern. Das heißt jedoch nicht notwendigerweise, dass sie vor rassistischen, antisemitischen oder anderen reaktionären Strömungen gefeit sind. Der Staat hat in der US-Geschichte eine andere Rolle als in vielen europäischen Staaten gespielt. Reaktionäre Bewegungen in den USA tendierten dazu, für einen schwachen Staat zu argu-mentieren, um ein rassistisches Programm durchzusetzen. Die VerteidigerInnen der Sklaverei betonten die »persönliche Freiheit« – also das »Recht«, Sklavinnen und Sklaven zu besitzen – auf Kosten der Fähigkeit des Staates, solche »Rechte« einzuschränken. Auch nach der Sklaverei setzten die VerteidigerInnen rassistischer Diskriminierung auf eine schwache Zentralregierung. Wohingegen Bürgerrechts-AktivistInnen oftmals direkte bundesstaatliche Interventionen verlangten, um die schlimmsten Folgen von Partikularismus und Rassismus einzudämmen.
Auch die Bewegungen der Arbeiterklasse und der Minderheiten wie die »Progressiven« des späten 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts waren für einen stärkeren Staat, um Grundrechte und wirtschaftliche Umverteilung zu stärken. Hauptsächlich aus diesem Grund haben traditionelle faschistische Bewegungen in den USA anders als in Europa selten viel Gefolgschaft erlangt. Antisemitische, rassistische und faschistische Strömungen in den USA verfolgen ihre Programme in der Sprache von »Anti-Staatlichkeit« und »persönlicher Freiheit«.
Die Präsidentschaftswahlen 2004 in den USA haben dies widergespiegelt. Viele haben ihre Stimme für Bush abgegeben, weil sie befürchteten, dass bundes- oder einzelstaatliche Gewalt ihnen eine Sexualmoral »aufzwingen« könnte, etwa in Form der Schwulen-Ehe. Diese weit verbreitete Skepsis gegenüber dem »Recht« des Staats, sich in persönliche Angelegenheiten »einzumischen«, versucht die herrschende Klasse in den USA oft für ihr reaktionäres Programm zu nutzen. Solche Schachzüge stärken allerdings letztlich die repressive Macht des Staats, wie der USA Patriot Act und andere die Redefreiheit einschränkende Gesetze seit dem 11. September 2001 gezeigt haben. Allerdings muss man hinzufügen, dass einige der lautstärksten Gegner der fortgesetzten Einschränkung von Bürger-rechten und Freiheiten in den USA aus der Rechten kommen, eben weil viele Konservative die Macht des Staats genauso wie libertäre Bewegungen fürchten.
Die weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Staat hat auch eine positive Seite, die sich etwa im tief sitzenden Misstrauen vieler US-amerikanischer ArbeiterInnen gegenüber Bürokratie und Führung durch Eliten ausdrückt. US-BürgerInnen hegen im Allgemeinen eine große Wertschätzung für Demokratie und erkennen die Notwendigkeit, die Macht von Eliten zu begrenzen. Dass man diese Stimmung ansprechen muss, scheint die Rechte inklusive Bush allerdings besser zu begreifen als die Linke, die anti-staatliche Impulse oft als bloßes Produkt antikommunistischer Ideologie abtut.

Kevin Anderson: Die USA sind keineswegs immun gegen die Gefahr, die Adorno die »total verwaltete Welt« nannte. Das Anwachsen der politischen Polizei, des FBI, ihr Angriff auf grundlegende Freiheiten seit der McCarthy-Ära sollten nicht unterschätzt werden. Das gleiche gilt für die Militarisierung der Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg, die unter Bush einen neuen Grad erreicht hat. Die USA sind Teil eines größeren kapitalistischen Systems, das mehr und mehr zentralisiert und etatistisch ist. Die Rede von individueller Verantwortlich-keit, Marktkräften und Dezentralisierung ist nichts als Rhetorik.
Trotzdem gibt es in den USA eine lange Geschichte religiöser Toleranz, zumindest unter christlichen Gruppen und in jüngerer Vergangenheit zwischen Christen- und Judentum. Es gibt auch eine starke Tradition von Rede- und Pressefreiheit. Aber auch in dieser Hinsicht gibt es zwei große Probleme. Zum Ersten ist ein stetiges Anwachsen von religiösem Fundamentalismus während der letzten 20 Jahre zu ver-zeichnen. Fundamentalistische Gruppen haben eine beträchtliche Macht innerhalb der Republikanischen Partei. Zum Zweiten bedeutet die Tradition von absoluter Redefreiheit, dass es faktisch keine Kontrolle rassistischer, sexistischer oder homophober Propaganda gibt. Die USA sind deshalb das Weltzentrum für die Veröffentlichung von Neonazi-Propaganda. Die Massenmedien wiederum, insbesondere der Fernsehsender Fox-News und einige rechtsgerichtete Radiosender, greifen in bösartigen Attacken alle Individuen und Gruppen an, die die Politik der Bush-Regierung kritisieren.
Nichts davon begründet die Annahme, dass die USA immun gegen die faschistische Gefahr sind. Während ich die übertriebenen Behauptungen einiger Linker ablehne, dass die Bush-Regierung faschistisch sei, so hat diese sicherlich eine autoritäre Schlagseite, vielleicht vergleichbar mit dem Gaullismus in Frankreich. Die US-amerikanischen Traditionen der Toleranz, Demokratie und Freiheitsrechte sind nicht mehr als eben Traditionen. Faschismus oder etwas dieser Art, so es denn hier entstehen würde, würde starke dezentrale Elemente haben. Und der repressive Apparat einer solchen neuen Ordnung würde wahrscheinlich Milizen und Bürgerwehren genauso wie Einheiten der zentralen Staatsmacht mit einbeziehen. Wir können heute Hinweise auf diese mögliche Entwicklung in den Bürgerwehren erkennen, die an der Grenze zwischen Arizona und Mexiko zum »Schutz« vor illegalen Immigrantinnen und Immigranten auf Streife gehen.

Wie positioniert sich die übrig gebliebene radikale Linke in den USA angesichts der schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen? Gibt es Gruppen, die einen emanzipatorischen Kampf gegen den Kapitalismus führen?
Peter: Die US-amerikanische radikale Linke bleibt eine weitgehend marginalisierte Kraft, seit dem 11. September 2001 umso mehr. Nicht weniger bedeutsam sind die Folgen der Präsidentschaftswahlen vom November 2004. Obwohl die meisten Radikalen wenige Illusionen über Kerry hatten, führte Bushs Wiederwahl bei ihnen zu einer tiefen Depression. Die Tatsache, dass Bush nicht nur gewonnen hat, sondern das auch noch mit drei Millionen Stimmen Vorsprung, hat bei vielen Radikalen das Gefühl zurückgelassen, dass die politische Situation in den USA fast hoffnungslos ist.
Diese Antwort eines Großteils der radikalen Linken offenbart jedoch, dass sie noch nicht in der Lage ist, sich den Realitäten der Welt nach dem Kalten Krieg zu stellen. Das größte Problem bleibt, dass die meisten Linken annehmen, ein »radikaler Umschwung« könne durch mehr Aktivismus und »kreatives Organisieren« herbeigeführt werden. Doch je weniger die radikale Linke sich dem Problem stellt, was die Alternative zur existierenden Gesellschaft ist – als wenn diese Frage quasi automatisch mit der Zeit beantwortet würde, ohne dass man das Problem auf ernsthafte theoretische Weise ergründen müsste –, umso abgehobener und isolierter wird diese radikale Linke.
Die Defizite der »organisierten« radikalen Linken sind jedoch die eine Sache, die Gefühle vieler US-amerikanischer Jugendlicher und Lohnabhängiger eine andere. Auf einer Vortragsreise habe ich viele junge Leute getroffen, die libertäre Ideen und Wege zur Veränderung der Welt entwickeln möchten.
Kevin: Es gibt immer noch Tausende von Intellektuellen in den USA, die sich als MarxistInnen ansehen. Dieser Typus von Linken hatte sich als Folge des Umbruchs von 1989 zunächst den »Cultural Studies« und dem »Poststrukturalismus« zugewandt. Seit den späten 1990ern hat aber eine Wende zur Kritik des Kapitalis-mus selbst begonnen, großteils bedingt durch den Aufstieg der Antiglobali-sierungsbewegung. Plötzlich konzentrierten sich linke Intellektuelle auf die Klassenfrage und politische Ökonomie. Vom fortwirkenden Einfluss der poststruk-turalistischen Phase blieb die Kritik an zu schnellen Verallgemeinerungen, was bedeutete, dass ältere Formen von Klassenreduktionismus es schwerer haben. Das ist eine Entwicklung zum Guten. Wichtiger noch ist, dass es schwieriger wurde, klassischen leninistischen Parteikommunismus zu vertreten, wie es etwa die Gruppe International Socialist Tendency versucht hat. Das hinterließ aber auch eine Art Lücke. Die Leute übernahmen nicht länger das alte Partei-Modell, aber sie waren auch unzufrieden mit dezentralisierten Graswurzel-Initiativen, die sie nicht mit dem allgemeineren Kampf gegen das Kapital verbinden konnten. Das führte zu einigen interessanten Debatten, besonders nach den Seattle-Protesten von 1999 gegen die WTO.
Leider war diese Debatte mit der Invasion des Irak und dem »Krieg gegen den Terrorismus« plötzlich zu Ende, als sich die Linke gegen Bushs imperiale Pläne zusammenschloss. Seitdem herrscht in der Linken wieder ein Trend zu einer kulturalistischen oder auch poststrukturalistischen Kritik vor, die sich gegen negative Bilder von MuslimInnen und AraberInnen in der Politik sowie den Medien richtet. Einige verteidigen im Anschluss an Baudrillard das »Andere«, selbst wenn das eine Vorlage für radikalen Islamismus bedeutet.
Ein zweiter neuerer Trend, vor allem unter älteren marxistisch orientierten Linken, besteht darin, die Situation seit 2001 als Schlacht zwischen Imperialismus und Dritter Welt zu interpretieren. Am problematischsten innerhalb dieser Strömung sind Leute wie James Petras – ein Marxist, der die Bewegung gegen den Irak-Krieg dafür kritisiert, nicht explizit die Kräfte der »Befreiung« zu unterstützen, wie den fundamentalistischen oder baathistischen Widerstand im Irak. Ein dritter Trend entwickelte sich in der Antiglobalisierungsbewegung. Hier werden zunehmend die USA als Feind angesehen, weniger das entnationa-lisierte globale System, wie es Negri und Hardt in ihrem Buch »Empire« beschrieben. Diese Strömung ist trotz ihrer nicht sehr originellen These die interessanteste, weil sie viele jüngere Leute einbezieht und für die Diskussion theoretischer und politischer Alternativen offener ist. Allerdings gibt es auch in dieser Strömung Stimmen wie die von Naomi Klein, die dafür plädiert, dass die Anti-Kriegs-Bewegung Leute wie Moktada al-Sadr unterstützten sollte – den schiitischen Fundamentalisten, dessen Milizen die USA im Irak bekämpfen.
Insgesamt befindet sich die Linke seit 2001 im Niedergang, nicht nur weil uns die Bush-Regierung mit ihrer reaktionären Agenda und Kriegspolitik erdrückt hat, nicht nur weil die Demokratische Partei eine grundlegende Kritik des Irak-Kriegs ablehnte, sondern auch weil die Linke selbst Fehler gemacht hat. 2002 und 2003 wurden diese Fehler allein durch die Größe der Demonstrationen gegen den Irak-Krieg verdeckt. Heute, nachdem Bush wieder gewählt worden ist und die Demon-strationen kleiner geworden sind, holen diese Fehler die Linke ein. Ihr größtes politisches Problem besteht darin, sich an die Opposition gegen Bush als letzten Strohhalm zu klammern. Einige dachten, Chirac und Schröder würden einen »europäischen« Pol des Widerstands bieten; andere wandten sich radikalem Fundamentalismus zu, den sie mit Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt verwechselten. Wieder andere blicken auf das gemäßigt linke, aber autoritäre Regime von Hugo Chávez in Venezuela.
Trotz all dieser Probleme ist das Interesse an Marx und am Marxismus heute viel größer als in den 1980ern und 1990ern. Werke wie das »Kapital« und die »Grundrisse« werden viel gelesen. Als fundamentale Kritik des Kapitalismus konnte der Marxismus weder durch den Umbruch von 1989 – den angeblichen Beweis für seinen Untergang – erfolgreich verdrängt werden, noch durch den wachsenden Einfluss seiner poststrukturalistischen KritikerInnen. Stattdessen kehren heute viele zu ihm zurück. Diese Rückkehr findet allerdings auf widersprüchliche Weise statt.

Ihr erwähntet die Offenheit von lohnabhängigen und afrikanischen US-AmerikanerInnen gegenüber Kapitalismuskritik. Vertiefen wir das etwas, indem
wir auf die beiden wohl bekanntesten Bewegungen im 20. Jahrhundert in den USA blicken: die Arbeiter- und die Schwarze Befreiungsbewegung. Haben die Arbeiterorganisationen heute ein Bewusstsein für die Arbeiterkämpfe im 20. Jahrhundert? Gibt es derzeit radikale Arbeiterkämpfe? Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in dieser Hinsicht – sind sie bedeutsam für die Integration radikaler Bewegungen in das System, trotz ihrer geringen Mitgliederzahl? Und was ist mit den Kämpfen der ImmigrantInnen für ihre Arbeitsrechte in den letzten Jahren?
Peter: Eines der größten Probleme radikaler Bewegungen in den USA ist ihre Geschichtsvergessenheit. Viele Radikale der 1960er wussten wenig über frühere Anstrengungen, Alternativen zu entwickeln. Und auch in der heutigen Antiglobalisierungsbewegung besteht kaum ein Bewusstsein über historische Versuche, internationale Arbeitersolidarität zu entwickeln, wie etwa in den »heroischen Jahren« der anarchosyndikalistischen Industrial Workers of the World von 1905-1920. Seit den 1940ern hat die Arbeiterbewegung in den USA die Kontrolle über Produktionsfragen an das Management abgegeben (ursprünglich im Austausch für regelmäßige Zuwächse bei Löhnen und Sozialversicherungen).
Während der letzten zwei Jahrzehnte haben einige Teile der Arbeiterbewegung jedoch wieder an frühere Traditionen der US-amerikanischen Arbeiterbewegung angeknüpft. Ein Ausdruck dessen sind die fortgesetzten Bemühungen, grenzüberschreitende Organisationen von Arbeitenden in den USA und Mexiko zu begründen. Das Bewusstsein, dass sich die Arbeitsbedingungen in den USA nicht verbessern können, wenn sich diese Bedingungen nicht in der ganzen Welt dramatisch verbessern, ist bei vielen Lohnabhängigen in den USA stärker geworden. Besonders im Anschluss an die Proteste in Seattle 1999 kam es zu einer Radikalisierung in der Arbeiterbewegung. Viele aktivistische Studierende und Jugendliche haben in dieser Zeit ehrenamtlich als GewerkschaftsorganisatorInnen gearbeitet oder Gewerkschaftskampagnen unterstützt, vor allem im tiefen Süden, wo ein großer Teil der verbliebenen Industrieproduktion der USA angesiedelt ist.
Seit dem 11. September ist dieser Aktivismus jedoch zurückgegangen. Die offizielle Führung der AFL-CIO hat sich gegen ein Engagement in Antigloba-lisierungsprotesten ausgesprochen – mit der Begründung, dass »gewalttätige Elemente« auftreten könnten. Zugleich hat sich in den letzten Jahren die Verlagerung von Industrieunternehmen nach Übersee beschleunigt. Die dadurch verursachten Spannungen sind auch ein Grund für die kürzlich erfolgte Spaltung der AFL-CIO – ein Drittel der Mitglieder hat sich abgespalten, um eine unabhängige Gewerkschaft zu gründen. Diese wird sich darauf konzentrieren, bisher nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter zu organisieren.
Im Dienstleistungssektor, der nicht so leicht verlagert werden kann wie die Industrieproduktion, haben allerdings einige wichtige Arbeitskämpfe statt-gefunden, von denen manche radikales Bewusstsein hervorgebracht haben. Das gilt vor allem für das Pflegepersonal. Viele Pflegekräfte und andere Beschäftigte in den Krankenhäusern sind ImmigrantInnen etwa aus El Salvador, Guatemala oder dem südlichen Mexiko, die direkte Erfahrungen mit revolutionärer Politik haben. »Fließband«-Arbeit, wie sie in der Fabrik üblich ist, ist mehr und mehr auch im Gesundheitssystem anzutreffen.

Und was ist von der Schwarzen Befreiungsbewegung heute noch übrig?
Peter: Die USA haben eine lange Geschichte radikaler afrikanisch-amerikanischer Organisationen. Viele von ihnen existieren noch heute. 1998 wurde eine große Anstrengung unternommen, die Schwarze Linke durch die Bildung des Black Radical Congress wieder zu beleben; über 2.000 Menschen kamen zu seiner Gründungsversammlung in Chicago. Seit zehn Jahren ist die Schwarze Linke allerdings im Niedergang begriffen, nicht zuletzt unter dem Einfluss des One-Million-Man-March von 1995.1 Viele Schwarze Individuen und Organisationen haben den Marsch mit der Begründung unterstützt, dass die Mobilisierung von so vielen afrikanischen US-AmerikanerInnen ein Katalysator für weitergehende Radika-lisierung sein würde. Doch der Aufruf zur »Selbsthilfe« und zur »Selbstermäch-tigung innerhalb des Kapitalismus«, den der One-Million-Man-March formulierte, führte zur Anpassung vieler an den real existierenden Kapitalismus. Das Durcheinander, das durch diese Situation verursacht worden ist, setzt sich bis heute fort.
Eine wirklich radikale Kritik des Rassismus, die sich auf Kapitalismuskritik gründet, gewinnt durch etwas Anderes an Terrain zurück: Das Versagen der US-Regierung, angemessen auf die Not der schwarzen BewohnerInnen von New Orleans nach dem Hurricane Katrina zu reagieren, hat großen Ärger in der gesamten Schwarzen Community ausgelöst.

Welche Rolle spielen in der Schwarzen Befreiungsbewegung Islamismus und Antisemitismus?
Peter: Die Rolle des Islam in der afrikanisch-amerikanischen Community ist weit komplexer als es aus der Distanz erscheinen mag. Mehrere Millionen afri-kanische US-AmerikanerInnen sind Muslime, allerdings in unterschiedlichsten Gruppen, von denen einige keineswegs radikal sind. Louis Farrakhans Nation of Islam ist mit höchstens 15.000 Mitgliedern eine der kleineren Gruppen. Weit mehr gehören der American Muslim Mission an, die neokonservativ ausgerichtet und grundsätzlich für den »Krieg gegen den Terrorismus« ist. Die übrigen afri-kanisch-amerikanischen Muslime gehören zu verschiedenen Sekten und Gruppen, die keine gemeinsame Position zum 11. September haben.
Im Allgemeinen sind aber die meisten afrikanischen US-AmerikanerInnen sehr kritisch gegenüber dem »Krieg gegen den Terrorismus«, weil er zu Einschränkungen von Bürgerrechten und Sozialausgaben führt. Trotzdem standen afrikanische US-AmerikanerInnen im Großen und Ganzen abseits der Anti-Kriegs-Bewegung, die in der Hand von Weißen aus der Mittelklasse blieb. Die große Zahl von afrikanischen US-AmerikanerInnen in der Armee könnte ein Grund dafür sein.
Ein großes Problem in der afrikanisch-amerikanischen Community ist Antisemitismus. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schwarzer Antisemitismus hat seine Wurzeln in Gefühlen von Entmachtung und ökonomischem Niedergang. Viele Schwarze suchen nach einem Sündenbock, um ihre schwierigen sozialen Verhältnisse zu erklären. Was solche Gefühle verstärkt, ist die Tatsache, dass Schwarze und Juden generell wenig direkten sozialen Kontakt haben. Als einige Teile der Schwarzen nationalistischen »Linken« in den 1960ern ihre antisemitischen Einstellungen offenbarten, attackierten dies Schwarze Persönlichkeiten wie James Baldwin scharf und verteidigten die Jüdinnen und Juden. Baldwins Einstellung repräsentierte damals eindeutig die Mehrheit in der Schwarzen Community. Seit den 1960ern jedoch sind Juden und Jüdinnen aus den Stadtzentren weggezogen, wo viele Schwarze leben, und ihre wichtige Rolle in der Bürgerrechtsbewegung, die sie teilweise sogar angeführt haben, wird von der heutigen Generation der afrikanischen AmerikanerInnen nicht erinnert. Dadurch sind Stereotype über Juden und Jüdinnen in der afrikanisch-amerikanischen Community verstärkt worden, die generell dazu tendiert, andere ethnische Gruppen für ihre Probleme verantwort-lich zu machen.
Offener Antisemitismus kommt aber relativ selten in der Schwarzen Community vor. Es sind zum Beispiel in den letzten Jahren fast keine Fälle physischer Gewalt gegen Juden und Jüdinnen registriert worden. Im Übrigen sind anti-arabische Gefühle in der Schwarzen Community weitaus stärker, weil viele Läden, insbe-sondere für Spirituosen, arabischen ImmigrantInnen gehören, von denen sich viele afrikanische US-AmerikanerInnen herablassend behandelt fühlen.
Virulent ist der Antisemitismus in Farrakhans Nation of Islam, der (wenn auch subtiler als in der Vergangenheit) darauf zielt, die Wut auf das kapitalistische System auf »reiche Juden« und »Zionisten« umzuleiten. Innerhalb der Schwarzen Linken, die eine minoritäre Stimme in der Schwarzen Community ist, äußert sich Antisemitismus zudem manchmal in einer bestimmten Art des Antizionismus, dergemäß es abgelehnt wird, Gruppen wie Hamas oder Islamischer Dschihad zu verurteilen. Der Schriftsteller Amiri Baraka hat diesen Standpunkt in typischer Weise vertreten: Er gehörte zu denen, die die Lüge verbreitet haben, dass 3.000 Juden und Jüdinnen am 11. September nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen seien, weil sie vor dem Angriff vorher gewarnt worden wären. Solche Thesen finden bei vielen afrikanischen US-AmerikanerInnen Gehör, oft, aber nicht notwendigerweise wegen einer spezifischen Animosität gegenüber Juden und Jüdinnen, sondern auch, weil sie gegenüber jeder Regierungsposition skeptisch sind.
Auf der anderen Seite sollte man festhalten, dass sich die Schwarze neo-konservative Bewegung, die während der letzten Dekade enorm angewachsen ist, im Zuge ihrer Zusammenarbeit mit der christlichen Rechten auch mit extrem rechten zionistischen Gruppen der jüdischen Community zusammengeschlossen hat.


Anmerkung:

1 Von der Nation of Islam – heute radikal-religiöse, aber nicht streng islamische Gruppe, früher weniger religiös und wichtiger Teil der Schwarzen Befreiungsbewegung – unter Louis Farrakhan organisierte Demonstration, die vor allem dazu diente, afrikanische Amerikaner und Amerikanerinnen dazu aufzurufen, sich für Wahlen registrieren zu lassen.


Kevin Anderson ist Universitätsdozent für Politikwissenschaft. Peter Hudis ist Collegedozent für Geschichte. Beide haben für News & Letters mehrere Bücher verfasst und herausgegeben, wie »The Rosa Luxemburg Reader« und »The Power of Negativity. Selected Writings on the Dialectic in Hegel and Marx by Raya Dunayevskaya«. Das letztgenannte Buch wird im Herbst 2007 bei Unrast in deutscher Fassung erscheinen.
Das Interview führte Simon Birnbaum.