Volltext

(Artikel * 2007) Rothfuß, Eberhard
Ewige "edle Wilde" Tourismus als kolonialrevisionistische Konsumkultur
in iz3w Nr. 300 * Seite 38 - 39
Themen: Dominanzkultur; Kolonialismus; Tourismus * Namibia * Himba; Kaokoveld * Dok-Nr: 173962
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Ewige »edle Wilde«
Tourismus als kolonialrevisionistische Konsumkultur

Die ‚indigenen’ Himba sind seit der Unabhängigkeit Namibias mehr und mehr in das Blickfeld des globalen Tourismus geraten. Als ‚rote Nomaden’ bedienen sie die Imaginationen der Reisenden nach einem ‚ungestörten Urvolk’. Dabei wird im gegenwärtigen Tourismus eine apartheidgeprägte Herrschaftslogik implizit fortgeschrieben.

von Eberhard Rothfuß

Jährlich ‚entdecken’ rund 20.000 Besucher das ehemalige Homeland Kaokoland, um hier rund 30.000 Himba zu bestaunen, bevor dieses ‚Steinzeitvolk’ – so wird einhellig postuliert – durch die Fänge fortschreitender Zivilisation in Bälde verschwunden sein wird. Zu haptischen Abenteuerfahrten mit Geländefahrzeugen gesellt sich mehr und mehr ein fernvisueller Konsum. Die unlängst von Sat1 ausgestrahlte Reality-Doku-Show »Wie die Wilden – Deutsche im Busch« ist ein eindrückliches Beispiel dieses medial inszenierten Exhibitionismus.1 Ein Vergleich des historisch-kolonialen und aktuell-touristischen Blicks des Westens auf die Himba macht deutlich, wie eine koloniale und moderne Herrschaftslogik die gerne als »interkulturell« bezeichnete Begegnung im Tourismus strukturiert.

Frühe Reisen
Die ersten Expeditionsreisen in den Nordwesten fanden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Doch erst die deutsche Kolonialzeit zwischen 1885 und 1914 galt vornehmlich der Erforschung des wirtschaftlichen Potenzials hinsichtlich der Bodenschätze und einer agrarischen Nutzung sowie der Suche nach einem geeigneten Hafen zur Verschiffung der Kupfererze aus den Otavi-Minen. Die im Kaokoveld lebenden BewohnerInnen waren dabei von eher geringem Interesse, wie z. B. der deutsche Kolonialgeologe Georg Hartmann konstatiert: »Wegen der außerordentlich dünnen Bevölkerung bietet sich im Kaokofeld keine Eingeborenenfrage«.
Eine eindeutige territoriale Einteilung des Kaokoveldes und eine ethnische Strukturierung der Bevölkerung nahm später die südafrikanische Apartheidadministration vor. Über Jahrzehnte vollzog sich ein Prozess der Überwachung und Isolierung der Region als Puffer des kapholländischen politischen Systems gegen das schwarze Angola. Dies gipfelte in der Vollendung der ‚natürlichen’ Apartheid durch die Errichtung des Homelands Kaokoland ab 1962/64, verwirklicht durch den so genannten Odendaal-Plan, der strikte Einreisekontrollen und Unterbindung von Handelsbeziehungen vorsah.
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckte die weiße namibische Siedlerelite zunehmend das Kaokoland als mystischen Hort intakter Natur und zivilisatorischer Unverdorbenheit. Viele Reisebeschreibungen zwischen 1940 und 1970 erzählen von einer impliziten Bestätigung naturgegebener getrennter Entwicklung des »schwarzen Heimatlandes« als Raum natürlicher Unzivilisiertheit und der weißen Farmzone als Raum kultivierter Zivilisierung. In den so genannten »Herrensafaris« der deutschnamibischen Siedlerelite ist die Überschreitung der imaginierten Grenze ebenso zentral. Begehrt waren die Herrensafaris in den Nachkriegsjahren als Abenteuerunternehmungen unter den Männern aus dem städtischen Mittelklassemilieu von Swakopmund, Windhoek oder Tsumeb. Das südwesterdeutsche – auch heute noch übliche – »auf Pad gehen« symbolisierte eine Art maskuline Initiation auf Zeit zur Demonstration von Mut, Unabhängigkeit und technischer Naturbeherrschung.
Ab den 1970er bis Ende der 1980er Jahre war das namibisch-angolanische Grenzgebiet am Kunene Schauplatz mehrjähriger Kampfhandlungen zwischen der südafrikanischen Armee (SADF) und der schwarzen Befreiungsbewegung SWAPO, und damit verbotenes Territorium. Erst mit dem Wegfall aller Reisebeschränkungen und Absperrmaßnahmen seit 1990 beginnt der touristische Zugriff globalen Ausmaßes auf die Region.

Der »global gaze«
Im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit dominierten noch weiße Namibier und Südafrikaner zu etwa 70 Prozent das Touristenaufkommen. Die BesucherInnenzahlen nahmen von 1994 bis 2000 um rund 250 Prozent zu, ein Viertel der Gäste reisten allein aus Deutschland an. Das massive Werben mit den ‚roten Nomaden’ in kolonialer Rhetorik verfehlte sein Ziel nicht: »Das faszinierendste Gebiet Namibias darf entdeckt werden. Der Einsatz: Sehr viel Erfahrung im Outdoor-Bereich. Der Preis: Unberührte Landschaftsstrukturen (...), karge Vegetation und Wildtiere. Halbnomaden, die Himba, grüßen mit einem freundlichen Morro«, so beschreibt es 1993 Tours, das auflagenstärkste deutsche Abenteuer-Reisemagazin. Die angesprochenen LeserInnen dürfen sich wie vor 100 Jahren als »Entdecker« fühlen.
Bei einem Vergleich der historisch konstituierten Imaginationen mit den heutigen Sehnsüchten der weißen Kaokoreisenden aus Europa und aus Südafrika fallen Unterschiede auf, welche sich auch in den visuellen Vermarktungsmechanismen widerspiegeln. Der namibisch-südafrikanische ‚Binnenmarkt’ bedient viel stärker das Motiv der Männlichkeit und des Naturabenteuers, in welchem die Einheimischen lediglich als natives Kolorit aufwarten. Hingegen stellt der europäische Markt die Himba zumeist in das Zentrum der Verwertungslogik, die hierbei aber einem spezifischen Muster der Romantisierung und Ästhetisierung insbesondere femininer Körperlichkeit folgt.
Eine im Jahr 2000 lancierte Hochglanzwerbung der Landrover Südafrika Corporation in verschiedenen Männer- und Reisemagazinen (z. B. Mens’s Health, GQ und Getaway) illustriert eine höchst wirkungsvolle aber zutiefst problematische Botschaft. Die dreiseitige Kampagne stellt einen offensichtlich sexistischen Angriff auf die Würde der Himba dar. Die erste Seite zeigt eine Frau im traditionellen Lederrock, dahinter der weite Horizont einer vegetationslosen Salztonebene. Ihre nackten Brüste sind in einer lächerlichen Art und Weise verlängert. Die zweite und dritte Werbeseite zeigt, dass diese körperliche Verformung von dem vorbeirauschenden Freelander hervorgerufen wird. Scheinbar bewundernd folgen ihre Augen dem davonfahrenden Geländewagen.
Die Himbafrau symbolisiert das naturalisierte und kolonisierte Subjekt, repräsentiert die Verkörperung des primitiven Andersseins als kompensatorisches Gegenmotiv zur weltläufigen Kultiviertheit und Bewegungsfreiheit des Freelanders. Die Werbekampagne romantisiert dabei die Vorstellung des kolonialen Abenteuers in Afrika, das sie als Triumph europäischer Kultur und Imperialismus im ausgehenden 19. Jahrhundert und damit als Fortschreibung apartheidkolonialer Logiken Südafrikas im heutigen Namibia präsentiert. Der Herrschaftsanspruch erfährt so einen visuellen Impetus, welcher einen neuen Mechanismus zur Degradierung indigener Gruppen evoziert. Der moderne Abenteuertourismus in Kaoko schreibt damit einen kulturellen, kolonialen und rassistischen Hegemonialanspruch fort. Der maskuline und technologische Westen wendet seinen Blick zu natürlichen und weiblichen Landschaften, um exotisch-erotischen Genuss zu konsumieren. An die Stelle eines politisch-institutionellen Kolonialismus ist ein Reisekolonialismus getreten, der nicht weniger menschenverachtend auftritt.

Ästhetisierte Ikonen
Die europäischen EthnotouristInnen sind insbesondere auf der Suche nach existentialistischer Naturverbundenheit und nach ökosophischen Wesen, die sich in einem Zustand des »Noch-Nicht« befinden: noch nicht zivilisiert, noch nicht in der Geschichte mit ihren unvermeidlichen Entfremdungen angekommen. Ein Blick in die Reiseprospekte und Internetauftritte nationaler sowie internationaler Tourismusagenten dokumentieren bei der bildlichen Objektwahl eine eindeutige Sprache. Charakteristische Elemente sind Projektionen von Himba, die gleichberechtigt zu Wüstenelefanten und schwarzen Nashörnern als Repräsentanten Kaokos in Szene gesetzt werden. Die Tourismusbranche inszeniert auf eine nahezu perfekte Weise die Himba als humanökologische Kunstwerke. »Der Urlauber, der dieses ökologische Wunder schnell begreift, wird von der Vielfalt der Säugetiere, Vogelarten und deren Anpassung an diese öde Umgebung ergriffen sein. (...) Das Ovahimbavolk, einer der letzten nomadischen Stämme, ist voll in das Ökosystem der Wüste integriert«. So steht es im Bildband Great African Adventures.
Zivilisatorische Brüche werden schlichtweg ausgeblendet. So ist es kein Zufall, dass sich die Tourismusindustrie in ihrer Werbung kaum der San bedient – die ebenfalls als namibisches ´Naturvolk’ beschrieben werden. Allerdings arbeiten sie heute vielfach als landlose Farmarbeiter und entsprechen so gar nicht den idealen Wunschbildern der Touristen.
Einer maskulinen Beherrschung der letzten frontier folgt in jüngerer Zeit ein feminisierter visueller Angriff, der der männlich-territorialen Eroberung eine weibliche hinzufügt. Nahezu Dreiviertel aller Abbildungen im Internet zeigen Himbafrauen in indiskreten Nahaufnahmen und körperlicher Verschmelzung, sowohl mit ihren Säuglingen an der Brust als auch mit Mutter Natur. Sie dokumentieren die ‚ockerfarbenen Naturmodels’ mit einer »charakteristischen Eingeborenenphysiognomie und Körperlichkeit«, die den historischen Fotografien der kolonisierenden Kamera bis ins Detail zu ähneln scheinen. In der Eigenwahrnehmung der Himba bestätigt sich diese feminisierte Ikonographie deutlich: »Viele Touristen sind nur auf der Suche nach uns Frauen«. Ein gemeinsames Ablichten der Himba mit den TouristInnen gilt dann als letzter Beweis des Dort-gewesen-Seins und der materiell fotografischen Konservierung der vom Untergang geweihten Nomaden.

Ein ungleicher Tausch
Die zumeist relativ kurze interkulturelle Begegnung zwischen TouristInnen und Himba offenbart sich als ein schlichter Tausch von Fotos und digitaler Kurzfilme für die TouristInnen gegen ‚Gastgeschenke’ wie z. B. Maismehl, Zucker, Tabak und zunehmend auch Geld für die Himba. Ihr optisch wirksames Äußeres wird dabei als kulturelles Kapital erkannt und in ökonomisches Kapital transformiert: »Von den Einnahmen aus dem Tourismus konnte ich bereits drei Ziegen kaufen«, so eine Himbafrau.
So klischeehaft die TouristInnen die Himba betrachten, so differenziert nehmen diese die Kaokoreisenden wahr. Vielen Ovimburu (Buren) wird mangelndes Interesse und gar Geringschätzung an ihnen nachgesagt: »... der Bure sagt oft nicht einmal guten Morgen, weil er auf mich herabsieht wie auf einen Hund, der mich aber fotografieren möchte«. Die EuropäerInnen werden als zumeist respektvolle BesucherInnen beschrieben, die zu ihnen reisen »um ihre Kultur einzusammeln«.
Doch weicht der vordergründige Stolz der Himba, die Auserwählten der EthnotouristInnen zu sein, mehr und mehr einem Gefühl der materiellen und intellektuellen Unterlegenheit: »Wir sind nur kleine und schwache Dinge, wie Ameisen« oder »Wir sind dumm«. Am Ende bleibt zu konstatieren, dass auch die interkulturelle Begegnung im modernen Tourismus ein ungleicher Tausch bleibt. Der westliche Konsum von afrikanischem Kulturkapital geht auf Kosten unerfüllbarer Wünsche der Himba, welche unter schwierigen Lebensbedingungen in der Peripherie der Peripherie zurückbleiben.
Die Himba wurden durch eine Jahrzehnte währende systematische Unterbindung von Handelsbeziehungen zur Subsistenzweise gezwungen. Damit scheint ihr Leben als Rinderhirten auch ein Resultat der apartheidkolonialen Einschließung zu sein. Diese Marginalisierung findet nun eine Fortschreibung im modernen Tourismus mit anderen Mitteln, der den Erhalt dieser Lebensform fordert und zu kommerzialisieren versucht.

Anmerkung

1 Nach Angaben der Namibian Film Comission werden jährlich etwa 50 Filme und Dokumentationen im ehemaligen Kaokoland gedreht (Allgemeine Zeitung, 22.9.2006).


Eberhard Rothfuß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Anthropogeographie der Universität Passau.