Volltext

(Artikel * 2007) Dieckmann, Ute
100 Jahre Etoscha- Park Naturschutz und Willkür gegenüber den Hai||om
in iz3w Nr. 300 * Seite 36 - 37
Themen: Kolonialismus; Minderheit; Tourismus * Namibia * * Dok-Nr: 173961
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

100 Jahre Etoscha-Park
Naturschutz und Willkür gegenüber den Hai||om

Viele afrikanische Nationalparks sind in der Kolonialzeit entstanden. Die dort lebenden Menschen galten gewöhnlich als Störfaktor und wurden, um das Bild der unberührten Wildnis zu garantieren, vielerorts vertrieben. Auch die wechselvolle Entwicklung des Etoscha Nationalparks führte zu Vertreibungen, die meisten Hai||om mussten ihre Siedlungsplätze im Parkgebiet verlassen. Auch heute gehören sie zu den marginalisiertesten Gruppen.

von Ute Dieckmann

Der Etoscha-Nationalpark ist eine der Haupttouristenattraktionen Namibias, hier sind nahezu alle afrikanischen Großwildarten anzutreffen. Im Jahre 2007 wird das hundertjährige Bestehen Etoschas als Naturschutzgebiet gefeiert. Kaum eineR der zahlreichen BesucherInnen weiß, dass bis in die 1950er Jahre hinein auch Menschen in jenem als »afrikanische Wildnis« vermarkteten Gebiet gelebt haben, die Hai||om, eine der San- oder »Buschmann«-Gesellschaften1 im südlichen Afrika. Der von Touristen besuchte süd-östliche Teil des Parks liegt im Zentrum ihres ehemaligen Siedlungsgebietes, das sich im 19. Jahrhundert über große Teile des nördlichen Zentralnamibias erstreckte.
Der Etoscha-Park wurde 1907 von der deutschen Kolonialmacht als eines von drei Wildreservaten im damaligen Deutsch-Südwestafrika proklamiert, in denen das Jagen mit Feuerwaffen ohne spezielle Genehmigung der Kolonialverwaltung untersagt war. Dies war aus ihrer Sicht notwendig geworden, weil im 19. Jahrhundert ein regelrechter Jagdboom einige Wildtierarten bereits ganz ausgerottet und andere stark dezimiert hatte. Vor allem Elfenbein und Straußenfedern waren für Europa und Amerika von Interesse, daneben Trophäen und Fleisch. Durch die Einrichtung der Wildreservate sollten sich die Bestände wieder erholen, damit die weißen BewohnerInnen auch weiterhin Wildtierfleisch und andere Tierprodukte nutzen konnten. Der Park war nicht eingezäunt, so dass die Wildtiere frei wandern und außerhalb der Reservate gejagt werden konnten.
Als Südafrika 1915 Deutschland als Kolonialmacht Südwestafrikas ablöste, wurden die Wildreservate beibehalten. Zu Beginn umfasste »No. 2«, wie das Etoscha-Wildschutzgebiet offiziell genannt wurde, ein Gebiet von 93.240 Quadratkilometer. Zahlreiche Veränderungen der Grenzen im Laufe des Jahrhunderts belegen, dass neben dem Wildschutz stets auch sozio-politische sowie ökonomische Überlegungen von Bedeutung waren. So wurde 1947 im Westen das Kaokoland vom Wildreservat abgetrennt und »für die ausschließliche Nutzung des Landes durch ‘Natives’« reserviert. Gleichzeitig wurden im Süden des Parkes 3.406 Quadratkilometer als Farmland für weiße AnsiedlerInnen deklariert.

Bewegliche Grenzen
Bis in die 1940er Jahre wurden die zwischen ein paar hundert und tausend dort lebenden Hai||om als »fester Bestandteil« des Wildreservates gesehen, wie der Native Commissioner von Ovamboland es ausgedrückte. Sie durften weiterhin für den Eigenbedarf jagen, es gab lediglich einige Beschränkungen: Bestimmte Wildarten durften nicht erlegt werden, der Einsatz von Feuerwaffen und Hunden war verboten und Vieh durfte nur begrenzt gehalten werden. Grundsätzlich wurden ihre Jagdaktivitäten während der 1920er und 1930er Jahre also nicht als Problem betrachtet. Viele Männer verdingten sich zeitweise als Farmarbeiter auf den angrenzenden Farmen der weißen Siedler2, beim Straßenbau, der Instandhaltung der Wasserlöcher oder als Hausangestellte der weißen Beamten der Parkverwaltung.
Für die Hai||om der weiteren Region um Etoscha gab es nach offizieller Politik zwei Alternativen: Zum einen konnten sie als ArbeiterInnen auf den Farmen der Weißen leben. Dies beinhaltete eine direkte Inkorporation ins Kolonialsystem. Im Farmgebiet wurden im Laufe der Zeit strikte Gesetze hinsichtlich des Besitzes von Waffen, wozu auch Pfeil und Bogen gezählt wurden, sowie »Landstreicherei« in Kraft gesetzt. Die zweite Alternative war der Rückzug ins Wildreservat. Die koloniale Administration sah es als kleineres Übel an, »Buschleute« dort siedeln als sie im Farmgebiet »herumstreunen« zu lassen. Etoscha war vor der Besiedelung durch weiße Farmer geschützt, garantierte gleichzeitig aber offene Grenzen. So wurde das Wildreservat für einige Jahrzehnte zu einem Rückzugsgebiet der Hai||om gegenüber der ausgrenzenden sozialen Praxis außerhalb des Parks.
Diese Politik hatte jedoch keine nennenswerte Zuwanderung ins Reservat zur Folge. Die Hai||om nahmen vielmehr alle Möglichkeiten innerhalb wie außerhalb des Parks wahr. Aus ihrer Perspektive stellten diese Entwicklungen in den ersten vier Jahrzehnten nach der Etablierung des Wildschutzgebietes zunächst weniger eine ausschließliche Gefährdung ihrer althergebrachten Lebensweise, als vielmehr eine Erweiterung ihrer ökonomischen Strategien dar. Das Ende dieser Entwicklung, die Vertreibung, wurde so nicht vorhergesehen.

Kontrolle und Vertreibung
Von Beginn an war es den Kolonialmächten nicht gelungen, eine funktionierende Kontrolle über die Hai||om und andere San-Gruppen zu gewinnen. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre veränderte sich die generelle »Buschmannpolitik« der Verwaltung: Nun wurden konzertierte Maßnahmen ergriffen und eine Commission for the Preservation of Bushmen einberufen. Sie sollte der Verwaltung Empfehlungen zur Einrichtung von Reservaten für die verschiedenen »Buschmann«-Gruppen geben. Die Kommission empfahl u.a., dass alle Hai||om (bis auf wenige in Dienst stehende Familien) das Wildreservat im Jahre 1954 ohne Kompensation verlassen und sich entweder im Ovamboland ansiedeln oder Arbeit auf den weißen Farmen südlich von Windhoek suchen sollten. Begründet wurde diese schwerwiegende Empfehlung nicht. Selbst aus der Naturschutzperspektive erscheint sie überraschend, da keine einhelligen Beschwerden vorlagen, dass Hai||om den Wildbestand dezimiert hätten. Im endgültigen Bericht der Kommission ist allerdings zu lesen, dass die Hai||om es nicht wert seien, als Buschleute bewahrt zu werden, weil sie sich zunehmend assimilierten. Hier wird die Ironie der Geschichte sichtbar: Denn ihr Siedlungsgebiet lag im Zentrum der kolonialen Aktivitäten und sie wurden – anders als z.B. die !Kung, bzw. Ju|’hoansi – zunehmend in den Kolonialstaat integriert und passten sich eben diesen Veränderungen an. Der Mangel an Arbeitskräften auf den umliegenden Farmen war sicher ein weiterer Grund. Den Hai||om wurde schließlich mitgeteilt, sie müssten Etoscha »aus Gründen des Wildschutzes« verlassen und dürften erst zurückkehren, wenn sie in Besitz einer schriftlichen Genehmigung seien. Mitte 1954 hatten fast alle auf den umliegenden Farmen Arbeit gefunden. Die Farmer benötigten dringend Arbeitskräfte und das war vermutlich ein Grund für die Umsiedelung.
Nach 1954 wurde der Tourismus ausgebaut. Aufgrund des gestiegenen Bedarfs an Arbeitskräften konnten einige Hai||om wenige Jahre später von den Farmen zurückkehren und bei den Touristencamps im Park leben und arbeiten. Frauen wurden Putzhilfen und Hausangestellte der weißen Parkangestellten, Männer arbeiteten im Straßenbau, als Putzkräfte, Gärtner, Mechaniker und Assistenten der weißen Wildschutzbeamten. 1958 wurde das Wildreservat zum Etoscha-Nationalpark erklärt. 1984 lebten 244 Hai||om, Angestellte und deren Familienangehörige, im Park.
Während der Apartheidzeit erging es den FarmarbeiterInnen außerhalb des Parks deutlich schlechter als den Angestellten des Parks, waren sie doch der Willkür der weißen FarmerInnen weitgehend rechtlos ausgeliefert. Im Unterschied zu anderen einheimischen Bevölkerungsgruppen wurde ihnen kein Homeland zugewiesen. Die Hai||om lebten (und leben) verstreut im gesamten Norden Zentral-Namibias. Der Mangel an eigenem Land war ein wesentlicher Grund dafür, dass die Hai||om sich nicht als ethnische Gruppe organisieren konnten, was eine Artikulierung von entsprechenden Forderungen während der Apartheidzeit quasi unmöglich gemacht hatte.

Naturschutz seit der Unabhängigkeit
Mit der Unabhängigkeit 1990 änderten sich die Gegebenheiten entscheidend. Neue Konzepte von Naturschutz und Tourismus sollen die Interessen von lokaler Bevölkerung und Naturschutz vereinen. Community Based Natural Resource Management ist eine wichtige Initiative, die es den BewohnerInnen kommunaler Gebiete, den ehemaligen Homelands, möglich macht, ihre natürlichen Resourcen als lokale Gemeinschaften eigenverantwortlich mit nachhaltigen Nutzungsplänen zu managen und so von ihnen zu profitieren. Gemeindebasierter Tourismus ist ein weiterer Ansatzpunkt, der jedoch ebenfalls vor allem für BewohnerInnen kommunaler Gebiete relevant ist. Da die meisten Hai||om auf Farmen im kommerziellen Farmgebiet im Norden Zentralnamibias oder in den Townships der Städte leben, haben sie bisher wenig davon profitieren können. Sie gehören zu den marginalisiertesten Bevölkerungsgruppen: Eine hohe Analphabetenquote, geringe Schulbildung, Stigmatisierung, extreme Armut und Landlosigkeit führen zu einem Teufelskreis. 1997 haben die Hai||om in einer internationales Aufsehen erregenden, aber folgenlosen Aktion an den Toren Etoschas demonstriert, um auf ihre Situation und ihren Anspruch auf Etoscha aufmerksam zu machen. Interne politische Konflikte führten dazu, dass keine weiteren Schritte gemeinsam unternommen wurden. Zwar wurde im Jahre 2005 eine Hai||om Traditional Authority von der SWAPO-Regierung offiziell anerkannt. San-Gemeinschaften haben jedoch das ‚Problem’, dass sie ‚traditionell’ nicht über übergeordnete Autoritäten verfügten. Die Traditional Authority wurde nicht von den Hai||om gewählt und findet dementsprechend auch keine breite Unterstützung; interne Zersplitterungen und Machtkämpfe sind die Folge.
In den letzten Jahren hat das Schicksal der San-Gemeinschaften auch in der Regierung mehr Interesse gefunden. Derzeit wird die Umsiedlung von Hai||om auf einige an Etoscha grenzende, bisher kommerziell genutzte Farmen von den zuständigen Ministerien, der Hai||om Traditional Authority und anderen diskutiert. Viele, die noch in Etoscha wohnen, beobachten diese Entwicklung mit Misstrauen. Bis heute haben Hai||om, die in Etoscha geboren sind und bis zu ihrer Pensionierung gearbeitet haben, dort lebenslanges Wohnrecht. Sie fürchten nun eine weitere Einschränkung ihrer Zugangsrechte. Wer von den verschiedenen Hai||om-Gemeinschaften in und außerhalb Etoschas genau auf diesen Farmen angesiedelt werden soll, in welcher Form das Land nachhaltig zu nutzen ist (z.B. Viehzucht, Wildfarmen oder Tourismus) und wie Ausbildungsprogramme für die jeweiligen SiedlerInnen auszusehen hätten, sind bislang offene Fragen. Sicherlich muss in dieser Richtung weiter gedacht werden, wie auch der kürzlich erschienene Report »Our Land They Took – San Land Rights Under Threat in Namibia«, der vom Legal Assistance Centre in Windhoek herausgegeben wurde, deutlich macht (www.lac.org.na).


Anmerkungen:

1 (Ehemalige) Jäger- und SammlerInnen. Im offiziellen Diskurs in Namibia wird überwiegend von San gesprochen, die Allgemeine Zeitung verwendet noch immer den Terminus »Buschleute«. Der Begriff »Buschmänner« wird hier verwendet, wenn es sich um historische Quellen handelt. Insgesamt gibt es ca. 7.000-10.000 Hai||om.

2 Von im Wildreservat ansässigen Frauen, die sich als Arbeitskräfte auf den umliegenden Farmen verdingten, ist in den Archivakten nichts zu lesen.


Ute Dieckmann ist Ethnologin. Von ihr erscheint in Kürze: Hai||om in the Etoscha Region. A History of Colonial Settlement, Ethnicity and Nature Conservation (Basel 2007). Dort finden sich auch umfangreiche Literaturangaben.