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(Artikel * 2006) Stein, Sebastian
Im Ausnahmezustand Zeitgenössische Afrikanische Kunst und der Jet-Set der "globalen" Kunstszene
in iz3w Nr. 293 * Seite 40 - 41
Themen: Kunst * Afrika * * Dok-Nr: 168669
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kunst

Im Ausnahmezustand
Zeitgenössische Afrikanische Kunst und der Jet-Set der »globalen« Kunstszene

In den letzten Monaten haben Initiativen wie CAPE Africa Plattform aus Südafrika oder auch das Kuratorenteam der Dak´Art 2006, der Biennale von Dakar, den Diskurs über zeitgenössische afrikanische Kunst neu angestoßen. Sie wollen die internationale Kunstwelt stärker beeinflussen und gleichzeitig die gesellschaftliche Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst auf dem Kontinent selbst fördern.


von Sebastian Stein

Nicht erst seit der Documenta11 im Jahr 2002 oder der großen Übersichtsausstellung Africa Remix aus dem Jahr 2004 ist zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Kontexten international zu einem Begriff geworden. Obwohl diese Kunst seit Anfang der 1990er Jahre verstärkt auf den internationalen Markt drängt, sind die heutigen Formen ihrer Darstellung und Wahrnehmung immer noch geprägt von ausgrenzenden Verzerrungen und exotisierenden Projektionen.
Um diesen Zustand zu ändern, will die südafrikanische Organisation CAPE einen zweijährigen Veranstaltungszyklus zu zeitgenössischer Kunst in Kapstadt etablieren, der zum einen aus einem Diskussions- und Ideenforum, zum anderen aus einer Großveranstaltung zu zeitgenössischer Kunstpraxis aus Afrika bestehen soll. Als Auftakt hierzu fand vom 4.-6. Dezember 2005 in Kapstadt eine öffentliche Konferenz mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops unter dem Namen Sessions eKapa statt, die wichtige Köpfe der zeitgenössischen afrikanischen Kunst- und Kulturszene versammelte – eine der wenigen internationalen Konferenzen dieser Art, die auf dem afrikanischen Kontinent stattgefunden haben. Das Feld der diskutierten Themen reichte von der Problematik der Ausstellungspraxis zeitgenössischer afrikanischer Kunst in der internationalen Kunstwelt über neue Foren und transnationale Netzwerke Kulturschaffender in Afrika und der Diaspora bis hin zu der Verbesserung der gesellschaftlichen Wahrnehmung und öffentlichen Sichtbarkeit von zeitgenössischer Kunst auf dem Kontinent (insbesondere in Südafrika) und dem Verhältnis von Kunst und politischem Aktivismus.
Im Herbst 2006 soll hierauf eine größere Veranstaltung zeitgenössischer Kunst unter der künstlerischen Leitung von Garvin Jantjes in Kapstadt folgen, die den besonderen Verhältnissen (Süd-)Afrikas gerecht werden und ganz explizit nicht nur wieder eine neue Biennale für die internationale Kunstwelt sein soll, sondern Kunst aus Afrika für AfrikanerInnen präsentieren und erfahrbar machen soll.
Ähnliches ist für die Dak´Art 2006, die vom 5. Mai – 5. Juni 2006 unter dem Titel »Afrique; entendus, sous-entendus, malentendus« stattfindet, angekündigt. Das Kuratorenteam unter der künstlerischen Leitung von Yacouba Konaté wählt aus über 350 Werken von KünstlerInnen aus Afrika und der Diaspora aus, um einen Einblick in das Schaffen und die Kreativität zeitgenössischer afrikanischer Kunstpraxis zu geben. Erstmals sind die KünstlerInnen – die zum ersten Mal auch aus afrikanischen Ländern wie Malawi, Guinea Bissão oder Sambia kommen, die für ihre Kunstszene noch nicht so bekannt sind – dazu angehalten, zu einer bestimmten Thematik zu arbeiten. Sie sollen sich mit Arbeiten bewerben, die auf die eine oder andere Art Sichtweisen und Perspektiven aus Afrika auf Politik, Kunst, Gesellschaft, Diaspora, Tradition oder auch Wirtschaft kritisch beleuchten.
Eine weitere Neuerung im Vergleich zu den vorangegangenen Dak´Arts wird die Förderung der öffentlichen Wahrnehmung der Biennale sein. Neben einer breiteren Diskussion des Themas in der Presse sollen Teile der Biennale den öffentlichen Raum Dakars besetzen, um so der Bevölkerung den Zugang zu Kunst zu erleichtern. Weiterhin soll die Publikation von Texten zu zeitgenössischer Kunst aus afrikanischen Kontexten sowie die Kunstkritik aus Afrika gezielt gefördert und angestoßen werden, wozu eigens ein Preis für die beste Kritik eingerichtet worden ist. Diese Vorstöße tragen der Kritik auf der letzten Dak´Art Rechnung, dass der Diskurs über zeitgenössische Kunst aus Afrika bzw. mit afrikanischen Wurzeln fast ausschließlich in Europa oder den USA geführt wird.

Die »globale« Kunstwelt
Seit den 1990er Jahren melden sich verstärkt kritische Stimmen aus der Diaspora – z.B. Magazine wie Nka aus New York oder Revue Noire aus Paris. Bekannte KuratorInnen und KritikerInnen wie Okwui Enwezor, Olu Oguibe, Ngoné Fall oder Simon Njami und nicht zu vergessen auch engagierte KünstlerInnen wie Goddy Leye, Candice Breitz, Bearnie Searle oder Yinka Shonibare wenden sich gegen den hegemonialen Diskurs und die dadurch reproduzierten Rassismen, Stereotype und Reduktionismen. Stimmen aus Afrika selbst sind in dieser internationalen, vermeintlich globalen Kunstwelt, wenn überhaupt, dann nur sehr, sehr leise zu hören.
Im Grunde ist diese »globale« Kunstwelt faktisch mehr eine »westliche« Kunstwelt. In den USA, in Europa und zu kleineren Teilen auch in Japan befinden sich die großen Museen und Galerien, die renommierten Universitäten und Akademien, werden die angesagten Magazine und Periodika herausgegeben und finden die großen Kunstevents statt. Hier entsteht der »globale« Diskurs über das zeitgenössische Kunstschaffen. Hier muss man leben, um als KünstlerIn, als KuratorIn oder als KritikerIn anerkannt zu werden. Und nicht zuletzt findet sich hier auch der Markt für zeitgenössische Kunst.
Zwar sind seit den 1980er Jahren fast überall in den sogenannten Peripherien der Welt Biennalen entstanden, während derer für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der internationalen Kunstwelt auf das Kunst- und Kulturschaffen und dessen Bedingungen in anderen Kontexten gelenkt wird. Dieser Umstand hat sicherlich zu einer erheblichen Pluralisierung des internationalen Diskurses über zeitgenössische Kunst geführt. Hier wurde Kunst von KünstlerInnen, die nicht aus euro-amerikanischen Kontexten stammen, zum ersten Mal eine international sichtbare Bühne geschaffen – obwohl auch diese Biennalen nur eine Art Spotlight darstellen, das bestenfalls einen relativ großen Ausschnitt aus der jeweiligen regionalen Kunstpraxis beleuchtet. Leider jedoch werden auch diese Bühnen seit einiger Zeit mehr und mehr zu einer Art Kulisse für den Jet-Set der »globalen« Kunstszene.
Ebenso wie Biennalen ist auch zeitgenössische afrikanische Kunst in gewissem Maße in dieses System der »globalen« Kunstwelt integriert worden. Schon die Bezeichnung »Afrikanische Kunst« für Kunstformen, die in Afrika oder anderswo von KünstlerInnen mit wie auch immer beschaffenen Wurzeln in Afrika gemacht werden, stellt eine grobe Verallgemeinerung und Essentialisierung dar.
Konzepte, wie der in den 1960er Jahren entstandene Neoprimitivismus, demzufolge »wahre« und »authentische« afrikanische KünstlerInnen nur diejenigen seien, die autodidaktisch zu ihrer künstlerischen Position gefunden haben, entstammen solchen Interessen. KünstlerInnen dagegen, die Kunstschulen oder -akademien nach europäischem Vorbild besucht haben, gelten als kontaminiert, hybrid und unauthentisch. Eine Denkweise, die in diesem Diskurs zuerst im Zuge der Kritik an der Ausstellung Magiciens de la Terre von 1989 hinterfragt wurde, die aber teilweise auch heute noch vorherrscht. Ein neueres Konzept, welches ebenfalls der Logik dieser von Markt und Interessen gesteuerten Kunstwelt entspringt, könnte man als eine Art Neoexotismus beschreiben. Zeitgenössische KünstlerInnen mit afrikanischen Wurzeln – vor allem solche, die eine transnationale Existenz in der Diaspora führen – müssen sich in ihrer Kunst mit Themen wie Heimat, Identität, Diaspora usw. auseinandersetzen, um interessant und vor allem verkaufbar zu werden.

Kunst und gesellschaftliche Diskurse
Neben dem Ziel, mehr Einfluss auf den internationalen Diskurs über zeitgenössische afrikanische Kunst zu erlangen, wollen Initiativen wie CAPE oder die MacherInnen der Dak´Art 2006 die Stellung und Rolle von Kunst in den Gesellschaften Afrikas selbst fördern. Was kann oder soll Kunst aus Afrika in Afrika bewirken und wie kann man dieses Wirken unterstützen?
Zunächst stellen sich für Kulturschaffende in vielen afrikanischen Ländern ähnliche Schwierigkeiten – es gibt nur eine relativ schwach ausgebildete Infrastruktur. Es mangelt an Ausbildungsstätten, Ausstellungsorten, unabhängigen Diskussionsplattformen und öffentlicher Unterstützung. Die Theoretikerin Ngoné Fall spricht deshalb auch von »art in a state of emergency«. Die einzige wirkliche Ausnahme stellt diesbezüglich Südafrika dar. Länder wie Senegal und Nigeria haben zwar auch renommierte Universitäten, große Kunstszenen und im Falle von Senegal auch eine lange Tradition der staatlichen Unterstützung und Förderung der Künste, dennoch konnte sich Kunst im öffentlichen Leben hier nicht wirklich etablieren.
Um diesen Zustand zu verbessern, versuchen die MacherInnen der Dak´Art die Kunst verstärkt in die senegalesische und westafrikanische Öffentlichkeit zu bringen. Hierzu wollen sie zum einen die lokale Kunstkritik fördern, die als wichtige Schnittstelle zwischen Kunst und Gesellschaft fungieren kann. Zum anderen sollen Performances oder partizipative Arbeiten die Kunst mehr in den öffentlichen Raum tragen. Ein Ansatz, der schon längst von senegalesischen KünstlerInnen selbst praktiziert wird, wie z.B. von
Kan-Si in seiner Arbeit »Le Pont des Regards« (2003), der SenegalesInnen mit Fotoapparaten europäische TouristInnen fotografieren ließ und so Reflexionsräume für die Perspektive der Anderen und die eigene Rolle im Tourismus eröffnete.
Das Team von CAPE um Gavin Jantjes hat noch kein definitives Konzept für die Kunstgroßveranstaltung vorgelegt. Angekündigt wurde jedoch schon, dass verschiedene Institutionen des südlichen Afrikas, wie z.B. die Triennale von Luanda oder das Film- und Kunst-Festival von Zanzibar, mit den eigenen Aktivitäten vernetzt werden soll, um auf diese Weise die Wahrnehmung und Rolle von Kunst im Süden des afrikanischen Kontinents zu stärken. Diese relativ allgemeinen und vagen Äußerungen werden Jantjes und seinem Team von südafrikanischen KritikerInnen schon vorgeworfen, die sich mittlerweile lautstark fragen, wie ein derart großes Unterfangen mit so wenig konkreten Plänen in so kurzer Zeit realisiert werden soll.
Dass Kunst in den sich sehr schnell verändernden Gesellschaften Afrikas eine wichtige Rolle bei deren gegenwärtiger Positionsbestimmung wie auch ihrer Zukunftsklärung spielen könnte, scheint ein verführerischer Gedanke zu sein. Bleibt nur zu hoffen, dass Gavin Jantjes und das Team von CAPE es schaffen, eine dem südafrikanischen Kontext und dessen Bedürfnissen angemessene Kunstveranstaltung zu organisieren – und nicht, wie Kritiker es schon formuliert haben, doch nur wieder eine weitere Biennale für die »globale« Kunstwelt.

Weitere Informationen: www.dakart.org,
www.capeafrica.org oder www.africinfo.org.


Sebastian Stein hat Ethnologie, Soziologie und Französisch studiert und lebt in Berlin.