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(Artikel * 2006) Oppermann, Daniel
Am Rande des Netzes Mit Telecentros sucht Sao Paulo den digitalen Anschluss
in iz3w Nr. 290 * Seite 12 - 13
Themen: Entwicklungsprojekt; Medien; Technologietransfer * Brasilien * digital divide; Zugang zum Internet; Telecentros in Sao Paulo * Dok-Nr: 168587
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Brasilien

Am Rande des Netzes
Mit Telecentros sucht São Paulo den digitalen Anschluss

Anfangs galt das Internet als hervorragendes Medium auf dem Weg zu Entwicklung und mehr Demokratie. Inzwischen hat es sich zwar in der ganzen Welt etabliert, die Visionen aber wurden relativiert. Nicht zuletzt deshalb, weil viele Bevölkerungsschichten und ganze Regionen keinen Zugang zum worldwide web haben. Um diesen ‘digital divide’ zu überwinden, versuchen zahlreiche Initiativen das Netz zu erweitern. Zum Beispiel in São Paulo.

von Daniel Oppermann

Die Idee ist so einfach wie außergewöhnlich: Um der Benachteiligung großer Teile der Bevölkerung im Bildungssektor und anderen Bereichen entgegen zu treten, wurden in den vergangenen vier Jahren in São Paulo insgesamt 122 so genannte Telecentros eröffnet, eine Art Internetcafé mit kostenlosem Service. Die Telecentros entstanden im Rahmen des »Plano Inclusão Digital« der Stadtverwaltung vor allem dort, wo Arbeitslosigkeit (insbesondere unter Jugendlichen) und Kriminalitätsraten am höchsten sind.
Im Mai 2001 hatten die brasilianischen Nichtregierungsorganisationen Sampa.org, RITS (Redes da Informação para o Terceiro Setor) und CDI (Comitê pela Democratização da Informática) zusammen mit der brasilianischen Bundesregierung eine Konferenz zur digitalen Inklusion ausgerichtet. In der dort verabschiedeten Abschlusserklärung wurde festgehalten, dass jeder Bürger folgende Rechte haben müsse: Zugang zu technischer Ausrüstung, Wissen um dessen Nutzung sowie Teilhabe an der international vernetzten Wissens- und Kommunikationsgesellschaft.
Neben dem »Plano Inclusão Digital« in São Paulo existieren landesweit eine Vielzahl weiterer Programme, die ohne eine gemeinsame Koordination auf verschiedenen politischen Ebenen verabschiedet werden. Eine nationale Strategie zur Informations- und Kommunikationstechnologie, die eine landesweite Koordinierung der verschiedenen Maßnahmen und Programme auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene ermöglichen würde, ist in Vorbereitung. Zwar wurde der »Plano Inclusão Digital« von der Bundesregierung bereits ausgearbeitet, ist aber noch nicht in Kraft getreten.

Projekt in der Peripherie
Das erste Telecentro wurde im Juni 2001 in Cidade Tiradentes eröffnet, einem Stadtteil São Paulos, der 40 Kilometer vom Stadtkern entfernt liegt. Cidade Tiradentes gilt als Bezirk mit einem der niedrigsten Lebensstandards der Stadt. Hier leben 150.000 Einwohner, von denen in den ersten Tagen nach der Eröffnung rund 5.000 das Telecentro aufsuchten. Weitere Telecentros wurden in den folgenden Monaten in der Peripherie São Paulos errichtet. Um die Nutzung ihren Vorstellungen anzupassen, wurde von der jeweiligen Bevölkerung pro Telecentro ein lokaler Rat gewählt.
Jedes Telecentro bietet allen Nutzern ab dem 10. Lebensjahr einen kostenlosen Zugang zu zehn bis zwanzig Computern ohne eigene Festplatte (so genannte »thin-clients«), die durch ein Netzwerk miteinander verbunden sind. Die Software befindet sich auf einem zentralen Server, auf den die einzelnen Computer zugreifen können. Dadurch werden ungewollte oder mutwillige Manipulation oder Beeinträchtigung der Software unterbunden. Zu jedem Telecentro gehört außerdem ein Laserdrucker. Sämtliche Telecentros in der Stadt sind miteinander vernetzt, so dass bei Störungen Techniker von einem zentralen Ort aus auf jedes Telecentro online zugreifen können.

Mehr als Vernetzung
Um den digitalen ‚Analphabetismus’ der Mehrheit der Benutzer zu überwinden, bieten die Telecentros kostenlose Einführungskurse an. Zusätzlich wurde von der Stadtverwaltung und den involvierten NGOs eine Broschüre zur weiteren Erläuterung entworfen. Einer Studie der Escola do Futuro da Universidadede São Paulo zufolge benötigen 60 Prozent der Telecentro-Benutzer einen Einführungskurs, der ihnen den Umgang mit Computern und Internet näher bringt. Derselben Studie zufolge kennen 90 Prozent der Bevölkerung in der Peripherie das Internet vom Hörensagen, 81 Prozent sind der Meinung, es könne ihre Lebensumstände verbessern. Jedoch haben lediglich drei Prozent einen regulären Zugang.
Neben den Einführungskursen werden von der Stadtverwaltung auch Kurse für Webseitengestaltung, Bildbearbeitung sowie für Journalismus auf lokaler Ebene angeboten, um den Informationsfluss in den jeweiligen Bezirken zu fördern. Darüber hinaus bieten freiwillige Mitarbeiter, oft Studenten, Telemarketing-, Englisch- oder andere Kurse an.
Für viele Nutzer stellen besonders die Sprachbarrieren ein Problem dar. Denn der überwiegende Teil der weltweit existierenden Webseiten ist auf Englisch verfasst, weshalb sowohl Englischkurse als auch das Erstellen eigener Webseiten wichtige Komponenten im Zuge der digitalen Inklusion sind. Ein gutes Beispiel für die Erstellung von portugiesischsprachigen Webinhalten für die Nutzer einkommensschwacher Bezirke in Rio de Janeiro ist das Internetportal www.vivafavela.com.br. Hier werden speziell für diese Zielgruppe Informationen zur Arbeitsbeschaffung, kostenloser Rechtsberatung, Erläuterung einzelner Steuerbeträge, Wasser-, Strom- und Gaskosten, Telefon etc. angeboten. Außerdem werden Veranstaltungen angekündigt und Artikel veröffentlicht.
Die Telecentros stoßen auf rege Nachfrage. Im Dezember 2002 waren bereits 91.323 Nutzer – genauso viele weibliche wie männliche – in São Paulo registriert, davon 62.000 als regelmäßige Nutzer. Im März 2005 waren bereits 600.000 Personen als Nutzer eingetragen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2002 kamen neun Prozent der Nutzer aus Familien ohne Einkommen oder mit einem Mindestgehalt (etwa 65 Euro). 34 Prozent der Familien verfügten über ein bis zwei, 36 Prozent über zwei bis maximal fünf Mindestgehälter. Insgesamt 79 Prozent der Besucher der Telecentros stammen also aus Familien ohne oder mit tendenziell niedrigem Einkommen.
Erwachsenen Nutzern dient das Telecentro vor allem zur Unterstützung bei der Arbeitssuche, bei der Versendung von Bewerbungen und Lebensläufen, der Informationsbeschaffung auf Webseiten der Stadtverwaltung oder zur Information über Rechtsansprüche. Jugendliche nutzen neben den Informations- und Bildungsangeboten vor allem Kommunikationsdienste wie E-Mail, Chatrooms und Instant Messaging.

Die Freiheit der Software
Sämtliche Telecentros in São Paulo sind mit dem offenen Betriebssystem Linux ausgestattet. Damit realisierte São Paulo das weltweit größte Programm der digitalen Inklusion, das mit freier Software betrieben wird. »Frei« bedeutet zwar nicht, dass die Software kostenlos erhältlich ist, bringt aber einen erheblichen Kostenvorteil. Laut Beatriz Tibirica, Koordinatorin des Governo Eletronico-Programmes der Stadt São Paulo, konnten durch den Einsatz von freier Software gegenüber Microsoft-Software 15 Millionen Reais gespart werden (etwa 5,5 Millionen Euro).
Freie Software (auch Open Source Software genannt) zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen offenen Quellcode besitzt, also von jedem Nutzer beliebig umprogrammiert werden kann, um sie den persönlichen Bedürfnissen anzupassen. Was von Microsoft mit strafrechtlicher Verfolgung geahndet wird, ist bei Open Source Software geradezu erwünscht. Sie darf außerdem kopiert und weitergegeben werden, was zu einer weiteren Kostensenkung bei der Installation auf den rund 2.000 Rechnern der Telecentros führte. In den ersten Monaten wurden die Telecentros in São Paulo als »dual boot« betrieben. Es gab also die Möglichkeit, bei jedem Start des Computers zwischen Windows oder Linux zu entscheiden. Nachdem eine Anfrage bei Microsoft zur Unterstützung des Projektes unbeantwortet blieb, entschied sich die Projektleitung im Juli 2002 für Sacix als alleiniges Betriebssystem. Sacix (Version Tamanduá) ist der Name des Betriebssystems, das auf Linux basierend von der Stadtverwaltung São Paulos speziell für die Nutzung in den Telecentros entwickelt wurde.
Ob der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie wirklich zur Entwicklung ökonomisch schwacher Regionen oder Bevölkerungsgruppen beiträgt, ist nicht unumstritten. Kritik kommt zum Beispiel von einigen Vertretern der Zivilgesellschaft, die mit Recht betonen, dass ein großer Teil der damit verbundenen Maßnahmen die unteren Einkommensgruppen langfristig nicht erreicht. Eine tatsächliche Inklusion bleibe folglich aus.
Dies hängt damit zusammen, dass vor allem staatliche Projekte, die durch einen kostenfreien Zugang auch die unteren Einkommensgruppen mit einbeziehen, unter mangelnder Nachhaltigkeit leiden. Die Nutzergruppen erkennen häufig keine Möglichkeiten (oder bekommen sie nicht vermittelt), wie Computer und Internet zur Verbesserung ihrer Lebensqualität beitragen können. Privatwirtschaftliche Projekte werden hingegen von den untersten Einkommensgruppen aufgrund des dazu notwendigen finanziellen Aufwandes selten genutzt. Um dieses Dilemma zu überwinden, ist zunächst die Auswertung von Projekten wie den Telecentros erforderlich, um dann weitergehende Maßnahmen zur Verringerung der weltweiten digitalen Kluft einzuleiten.


Daniel Oppermann ist Politikwissenschaftler und lebt zurzeit in Brasilien, wo er seine Dissertation zum Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie bei der Entwicklung ökonomisch schwacher Regionen vorbereitet.
Kontakt: oppermanndaniel@yahoo.de



Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS)

Mitte November fand in Tunis der World Summit on the Information Society (WSIS) statt, der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft, eine weitere von den Vereinten Nationen ausgerufene Weltkonferenz. Dort diskutierten Regierungsdelegationen wie auch Verbände von Wirtschaft und Zivilgesellschaft über geistiges Eigentum, Regulierung und Sicherheit des Internets, Menschenrechte, kulturelle Diversität, das Recht auf Meinungsfreiheit, die Rolle der Medien und die Frage der Finanzierung der vorgesehenen Maßnahmen. Besonders umstritten war die Unterstützung nationaler Regelungen, die zwar die Unabhängigkeit und die Vielfalt der Medien garantieren sollen, jedoch auch die staatliche Kontrolle über das Netz ausweiten.
In Tunis stand allerdings zunächst nicht die Freiheit im Netz, sondern die auf der Straße im Mittelpunkt. Wegen der massiven Polizeiübergriffe während des Gipfels haben zahlreiche NGOs Ende November in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan nachdrücklich auf eine lückenlose Aufklärung der körperlichen Angriffe und verbalen Attacken auf Journalisten, Bürgerrechtsaktivisten und Delegierte gedrängt.
Der Gipfel selbst endete wegen der unterschiedlichen Interessen der beteiligten Staaten weniger mit Beschlüssen als mit Absichtserklärungen. Irgendwann, etwa im Jahr 2015, soll mindestens die Hälfte der Erdenbürger online sein. Im Norden ist dieses Ziel mancherorts bereits erreicht. Im Juli 2005 hatten 36,8 Prozent der Bevölkerung in Europa Zugang zum Internet, in Nordamerika gar 68 Prozent. Dem gegenüber stehen 1,8 Prozent in Afrika, 8,9 Prozent in Asien und 13 Prozent in Südamerika.
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