Volltext

(Artikel * 2005) Magg, Rosaly
Einsame Heimatlosigkeit Neue Tendenzen in der südkoreanischen Literaturszene
in iz3w Nr. 288 * Seite 44 - 45
Themen: Literatur * Südkorea * * Dok-Nr: 168310
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur


Einsame Heimatlosigkeit
Neue Tendenzen in der südkoreanischen Literaturszene

Auf der Frankfurter Buchmesse sind vom 19.–23.10. über 60 südkoreanische AutorInnen zu Gast. Nordkorea hat seine Teilnahme hingegen ohne Begründung abgesagt, obwohl es gerade im kulturellen Bereich während der letzten Jahre zu einer sanften Annäherung der beiden Koreas kam. Eine neue Generation von SchriftstellerInnen versucht, traditionelle Sichtweisen zu überwinden.


von Rosaly Magg


Koreanisches Kino hat in den letzten Jahren in Europa einen wahren Boom erlebt. Vor allem Shooting-Star Kim Ki-Duk1 hat sich mit seiner Mischung aus poetischer Stilisierung der Melancholie und der Darstellung von Gewalt in ihrer existentiellsten Form eine immer größer werdende Fangemeinde gesichert. Ganz anders verhält es sich mit der koreanischen Literatur. Obgleich der südkoreanische Buchmarkt mit 50.000 Neuerscheinungen im Jahr einer der expandierendsten in Asien ist, mangelt es in Deutschland an Übersetzungen2.
Wer die wenigen vorliegenden Übersetzungen aus dem Koreanischen liest, ist immer wieder befremdet. Manche scheinen nicht ausreichend durch koreanische MuttersprachlerInnen lektoriert, beispielsweise einige Produktionen kleinerer Verlage wie der Edition Peperkorn, oder irritieren durch Wiederholungen desselben Inhaltes in ähnlichen Worten. Bei den Wiederholungen handelt es sich jedoch um ein bewusst eingesetztes Stilmittel koreanischer Prosa. Schriftsteller Lee Sung-U erklärt beispielsweise, er benutze diese rhetorische Figur gerne zur »Betonung und stufenweisen Vertiefung«. Verlage wie Pendragon3 lösen das Dilemma im Umgang mit Wiederholungen, indem sie im Nachwort darauf hinweisen, dass das Weltbild der AutorInnen durch sie deutlicher würde und sie deshalb zum Teil beibehalten werden.
Der boomende südkoreanische Buchmarkt spiegelt sich in der Architektur der Retortenstadt Paju Bookcity in der Peripherie Seouls, die seit einigen Jahren im Aufbau ist. Hier ziehen Verlage und Druckereien ein, im weltgrößten Bücherlager wird schon gearbeitet und ab 2006 sollen hier bis zu 30.000 Arbeitsplätze in der Buchbranche entstehen. Der schnelle Bau solcher Prestigeobjekte ist in Südkorea keine Seltenheit. Jedoch gerade von älteren AutorInnen wird der mit dem schnellen Wachstum einhergehende Verlust traditioneller Werte beklagt. Der Werteverfall in einer von stetiger Modernisierung träumenden Gesellschaft, die Teilung des Landes sowie die Aufarbeitung der Grausamkeiten des Krieges sind ihre Themen.

Ewig Verdammte
Jo Jong-Raes ist einer dieser Schriftsteller, der sich traditionellen Themen widmet. 1943 geboren, erlebte er die Nachkriegszeit als Kind und Jugendlicher. Sein Kurzroman Land der Verbannung erzählt vom Schicksal der Armut, von Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Machtlosigkeit gegenüber den Herrschenden im geteilten Korea der 1950er und 60er Jahre. Die Hauptfigur Manseok Cheon ist ein »Dahergelaufener, ohne Stammbaum, ohne Heimat« – ein Verlierer. Früher war er Vorsitzender des kommunalen Volkskomitees. Von seiner Frau betrogen, bringt er sie und ihren Liebhaber um und flieht aus seinem Dorf, führt ein sinnloses Leben als Knecht. »In seiner Heimat gibt es keine Spuren mehr von ihm«. Todkrank will er im Alter jedoch dorthin zurückkehren, doch er stirbt vorher und bleibt somit auch im Tod auf ewig ein Verbannter.
Jo entwirft diesen düsteren Roman vor dem Hintergrund der leidvollen Geschichte Koreas. Als Japan 1910 Korea besetzte, etablierte es ein repressives System. Erst die Kapitulation Japans im August 1945 beendete die Schreckensherrschaft. Danach fiel der Norden unter russisches, der Süden unter amerikanisches Protektorat. Viele hofften auf ein Ende der Fremdherrschaft und die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, aber die traditionellen Strukturen, die auf Grundbesitz und Lehnsherrschaft beruhten, blieben im Süden weiterhin bestehen. Die Ausweglosigkeit der armen Bevölkerungsschichten spiegelt sich in der Figur Manseok wider.
Auch in seinem darauffolgenden Roman Das Spiel mit dem Feuer hat sich Jo Jong-Rae den Themen Schuld und Entwurzelung gewidmet. Oberflächlich betrachtet ist es ein mehrere Generationen umfassender Thriller, doch dieser wird auf gelungene Weise durch weitere Ebenen ergänzt, die auf das nationale Trauma Koreas Bezug nehmen: die Verantwortung für Grausamkeiten, die im Rahmen des Koreakrieges und der Teilung des Landes begangen wurden. Seine Protagonisten sind voller jugendlichem Eifer und Wut auf die Verhältnisse. Die Generation der Väter setzt sich für den Status Quo ein, für eine natürlich gegebene Unterordnung in die Knechtschaft. Jo beschreibt einen Kreislauf des Unrechts, in dem sich schließlich der Nachkomme der Opfer aus vergangenen Tagen an einem ehemaligen Täter rächt.

Literarischer Nord-Süd-Dialog
Die Gegensätze der beiden Koreas wurzeln in der geteilten Geschichte und sind ein Leitthema koreanischer Literatur. Denn auf der koreanischen Halbinsel stehen sich seit fast 60 Jahren
zwei Systemalternativen gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Als vergleichsweise junge bürgerliche Demokratie stellt Südkorea seit Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende der 1990er Jahre die zwölftgrößte Weltwirtschaftsmacht dar. Nordkorea macht vor allem durch sein Atomprogramm und eine militante Betteldiplomatie von sich reden. Den USA gilt das militärisch starke Nordkorea seit Januar 2002 neben Syrien, Irak und Iran als Teil der »Achse des Bösen«. (vgl. iz3w 269)
Obwohl sich der Austausch in den vergangenen Jahren deutlich intensiviert hat, ist die Wiedervereinigung beider Koreas Zukunftsmusik. So war es mehr als überraschend, als Ende Juni bekannt gegeben wurde, dass ein pankoreanisches SchriftstellerInnentreffen – das erste seit der faktischen Teilung des Landes 1945 – nach einer zuvor erteilten Absage aus Pyongyang nun doch stattfinden sollte. 200 TeilnehmerInnen, darunter prominente SchriftstellerInnen aus Südkora wie Ko Un oder Eun Heekyung, diskutierten über die Möglichkeiten eines literarischen Dialogs.
Der Romancier Hwang Soy-Yong musste die Folgen der Teilung wie kaum ein anderer südkoreanischer Autor am eigenen Leib erfahren. Als er 1972 Die Geschichte des Herrn Han (ein menschenfreundlicher Arzt, der aus dem Norden flüchtet, um aus Idealismus im Süden zu arbeiten und dort schließlich dennoch zu scheitern) publizierte, war das Buch wegen seiner kritischen Sicht auf die politischen Verhältnisse in beiden Teilen des Landes ein literarisches Ereignis. 1989 nahm Hwang eine Einladung des nordkoreanischen Schriftstellerverbandes an und wurde 1993 wegen dieser und späteren Reisen nach Nordkorea zu sieben Jahren Haft verurteilt – hatte er doch gegen das Gesetz zur »nationalen Sicherheit« verstoßen. Die Wende kam für ihn 1998. Hwang wurde im Rahmen einer Amnestie für politische Gefangene vom neu gewählten Präsidenten Südkoreas, Kim Dae-Jung, nicht nur freigelassen, sondern sogar offiziell als südkoreanischer Kulturvertreter nach Nordkorea geschickt.
Vor allem die gesellschaftlichen Umbrüche seit der Zeit der Diktatur in Südkorea (1961-1984), die Reformen der 1980er und 90er Jahre und insbesondere auch die immer wichtigere Rolle der Jugendlichen stehen im Fokus einer jüngeren SchriftstellerInnengeneration. Aufbruchstimmung bestimmt mittlerweile die Literaturszene des Landes, das einst als »Land der Morgenstille« galt.
Der Star der modernen südkoreanischen Literaturszene, Eun Heekyung, steht für den Paradigmenwechsel der koreanischen Literatur in den 1990er Jahren, den Übergang von »großen Erzählungen« zu »kleinen Geschichten« des Alltags. Doch gerade im Kleinen entwickelt sie ganz große Themen: Ihre Kritik am Militarismus in Verbindung mit einer Kritik an traditionellen Familienstrukturen und einer Analyse der Geschlechterverhältnisse. Ihre Protagonistin, die altkluge Jinhi, entdeckt im Laufe des Entwicklungsromans Ein Geschenk des Vogels ihre Sexualität und die zwiespältige Identität eines heranwachsenden Mädchens in Südkorea, das sich an den tradierten Rollenmodellen aufreibt. »Das Schicksal einer Frau ist das Schicksal eines leeren Gefäßes in den Händen der Männer«. Und: »Wenn mich jemand ansieht, teile ich mich in zwei Ichs. Das eine Ich bleibt einfach in meinem Körper verborgen, und das Andere, das von meinem wirklichen Ich abgetrennt ist, tritt nach außen und spielt meine Rolle.« In ihrer Welt sind die Männer Gewalttäter und Nichtsnutze, der Vater ist abwesend, der Nachbar geil, die anderen Männer Schläger und Hochstapler. Eun stellt die Hindernisse, die ein Mädchen überwinden muss, um sich aus der klassischen Frauenrolle zu befreien, ins Zentrum ihres Romans.
Kim Jooyong legt mit Der Stachelrochen ebenfalls einen Entwicklungsroman aus der Perspektive eines Heranwachsenden vor. Auch hier ist der Vater abwesend, doch seine Rückkehr hängt wie ein Damoklesschwert über dem ganzen Roman. Die poetische Beschreibung des kleinen Jungen Seyong und seiner Traumwelt aus Schneebergen und Himmelspforten ist eine der großen Stärken des Romans. Seitdem der Vater die Familie für eine andere Frau verlassen hat, leben Mutter und Sohn zurückgezogen in einer symbiotischen Beziehung. »In den Augen meiner Mutter war die Außenwelt eigentlich immer nur wie eine schmutzige Herberge am Meer gewesen«. Ganz langsam löst sich Seyong aus der mütterlichen Umklammerung. Kim beschreibt eindrucksvoll den ganz normalen Weg des Erwachsenwerdens, auf dem die Abwesenheit des Vaters in Seyongs Erinnerung »nur eine wüste Brandruine« hinterlassen hat.

Auf der Suche nach Wahrheit
Ein weiterer jüngerer Autor ist Lee Sung-U. 1959 geboren, erlebte er lange Zeit die Militärdiktatur Park Chung-Hees. Obwohl er sich in seinen Werken vor allem den Problemen der Gegenwart zuwendet, spielen politische Konflikte nur eine geringe Rolle. Vielmehr reflektiert er seine Distanz zur Politik in zwei Schriftstellerfiguren. In der Erzählung Vermutungen über das Labyrinth im gleichnamigen Sammelband stellt er einen Romanschreiber ins Zentrum, der ein Buch eines unbekannten Schriftstellers übersetzen will. Die Grenzen zwischen dem auktorialen Erzähler und dem unbekannten Schriftsteller werden fließend. Lee interessieren vor allem die menschlichen Abgründe – Wahnsinn, Tod, Einsamkeit. Seine Geschichten haben Ähnlichkeit mit Kafkas beklemmend-absurden Erzählungen, in denen sich Fiktion, Historie und Realität überlagern. »Die Tatsache ist hart und fest, aber Wahrheit weich und flexibel«. So werden seine Geschichten zu Labyrinthen, in denen sich die LeserInnen verirren können.
Egal, ob sich die SchriftstellerInnen der abwesenden Vätergeneration, der Machtlosigkeit einer unterdrückten Landbevölkerung, den Schrecken des Krieges oder der Distanz zur aktuellen Politik Südkoreas widmen, allen gemeinsam ist die Suche nach »Wahrheit« in den gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen. »Der Leser entdeckt die Wahrheit des Romans. In dieser Wahrheit greifen historische Erfindung und erdichtete Geschichte ineinander.« (Lee Sung-U) Und darin ähneln sie wiederum den poetischen und dennoch gewaltvollen Filmbildern von Regisseur Kim Ki-Duk. Es ist an der Zeit, dass neben der Film- auch die Literaturszene Koreas mehr Beachtung findet.

Anmerkungen:

1 Filme von Kim Ki-Duk: The Isle (2000), Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling (2003), Samaria (2004), Bin-Jip (2004)

2 Das Gastland fördert im Rahmen der Buchmesse unter dem Motto »Enter Korea« Übersetzungen, Konzerte und Ausstellungen mit einem Budget von zehn Millionen Euro. Zum Messe-Schwerpunkt wurde zudem ein zwei Millionen Euro teures Programm aufgelegt, um hundert Bücher in sechs Fremdsprachen zu übersetzen.

3 Der Bielefelder Pendragon Verlag profitiert am meisten vom durch die Frankfurter Buchmesse ausgelösten Korea-Boom. Seit 1997 übersetzt er nicht nur Werke aus dem Koreanischen, sondern setzt auch auf intensiven literarischen Austausch. Mit über 30 Titeln moderner koreanischer Literatur ist er führend in Deutschland.


Besprochene Literatur:

– Eun Heekyung: Ein Geschenk des Vogels. Roman 1995, Pendragon (Dt. 2005), 320 S., 18,50 Euro

– Hwang Sok-Yong: Die Geschichte des Herrn Han. Roman 1972, dtv (Dt. 2005), 140 S., 12 Euro

– Jo Jong-Rae: Land der Verbannung. Roman 1981, Edition Peperkorn (Dt. 2004), 96 S., 13 Euro

– Ders.: Das Spiel mit dem Feuer. Roman 1982, Edition Peperkorn (Dt. 2005), 384 S., 19 Euro

– Kim Jooyoung: Der Stachelrochen. Roman 1998, Edition Peperkorn (Dt. 2001), 206 S., 18 Euro

– Lee Sung-U: Vermutungen über das Labyrinth. Erzählungen 2002, Pendragon (Dt. 2005), 158 S., 15,40 Euro


Rosaly Magg ist Mitarbeiterin im iz3w.