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(Artikel * 2006) Stratenwerth, Dinah
Die befreite Lesbe Der brasilianische Kurziflm "Sexo e claustro" macht Mut
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 380 * Seite 55
Themen: Film; Minderheit; Sexualität * Brasilien; Mexico * Coming-out; Ex-Nonne, lesbische * Dok-Nr: 165082
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Film
Die befreite Lesbe
Der brasilianische Kurzfilm Sexo e claustro macht Mut

Von den hektischen Stra?en Mexiko Citys in den ruhigen Innenstadtbezirk Coyoacan, zu einer idyllisch im Gr?nen gelegenen Kirche. Wir folgen einer Frau, von hinten ist nur ihr ergrauter Kurzhaarschnitt zu sehen, sie erz?hlt aus ihrem Leben. Ihre Stimme ist klar, sicher, kehlig, sympathisch.
Kurz bevor sie eine Kirche betritt, berichtet sie, wie ein Priester sie vergewaltigte, als sie sieben Jahre alt war. Die Frau, die bald den ZuschauerInnen ihr grob geschnittenes Gesicht zeigt, spricht. Von ihrem Leben als Nonne, davon, wie sie sich selbst bestrafen musste, weil sie eine Frau und obendrein durch ihre Vergewaltigung noch mehr eine S?nderin war. Wie sie sich nicht sehen, nicht ber?hren, nicht begehren durfte. Die Kamera begleitet ihre Erz?hlung mit Bildern von der Kirchenfassade, den Gesichtern der Heiligen, von Kreuzen, leuchtenden Glasfenstern. Die Kirche von innen, das sind nicht die l?chelnden Engel am Altar, sondern das, was der namenlosen Zeugin geschehen ist. Sie wirkt schon nach kurzer Zeit des Erz?hlens sehr vertraut. Die dicken Mauern beherrschten auch ihre Seele, ihr Denken. Bis sie m?hsam begann sie zu durchbrechen.
Sie berichtet von ihrer Befreiung, wie sie sich zum ersten Mal ansehen konnte und davon, dass sie Frauen liebt. Diese ?Krankheit? versuchte sie zun?chst durch eine Therapie zu ?kurieren?. Doch sie merkte schnell, dass Heilung weder m?glich noch wirklich gewollt war. Ihr ganzer befreiter K?rper dr?ckt Selbstbewusstsein aus. ?Ich habe ihn aus dem Gef?ngnis befreit, das ich selbst in mir aufgebaut hatte?, erz?hlt sie stolz.
Der Film spielt in Mexiko, kommt aber aus Brasilien. In dem Land mit der weltweit h?chsten KatholikInnenrate k?mpfen sexuelle Minderheiten um ihre Rechte und sind pr?senter als in vielen anderen lateinamerikanischen L?ndern. Dennoch: Regisseurin Claudia Priscilla Andrade fand keine brasilianische lesbische Ex-Nonne, die sich h?tte filmen lassen. Dazu musste sie ihr Land verlassen.
Sexo e claustro ist ein dreizehnmin?tiger Film ?ber eine Befreiung. Dem Film war in Brasilien Erfolg beschieden. Im November vergangenen Jahres wurde er auf dem ?13. Gemischten Brasilianischen Filmfestival der Sexuellen Diversit?t? in Sao Paulo gezeigt.
Die Erlebnisse der ehemaligen Nonne sind bedr?ckend und hart, trotzdem macht der Film Mut.
In jedem Wort ist die Erleichterung der Frau ?ber ihre neu gewonnene Freiheit zu f?hlen. Sie hat sich bewegt, die Mauern durchbrochen, ist geflohen, w?hrend die Gesichter der Heiligenfiguren statisch bleiben. Sie k?nnen die Frau, die uns am Ende gar ihren Namen verr?t, nicht festhalten. Denn heute weiss Maria del Pilar S. Rivera: ?Lesbisch sein ist ein Talent.?


Sexo e claustro Regie: Claudia Priscilla, Drehbuch: Claudia Priscilla und Kiko Goifman, Brasilien 2005, 13 Min.
Der Film l?uft auf der Berlinale vom 9.-19. Februar im Panorama.

Text: Dinah Stratenwerth
Ausgabe: Nummer 380 - Februar 2006