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(Artikel * 2006) Kummels, Ingrid
Diesseits und jenseits der Grenzen Raramuri-colismo als kulturelles Produkt mexikanischer Migration
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 379 * Seite 30 - 33
Themen: Diskriminierung; Dominanzkultur; Drogen; Indigene Völker; Migration * Mexico * Jugendbewegung; Raramuri; Subkulturen; cholismo * Dok-Nr: 165048
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Subkulturen
Diesseits und jenseits der Grenzen
Rar?muri-cholismo als kulturelles Produkt mexikanischer Migration

Urspr?nglich in den 1940er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA entstanden, hat der cholismo schon lange den Weg ?ber deren S?dgrenze gefunden und ist heute in verschiedenen Auspr?gungen f?r viele sozial schlechter gestellte mexikanische Jugendliche ein Identifikationsmodell. Auch f?r ind?genas wie die Rar?muri.

In einer kleinen Landgemeinde im nordmexikanischen Staat Chi-huahua haben sich trotz klirrender K?lte etwa Hundert Rar?muri unter freiem Himmel versammelt, um einer peyote-Heilung beizuwohnen. Jugendliche im heiratsf?higen Alter, t?mari und iw? genannt, sitzen zusammen mit ?den Alten?, wie Personen gleich welchen Alters, die schon erwachsene Kinder haben, bezeichnet werden. Zum H?hepunkt des Festes , nachdem bereits viel Maisbier getrunken wurde, stimmen Einige sehr pers?nliche Lieder in ihrer utoaztekischen Sprache an. Ein junger Mann, der mir durch sein aus einem weiten Hemd und einer ebenso sackartigen Hose bestehenden Outfit aufgefallen war, bittet mich pl?tzlich inst?ndig mit ihm sein pers?nliches Lied anzustimmen: ?Chiquitita? von Abba. Einige der Beistehenden ziehen ihn als cholo auf und mir schie?t das Bild der Jugendlichen durch den Kopf, die seit wenigen Jahren in der Fu?g?ngerzone der Landeshauptstadt ebenso durch weite Jeans-Hosen, XXL-Hemden, tief in die Stirn gezogene Stirnb?nder oder Schlapph?te auffallen, w?hrend sich die cholas mit tiefschwarz gef?rbtem Haar, grell geschminkten Gesichtern und betont gezeichneten Augenbrauen pr?sentieren. Passend zur Kluft, die die bequeme Kleidung einfacher Arbeiter nachahmt, stehen die Jugendlichen auf Rock n? Roll, Beat und Pop, auf Oldies, die bessere Zeiten evozieren. Kaum zu glauben, dass die Mehrheitsgesellschaft in diesen cholos/as den Inbegriff von Verbrechen und Drogenmissbrauch sieht.

Import ? Export

Der cholismo der Rar?muri ist eine von vielen unterschiedlichen Formen der Aneignung dieser Jugendbewegung, die als die vitalste und langlebigste in der Grenzregion gilt. Bereits in den 1940er Jahren begannen mexikanischst?mmige pachucos in Los Angeles und weiteren US-St?dten sich dandyhaft in zoot suits zu kleiden und t?nzerisches Geschick sowohl zu Rumba- als auch zu Swing-Kl?ngen zur Schau zu stellen. Ihre gro?fl?chigen T?towierungen mit Blumen und katholischen Heiligen zeugten vom Milit?rdienst oder Gef?ngnisaufenthalt. Als ?exhibitionistische Antwort auf den nordamerikanischen Rassismus? (Antonio Guerrero) werteten sie Mexikanisches zu einer Zeit positiv auf, als sich die meisten EinwanderInnen aus dem S?den noch bem?hten, die ihnen abverlangte Assimilation in die angloamerikanische Gesellschaft zu erf?llen. Bereits diese Vorl?uferbewegung zum cholismo war ein grenz?bergreifendes Ph?nomen, das starke Impulse auch von der mexikanischen Seite erfuhr. Der in Ciudad Ju?rez aufgewachsene Germ?n Vald?s schuf mit dem coolen Leinwand-pachuco Tin Tan einen Gegenentwurf zu dem in Hollywoodfilmen verbreiteten Stereotyp des Mexikaners als schmuddeligem B?sewicht.
Jugendliche aus den Armenvierteln, die sich als cholos/-as begriffen, setzten diesen Trend der lustvollen Kombination von Mexikanischem und Nordamerikanischem in Kleidung, Sprache, Musik und T?nzen fort. Ausgehend von East L.A. fand der cholismo bis nach Mittelamerika Verbreitung. Gerade in den mexikanischen Grenzst?dten mit ihrem gro?en Anteil an landesinternen MigrantInnen und starker Verknappung des Wohnraums fiel die neue Subkultur auf fruchtbaren Boden. Auch die ?ffentliche Sicherheit wurde hier immer mehr zu einem Problem: Die Kriminalit?t stieg insbesondere mit der Ausweitung der Drogen?konomie an, dem Anbau von Marihuana und Schlafmohn in Chihuahua und dem Transport in die USA. Die cholos/as wurden und werden weiterhin pauschal mit den sich versch?rfenden sozialen Problemen in Verbindung gebracht. So werden in den sensationsl?sternen p?ginas amarillas von Chihuahuas Tageszeitungen Raub?berf?lle und Totschlagdelikte gern ?wie cholos/as aussehenden Personen? zugeschrieben. Die pauschale Diskriminierung erstaunt, angesichts des Umstands, dass der ?bergang zwischen den kulturellen Ausdrucksformen der cholos/as und den modischen Vorlieben anderer Jugendlicher flie?end ist. Dies gilt auch f?r ihren Slang, den cal?, den sie mit dem typischen regionalen Jargon, unter anderem mit englischen W?rtern, anreichern. Andererseits bilden die cholos/as tats?chlich neue Gemeinschaften, so genannte barrios. Sie erheben Gebietsanspr?che, indem sie Graffiti, placas, an Stellen anbringen, die m?glichst nicht von rivalisierenden barrios ?bermalt werden k?nnen. Ein Teil der cholos/as konsumiert Drogen und ist in Drogengesch?fte verwickelt, mit verheerenden Konsequenzen. Oft jedoch werden institutionalisierte Formen von Rivalit?t zwischen den Jugendbanden, die nur selten in Gewaltakte eskalieren, pauschal mit der Drogenkriminalit?t einer Minderheit verwechselt.

Neue Grenzziehungen

Etymologische Interpretationen des Namens cholo/a sind Teil der neuen kollektiven Identit?ten. Im Einklang mit ihrer Verehrung der Azteken als ind?genas, die urspr?nglich aus Nordmexiko stammten, f?hren cholos/as ihre Selbstbezeichnung am liebsten auf Begriffe aus deren Sprache, dem Nahuatl, zur?ck. Wahrscheinlicher aber ist, dass der Begriff, der im Andengebiet die mestizos/as bezeichnet, Mitte des 19. Jahrhunderts und versehen mit der Konnotation von arm und ungebildet, seinen Weg in die mexikanisch-US-amerikanische Grenzregion fand. In East L.A. nahmen die so despektierlich bezeichneten Mexikanischst?mmigen cholo/a erstmals als Eigenname an und deuteten ihn positiv um.
Die politische Grenze ist im Alltag von Chihuahua allgegenw?rtig und doppelgesichtig. Sie wird nicht nur als Schauplatz fortw?hrender Dem?tigungen erfahren, als Ort, an dem MigrantInnen aus Mexiko Opfer von Menschenrechtsverletzungen und wirtschaftlicher Ausbeutung werden. Sie wird auch als Arena von sozialer Interaktion und kulturellem Austausch erlebt. Gleichzeitig gibt es auch innerhalb von Chihuahua extreme soziale und wirtschaftliche Ungleichheit. Eine rassistische Ideologie, mit der sich die blancos/as von den Rar?muri als ?indios? und ?Menschen zweiter Klasse? distanzieren, ist Grundlage einer wirtschaftlichen Hierarchie, die die Letztgenannten in allen Bereichen benachteiligt. Die wei?e Mehrheit grenzt sich zudem im Zuge eines neuen Regionalismus nach mehreren Richtungen hin scharf ab. Als angeblich unvermischte Nachkommen der spanischen Eroberer ziehen sie auch zwischen sich und den chicanos/as eine strenge Grenze. Diesem Mainstream ist die hybride kulturelle Orientierung von chicanos/as und cholos/as, die Mexikanisches mit Nordamerikanischem verbinden, suspekt: Sie bewerten sie als ein Zeichen von ?Kulturlosigkeit?.
Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, dass sich indigene Jugendliche in Chihuahua zunehmend f?r den cholismo als kulturelle Ausdrucksform und als Basis einer Solidargemeinschaft mit Gleichaltrigen begeistern? Wie haben sie sich den cholismo angeeignet? Inwiefern kann es f?r sie ein Vorteil sein, zwei in der Grenzregion diskriminierte soziale Identit?ten, die als ind?gena und die als cholo/a, zu kombinieren?

Stadt und Land

Ein Hintergrund des indigenen cholismo ist die zunehmende Pr?senz von Rar?muri in den Gro?st?dten von Chihuahua. ?ber drei Viertel der 70.000 Rar?muri leben ?berwiegend von einer Misch?konomie aus Landwirtschaft und Wanderarbeit in den St?dten. Seitdem sich die Bedingungen f?r die agrarische Subsistenzproduktion im Vorfeld zur 1994 in Kraft getretenen nordamerikanischen Freihandelszone verschlechterten, haben Rar?muri ein neues Migrationsmuster entwickelt: W?hrend es fr?her vor allem die M?nner waren, die saisonal in die nordmexikanischen Gro?st?dte gingen, sind es seit Mitte der 1980er Jahren auch Frauen und Kinder, die zus?tzlich die Grenzst?dte aufsuchen. Sie erzielen relativ gute Verdienste, indem sie an Stra?enkreuzungen die Rotlichtphase abwarten, um AutofahrerInnen mit einem forschen ??k?rima peso!? (schenke mir Pesos) um eine Geldspende zu bitten. Aufgrund der neuen Geldquelle ist erstmals eine institutionalisierte Migration von Kindern und Jugendlichen entstanden. Neben ind?genas, die saisonal zwischen ihrer Landgemeinde und bestimmten Gro?st?dten pendeln, gibt es eine nicht unerhebliche Zahl, die sich auf Dauer in Metropolen niedergelassen hat. In der Landeshauptstadt Chihuahua leben inzwischen ungef?hr 4.000 Rar?muri in circa 40 ?wilden? Siedlungen ?ber die vielen Armenviertel verstreut. Die Zahl derer, die in der Stadt geboren werden, nur noch Spanisch sprechen und dort ihren Lebensmittelpunkt sehen, w?chst best?ndig an. Und in fast allen dieser Niederlassungen w?chst die Zahl der haupts?chlich m?nnlichen Rar?muri, die sich als cholos begreifen.

Nachgeholte Jugend

Die indigenen Jugendlichen m?ssen sich in einer komplexen Welt voller Herausforderungen behaupten. So zum Beispiel der neunzehnj?hrige Bastiano aus der Landgemeinde Nar?rachi. In den Wintermonaten zieht er zusammen mit seiner siebzehnj?hrigen Frau und einem Kind in eine improvisierte Unterkunft aus Wellpappe in Colonia Mirador, einem traditionellen Lagerplatz. Bastiano jobbt ?hnlich wie andere Pendler tageweise auf Baustellen, w?hrend seine Frau an einer nahe gelegenen Stra?enkreuzung bettelt. Im Gegensatz zu den ?lteren Rar?muri-M?nnern, die in der Stadt gem?? einer fr?heren Jugendmode Kleidung im Cowboy-Stil tragen, bevorzugt Bastiano eine Armee-Hose in ?bergr??e, Reebok-Schuhe, ein ?ber die Hose h?ngendes Flanellhemd und tr?gt bisweilen eine Fischerm?tze. In diese cholo-Kluft investiert er einen nicht unerheblichen Teil seines Verdienstes. Abends gesellt sich Bastiano zu den nicht-indigenen cholos/as dieses Stadtviertels. Sie verbringen viel Zeit an einer Stra?enecke nahe dem h?ufig frequentierten Gesch?ft f?r Alkoholika und k?nnen so den vielen PassantInnen effektiv eine st?ndige Pr?senz suggerieren. Auch pr?gen sie sich durch forsche Zurufe bis hin zu Drohungen, die sie den Fu?g?ngerInnen nachwerfen, in deren Ged?chtnis ein. Die Gespr?che der BewohnerInnen des Viertels kreisen oft um die als Gefahr empfundenen cholos/as. Diese hingegen eignen sich durch das Besetzen von Raum und Gespr?chen eine Definitionsmacht an.
Bastiano erschafft sich in der Stadt eine Jugend, die in seiner l?ndlichen Gemeinde als eine derart ausgepr?gte Phase fehlt. Dort werden Kinder ab dem Alter von sieben Jahren gedr?ngt, die f?r den Haushalt relevanten T?tigkeiten zu ?bernehmen. Mit dem Eintritt ins Arbeitsleben ?berlassen die Erwachsenen ihnen zunehmend Verantwortung und Entscheidungen. Die Jugendphase, die mit dem Eintritt in die Pubert?t beginnt, ist meist kurz. Die Rar?muri d?rfen als Jugendliche erstmals Maisbier trinken und Feste besuchen, nicht selten aber werden sie gerade bei diesen Festen durch Geschwister oder Eltern verkuppelt. Mit der bald darauf folgenden Heirat ist die Jugend schon wieder weitgehend beendet.
Dies ist ein Beispiel daf?r, wie Rar?muri-Jugendliche die r?umlich weit verzweigte subkulturelle Bewegung des cholismo ihren spezifischen Lebenssituationen anpassen. Zum einen machen sie den cholismo zum Bestandteil ihrer t?glichen Lebens- und ?berlebensstrategien, zu denen Lohnarbeit, Betteln, das Pflegen von Solidarnetzwerken, soziale Rivalit?ten und Rauscherlebnisse geh?ren. Zum anderen setzen die cholos/as der wechselseitigen Verst?rkung von wirtschaftlichem Erfolg und ethnischem Stolz im Rahmen des Bettelns der Erwachsenen eine Alternative entgegen. ?ber den cholismo nehmen sie Bezug auf Bilder, Kl?nge und Ideen, die auch f?r andere marginalisierte soziale Gruppen im Kontext der Grenzregion wie die chicanos/as bedeutungsvoll sind. Dieses gemeinsame Referenzsystem erlaubt es den Rar?muri-Jugendlichen auf die mit der Grenze verwobenen Lebenskontexte und Ungleichheiten zu verweisen und auf sie einzuwirken auch ohne dass sie je physisch mit der Grenze in Kontakt gekommen w?ren. Ihr ?ber kulturelle Elemente manifestiertes Anderssein hat insofern auch eine politische Dimension.

Text: Ingrid Kummels
Ausgabe: Nummer 379 - Januar 2006