Volltext

(Artikel * 2005) Reis, Bettina; Goethe, Tina
Kampf um die beste Ecke Amerikas Eine Studie untersucht den Einfluss sozialer Bewegungen in Kolumbien
in iz3w Nr. 284 * Seite 14 - 17
Themen: Menschenrechte; Soziale Bewegung; Unterdrückungsverhältnisse * Kolumbien * * Dok-Nr: 164063
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kolumbien


Kampf um die beste Ecke Amerikas
Eine Studie untersucht den Einfluss sozialer Bewegungen in Kolumbien


Seit Jahrzehnten herrscht in Kolumbien Krieg. Regierung, Paramilitärs und Rebellen tragen bewaffnete Auseinandersetzungen um Land und Macht aus, in den internationale Akteure, vor allem die USA, mit ihrem »Kampf gegen die Drogen« involviert sind. Inmitten dieser Konflikte führen soziale Bewegungen ihren Kampf um Land, um soziale Rechte und um bessere Arbeitsbedingungen.


von Bettina Reis

In der »Erklärung von Cartagena« sicherte am 3. Februar diesen Jahres die so genannte G24, eine Allianz von 24 Geber-Ländern, der kolumbianischen Regierung des derzeitigen Präsidenten Alvaro Uribe Vélez bei ihren »Bemühungen für Wohlstand und Sicherheit der kolumbianischen Staatsbürger, sowie dem Kampf gegen Terrorismus und illegale Drogen« ihre Unterstützung zu. Die Erklärung wurde in diesem Wortlaut verabschiedet, obwohl kurz zuvor die Vereinten Nationen (UN) verkündet hatten, ihren Sonderbeauftragten für die Vermittlung im bewaffneten Konflikt Kolumbiens ab April zurückzuziehen und damit indirekt der kolumbianischen Regierung mangelnde Bereitschaft für eine politische Verhandlungslösung bescheinigten.
Laut Uribe-Regierung gibt es in Kolumbien derzeit keinen Krieg, sondern lediglich einen »Zustand von Gewalt« und »Terrorismus«. So will man den Verpflichtungen des Humanitären Völkerrechtes entkommen. Denn wenn es keinen Krieg gibt, gibt es zum Beispiel auch keine Kriegsvertriebenen, für die ein Staat aufkommen muss. Auch Interventionen der UN – z. B. des UNHCR – würden damit die Rechtsgrundlage entzogen.
Im wirtschaftlichen Bereich forciert Uribe Vélez die Privatisierung und Fusionierung von Staatsbetrieben und maximiert die Investitionsvorteile für transnationale Unternehmen. Mit diesen »Reformen« werden grundlegende soziale, wirtschaftliche und kulturelle Rechte de facto außer Kraft gesetzt. Oft wird der neoliberale Umbau Kolumbiens auch mittels schwerer Verletzungen der politischen und bürgerlichen Menschenrechte betrieben. GewerkschafterInnen, die sich dem Sozialkahlschlag und den Privatisierungen entgegenstellen, laufen Gefahr, ermordet zu werden; die indigene und afrokolumbianische Bevölkerung wird von ihrem rechtlich anerkannten Kollektivland, das reich an Bodenschätzen, pflanzlicher Artenvielfalt und Wasserressourcen ist, gewaltsam vertrieben. Die Gewalt in Kolumbien ist nicht nur auf den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt zwischen Regierung und bewaffneter Opposition und die Drogenproblematik zurückzuführen. Sie war schon immer ein Mittel, um die wirtschaftlichen und politischen Interessen der kolumbianischen Elite durchzusetzen, die sich heute – vielleicht sogar zu ihrem späteren Nachteil – mit denen des internationalen Kapitals verquicken.

Protest von 25 Jahren
Wie reagierten die sozialen Bewegungen Kolumbiens auf den neoliberalen Umbau ihrer Republik, der mit einem stetigen Abbau von Grundrechten verbunden ist und die Werte außer Kraft setzt, die die Verfassung von 1991 verbürgt? Wie agieren sie inmitten des kriegerischen Konfliktes? Das für kritische Sozialforschung bekannte Jesuiten-Institut CINEP1 beobachtete ein Vierteljahrhundert lang die sozialen Kämpfe in Kolumbien. 2002 wurden die Ergebnisse dieser Studie, die die Proteste und ihre AkteurInnen zwischen 1975 und 2000 beleuchtet, veröffentlicht.2 10.975 Proteste wurden insgesamt registriert. 34 Prozent davon führten ArbeiterInnen an, 28 Prozent unzufriedene StädterInnen. BäuerInnen, Indígenas und AfrokolumbianerInnen hatten einen Anteil von 17 Prozent; 16 Prozent der Protestaktionen wurden von StudentInnen angeführt.
Bei der Mehrzahl der Proteste ging es um Land oder Wohnraum. Auf der Skala der Motive für soziale Kämpfe folgten die Verletzung von Verträgen und legalen Normen, Probleme im Bereich von Arbeit und Beschäftigung sowie der Lebenshaltungskosten und die politisch motivierte Gewalt, das heißt, das Einfordern von Menschenrechten und der Einhaltung des Humanitären Völkerrechtes. Auch die Forderung von öffentlichen Dienstleistungen, Straßeninfrastruktur und Transport war Beweggrund zahlreicher Aktionen. Darunter fallen auch Kämpfe wegen der Preiserhöhungen für öffentliche Dienstleistungen, die Resultat der von IWF und multilateralen Banken durchgesetzten Strukturanpassungsmaßnahmen sind. Bei den armen StadtbewohnerInnen war letzteres der wichtigste Beweggrund für Protestaktionen.
Mauricio Archila, Mitautor der Studie, hält die öffentlichen Proteste in Kolumbien für mehr als Hunger- oder Armutsrevolten. »Motor für die sozialen Kämpfe sind nicht fehlende materielle Bedingungen, sondern die Ungleichheiten, die der prekäre Reichtum in der kolumbianischen Gesellschaft schafft.« Meist fanden soziale Kämpfe in Regionen statt, die Ressourcen konzentrieren, oder in Regionen, die neue Quellen von Reichtum eröffneten, meist durch den Abbau von Bodenschätzen. Dies sind außerdem die Zonen, die am meisten von kriegerischen Handlungen betroffen sind.
Eine weitere Reflektion von Archila in Bezug auf den sozialen Protest bezieht sich auf die Veränderungen von materiellen hin zu mehr politischen und kulturellen Forderungen. Mehr und mehr geht es bei den Protesten auch um die Verteidigung der Menschenrechte, die Suche nach Frieden, die Debatte über Wirtschaftsmodelle, Ressourcenpolitik, Privatisierungen, sowie Petitionen, die sich auf spezifische ethnische, Gender- oder Generationsfragen beziehen. In die Agenda des sozialen Protestes werden kulturelle und politische Forderungen aufgenommen, von denen sich einige durch den inneren Krieg (Menschenrechte, Verhandlungslösung, humanitäre Abkommen) erklären, aber anderen lokalen oder globalen Phänomenen bei der Wahrnehmung von Bedürfnissen und Rechten entsprechen. Letzteres hat nach Archila auch Auswirkung auf die Konstruktion der Identitäten, ausgehend von der Heterogenität der sozialen AkteurInnen: »Immer weniger appelliert man an quasi naturgegebene oder essentielle Identitäten wie soziale Klasse, Rasse oder Geschlecht, die von einer nicht existierenden Homogenität (...) ausgingen. Die sozialen Akteure scheinen sich in neuen imaginierten Gemeinschaften – den sozialen Bewegungen – zu gruppieren, die Resultat eines freiwilligen Zusammenschlusses sind.«
In einer dritten Reflektion geht Mauricio Archila auf die Auswirkungen ein, die der Krieg auf die kollektiven sozialen Aktionen und ihre ProtagonistInnen hat. Die größte Einschränkung für den sozialen Protest und die Entwicklung der sozialen Bewegungen in Kolumbien sind der bewaffnete Konflikt und die politisch motivierte Gewalt. Ab Mitte der 80er Jahre – der Phase des »schmutzigen Krieges« – wurden politisch motivierte Morde, Verschwindenlassen und Massaker zu den häufigsten Formen von Menschenrechtsverletzungen. Sie richten sich bis heute vornehmlich gegen Führungspersonen und Mitglieder von sozialen Bewegungen und die politische Opposition3. Es beschleunigte sich der Exodus, die Flucht im eigenen Land. 1998 kalkulierte man, dass jeder politische Mord oder jedes Massaker in abgelegenen ländlichen Gebieten die Flucht von durchschnittlich 78 Personen auslöste.
Opfer von schweren Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen werden vor allem Bauern, gefolgt von Arbeitern und Angestellten4. Zwischen 1991 und 1999 wurden allein 1336 Gewerkschafter umgebracht, 266 davon waren Führungspersonen.5 Die hohen Opferzahlen vermitteln nur annähernd, was soziales Engagement für die individuellen und kollektiven AkteurInnen bedeutet. »Die selektiven Morde an Führungspersonen und Basisleuten schwächen oder zerstören die Organisationen und zersetzen ihre Autonomie«, unterstreicht Archila. Der Autor sieht auf der anderen Seite Anzeichen einer Repolitisierung des Sozialen. Viele Forderungen der sozialen AkteurInnen zielten auf eine Stärkung der »ciudadanía« (Bürgerschaft) von unten ab, wenn sich zum Beispiel indigene Organisationen in die national geführten Debatten über die Lösung des bewaffneten Konfliktes oder über makroökonomische Politik einmischen. Als Beispiele lassen sich die Ausarbeitung von Vorschlägen für eine integrale Agrarreform durch die BäuerInnenbewegung oder für eine nachhaltige Energiepolitik durch die Gewerkschaft der Beschäftigten des Erdölsektors nennen, oder auch die Friedensinitiative der Indígenas des Cauca-Departements im Rahmen der Verhandlungen zwischen Pastrana-Regierung und der Guerillaorganisation FARC-EP, die auf eine protagonistische Rolle der zivilgesellschaftlichen Sektoren bei einem Friedensprozess abzielte.
Trotz ihrer vielfältigen Protest- und Ausdrucksformen sind nach der CINEP-Studie die sozialen AkteurInnen in Kolumbien, zumindest im Vergleich mit den Nachbarländern, schwach. Die Proteste – durchschnittlich 422 pro Jahr oder fast 1,5 pro Tag – hätten keine Eigendynamik in Richtung auf eine »unidad popular«, einen Zusammenschluss und einheitliches Vorgehen. Die unterschiedlichen AkteurInnen – SiedlerInnen und Indígenas, oder AfrokolumbianerInnen und Indígenas – lägen immer wieder im Streit miteinander, die sozialen Organisationen hätten eine geringe Repräsentativität und kaum Koordinationsmechanismen, die eine wirksame Präsenz auf nationaler Ebene erlaubten. Viele arbeiteten wenig zentralisiert und informell.
Eine fehlende linke Presselandschaft und Debattenkultur, die verfestigte politische und soziale Ausgrenzung und Diskriminierung der Verarmten und die Negation des Rechts auf Anders-Sein in Kolumbien behindern die öffentliche Wahrnehmung und die Selbstdarstellung von sozialen Organisationen. Ihre Ideen, Ziele und Prozesse sind nur wenigen bekannt. Neue kostengünstige Informationsmedien wie Internet und Email erleichtern zwar die Verbreitung alternativer Informationen, ersetzen aber nicht die Veröffentlichung in den großen Medien. Die geographische Ausdehnung Kolumbiens und Transportprobleme, fehlende Mittel und anhaltende existenzielle Bedrohung sind fast unüberwindbare Hürden für gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen, Vernetzung und koordinierte Aktionen. Wer nicht in Bogotá präsent ist, kann nicht mitmischen.

Gewerkschaften gegen Sozialabbau
In der CINEP-Studie wurden von 1975 bis 2000 insgesamt 3.377 Streiks registriert. Fast ein Viertel führten Lehrer öffentlicher Schulen durch. 20 Prozent der Streiks organisierten die Beschäftigten des öffentlichen Gesundheitssektors. Dies weist auf die aggressive Privatisierungspolitik und das hohe Konfliktpotenzial in staatlichen Dienstleistungsbereichen hin. Die Aggression im Gesundheitsbereich drückt sich nicht nur in der Schließung wichtiger städtischer Krankenhäuser aus, sondern auch in zahlreichen Repressalien bis hin zu Morden von Mitgliedern der Gewerkschaft der GesundheitsarbeiterInnen ANTHOC, die sich in vielen lokalen Konflikten für die Erhaltung der gesundheitlichen Grundversorgung einsetzt. Ein ähnliches Panorama findet sich bei Gewerkschaften des staatlichen Bildungssektors6 oder den Gewerkschaften, die sich gegen die Privatisierung von Stadtwerken sowie interne Korruption stemm(t)en.
Trotz der erklärten Politik der »harten Hand« von Präsident Uribe Vélez führten die drei kolumbianischen Gewerkschaftszentralen7 im ersten Jahr seiner Amtszeit gemeinsame Streiks durch. Am 30. Oktober 2002 mobilisierten sie gegen die sich anbahnende »Arbeitsreform« und am 19. Juni 2003 gegen die Umstrukturierung, Fusionierung und Eliminierung von 41 Staatsbetrieben, darunter das Erdölunternehmen Ecopetrol, das Institut für Soziale Sicherheit (ISS) und Telecom. Jedoch werden bei den Streiks geringere TeilnehmerInnenzahlen als früher beobachtet. Für Alvaro Delgado, der die ArbeiterInnenbewegung seit vielen Jahren begleitet, stehen die Gewerkschaften trotz aller Probleme aber nicht vor dem Aus: »Die größte Mobilisierungskapazität der popularen Sektoren des Landes haben immer noch die Gewerkschaften.«

Ländliche soziale Bewegungen
Die sozialen Bewegungen auf dem Land sind von der Durchsetzung der neoliberalen Strategie am härtesten getroffen. Als organisierte Zivilbevölkerung sind sie strategisches Ziel in ressourcenreichen Gebieten, die unter Kontrolle gebracht werden sollen und den bewaffneten Akteuren (Militär/Paramilitär versus Guerilla) bei ihrem Disput um die territoriale Herrschaft gnadenlos ausgeliefert. Aber auch die wirtschaftliche Öffnung und die massive Einfuhr von Nahrungsmitteln, die zuvor im Land von kleinen und mittleren Betrieben produziert wurden, setz(t)en den ländlichen sozialen Bewegungen zu. Verschärft wird die Situation durch die Krise des Kaffeesektors, dem traditionellen Standbein der nationalen Ökonomie. Die Verarmung auf dem Land wird durch die fortschreitende Bodenkonzentration, oft infolge gewaltsamer Vertreibung, verschärft. Landwirtschaftlich nutzbare Anbauflächen werden für Viehzucht und Weiden genutzt, während die Flecken der Kleinbauernfamilien nicht groß genug sind, um sie selbst zu ernähren und die Produkte auf den Markt zu bringen.
Viele afrokolumbianisch-bäuerliche Organisationen im Pazifik-Tiefland (siehe Kasten) haben sich vor allem im letzten Jahrzehnt entwickelt. Wichtiger Impuls dafür war ihr konstitutionelles Recht auf kollektives Territorium. Ähnlich wie die Indígenas wollten
die afrokolumbianischen Gemeinden eigenes Territorium selbstbestimmt bewirtschaften und verwalten. Doch die Umsetzung der neuen Freiheiten wurde durch die makroökonomischen Pläne durchkreuzt. Ab Mitte der 90er Jahre gab es massive Vertreibungen der schwarzen Bevölkerung aus einer Region, die vorher vergessen und arm, aber nicht Epizentrum des bewaffneten Konfliktes war. Daraufhin entwickelten sich in den letzten Jahren Widerstandsprozesse von afrokolumbianischen Gemeinden und Indígena-Organisationen, die ihr Recht auf Territorium nicht aufgeben, sich gegen Abholzung und die Ausweitung von Ölpalm-Plantagen im Rahmen des »Plan Colombia« wehren und Kriterien auf Grundlage der Menschenrechtspakte und des Humanitären Völkerrechtes entwickeln, um »mitten im Krieg« kollektiv zu überleben. Ein schwieriges Unterfangen. Gilt die Region zwischen Atlantischem und Pazifischem Ozean an der Grenze zu Panama doch wegen ihrer geostrategischen Lage, ihrer Rohstoffvorkommen und ihrer Biodiversität als die »beste Ecke Amerikas«.


Anmerkungen:

1 CINEP: Centro de Investigación y Educación Popular – dt.: Zentrum für Forschung und Volksbildung

2 Archila N., Mauricio/ Delgado G., Alvaro/ García V., Martha Cecilia/ Prada M., Esmeralda (2002): 25 años de luchas sociales en Colombia. 1975 -2000. Bogotá, D.C. Ein Sammelband über 25 Jahre soziale Kämpfe in Kolumbien 1975 - 2000

3 Die Mitte der 80er Jahre gegründete Linkspartei Unión Patriótica (Patriotische Union), die infolge von Friedensverhandlungen zwischen der Guerillagruppe FARC und der Regierung von Belisario Betancur (1982 - 1986) entstand, zählt seit ihrer Entstehung über 4.000 Todesopfer, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten sowie ihre Führungspolitiker auf nationaler, lokaler und regionaler Ebene.

4 Die Nicht-Inklusion der weiblichen Form ist hier bewusst, da mehrheitlich Männer Opfer von schweren und selektiven Menschenrechtsverletzungen wie extralegalen Hinrichtungen u.ä. werden. Dies ist ein indirekter Hinweis, dass nach wie vor die Führungspositionen bei sozialen Organisationen mehr von Männern besetzt sind. Wenn sich Frauen sozial und politisch organisieren, sind sie potenziell genauso von selektiven und schweren Menschenrechtsverletzungen betroffen, wie zahlreiche Beispiele zeigen.

5 2003 registriert der linke Gewerkschaftsdachverband CUT 92 Morde an Gewerkschaftern, 87 Opfer kamen aus Mitgliedsgewerkschaften der CUT. Unter der Regierung von Álvaro Uribe ging zwar die Zahl der Morde zurück, dafür stieg aber die Zahl von massiven und willkürlichen Verhaftungen mit meist unbegründetem Terrorismus-Vorwurf sowie die Zahl von Folterungen an.

6 Die gut organisierte regionale LehrerInnengewerkschaft ASOINCA im südwestlichen Departement Cauca, die in den letzten Jahren mehrere Proteste gegen die negativen Auswirkungen der Umstrukturierung des Bildungssektors durchführte, erhielt z.B. im Januar 2004 einen Drohbrief, in dem »Friedensmilizionäre« den Vorstandsmitgliedern ankündigen, sie auf Schritt und Tritt zu verfolgen, bis nach Bogotá, Europa und in die USA.

7 Die CUT (Central Unitaria de los Trabajadores) gründete sich 1986 und vertritt heute als linker Dachverband mehr als 50 Prozent aller gewerkschaftlich organisierten ArbeitnehmerInnen. Die anderen Konföderationen sind die christdemokratische CGTD und die CTC (Confederación de Trabajadores de Colombia, früher der liberalen Partei nahe stehend).


Bettina Reis ist Soziologin und hat mehrere Jahre in Kolumbien gelebt. Ihr Schwerpunkt sind Menschenrechte und soziale Bewegungen. Der hier gekürzte und aktualisierte Beitrag erschien zuerst in: Olaf Kaltmeier, Jens Kastner, Elisabeth Tuider (Hrsg.), Neoliberalismus, Autonomie, Widerstand. Soziale Bewegungen in Kolumbien. Münster: Westfälisches Dampfboot 2004.



Die Muschelsammlerinnen von Tribugá

Am 25. Januar 2001um drei Uhr morgens überfällt eine Gruppe Paramilitärs Tribugá, ein kleines Dorf an der Pazifikküste Kolumbiens, tötet fünf seiner Einwohner und droht, weitere Menschen umzubringen, sollten sie das Dorf nicht sofort verlassen. Die Frauen, Männer und Kinder werden aus ihren Betten geholt und auf offener Straße zusammengetrieben.
In Tribugá lebten bis zu diesem Überfall 67 Familien – insgesamt 420 Menschen. Die meisten von ihnen sind in benachbarte Orte und in die größeren Städte der Region geflohen, manche haben Kolumbien verlassen. Heute, vier Jahre nach dem Überfall, leben wieder 14 Familien im Dorf. Viele ehemalige BewohnerInnen kommen nur tagsüber ins Dorf, um nach ihren Feldern und Häusern zu sehen, verbringen aber aus Angst die Nacht im 25 Fußmarschstunden entfernten Ort Nuquí. Tribugá wirkt eher wie ein Gespensterdorf. Polizei- und Gesundheitsposten sind verlassen. Es gibt zwar ein Schulhaus, jedoch keine Lehrer. Der Großteil der Häuser ist verfallen oder zerstört worden – ebenso wie die Felder. Die Unsicherheit, wieder vertrieben zu werden, ist ständige Begleiterin der Menschen. Möglichkeiten, sich ein Einkommen zu erwirtschaften, sind kaum vorhanden.
Anuncia Palacio Valencia lebt heute allein. Ihr Mann wurde umgebracht, ihre Kinder leben verstreut in ganz Kolumbien und Panama. Palacio Valencia hält sich mit diversen Tätigkeiten über Wasser; sie geht fischen, baut ein wenig Reis an, stellt ihr eigenes Palmöl her. Und sie geht Muscheln sammeln, Pianguas, die im Schlamm der Mangrovenwälder leben. Das Muschelnsammeln ist körperlich ausgesprochen anstrengend – eine Tätigkeit, die krank macht. Stundenlang stehen die Frauen bis zu den Oberschenkeln im Schlamm und im kalten Wasser und graben mit den Händen nach den Muscheln. Dabei werden sie von Krebsen, Kröten und Schlangen malträtiert – ihre Arme und Beine tragen sichtbare Spuren.
Früher sammelten die Frauen diese Muscheln nur für besondere Anlässe – für Hochzeiten, Taufen oder andere Festlichkeiten. Heute ist es mangels wirtschaftlicher Alternativen nach der Vertreibung fast die einzige Tätigkeit, die ein – wenngleich geringes – Einkommen ermöglicht. Denn die Pianguas sind in den Restaurants der größeren Städte beliebt. Mittlerweile werden sie sogar – illegal – nach Ecuador exportiert.
Die gesteigerte Nachfrage hat jedoch zu einem massiven Rückgang der Pianguas geführt. In Ecuador, wo die Mangrovenwälder für die Krabbenzucht fast gänzlich zerstört wurden, ist die Piangua ausgestorben. Auch in anderen Regionen Kolumbiens ist der Bestand gefährdet. »Seit ich sieben war, gehe ich Pianguas sammeln«, erzählt Paula Mena Moreno, »damals haben wir an guten Tagen bis zu 20 Pfund herausgeholt. Heute liegt ein Durchschnittsfang bei 2 bis 3 Pfund. Wir können nicht täglich in die Mangroven gehen – Pianguas gibt es nur bei abnehmendem Mond. Und auch die kleinen Muscheln sollten wir nicht mitnehmen. Sonst gefährden wir den ohnehin schon kleinen Bestand. Aber was sollen wir machen, wir haben keine Alternativen.«
Doch die Frauen von Tribugá geben nicht so schnell auf. Sie wollen sich Alternativen schaffen und ein Leben in ihrem Dorf wieder ermöglichen. »Heute bin ich 42 Jahre. Ich habe acht Kinder. Wir tun, was wir können, um unser Leben hier zu meistern. Doch wir sind müde. Wir brauchen Unterstützung, um etwas aufzubauen«, kommentiert Paula Mena Moreno. Die Frauen von Tribugá haben sich in einem Komitee organisiert, das mit dem Selbstverwaltungsrat in Nuquí zusammenarbeitet. Sie planen die Einrichtung von Hausgärten und wollen auch die Felder wieder bewirtschaften. So können sie sich in Zukunft selber ernähren, ein wichtiger Schritt, um ihre Existenz in Tribugá zu sichern.
Doch die Karten für die Menschen in Tribugá stehen schlecht. Bisher sind Nuquí und die nördlich und südlich an der Küste liegenden Dörfer nur im Boot oder Kleinflugzeug zu erreichen. Hinter dem Strand erstreckt sich Bergurwald, ein Teil davon Naturschutzgebiet. Doch die Regierung hat Großes vor in der Region. Es soll eine Straße vom Inland bis nach Nuquí gebaut werden. Die afrokolumbianischen Gemeinschaften, die ihre verfassungsmäßig garantierten Selbstverwaltungsrechte über ihr Territorium erfolgreich vom Staat eingefordert haben, stehen dem Straßenprojekt ambivalent gegenüber. Erhofft sich ein Teil der Bevölkerung endlich das große Wachstum und Geld, sieht der Selbstverwaltungsrat die Gefahren dieses Projekts. Zum Schutz der einzigartigen Natur der Region – kilometerlange Strände, an denen direkt der Urwald grenzt, Buchten, in denen Wale ihre Jungen aufziehen sowie eine unerschöpfliche biologische Vielfalt – fordern sie den Bau einer kleinen »Naturpark-Straße«, die zu ihrem Konzept eines ökologischen Tourismus für die Küstenregion passen würde.
Doch die Straße ist nur ein Teil des staatlichen Megaprojekts. Weitaus schwerwiegender würde sich der Bau eines Tiefseehafens auswirken. Er würde das Ende sowohl des Naturschutzgebietes wie vor allem auch der Selbstverwaltung und Kultur der afrokolumbianischen Gemeinschaften bedeuten. Auch die Ökotourismusidee hätte damit keine Zukunft mehr. Der Hafen soll an einer Flussmündung zweieinhalb Fußstunden nördlich von Nuquí gebaut werden. Dort, wo bis vor 4 Jahren noch 420 Menschen lebten, die am 25. Januar 2001 vertrieben wurden. In Tribugá. Tina Goethe