Volltext

(Artikel * 2004) Chen, Xin
Wachsende Ungleichheit Die Konsumideologie in der chinesischen Gesellschaft
in iz3w Nr. 277 * Seite 34 - 37
Themen: Konsum; Neoliberalismus * China * soziale Ungleichheit * Dok-Nr: 163402
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

China


Wachsende Ungleichheit
Die Konsumideologie in der chinesischen Gesellschaft


Um das Wachstum auch in Zeiten weltwirtschaftlicher Krisen aufrechtzuerhalten, setzt Chinas Wirtschaftspolitik zunehmend auf den Binnenkonsum. Obwohl sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Luxusgüter leisten kann und obwohl die sozialen und ökonomischen Folgen dieser Politik katastrophal sind, wird der Konsumismus zur vorherrschenden Ideologie.

von Chen Xin

In den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts reihte sich in den asiatischen Ländern eine Wirtschaftskrise an die andere. Kurz darauf sprang die Krise auf Russland, Brasilien und in andere Länder über. Dies hatte große Auswirkungen auf die globale Ökonomie, und auch Chinas Exporte erfuhren dadurch einen rapiden Verfall. Um die negativen Einflüsse einzudämmen, reagierte die chinesische Regierung mit der Umsetzung einer Reihe haushaltspolitischer und monetärer Handlungsstrategien. Diese zielten darauf ab, die Binnennachfrage zu verstärken, um den Druck durch abnehmende Exporte abzubauen und das nationale Wirtschaftswachstum anzukurbeln.
Ungefähr zwei Jahre lang gab die Regierung einige hundert Milliarden Yuan (zehn Yuan entsprechen ca. einem Euro) für infrastrukturelle Maßnahmen aus und tat alles, um den Konsum anzuregen – mit dem Ziel, ein jährliches Wirtschaftswachstum von acht Prozent aufrechtzuerhalten. Eine Zeit lang schien es, als ob für dieses sich modernisierende Land mit einer Bevölkerung von 1,3 Mrd. die größte Gefahr nicht die Rohstoffarmut oder das Bevölkerungswachstum wären, sondern die schwache Binnennachfrage und der träge Markt. So wurden die Gehälter der Regierungsangestellten erhöht und die Bankgebühren verringert. Um die heimische Nachfrage anzukurbeln, zeigte die chinesische Wirtschaftswelt all ihre Talente. Im ganzen Land setzte man Projekte um, viele Geschäfte machten einen »großen Räumungsverkauf« und es wurden Verbraucher-Kredite eingeführt. Schwacher Konsum wurde zum Feind Nummer eins der ganzen Nation erklärt. In der Folge blieb Chinas Wirtschaftswachstumrate zwischen 1998 und 2000 bei über 7 Prozent, und im Jahr 2003 betrug sie sogar 9,1 Prozent.
China entwickelte die typischen Charakteristika einer Konsumgesellschaft. Die Regierung forderte von ihrem Staatsvolk nicht länger, die Familie durch emsiges Arbeiten und sparsames Leben zu ernähren oder der chinesischen Tradition des ‚harten Kampfes’ zu folgen, sondern ermutigte es, den Konsum zu steigern. Das war das erste Mal in der Geschichte der alten chinesischen Nation, dass dem freizügigen Verbrauch eine moralische Legitimität im wahrsten Sinne des Wortes zugesprochen wurde. Mehr noch, der konsumorientierte Lebensstil wurde zur nationalen Ideologie.
Damit wurde eine wesentliche Prämisse verändert. Es wird nicht mehr für den Verbrauch produziert, sondern umgekehrt: Es wird für die Produktion konsumiert! Daraus wird abgeleitet, dass alle Bedürfnisse, die künstlich erzeugt werden können, rational sind, da sie das Wirtschaftswachstum antreiben. Bis jetzt hat jedoch weder die Marktideologie noch die Marktrealität das Problem gelöst, wie die richtige Mischung zwischen drei Elementen aufrechterhalten werden kann: zwischen den gemeinsamen Interessen der Gesellschaft, den partikularen Bedürfnissen einzelner Verbrauchergruppen und den Interessen der Produzenten.

Halb drinnen, halb draußen
Die gängige Meinung besagt, dass die Individuen in einer Marktökonomie aus ihren eigenen Interessen heraus rationale Entscheidungen treffen, die letztlich zur Maximierung des Gemeinwohles beitragen. Jedoch sieht die Wirklichkeit leider nicht so strahlend schön aus, wie es die Wirtschaftstheorie besagt.
Der Strategie, wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen, indem man den Verbrauch anregt, stehen mehrere Hindernisse im Weg. Bildlich gesprochen ist China gerade mit einem Fuß in die Konsumgesellschaft eingetreten, während der andere Fuß aus der Tür hinausgedrängt wird. Der Widerspruch zwischen der Einkommens- und der Produktionsstruktur hat die konsumorientierte Nationalökonomie in ein tiefes Dilemma gestürzt.
Die 900 Millionen gering verdienenden Bauern sowie die große Zahl der städtischen Armen können es sich immer noch nicht leisten, die riesigen Mengen von überproduzierten Konsumgütern zu kaufen. Besorgt zerbrechen sie sich den Kopf darüber, wie sie ihre Sozialversicherungsbeiträge, die Ausbildung ihrer Kinder, ihre Rentenbeiträge, ihre medizinischen Kosten und ihre Wohnungsmiete bezahlen oder wie sie mit vorübergehender oder dauerhafter Arbeitslosigkeit zurechtkommen sollen. Und seit Beginn der Finanzkrise wurden zahlreiche chinesische Arbeiter – vor allem in arbeitsintensiven Unternehmen – in eine noch schlechtere Position gedrängt. Zur gleichen Zeit haben sich die höheren Einkommensgruppen Autos, luxuriösem Wohnen, Handys und zahlreichen IT-Produkten und -Diensten und anderen meist importierten Luxusartikeln zugewandt. Daher leisten auch sie keinen Beitrag zur Förderung der Binnennachfrage.
China hat einen ungenügenden Binnenmarkt und eine zu geringe Binnennachfrage. Ein Großteil der Wirtschaftswissenschaftler jedoch sorgt sich einzig darüber, dass die chinesische Wirtschaft noch immer unregelmäßige und niedrige Überschüsse erwirtschaftet. Jedoch spiegeln der niedrige wirtschaftliche Überschuss und die verzerrte Konsumstruktur lediglich die ernstzunehmende Beeinträchtigung von Nachfrage und Bedarf wider. Die unteren Einkommensschichten sind zwar nicht in der Lage, vielen ihrer dringlichsten Bedürfnissen wie Basis-Gesundheitsversorgung und Bildung nachzukommen. Trotzdem haben sie begonnen, sich an Konsumgütern aus der Werbung und an den Wohlhabenden zu orientieren. Sie fühlen sich von den modernen Lebensstilen angezogen, die ihnen angepriesen werden.
Als kultureller Repräsentant der Interessen des globalen Kapitals stimuliert, ja zwingt die konsumorientierte Kultur und Ideologie die Bevölkerung, immerfort unnötige Güter zu erwerben, um Wirtschaftswachstum sicherzustellen, selbst wenn diese Konsumgüter nichts mit der Verbesserung der Lebensqualität der Menschen zu tun haben. Der groß angelegte Konsum hat ein Bedeutungs- und Wertesystem geschaffen, das Individuen, Unternehmen und ganze Nationen unter seine Kontrolle bringt. Die Regierungen verschiedener asiatischer Länder haben seit dem Beginn der Wirtschaftskrise in Asien politische Strategien entwickelt, um den aktiven Konsum anzuregen. Dies jedoch impliziert nur, dass die wirtschaftlichen und politischen Kräfte, die hinter dem Phänomen der konsumorientierten Kultur stehen, objektiv einen Konsens in Hinblick auf Steuerungsfunktionen zwischen Staat und Regierung hergestellt haben. Die Konsumgüterindustrie ist das vom Staat gewählte Mittel zur Erlangung seiner politischen und ökonomischen Ziele geworden.
Natürlich hat China als Entwicklungsland, inmitten der enthusiastischen Beifallsbekundungen für die herrschenden politischen, ökonomischen und kulturellen Kräfte, kaum eine Wahl. Nichtsdestotrotz muss China seine Entwicklungsvorstellungen und -methoden neu überdenken, da das Land in den nächsten fünfzig Jahren eine Bevölkerung von 1,6 Milliarden Menschen haben wird. China besitzt relativ wenig Kapital, Technologien und Rohstoffe und ist mit sich verschlechternden ökologischen Bedingungen konfrontiert. Die Konsequenzen der konsumorientierten Lebensweise stellen daher eine riesige Herausforderung dar, derer wir uns annehmen werden müssen.

Keine Lösung für die Armen
Kann die chinesische Bevölkerung die luxuriöse Beute des Konsumismus unter sich aufteilen? Bereits in einem 1997 veröffentlichten Bericht mit dem Titel »Sharing the Continuously Rising Income« stellt die Weltbank fest: Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in China größer als in den Industrieländern, in anderen Ländern Ostasiens, in der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa. Ironischerweise widersprechen diese Feststellungen dem Titel des Berichts. Der zu verteilende Kuchen wird zwar immer größer, aber das Problem, wie man ihn auf gerechte und vernünftige Weise in Stücke schneiden und verteilen kann, wird immer offensichtlicher.
Neueste Verbraucherumfragen zeigen, dass die Nachfrage nach teuren dauerhaften Konsumgütern wie Farbfernsehgeräten, Kühlschränken, Waschmaschinen und Hifi-Anlagen, die in China erst ab Mitte der 1980er Jahre populär wurden, bereits Ende der 90er Jahre gesättigt war. Heute richten sich die Bedürfnisse der Stadtbewohner darauf, verbesserte Modelle zu kaufen. Zugleich steigt die Nachfrage nach Wohnungseinrichtungen, hochwertiger Haushaltsausstattung und Automobilen immer mehr. Im Jahr 2001 wurden 2,3 Millionen Autos verkauft, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Gegensatz zu früheren Jahren wurden die Autos außerdem mehrheitlich von Privatleuten erworben, nicht mehr vom öffentlichen Sektor. Ebenso erfuhren private Wohnimmobilien 2001 eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent.
Die Wohlhabenden in den Städten geben inzwischen zehntausende Yuan für den Konsum aus, während sich viele der ländlichen Verbrauchergruppen nicht einmal einen tausend Yuan teuren Farbfernseher leisten können. Der Besitz von Geräten wie Fernseher, Waschmaschinen und Kassettenrekorder beträgt hier – verglichen mit den Stadtbewohnern – nur ein Viertel bis ein Drittel. Die Mittel- und Großverdiener konsumieren großzügig Coca Cola, Milch, Fruchtsaft, bekannte Markenzigaretten und -weine, während es 50 bis 60 Millionen Landbewohnern noch immer an Trinkwasser fehlt. Und während die kaufkräftige Minderheit mehrere hundert oder sogar mehrere tausend Yuan für Kosmetika und Gesundheitsartikel ausgibt, erhält die Mehrzahl der 900 Millionen Landbewohner und der städtischen niedrigen Einkommensgruppen nicht einmal eine Basisgesundheitsversorgung. Angesichts der mangelhaften Befriedigung grundlegender Lebensbedürfnisse der unteren Einkommensgruppen hat die konsumorientierte Lebensweise also keine Lösung gebracht. Im Gegenteil, sie hat den wirtschaftlichen und psychologischen Druck auf diese Gruppen verstärkt. Die Betroffenen sind nicht nur mit den alltäglichen Lebensschwierigkeiten konfrontiert, sondern müssen zusätzlich der Versuchung durch die so genannten modernen Konsumstandards und den vorherrschenden Moden widerstehen. Die Disparitäten im Konsumverhalten haben von Frustration und Ärger geprägte Handlungsweisen sowie neue Schicht- und Klassenunterschiede erzeugt, die nicht unterschätzt werden dürfen. Die wachsenden Spannungen zwischen der Partei und dem Volk, den Führern und den Massen, den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern sind klare Manifestationen solcher Antagonismen. Sie zeigen sich im Anwachsen immer schlimmerer krimineller Aktivitäten, in kollektiven Appellen an die Autoritäten, in Protesten und Demonstrationen und selbst in Krawallen unterschiedlichster Art.
Manche Wirtschaftswissenschaftler behaupten, das alles seien nichts als unausweichliche und natürliche »Übergangsphänomene« in der Periode der sozialen und institutionellen Transformation. Sie behaupten, dass der Kuchen noch nicht groß genug sei, und dass noch keine angemessenen Regeln zur Teilung und Verteilung des Kuchens geschaffen seien. Diese Auffassung gründet auf der Annahme, dass Chinas Entwicklung einen vorgeschriebenen Weg einschlagen kann. Wenn das zutrifft, dann muss die Frage beantwortet werden, nach welchem Modell sich unser »sozialer institutioneller Übergang« ausrichtet: nach dem amerikanischen oder nach dem westeuropäischen Modell? Nach dem japanischen oder nach dem Modell Osteuropas, Nordeuropas, Russlands oder Südamerikas?

Massenhaft offene Fragen
Wenn wir die notwendigen Bedingungen für die Entwicklung der Industriegesellschaften in Europa und Nordamerika aufzählen, kommen folgende Fragen auf: Kann man China hinsichtlich der natürlichen Ressourcen pro Kopf (Agrarland, Süßwasser, Wälder usw.) und hinsichtlich der historischen Chancen (inklusive Kolonisierung, Emigration und groß angelegte Angriffskriege) mit diesen Ländern vergleichen? Wie lange haben die Industrieländer gebraucht, um unter den gegebenen Bedingungen ihre Ziele zu verwirklichen? Wie lange werden wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen? Wir haben in China die letzten fünfzig oder sogar hundert Jahre damit zugebracht, nach dem Weg zur Modernisierung zu suchen. Chinas »institutioneller Übergang« dauert auch schon zwanzig Jahre lang. Wie viel länger werden wir noch brauchen? Zwanzig, fünfzig oder hundert Jahre? Wird Chinas Bevölkerung währenddessen die weit verbreitete Korruption, die großflächige Umweltverschmutzung und den moralischen Verfall tolerieren? Und selbst wenn China ein zweites Amerika oder Japan würde, wäre damit die Geschichte zu Ende?
Eine weitere Frage ist, wie groß der zu verteilende Kuchen werden soll. Die Kuchen Amerikas und der anderen entwickelten Nationen werden unter Zuhilfenahme der ganzen Welt ständig vergrößert. Sind sie nicht schon groß genug? Fragen Sie doch mal die Industrienationen, ob sie mit ihrem Kuchen zufrieden sind oder nicht. Die letzte Frage ist: Wer wird die Regeln aufstellen, die die (Ver-)Teilung des Kuchens bestimmen? Wie sieht die Legitimität dieser Regeln aus? Können die durch die Industrienationen bestimmten Regeln für die Verteilung des globalen Kuchens auch unsere Bedürfnisse erfüllen (sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes)?
Die Vereinigten Staaten und andere westliche Industrieländer haben ihre konsumorientierte Lebensweise erlangt, indem sie globale Ressourcen verbraucht und die globale Umwelt zerstört haben. Auch China versorgt die USA unter den Bedingungen des ungleichen Tausches mit Ressourcen. Zugleich werden im eigenen Land die Ressourcen der unteren Einkommensgruppen und der unterentwickelten Regionen auch zu den selben ungleichen Austauschbedingungen gehandelt. Nur deshalb kann das Land einen kleinen Teil der Bevölkerung darin unterstützen, mit dem konsumorientierten Lebensstil der reichen Länder mitzuhalten.
Wenn mehr als eine Milliarde Menschen dem konsumorientierten Lebensstil auf breiter Basis folgen würden, dann zum Preis der Zerstörung der Umwelt. Daraus würden aber noch mehr politische, ökonomische, soziale und ökologische Probleme folgen. Kann diese Logik durchgehalten werden? Wenn sie als machbar angesehen wird, dann muss folgende Annahme dahinterstehen: Die Mehrheit der niederen Einkommensgruppen und der Landbewohner werden für immer die Gelackmeierten bleiben. Falls China es aufgrund historischer, politischer, ökonomischer sowie ökologischer Restriktionen nicht schaffen sollte, das präsentierte Bild des »glücklichen Lebens« zu verwirklichen, dann wird die konsumorientierte Kultur die Realität nicht legitimieren, sondern umstürzen, so viel ist sicher.
Der Staat stellt zwar riesige Geldsummen zur Verfügung, um die Olympischen Spiele zu finanzieren, Eisenbahnen im ganzen Land zu bauen, immer bessere Geschäftswagen für die Regierungsbehörden anzuschaffen, immer größere Bürogebäude zu errichten und immer mehr für Verwaltungsaktivitäten auszugeben. Die finanzielle Unterstützung für die Grundausbildung oder die Basisgesundheitsversorgung in den weiten ländlichen Regionen, vor allem in den verarmten Regionen, ist hingegen nicht ausreichend. Soll das als Normalzustand hingenommen werden?
China besitzt als Entwicklungsland weder genug Kapital noch genug technologischen Vorsprung. Momentan beläuft sich Chinas Agrarfläche pro Kopf auf nur ein Drittel des weltweiten Durchschnitts. Seine Wasserreserven betragen ein Viertel und seine Ölreserven ein Achtel. Unser so genannter komparativer »Vorteil« durch billige Arbeitskräfte basiert auf ungerechtem Austausch und sogar auf blutiger Plünderei. Die groß angelegte Nutzung dieses »Vorteils« schafft nicht nur innerhalb des Landes offensichtlich soziale Probleme, sondern wird China auch auf dem globalen Arbeitsmarkt weiterhin in einer marginalen Position belassen.

Die »chinesische Bedrohung«
Nehmen wir einmal an, dass China die vielfältigen politischen und ökonomischen Restriktionen durchbrechen kann, die dem Land durch das Weltsystem auferlegt worden sind. Nehmen wir an, wir überblickten die negativen sozialen und ökonomischen Konsequenzen, die das momentane Entwicklungsmodell in sich birgt, und nehmen wir an, China könnte die Kosten, die das Entwicklungsmodell der Industrienationen mit sich bringt, tragen. Dann wird Chinas Wirtschaft in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren vier bis acht mal so groß werden wie die des heutigen Japans. Kann die Welt eine solche Realität akzeptieren? Kann diese Welt ein zusätzliches Konsumangebot bereitstellen, das zweimal so groß sein müsste wie das von ganz Westeuropa, Japan und den Vereinigten Staaten zusammen? Einige globale Beobachter betrachten die so genannte »chinesische Bedrohung« bereits mit großer Sorge, auch wenn ein Großteil dieser Angst de facto durch unsere eigene unvernünftige Angeberei hervorgerufen wurde.
Um ein ungefähres Bild von den Konsequenzen des konsumorientierten Entwicklungsmodells zu zeichnen, ist es notwendig, sich immer wieder die folgenden Statistiken vor Augen zu führen. Die Menge an Elektrizität, die während des Sommers in den USA durch Klimaanlagen verbraucht wird, übersteigt Chinas Verbrauch während eines ganzen Jahres. Um seine Lebensweise aufrechtzuerhalten, muss ein Amerikaner 10,3 Hektar der weltweiten Fläche verbrauchen, eine Person aus Hongkong 6 Hektar und eine Person aus Peking 3,8 Hektar. Um das Angebot an Rindfleisch für McDonald’s sicherzustellen, werden jedes Jahr in Südamerika große Flächen Regenwald zerstört und in Tierfarmen umgewandelt. Dies bedeutet, dass jeder Hamburger ein Stück Wald zerstört, das so groß ist wie die Fläche einer Küche. Der Bevölkerungsanteil von Ländern mit hohem Einkommen beträgt 16 Prozent der gesamten Weltbevölkerung, diese verbrauchen aber fast 60 Prozent der globalen Rohstoffe; zum Treibhauseffekt tragen sie mit 50 Prozent bei. Ebenso sind sie für den größten Anteil an der Zerstörung der Ozonschicht verantwortlich.
Die Lebensweise im amerikanischen Stil basiert auf einem riesigen Ressourcenverbrauch und auf einer enormen Umweltzerstörung. 1995 verbrauchten die Industrieländer 54,9 Prozent des globalen Energieverbrauchs, die Entwicklungsländer nur 30,9 Prozent. Neunzig Pro zent der jährlich zehn Milliarden Tonnen Müll kommen von den Industrieländern. 500 Millionen Tonnen davon sind giftig. 1990 verklappten allein die USA 571.000 Tonnen dieses Giftmülls im Meer. Chinas durchschnittliches Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt betrug im Jahr 2000 weniger als vier Prozent von dem der USA. Berücksichtigt man das Bevölkerungswachstum, dann würde China selbst bei einer nur halb so großen Pro-Kopf-Wirtschaftleistung wie in den USA sechsmal soviel Ausstoß haben, was die Produktion, den Verbrauch und die Umweltverschmutzung anbelangt. Was wird passieren, wenn die ganze Welt weiterhin diesem konsumorientierten Lebensstil praktiziert?
Es scheint, als ob Marktfundamentalisten und -Romantiker glauben, dass die oben genannten Probleme letztlich auf vernünftigem Wege gelöst werden könnten. Es heißt, dass der Bau eines globalen Dorfes, das auf amerikanischen Werten und der WTO fußt, zu globalem Wohlstand führe. Die WTO und die westliche Marktwirtschaft erfahren unter den meisten chinesischen Staatsangehörigen, inklusive vieler Gebildeter und Regierungsangestellter, weitaus mehr Zustimmung und Akzeptanz als Reflexion und Kritik. China folgt eher den von den Industrieländern geleiteten globalen Planspielen der WTO, als dass es aktiv an der WTO teilnähme. Zur unausgesprochenen Agenda der WTO gehört, die momentane Arbeitsteilung des globalen Marktes und die jeweiligen Interessen zu festigen. Sicherlich mag China in mancherlei Hinsicht in der Lage sein, einige Spiele in der WTO gewinnen. Doch werden dadurch die durch den Konsumismus hervorgebrachten ökonomischen und sozialen Probleme nicht verschwinden.

Ohne materielle Basis
Aus einem umfassenderen Blickwinkel gesehen, kann das Vorherrschen des Konsumismus in China nur negative Auswirkungen auf die gemeinsame nachhaltige Entwicklung der Welt mit sich bringen. Die konsumorientierte Ideologie hat dazu beigetragen, die Ungleichheit der Menschheit zu legitimieren und zu festigen. Das nach der Lebensweise der westlichen Industrienationen gestaltete Bild vom »glücklichen Leben« wird entweder eine Illusion oder ein exklusives Privileg einiger weniger sein. Aus der Perspektive der nachhaltigen Entwicklung gibt es keine materielle Basis für einen global unbegrenzten Konsumismus. Die Lebensweise der Industrienationen kann nicht zur allgemeinen Orientierung für die weltweite Entwicklung werden. Es gibt keinen inhärenten positiven Zusammenhang zwischen der konsumorientierten Lebensweise und der weltweiten Verbesserung der menschlichen Lebensqualität.
Chinas ökonomischer und sozialer Entwicklungsprozess benötigt eine globale Perspektive, denn es ist eine Bevölkerungs-Supermacht; die Zahl seiner Einwohner beträgt ein Fünftel bis ein Viertel der Weltbevölkerung. Vor dem Hintergrund der Globalisierung wird eine einzige Bewegung Chinas Auswirkungen auf die ganze Welt nach sich ziehen und umgekehrt. Wenn man die Marktwirtschaft als Entwicklungsoption heranzieht, ist es daher sehr wichtig, die Ziele der Entwicklung zu definieren. Die Analyse und Kritik der konsumorientierten Ideologie will herausstellen, dass diese nicht der einzige Weg zu sozialer Entwicklung in der Moderne ist, sondern lediglich ein partikularer Weg, die eng gefassten Interessen der Kapitalreproduktion zu verfolgen.


Chen Xin ist Professor für Soziologie an der Chinese Academy of Social Sciences. Er arbeitet vor allem über ländliche Armut, Armutsbekämpfung und Cultural Studies. Die ungekürzte Originalfassung des Artikels erschien unter dem Titel »New Development of Consumerism in Chinese Society in the Late 1990s« in China Reflected, Asian Exchange Vol. 18/19, No. 1/ 2, S. 162 – 175.
Übersetzung aus dem Englischen: Stefanie Lämmermann