Volltext

(Artikel * 2004) Günther, Stephan; Azzellini, Dario
Aneignung - das Ende der Bescheidenheit ? Soziale Umwälzung von unten ! / Ein bißchen mehr Bescheidenheit !
in iz3w Nr. 277 * Seite 6 - 7
Themen: Besitzverhältnisse; Selbsthilfe * Kontroverse * Dok-Nr: 163385
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kontroverse

Aneignung – das Ende der Bescheidenheit?

Fabrikbesetzungen in Argentinien, illegale Musik-Downloads im Internet oder Reclaim-the Streets-Partys im öffentlichen Raum: Die Formen widerständiger (Wieder-)Aneignung von gesellschaftlichem Reichtum sind vielfältig. Gegen die neoliberalen Privatisierungsprozesse, die Zahlungsschwache von der Teilhabe an Allgemeingütern ausschließen, richten sich mittlerweile zahlreiche Kampagnen
der Linken. So auch der diesjährige Bundeskongress (BUKO) der Bundeskoordination Internationalismus in Kassel, der vom 20. bis 23. Mai unter dem Titel »Das Ende der Bescheidenheit – Aneignung« zahlreiche Initiativen und Ansätze aus aller Welt diskutieren will.
In unserer Kontroverse begründet Dario Azzellini, warum er in »Aneignung« ein geeignetes Konzept zur Wiedergewinnung von Selbstbestimmung sieht. Stephan Günther warnt davor, in Aneignungshandlungen ein Rezept für Gesellschaftsveränderung zu erblicken.



Soziale Umwälzung von unten!

von Dario Azzellini

Das Thema »Aneignung« ist angesagt: Die Zeitschrift Arranca! der Berliner Gruppe FelS macht zwei Schwerpunkthefte dazu, der diesjährige BUKO hat »Aneignung« zum zentralen Thema, der im vergangenen Jahr entstandenen »Berlin umsonst«-Kampagne folgen inzwischen zahlreiche weitere Umsonst-Kampagnen in anderen Städten... Warum stößt »Aneignung« auf so viel Zuspruch? Wird darin die strategische Möglichkeit gesehen, als Linke aus der Defensive herauszukommen und wieder mehr Zustimmung zu ernten? Ja, auch. Es geht darum, die langjährige linksradikale »Strategie der Opposition« (so Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in ihrem Buch »Hegemonie und radikale Demokratie«), durch eine »Strategie der Konstruktion einer neuen Ordnung« zu ersetzen.
Angesichts der zunehmenden Enteignung und Entfremdung entspricht »Aneignung« einem Bedürfnis vieler Menschen, Lebensbereiche möglichst unter die eigene Kontrolle zu bringen – mögen sie manchmal noch so banal erscheinen, wie etwa das Recht, sich auf öffentlichen Plätzen und in Parks aufhalten zu dürfen. Zugleich ist »Aneignung« die Antwort auf traditionelle Konzepte gesellschaftlicher Umwälzung, die als Veränderung »von oben« konzipiert wurden. So sind »Aneignungsbewegungen« unterschiedlicher Art weltweit zu beobachten, sei es in Venezuela oder in Chiapas, in Argentinien oder Brasilien, Indien, Hamburg oder Berlin.
Eine von entlassenen ArbeiterInnen besetzte Fabrik macht doch noch keinen Kommunismus, mag da ein Einwand lauten. Sicher, aber ein theoretisch versierter Kapital-Lesezirkel auch nicht. Die Realität ist eben nicht so sauber wie Papier, und wer in die Praxis will, wird nicht umhin kommen, sich die Hände »schmutzig zu machen«. Die Zeiten des »radikalen Bruchs« sind vorbei (wenn sie angesichts der nicht gerade ermutigenden Resultate überhaupt jemals angebrochen waren). Die globale Militärmaschinerie des Empire und der umfassende Zugriff des Kapitals bis in die letzte Ecke des Globus machen die Option der »Revolution« als radikalen Bruch immer unwahrscheinlicher. Doch je härter die Zeiten für linke Umwälzungsbewegungen werden, je umfassender der hegemoniale Machtanspruch des kapitalistischen Systems sich gestaltet, desto lauter denunzieren die Apologeten der reinen Lehre jede politische Aktion jenseits der Revolution (verstanden als radikaler Bruch mit dem Bestehenden) als Reformismus und Integration in das kapitalistische System.
In der Tat hat der moderne Kapitalismus eine enorme integrative Kraft (auch wenn sich seine neoliberale Variante in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend stärker um Marginalisierung und Exklusion bemüht). Das dürfte spätestens seit dem kommunistischen Hegemonietheoretiker Gramsci bekannt sein. Doch ebenso dürfte durch ihn bekannt sein, dass die Zeiten des Sturms auf das Winterpalais in einer komplexen kapitalistischen Gesellschaft vorbei sind. Es gilt eine linke Präsenz und eben auch Hegemonie in den verschiedensten »Schützengräben des Systems« auf- und auszubauen. Dabei sind sowohl die »Schützengräben« wie auch die Widersprüche heute vielfältiger als noch von Gramsci beschrieben (siehe hierfür die Erweiterung durch Chantal Mouffe und Ernesto Laclau).
Wichtig sind dabei vor allem die Erfahrungen von Aneignung in kollektiver Form. Damit sollen konkrete Ansatzpunkte für soziale Kämpfe gesucht werden, die Möglichkeiten zur Verschiebung hegemonialer Diskurse enthalten und gesellschaftliche Alternativen greif- und denkbarer machen. Die Arranca!-Redaktion hält dazu fest: »politisch-subversiv werden diese Formen der Aneignung für uns erst unter zwei Bedingungen: zum einen durch den Übergang von der individuellen zur kollektiven Aneignung und zum anderen mit der diskursiven Integration in ein hegemoniebestrebtes linksradikales Projekt«.
Die Erfahrungen von selbst organisierter Produktion und den – in einer globalisierten Welt zugegebenermaßen kleinen – Spielräumen für den Aufbau einer anderen Arbeitsweise sollten nicht unterschätzt werden. Die dort (und nicht nur dort) gewonnenen Erfahrungen sind grundlegend für die Gestaltung einer neuen Gesellschaft. Zumal in vielen Fällen diese Aneignungsprozesse nur als erster Schritt in einem längeren Kampf um gesellschaftliche Transformation angesehen werden. So ist von venezolanischen ArbeiterInnen aus besetzten Fabriken durchaus zu vernehmen, es handele sich bei den von ihnen vorgeschlagenen Modellen der Mitverwaltung (die sich auch auf die Leitung der Unternehmen beziehen) um ein Übergangsmodell, Ziel sei letztlich die »vollständige ArbeiterInnenkontrolle der Kernindustrien«.
Ein überzeugendes und vielversprechendes Modell für eine radikale und sofortige gesellschaftliche Umwälzung ist am Horizont nicht zu erblicken. Daher besteht der einzige gangbare Weg in der breit angelegten
Aneignung in allen Lebensbereichen. Wie Mosaiksteine müssen diese verschiedensten Bewegungen zusammengefügt werden zu einem – sicherlich nicht widerspruchsfreien – neuen gesellschaftlichen Projekt. Damit wird hoffentlich vermieden werden können, dass bestimmte Sektoren aus dem Projekt ausgeschlossen bleiben. Zugleich dürfte, da aus der Basis erwachsen, das Projekt auf soliden Füßen stehen. Für die Aneignung der Welt, die uns sowieso gehört!


Dario Azzellini ist freier Journalist und Arranca!-Redakteur.




Ein bisschen mehr Bescheidenheit!

von Stephan Günther

»Aneignung« – schon der Begriff zeigt, dass die mit ihm verbundene Kampagne kaum mehr ist als der Versuch einer Reaktivierung sozialistischer und sozialdemokratischer Vorstellungen von Klassenkampf. »Aneignung« spielt an auf die Ware, die es zu ergattern gilt. Es geht letztlich um die alte Forderung nach Umverteilung, die sich in der Verklärung vom »kollektiven Klauen im Supermarkt« oder der »gemeinsamen Nutzung von Softwareprodukten« (BUKO-Aufruf) mehr oder weniger verbalradikal Ausdruck verleiht.
Doch die Aneigner proklamieren, dass es ihnen nicht nur um Teilhabe geht – hier ein paar gestohlene Brötchen, dort eine illegal kopierte CD – sondern um ein politisches Projekt. Schließlich ist die neue Aneignungsbewegung Teil der globalisierungskritischen Bewegung: »Wer über den bundesdeutschen Tellerrand hinausblickt, stellt fest, dass sich in anderen Ländern längst starke Bewegungen formiert haben: Die Proteste gegen den Krieg im Irak und die neoimperiale Weltordnung, die studentischen Streiks, die Demonstrationen und Aktionstage gegen Sozialabbau verdeutlichen dies.« (Kasseler BUKO-Vorbereitungsgruppe).
Die in solcherlei Analysen zum Ausdruck kommende Suche nach einem starken »Wir«, nach neuer kollektiver Identität, lässt Differenzierungen weder bei den Akteuren (Kriegsgegner, Studenten und Gewerkschafter wollen offenbar alle irgendwie dasselbe) noch bei deren Zielen zu: »Menschen versuchen«, so der BUKO-Aufruf, »sich das, was sie zum Leben brauchen, selbst zu organisieren, ohne auf die Hilfe von staatlichen Instanzen zu warten. Das reicht von den Versuchen, eigenständige Netzwerke zu entwickeln, um die soziale Reproduktion zu sichern, bis zur Migration als Bewegung, die sich auch durch die Festung Europa nicht stoppen lässt; (...) von neuen Ansätzen, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Arbeitszwang zur Wehr zu setzen, bis zu Fabrikbesetzungen; vom Widerstand gegen Segregation und zugeschriebene kulturelle und Geschlechtsidentitäten zu hybriden Selbstverortungen.«
Dieser Wunsch, das Leben kollektiv selbst bestimmen zu können, ist so alt wie die Agitprop-Songs von Ton Steine Scherben (»Wir nehmen uns, was wir brauchen, und zwar jetzt«) oder Pippi Langstrumpf (»Wir machen uns die Welt, wiewiewiewie sie uns gefällt«). Es ist ja auch tatsächlich schöner, in einem Projekt zu arbeiten, das die Gesetze des Marktes nicht in den Vordergrund stellt, als in einer Firma, die Effizienz zur Maxime allen Handelns macht. Es ist angenehmer, ohne Chef zu arbeiten, in Strukturen, die Basisdemokratie zumindest anstreben. Und es ist ermutigend zu sehen, dass es immer mal wieder möglich ist, sich diese Freiheiten einfach zu nehmen: Für die ArbeiterInnen in Argentinien, wenn sie eine Fabrik in Eigenregie übernehmen. Für die Landlosen in Brasilien, wenn sie die benötigten Felder besetzen. Oder für die Kulturschaffenden auf dem Prenzlauer Berg, die sich ein Haus nehmen, bis sie geräumt werden oder es kaufen können.
Soweit, so nett. Im Ganzen aber bleibt diese Art von Projektarbeit nicht viel mehr als eine Ich-AG mit politischem Anspruch. Denn die Fabrikbesetzer in Argentinien begeben sich mit allem auf den Markt, was sie zu bieten haben: Niedrige Löhne, billige Produktionsbedingungen, absolute Flexibilität mit mal Überstunden und mal Kurzarbeit. Wie in jedem anderen Betrieb diktiert die Nachfrage das Geschehen. Vor ähnlichen Problemen stehen die Kleinbauern und Landlosen, die ihre fehlende Konkurrenzfähigkeit mit einem Mehr an Arbeit und einem Weniger an Lohn ausgleichen müssen, fehlt ihnen doch anders als den benachbarten Großgrundbesitzern der Maschinenpark und vieles andere, das die Landwirtschaft effizienter macht.
Ob Aneignung also durch Diebstahl oder Selbstausbeutung, ob aus Revolutionsromantik oder aus purer Not geschieht – es geht meist um die schlichte Teilhabe am Markt. Diese sei auch den BUKO-AktivistInnen zugestanden, die ein »Ende der Bescheidenheit« fordern. In der politischen Bewertung von »Aneignung« stünde ihnen ein wenig mehr an Bescheidenheit allerdings gut zu Gesicht.


Stephan Günther ist Mitarbeiter im iz3w.