Volltext

(Artikel * 2005) Kößler, Reinhart
It's capitalism, stupid! Die Wirklichkeit der Süd-Süd-Kooperation
in iz3w Nr. 287 * Seite 18 - 19
Themen: ASEAN; Freihandelsabkommen; Welthandel; MERCOSUR; NAFTA * OECD; OPEC; ECOWAS; Neue Weltwirtschaftsordnung; Süd-Süd-Kooperation * Dok-Nr: 162671
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Süd-Süd-Beziehungen

It’s capitalism, stupid!
Die Wirklichkeit der Süd-Süd-Kooperation

Was vor 30 Jahren in der entwicklungspolitischen Debatte als notwendiger Schritt zu einer neuen Weltwirtschaftsordnung gesehen wurde, ist inzwischen Teil der alten geworden. Die verstärkte Süd-Süd-Kooperation führt zwar zu weniger Abhängigkeiten des Südens vom Norden. Dies findet jedoch innerhalb des kapitalistischen Weltmarkts statt, nicht als Opposition zu ihm.


von Reinhart Kößler

Es ist eine alte Forderung, ja für viele geradezu ein lange Zeit unerfüllbar erscheinender Wunschtraum: Die Länder der Dritten Welt sollten sich aus ihrer Abhängigkeit von den entwickelten Industriestaaten, von ihrer Fixierung auf die einstigen Kolonialmächte endlich lösen und so die Möglichkeit erhalten, frei von den alten Beschränkungen Beziehungen zum gegenseitigen Vorteil aufzunehmen. Die fast ausschließlich auf den Westen bezogene hierarchische Struktur der Weltwirtschaft sollte demzufolge durch ein vielgestaltiges Geflecht von Austauschbeziehungen abgelöst werden. Dazu schien es freilich immer erforderlich, auch die Spielregeln des Welthandels und der Weltwirtschaft grundlegend zu ändern.
Vor allem in den 1970er Jahren wurden diese grundlegenden Fragen auf Regierungsebene im Rahmen von aufeinander aufbauenden UNCTAD-Konferenzen verhandelt (siehe Glossar Seite 20). In dieser Debatte um eine »Neue Weltwirtschaftsordnung« (NWWO) war das Verhältnis zwischen Norden und Süden die eigentlich vordringliche Frage, obwohl etwa im Sinne einer »collective self-reliance« die Kooperation von Ländern des Südens untereinander ebenfalls diskutiert wurde. Letzteres Konzept enthält die der NWWO zumindest partiell gegenläufige Perspektive, nicht auf einen Umbau des Weltmarktes, sondern auf den teilweisen und womöglich kollektiven Rückzug der Länder des Südens vom Weltmarkt zu setzen.

Mit Petrodollars in die Krise
Alle diese Überlegungen traten angesichts der Umwälzungen der 1980er Jahre in den Hintergrund, als die Verschuldungskrisen zum Hebel wurden, mit dem die internationalen Finanzinstitutionen in so gut wie sämtlichen Ländern der Dritten Welt die Durchsetzung von neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen und damit einhergehender Deregulierung und Marktöffnung erzwangen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Schuldenfalle, in die nacheinander fast alle Länder des Südens gerieten, in wesentlichen Teilen Resultat eines kurzfristig erfolgreichen Versuchs einer bestimmten Gruppe unter ihnen (nämlich der in der Organisation erdölexportierender Länder OPEC zusammengeschlossenen Staaten) war, die Dominanz des Nordens an einer strategischen Stelle zu durchbrechen: Das Kartell der Erdölförderländer funktionierte so gut, dass es nicht allein die Erdölschocks bewirkte, die 1973 und 1978/79 die Weltwirtschaft erschütterten. Mit der Preissteigerung für Rohöl kam es auch geradezu zu einer Schwemme an so genannten Petrodollars, die von westlichen Großbanken unter anderem in Anleihen an Staaten der Dritten Welt verwandelt wurden. Mit dem steilen Anstieg des Dollarkurses seit Beginn der 1980er Jahre wurde der Schuldendienst für viele dieser Länder nicht mehr bezahlbar, ganz abgesehen von der fragwürdigen Verwendung vieler Anleihen. Indem die OPEC-Länder ihre Marktmacht ausspielten, konnten sich zwar in einigen von ihnen vor allem ihre Eliten ein etwas größeres Stück vom globalen Kuchen abschneiden und die Entwicklung einleiten, die heute vor allem am Persisch-Arabischen Golf zu besichtigen ist. Zugleich unterstreicht dies aber, dass die Ausnutzung einer solchen dominanten Marktposition eher partikulare, auf Eigeninteressen orientierte Strategien begünstigt hat.
Seit Mitte der 1980er Jahre ist eine Differenzierung des globalen Südens unverkennbar geworden. Den neu sich industrialisierenden, schließlich gar neu industrialisierten Ländern im Fernen Osten stehen heute zwangsabgekoppelte Regionen gegenüber, die in großen Teilen Afrikas südlich der Sahara, aber auch in Südasien zu den »schwarzen Löchern« der Weltgesellschaft zählen. Zwischen diesen polaren Fällen tat sich ein weites Spektrum unterschiedlicher nationaler Entwicklungswege auf. Vielen Entwicklungstheoretikern erschien daher die Bezeichnung »Dritte Welt« aus sozialstrukturellen Gründen als obsolet – die Unterschiede waren einfach zu groß, die Problemlagen zu divergent geworden.
Eng damit verknüpft war der weitere Grund, aus dem das »Ende der Dritten Welt« erst von Nigel Harris für das anglophone und einige Jahre später von Ulrich Menzel für das (west-)deutsche Publikum verkündet wurde: Gerade angesichts der großen Heterogenität der so zusammengefassten Länder war ein gemeinsames Agieren auf globaler oder regionaler Ebene immer weniger vorstellbar geworden. Mit dem Ende der weltpolitischen Blockkonfrontation entfiel auch der letztlich entscheidende strukturelle Hintergrund für die Bewegung der Blockfreien, die einen wesentlichen Resonanzboden für die Organisierung und Artikulation der Dritten Welt dargestellt hatte. Auch hielt der sozioökonomische Differenzierungsprozess im globalen Süden an, mit dem Auftreten von Schwellenländern der zweiten und dritten Generation in Südostasien und bis hin zur Aufnahme Südkoreas und Mexikos in die OECD, was – auf wie fragwürdiger Grundlage auch immer – der Anerkennung als »entwickelte« Volkswirtschaften entspricht.

Regionale Integration …
Doch wie das Sprichwort sagt: Totgesagte leben länger. Spätestens nach den ersten Erfahrungen mit der 1995 gegründeten Welthandelsorganisation WTO meldete sich der globale Süden als vernehmbare und zumindest leidlich koordinierte Kraft auf der Weltbühne zurück. Die WTO-Ministerratstreffen in Seattle (1999) und Cancún (2003) stehen zumindest für beachtliche Blockademacht und insoweit auch für eine Aktionseinheit, wie sie die Rede vom »Ende der Dritten Welt« nicht (mehr) hatte vermuten lassen. Doch es ist unübersehbar, dass sich die gesamte Szenerie grundlegend verändert hatte, gerade auch aufgrund der Industrialisierungsschübe, die mit der Differenzierung der Dritten Welt einhergegangen waren und mit der explosionsartigen industriekapitalistischen Entwicklung Chinas derzeitig noch eine massive Steigerung erfahren. Große Teile der industriellen Produktion sind in teils veränderter Form in die neuen industriellen Regionen der Welt verlagert worden, Dortmunder Stahlwerke sogar ganz konkret ins chinesische Wuhan.
Das sind allerdings nur die jüngsten Schritte einer Veränderung der internationalen Arbeitsteilung in der Weltwirtschaft, die seit Mitte der 1970er Jahre in Gang gekommen ist und die Strukturen umgewälzt hat, die mit dem Einsetzen der industriellen Revolution in England Ende des 18. Jahrhunderts etabliert worden waren. Hatte der industrialisierte Westen gut zwei Jahrhunderte lang Rohstoffe und Energieträger importiert und verarbeitete Produkte exportiert, so haben sich jetzt die Industrieregionen vervielfacht, und partiell ist es zur Deindustrialisierung der alten Industrieländer gekommen. Das hat neue Voraussetzungen für Süd-Süd-Kooperationen geschaffen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die alten Wunschvorstellungen seien wenigstens ein Stück weit Wirklichkeit geworden.
Es ist eine Vielzahl von regionalen Süd-Süd-Kooperationszusammenhängen entstanden, die teils – wie besonders ASEAN/AFTA – noch aus den Zeiten des Kalten Krieges stammen, inzwischen aber ihr Profil deutlich verändert haben. Großteils aber sind sie Folge des Drucks durch den expandierenden Weltmarkt, der zu stärkeren Verflechtungen zwischen den Volkswirtschaften geführt und eine engere Zusammenarbeit notwendig gemacht hat. So wurden etwa Mercosur in Lateinamerika, Ecowas in West- und SADC im südlichen Afrika gegründet. Die Ausdehnung von NAFTA über Nordamerika mit den Mitgliedsstaaten USA, Kanada und Mexiko hinaus, möglicherweise auf den gesamten amerikanischen Kontinent, würde darüber hinaus den Versuch darstellen, unabhängig von den Unterschieden zwischen globalem Norden und globalem Süden einen regionalen Großblock zu etablieren.

… und globale Konkurrenz
Die offenkundige, punktuell auch wirkungsvolle Süd-Süd-Kooperation auf der weltpolitischen und wirtschaftlichen Bühne hat aber auch andere, sehr handfeste Formen angenommen. So sind billige Konsumartikel aus chinesischer Produktion heute allgegenwärtig, selbst in abgelegenen afrikanischen Dörfern. Diese Waren werden über die ausgedehnten Familiennetzwerke transportiert und vertrieben, die Überseechinesen schon seit Generationen ausgebaut haben und die nun auf der Basis der neuen chinesischen Konsumgüterindustrien erneut ihre gewaltige Effizienz und Dynamik unter Beweis stellen. Auslandsinvestitionen etwa im südlichen Afrika werden schon seit Jahren nicht mehr allein von Unternehmen aus Nordamerika, der EU oder Japan getätigt; vielmehr finden Investitionen aus Südostasien große Beachtung.
Das Beispiel der mit malaysischem Kapital gebauten Textilfabrik Ramatex in Windhoek, der Hauptstadt Namibias, kann die damit verbundenen Probleme verdeutlichen. In der zweiten Jahreshälfte 2004 kam es zu einer ganzen Serie von Enthüllungen, nachdem es in den Jahren zuvor schon häufig Arbeitskonflikte gegeben hatte. Nicht nur zahlte die Firma den lokal rekrutierten Arbeitskräften Löhne, die noch nicht einmal ausreichten, um die Fahrt zur Arbeit über eine erhebliche Entfernung zu bezahlen. Es stellte sich auch heraus, dass Ramatex im großen Stil Arbeitskräfte aus Bangladesh rekrutiert hatte, die vertragsmäßig allenfalls als Ausbilder zugelassen waren, in Wirklichkeit aber einen Großteil der Produktionsarbeit übernahmen. Die Wohnheime für diese Arbeitskräfte wiesen unhaltbare sanitäre Zustände auf. Das Bild wurde abgerundet, als sich herausstellte, dass die Firma ihre Abwässer ungeklärt in die städtische Kanalisation leitete – ohne Wissen der Stadtverwaltung, aber aufgrund der mit der verzweifelt um
die Schaffung von Arbeitsplätzen ringenden Regierung ausgehandelten Verträge.
Der Fall illustriert, dass der nationale Wettbewerbsstaat mit den entsprechenden Variationen eine Realität nicht nur in einem Land wie Deutschland, sondern auch im südlichen Afrika ist, weil Staaten sich unter den aktuellen Weltmarktbedingungen gezwungen sehen, einander auf der Ebene der Konditionen für (Auslands-)Investitionen zu unterbieten. Wichtiger aber ist eine weitere Implikation des Falles Ramatex: Es zeigt sich hier, dass die Realität einer verstärkten, in Zukunft vielleicht noch dichter werdenden Süd-Süd-Verflechtung nichts an den Grundprinzipien geändert hat, nach denen der kapitalistische Weltmarkt funktioniert, vor allem nichts an seiner hierarchischen Struktur. Die Positionen innerhalb dieser Struktur weisen allerdings eine größere Wandlungsfähigkeit auf, als viele sich dies zu den Hochzeiten der Dependenztheorie vorstellen mochten.
Die Hierarchie selbst jedenfalls besteht unverändert fort, auch wenn heute Kapital aus Malaysia im südlichen Afrika investiert wird. Es betreibt dort world wide sourcing – sinnbildlich, wenn Arbeitskräfte aus dem Armenhaus Südasiens über Tausende von Kilometern in ein Land mit grassierender Arbeitslosigkeit verfrachtet werden – und erpresst die lokalen »Partner« bis zur Verseuchung der knappsten Lebensgrundlage in einem ariden Land. Das bedeutet sicher nicht, dass Namibia heute abhängig von Malaysia wäre, abhängiger etwa als von Südafrika. Der Fall unterstreicht aber, dass die durch den Weltmarkt vermittelte und inszenierte kapitalistische Entwicklung fortwährend die Form einander ergänzender Prozesse annimmt. Die Entwicklungsfortschritte, die sich zumindest nach konventionellen Maßstäben gewiss geltend machen lassen, wenn lokal verankerte Konzerne in der Lage sind, in erheblichem Maß Kapital zu exportieren, finden ihr Gegenstück in den Zerstörungen, die diese Investitionen in der Zielregion hervorrufen.
Strukturell vergleichbar, wenn auch auf viel größerer Stufenleiter, ist die neuerlich aus Südafrika zu vernehmende Klage über die Formen, die die Zusammenarbeit des Landes mit der VR China angenommen hat. Nicht nur werden die Märkte Südafrikas von chinesischen Konsumartikeln überschwemmt, auch die außenwirtschaftlichen Strukturen gegenüber China haben sich in eine Richtung entwickelt, die frappierend an koloniale Verhältnisse erinnert: China exportiert Fertigprodukte und importiert Rohstoffe, wobei es sich einer deutlich positiven Handelsbilanz erfreut. Und es sollte nicht vernachlässigt werden, dass der »Partner« in diesem Geschäft die bei weitem stärkste Volkswirtschaft in Afrika besitzt, die ebenfalls durchaus zum Kapitalexport in der Lage ist – bis hin zur Übernahme von Pilsner Urquell durch South African Breweries.
Diese Schlaglichter können einmal mehr verdeutlichen, dass die Welt viel komplexer und widersprüchlicher ist, als es manche Modellannahmen nahe legen. Vor allem scheint die Wirklichkeit der Süd-Süd-Kooperation heute gerade Ausdruck der bis zur Polarisierung gesteigerten Differenzierung der Dritten Welt zu sein. So gesehen ermöglichen es diese Verhältnisse einzelnen Akteuren, neue Kooperationsbeziehungen einzugehen und punktuell auch gegenüber den internationalen Finanzinstitutionen oder der WTO Stärke zu zeigen, obwohl dies die strukturellen Kräfteverhältnisse kaum in Frage stellen dürfte.

Neoliberale Sachzwanglogik
Wenn bei alledem die Grundstruktur des weltwirtschaftlichen Arrangements auch programmatisch nicht (mehr) in Frage gestellt wird, so korrespondiert das damit, dass heute auch im Süden fast ausschließlich auf der Ebene der Ökonomie und weitgehend aufgrund der Prämissen neoliberaler Wirtschaftslehren argumentiert wird. Wenn deren Wahrheit einmal unterstellt ist, erscheinen ihre Konsequenzen als Sachzwänge. Politik, bei der es im Kern um das Abwägen und Aushandeln von Möglichkeiten, Prioritäten, alternativen Strategien usw. geht, wäre unter solchen Voraussetzungen streng genommen überflüssig, ja sogar dysfunktional. Die Wiedergewinnung von Handlungsalternativen setzt demnach voraus, die Dogmen der wirtschaftswissenschaftlichen Orthodoxie zu hinterfragen und ihre Hegemonie
in vielen Bereichen der Politik, aber auch der Sozialwissenschaften, aufzubrechen. Politik müsste als Feld des Aushandelns von Entscheidungen wieder zurückgewonnen und sichtbar gemacht werden.
Als Schritt in eine solche Richtung lässt sich die Anfang Juli 2005 veröffentlichte neue Petrocaribe-Initiative des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez verstehen. Sie bietet einer Gruppe von 13 Staaten in der Region Lateinamerika-Karibik günstige Lieferbedingungen für venezolanisches Erdöl, insbesondere verbunden mit einer Höchstpreisgarantie. Damit ist zumindest die Perspektive einer regionalen Kooperation eröffnet, die die Zwänge kurzfristiger, auf den jeweiligen nationalstaatlichen Rahmen bezogener Gewinnmaximierung überschreitet. Es ist derzeit allerdings offen, ob diese Zwänge durch die Petrocaribe-Initiative nicht einfach auf eine regionale Ebene verschoben werden. Zu hinterfragen ist darüber hinaus, ob die Fixierung auf den Staat als zentraler Akteur wirklich die einzige Alternative dazu ist, sich in das mehr oder weniger freie Spiel der Marktkräfte zu ergeben.

Die Einheit globaler Entwicklung
Noch wichtiger erscheint mir daher eine weitergehende Überlegung: Die heute erkennbaren Folgen der noch immer mit hohem Tempo anhaltenden Industrialisierung in Teilen der einstigen kolonialen Peripherie Europas in Ost- und zunehmend auch in Südasien unterstreichen, dass es analytisch völlig unzureichend ist, »Entwicklung« vor allem im nationalstaatlichen Rahmen zu denken. Wenn es zutrifft, dass durch regionale Veränderungen wie z.B. Industrialisierungsschübe komplementäre Prozesse in vielen anderen, regional weit auseinanderliegenden Bereichen des kapitalistischen Weltmarktes forciert oder gar erst ausgelöst werden, so folgt daraus wenigstens zweierlei: Zum einen ist »Entwicklung« im Sinne nachholender Industrialisierung bis hin zur Verbesserung des Lebensniveaus breiter Massen nach wie vor ein positionelles Gut. »Entwicklung« steht nicht allen unbegrenzt zur Verfügung, sondern ist nur für bestimmte Regionen und Menschengruppen erreichbar. Gleichwohl sind diese im historischen Verlauf nicht immer dieselben, sie können ihre Positionen wechseln und darüber hinaus ist im Zuge des aktuellen Globalisierungsschubes eine regionale Durchmischung gesellschaftlicher Formationen eingetreten, die Verhältnisse der »Dritten Welt« auch in den Glitzerzentren der informationellen Wirtschaft, in New York oder London auftreten lässt.
Zum anderen werden wir nachdrücklich auf die Komplexität dessen verwiesen, was sich in allgemeinster Weise als gesellschaftlicher Weltzusammenhang bezeichnen lässt. Die vielfältigen globalen Wechselprozesse unterstreichen, dass die Vorstellung von nationalstaatlich fixierten Entwicklungswegen an den Realitäten vorbeigeht – nicht notwendigerweise im Fall einzelner erfolgreicher Strategien, sehr wohl aber, wenn wir die auch durch diese Strategien bewirkten Veränderungen und die in Gang gesetzte Dynamik verstehen wollen. Dann müssen wir uns der Herausforderung stellen, die sich daraus ergibt, »Entwicklung« in einem weltumspannenden Zusammenhang zu denken. Die Erfolgsgeschichten und die »schwarzen Löcher« – sinnbildlich der Aufschwung der Leichtindustrie in China und ihr Niedergang in Südafrika – lassen sich aus dieser Sicht nicht von einander trennen. Auch die regional sehr uneinheitlichen, dennoch gewaltigen Erfolge der chinesischen Industrialisierungspolitik sind daher nicht einfach als Beleg dafür zu verstehen, dass Modernisierungsstrategien erfolgreich sind, sondern als Teil und regionale Ausdrucksform eines kapitalistischen Prozesses, der allem Anschein nach Regionen in immer schärfere Konkurrenzbeziehungen zueinander bringt.
In Abwandlung des berühmten Spruchs aus der Clinton-Kampagne 1992 ließe sich sagen: »It’s capitalism, stupid«. Für alle diejenigen, die es für notwendig halten, die Perspektive einer nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung auf globaler Ebene nicht aufzugeben, ist dies keine gute Nachricht. Die Option eines wirklichen globalen Ausgleichs der Lebenschancen, so dringend sie ist, ist eben leider nicht »alternativlos«. Die Alternative heißt Neustrukturierung der fortbestehenden Weltmarkthierarchie und damit einhergehend verschärfte Konkurrenz mit allen partikularen Chancen und kollektiven Risiken. Will heißen: Eine neue Weltwirtschaftsordnung zeichnet sich ab, jedoch keine, die die Prinzipien der bestehenden verändert, sondern eine, in der neue Akteure in den Kampf um die Märkte ziehen.


Reinhart Kößler ist Professor für Soziologie an der Universität Münster, Redaktionsmitglied der Peripherie und Vorstandsmitglied der Informationsstelle Südliches Afrika (ISSA) in Bonn.




Kleines Süd-Süd-Glossar

Collective Self-Reliance: Mit diesem Begriff wurde in der entwicklungstheoretischen Debatte der 1970er und 80er Jahre ein Konzept der kollektiven Eigenständigkeit der Länder des Südens skizziert. Zum einen war damit eine starke gemeinsame (Verhandlungs-)Position gegenüber den Industrieländern und ihren Konzernen gemeint. Zum anderen sollte innerhalb der bestehenden Süd-Süd-Beziehungen die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit und damit die Unabhängigkeit vom Norden gestärkt werden.

Neue Weltwirtschaftsordnung (NWWO): Spätestens bei der UNCTAD III-Konferenz 1972 in Santiago de Chile wurden die Forderungen aus dem Süden nach einer NWWO unüberhörbar. Durch mehr oder minder radikale Reformen sollte die bisherige (neo-)koloniale Benachteiligung des Südens im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung abgebaut werden. Der Süden sollte fortan nicht mehr nur billiger Rohstofflieferant sein, sondern auch hochwertige Produkte herstellen. Die NWWO ist jedoch über theoretische Debatten kaum hinausgekommen.

ASEAN/AFTA: Die Association of Southeast Asian Nations/Asian Free Trade Area ist ein Zusammenschluss von inzwischen zehn asiatischen Staaten. Ursprünglich als Teil der regionalen Containment-Politik gegen den Kommunismus gegründet, wurden seit Mitte der 1990er Jahre Vietnam, Laos und Kambodscha ebenso integriert wie Burma (Myanmar). Außer der wirtschaftlichen Integration werden im Rahmen der ASEAN zunehmend auch Sicherheitsfragen (»Krieg gegen den Terror«) behandelt.

Ecowas: Die Economic Community of West African States umfasst nach dem Austritt Mauretaniens noch 15 Staaten. Die eigentlich angestrebten Bemühungen zur regionalen Integration sind gegenüber den häufig auch militärischen Kriseninterventionen in den Mitgliedstaaten in den Hintergrund getreten. Dabei schälte sich Nigeria als regionale Vormacht heraus.

Mercosur: Der Mercado Común del Sur (Gemeinsamer Markt des Südens) konstituierte sich 1991. Mitglieder sind die vergleichsweise wirtschaftlich starken lateinamerikanischen Staaten Brasilien und Argentinien sowie Uruguay und Paraguay. Assoziiert sind Bolivien, Chile und Peru. Es handelt sich um einen Binnenmarkt mit mehr als 200 Millionen Verbrauchern. Die Mercosur-Länder verstehen sich in den derzeitigen Verhandlungen über eine gesamtamerikanische Freihandelszone (FTAA) als Gegengewicht zu den USA.

NAFTA: Das 1994 gegründete North American Free Trade Agreement umfasst die USA, Kanada und Mexiko. Perspektivisch sollen südamerikanische Staaten wie Chile integriert werden, bis hin zur Vorstellung einer ganz Amerika umfassenden Freihandelszone.

OECD: Die Organization for Economic Cooperation and Development wurde als Zusammenschluss der industriekapitalistisch entwickelten Staaten Nordamerikas, Westeuropas sowie Nordostasiens (zunächst Japan) gegründet. Die Aufnahme Südkoreas sowie Mexikos in die OECD galt im ersten Fall als Ausweis der erfolgreich vollzogenen nachholenden Entwicklung und im zweiten als Anerkennung einer solchen Perspektive sowie zugleich als Voraussetzung, NAFTA unter Einschluss Mexikos zu realisieren.

OPEC: Die Organization of Petroleum Exporting Countries wurde 1960 als Interessenvertretung und Koordinierungsgremium der erdölexportierenden Länder gegründet. In den derzeit 11 Mitgliedsstaaten lagern drei Viertel der weltweiten Ölreserven. Mit der Ölkrise von 1973 wurde die OPEC ein zwischenzeitlich nahezu marktbeherrschendes Kartell – das einzige erfolgreiche des Südens. Seit Anfang der 1980er hat die OPEC aufgrund interner Differenzen und der Konkurrenz durch andere Ölförderstaaten an Bedeutung verloren.

SADC: Die Southern African Development Community wurde zunächst unter dem Namen SADCC als relativ lockerer wirtschaftlicher Zusammenschluss der damaligen Frontstaaten gegenüber dem südafrikanischen Apartheidsregime gegründet. Nach dem Erreichen der Mehrheitsherrschaft in Südafrika wurde sie unter dessen Einschluss zu einer engeren Regionalorganisation mit der Perspektive einer Wirtschaftsgemeinschaft umorganisiert. Nach der Aufnahme der Demokratischen Republik Kongo 1998 umfasst die Organisation zwölf Staaten.

UNCTAD: Die United Nations Conference on Trade and Development ist eine UN-Unterorganisation, die in den 1970er Jahren eine wichtige Rolle als Forum für Diskussionen und Verhandlungen über Umstrukturierung des Welthandels im Sinne einer politisch regulierten Neuen Weltwirtschaftsordnung innehatte. Abgesehen von begrenzten Erfolgen bei der Stabilisierung von Rohstoffpreisen (Stabex) blieben diese Bemühungen erfolglos. Angesichts der neuen Konstellation der 1980er Jahre (Verschuldung, Ende der Blockkonfrontation) verlor UNCTAD rapide an Bedeutung.
rk & cst