Volltext

(Artikel * 2005) Mertin, Ray-Güde; Loimeier, Manfred; Pepetela
"ich spiele gern mit dem Leser" Interview mit dem angolanischen Krimi-Autor Pepetela
in iz3w Nr. 286 * Seite 24
Themen: Literatur * Angola * Krimi; Gesellschaftsanalyse * Dok-Nr: 162642
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kriminalliteratur

»Ich spiele gern mit dem Leser«
Interview mit dem angolanischen Krimi-Autor Pepetela

Der ehemalige Vize-Bildungsminister Artur Carlos Maurício Pestana dos Santos (64) ist unter dem aus Guerillazeiten stammenden Pseudonym »Pepetela« einer der namhaftesten Schriftsteller Angolas. Er unterrichtet Soziologie an der Universität Luanda. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Kriminalroman »Jaime Bunda, Geheimagent« (Unionsverlag, Zürich, 2004). Außerdem liegen in deutscher Übersetzung vor, wenngleich nur antiquarisch: »Ngunga« (Der Kinderbuchverlag, Berlin, 1981), »Mayombe« (Volk und Welt, Berlin, 1983; edition südliches afrika, Bonn, 1984), »Der Hund und die Leute von Luanda« (edition südliches afrika, Bonn, 1985) und »Schöpfungsregen der Yaka« (Volk und Welt, Berlin, 1988).

»Jaime Bunda, Geheimagent« ist Ihr erster Kriminalroman. Was hat Sie dazu bewogen, zu diesem Genre zu wechseln?
Wenn ich mich nicht irre, ist dies auch der erste Krimi in der angolanischen Literatur. Ich habe mich allerdings nicht erst jetzt diesem Genre zugewandt, sondern meinen ersten Krimi habe ich geschrieben, als ich 14, 15 Jahre alt war. Er spielte in Hollywood – das hatte mit der Lektüre zu tun, die ich mir damals vorgenommen hatte. Ich habe diesen Krimi jedoch nie beendet. Es gibt darin einen Kinostar und mehrere Verbrechen, und wer diese Verbrechen eigentlich begangen hat, ist offen geblieben.
Der Krimi ist eine andere Art, die Gesellschaft zu analysieren. Im Grunde ist die Kriminalgeschichte in »Jaime Bunda« nur ein Vorwand, um etwas anderes damit zu zeigen. Die Figur des Jaime Bunda lag schon in meiner Schublade, die musste ich nur aktivieren. Sie ist während des ersten Basketballspiels entstanden, das Angola nach der Unabhängigkeit veranstaltet hat. Damals hatten die Jungs zwei, drei Jahre nicht trainiert und waren auch zwei, drei Jahre dicker. Auf der Reservebank saß der Sohn eines der Vereinsbosse, der meinte, dass sein Sohn auch spielen müsse. So ließ man ihn aufs Spielfeld, und dann sah man, dass er so rund wie breit wie hoch war. Da kam mir dieses Wort »Bunda« – breiter Hintern – in den Sinn.
Werden Krimis in Angola anders oder breiter rezipiert als Romane?
In Angola funktioniert die ironische Kritik an der Gesellschaft, die politische Satire am besten. Wenn ich dort das Buch vorgestellt habe, dann habe ich an den Reaktionen des Publikums gemerkt, dass es auf Kritik, auf diese Ironie anspringt. Damit kommen wir darauf zurück, dass der Krimi eigentlich nur ein Vorwand ist, um etwas anderes zu erreichen.

Inwiefern eignet sich ein Krimi besser dazu, die Gesellschaft darzustellen, als etwa ein satirischer Roman?
Wenn es darum geht, die Macht lächerlich zu machen – und damit geht es um Sicherheit und Polizei und so weiter –, dann bietet sich natürlich ein Krimi an. Außerdem ist das Klima bei uns in Luanda geprägt von – wir wissen nicht einmal wie vielen – Geheimdiensten oder anderen Organisationen. Das heißt aber nicht, dass der Roman nicht einen genau so satirischen, ironischen Blick auf die Gesellschaft werfen kann. Ich provoziere auch immer ganz gerne damit, spiele mit dem Leser und ärgere vor allem gerne die Herrschaften von der Uni, die sich dann die Haare raufen, weil ich irgendwo irgendwelche Spuren setze, und die dann versuchen, das en detail zu deuten und darüber verzweifeln. Das macht mir großen Spaß.

Es gibt nun schon einen Fortsetzungsband, »Jaime Bunda e a Morte do Americano«. Wird es auch einen dritten Band geben?
Mir war schon klar, als ich mit »Jaime Bunda« angefangen habe, dass es diese Erwartung geben würde. Also habe ich einen zweiten Band geschrieben, ich weiß aber noch nicht, ob es einen dritten geben wird. Aber irgendwann werde ich wohl nachgeben.

Und wovon wird der dritte Band handeln?
Es ist eine Geschichte mit vielen Ereignissen, die wirklich geschehen sind, und die Figuren, die darin vorkommen, gibt es. Die portugiesischen Kolonien hießen ja unter Salazar so schön euphemistisch ‚provincias ultramarinas’, und jetzt kehren die Angolaner den Spieß um und sagen, wenn man nach Portugal fährt, dann fährt man ‚ultramar’, jenseits des Meeres. Das Ganze wird sich also ‚ultramar’ zutragen, irgendwo im Ausland, als Zeichen dafür, dass dieser Jaime Bunda mit seiner Rolle wächst und internationaler wird.


Das Interview führte Manfred Loimeier. Übersetzung aus dem angolanischen Portugiesisch: Ray-Güde Mertin.


Politische Machenschaften als Komödie
Es beginnt mit dem Mord an einem Mädchen. Weil der Fall simpel zu sein scheint, wird der junge Praktikant Jaime Bunda mit den Ermittlungen der Sicherheitsbehörden beauftragt. Jaime Bunda, dessen Name nicht von ungefähr an James Bond erinnert, ist so gar nicht das, was man mit dem Namen der berühmten Filmfigur verbindet. Er bekam seine Stelle nicht etwa wegen herausragender Leistungen, sondern aufgrund des Einflusses seines Cousins, der in einer höheren Etage desselben Büros tätig ist. Auch das Aussehen Jaime Bundas entspricht nicht dem smarten Erscheinungsbild der Bond-Darsteller, denn Jaime ist untersetzt und hörbar kurzatmig.
Überdies hat Jaime Bunda eine Marotte: Er liest gerne Kriminalromane. Und so beginnt er seine Ermittlungen im Fall des ermordeten Mädchens damit, seine Lektüreerfahrungen mit Chandler & Co. abzurufen. Entsprechend weiß Jaime Bunda bald: Hinter dem vermeintlich offensichtlichen Mord steckt ein politisches Komplott, eine Verschwörung ungeahnten Ausmaßes, ein Skandal, der die Gesellschaft erschüttern wird.
Pepetela verbindet in seinem Roman Jaime Bunda, Geheimagent Vergnügen mit Aufklärung. Die Handlung verläuft trotz aller Verwicklungen und Winkelzüge schlüssig und zügig, und die Ironie des Autors tut der Lektüre gut. Vermutlich lassen sich die gesellschaftlichen Missstände – nicht nur – in Angola am besten komödiantisch beschreiben. Denn diese Herangehensweise erlaubt es, durch alle Kritik hindurch die Zuneigung zu dem Land erkennbar zu lassen. Pepetelas Sprache – in der Übersetzung von Barbara Mesquita gut erhalten – ist präzise, schnörkellos, klar und nicht verkünstelt. Kurzum so, wie es von einem Krimi zu erwarten ist.
Mit Sinn für Humor und Skurrilitäten schickt Pepetela seinen Anti-Helden zur Arbeit. Und weil Jaime Bunda so überzeugt ist von seiner Verschwörungstheorie, findet er tatsächlich bald Hinweise für ein Netz aus Drogenhandel, Korruption und Machtintrigen. Was im Angola der Gegenwart, wie der Autor Glauben macht, so schwer nicht ist. Zuletzt deckt Jaime Bunda kriminelle Machenschaften gröbsten Ausmaßes auf, die von höchster Stelle organisiert wurden. Mit dem anfänglichen Mord hat das aber nichts mehr zu tun.
Manfred Loimeier

Pepetela: Jaime Bunda, Geheimagent. Unionsverlag, Zürich 2004, 381 S., 19,90 Euro