Volltext

(Artikel * 1994)
Sisterhood ein frommer Wunsch? Verhältnis deutscher Frauen zu Migrantinnen und farbigen Frauen
in Blätter des iz3w Nr. 197 * Seite 40 - 43
Themen: Feminismus; Frauen; Rassismus * BRD * Dominanzkultur * Dok-Nr: 15907
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Feminismus in den 90ern


Eine Frau ist eine Frau ist eine?

Migrantinnen in der deutschen Frauenbewegung

von Encarnación Gutiérrez Rodríguez


Die Kritik schwarzer Frauen und Migrantinnen hat sichtbar gemacht, wie hierzulande Frausein definiert und das Geschlechterverhältnis situiert wird. Allerdings wurde in den Anfängen der Rassismus-Diskussion kaum Notiz von den Einwanderinnen genommen und eher US-amerikanischer schwarzer Feminismus thematisiert. Daß die Brd ein Einwanderungsland war, wurde in der deutschen feministischen Diskussion dagegen kaum wahrgenommen.

Wenn von Frauen die Rede ist, wird im deutschsprachigen Raum zumeist über die Repräsentanz der Mehrheit verhandelt. Migrantinnen werden dagegen eher in den Diskursen um kulturelle Differenz, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit zum Thema. Die Vorstellung der Andersartigkeit ist dabei aber nicht unbedingt ihrer familiären Zugehörigkeit oder bestimmten kulturellen Praktiken der jeweiligen Herkunftsregion geschuldet. Vielmehr gründet diese Vorstellung auf der institutionellen Definition als »Ausländerin«, »Nicht-EU-Migrantin« oder »Flüchtling«, was die Annahme einer kulturellen Differenz ausblendet. Mir geht es hier weniger darum, am Multikulturalismus bzw. kulturellen Differenzdiskurs weiterzuspinnen, sondern vielmehr darum, auf die Kritik einiger Schwarzer Frauen und Migrantinnen hinzuweisen, die ihre Situation von einer gesellschaftskritischen Perspektive aus thematisieren. In ihren Beiträgen fällt auf, daß ethnische Merkmale kaum Thema sind. Stattdessen wird die Macht- und Ressourcenverteilung zwischen deutschen und ausländischen Frauen angesprochen. Zunächst zur Begegnung zwischen deutschen und »ausländischen« Frauen.
Die neue deutsche Frauenbewegung hatte in ihren Anfängen von der »ausländischen Frau« als engagierter Feministin kaum Notiz genommen. Die Euphorie, über die Kategorie »Frau« eine politische Identität einnehmen und darüber gesellschaftliche Hierarchien und Ausbeutungsverhältnisse erklären und anfechten zu können, begleitete die Militanz der meisten Feministinnen. Damit wurden notwendigerweise die Unterschiede zwischen Frauen im Nationalstaat, sei es auf der Ebene sexuellen Begehrens, der Position innerhalb der Produktionsverhältnisse, oder dem bürgerrechtlichen Status in den Hintergrund gerückt. Der internationalistische Feminismus verstand sich eher als Solidaritätsbewegung mit Frauen aus anderen Ländern oder mit denen, die im deutschen Exil für nationale Befreiung in ihrem jeweiligen Herkunftsland kämpften. Die »Ausländerin« in Deutschland wurde jedoch eher als die betreuungsbedürftige und besonders unemanzipierte Frau gesehen. Deniz Camlikbeli schrieb in diesem Zusammenhang: »Um als Frau aus der Türkei akzeptiert zu werden, müßten wir ?Kopftücher? tragen, ?Pumphosen und darüber Röcke? anziehen, ?ganz bunt? aussehen, ?ein dickes Hinterteil und einen großen Bauch? haben,... dürften niemals eine Schulausbildung haben, nie uneheliche Kinder gebären... « (Camlikbeli :19)
Die Erzeugung dieses Bildes muß vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Ausländerpolitik der BRD betrachtet werden. Das Konzept der Anwerbepolitik sah die EinwanderInnen als rotierende Arbeitskräfte vor. Die damaligen Bundesregierungen rechneten mit ihrer baldigen Rückkehr in die Herkunftsländer und enthielten der eingewanderten Bevölkerung die elementaren Bürgerrechte vor ? was sie bis heute tun. Die durch das Nichthandeln der Bundesregierungen entstandene Versorgungslücke wurde von den kirchlich-karitativen Institutionen wie der Caritas oder dem Diakonischen Werk etwa mit Sprachprogrammen und Orientierungsangeboten aufgefüllt. Vor diesem Hintergrund ereignete sich das Zusammenkommen westdeutscher Feministinnen mit Migrantinnen zunächst im Bereich der Sozialarbeit. Die Sozialarbeit und -pädagogik waren eine der ersten Institutionen, die die Existenz der EinwanderInnen in der BRD wahrnahmen. Es ist auch dieser Bereich, in dem Ende der 70er Jahre zum ersten Mal Forderungen nach Einstellung von ausländischen Sozialarbeiterinnen in Betreuungs- und Leitungsfunktionen laut wurden. Zu diesem Zeitpunkt werden auch die ersten provokanten Kritiken von Migrantinnen an der neuen deutschen Frauenbewegung formuliert. Anfang der 80er Jahre wurde erstmals die Stigmatisierung der »ausländischen Frau« als »defizitäres Wesen« angesprochen. Im Mittelpunkt standen Diskussionen um das Verhältnis zwischen der neuen deutschen Frauenbewegung und den Migrantinnen. Natascha Apostolidou schrieb schon 1980 hierzu: »Die deutschen Frauen innerhalb der Sozialarbeit müssen neue Überlegungen anstellen, damit sie wegkommen vom Nur-Helfen, Beraten, Zeigen. Sie müssen herausfinden, welche Stärke die ausländischen Frauen haben und sich mit ihnen solidarisieren.« . In diesem Sinne wurde das hierarchisierte Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Frauen insbesondere in den sozialen Projekten thematisiert.
Neben dem Stereotyp der anderen Frau im Sinne der »defizitären Migrantin« tauchte jedoch ein anderes Phänomen auf ? die Vereinnahmung der Migrantin in der Produktion eines Ebenbilds. Dies kam vor allem vor, wenn die Migrantin dem Bild der defizitären Ausländerin nicht entsprach, da sie gut deutsch sprach oder aus der ihr zugeschriebenen Hilfsbedürftigkeit herausfiel. Die scheinbar angepaßte Migrantin wurde vom herrschenden Blick nicht mehr in Verbindung gesetzt mit der Vorstellung einer ethnischen Gruppe, sie wurde vielmehr für das eigene Bild der emanzipierten Frau vereinnahmt. Dabei wurde die Differenz, die aufgrund ihres juridisch-politischen Status in der BRD besteht, unsichtbar gemacht. Migrantinnen wurden und werden innerhalb einer binären Logik entweder zur »gleichen« oder zur »anderen« Frau konstruiert. Die Ausländerin als die »Andere« wird im Verhältnis zum herrschenden »Selbst« in der Abgrenzung zu diesem konstituiert bzw. konstruiert. Als Differentes gesetzt wird sie entweder im Namen des herrschenden Selbst vereinnahmt, oder als die Andere in Beziehung zum Selbst festgeschrieben und so zum Projektions- bzw. Spiegelbild. Beide Alternativen bieten dem herrschenden Selbst die Verfügungs- und Definitionsmacht über das so gesetzte Projektions- bzw. Spiegelbild. Dies vollzieht sich in einem politischen Raum, in dem das Andere über die Aus- und Einschließungsmechanismen staatlicher Institutionen immer wieder reproduziert wird.

Staatsangehörig ? oder eben nicht
Im Kontext des modernen Nationalstaates werden »nationale Minderheiten« produziert, indem z.B. zwischen In- und AusländerInnen getrennt wird. Auf dieser Basis wird über das Ein- oder Ausgeschlossensein im bürgerrechtlichen Sinne verhandelt. An dem jüngsten Vorstoß von Innenminister Kanther können wir diesen Differenzierungsmechanismus beobachten. Die Bundesregierung beschloß am 13. Januar 1997, Kindern unter 16 Jahren aus der Türkei, Marokko, Tunesien und Ex-Jugoslawien eine Visumspflicht aufzuerlegen. Während die Familie für die deutschen und EU-Migrantinnen als das Kernelement zur Persönlichkeitsentwicklung eines Jugendlichen angesehen wird und daher die Erhaltung und Förderung der Familie zu einem der obersten Grundsätze der Politik des Nationalstaates gehört, verändert sich dieser Grundsatz vollkommen im Falle einer Flüchtlings- oder Nicht-EU-Familie. Für Nicht-EU-Kinder scheinen die Kinderrechtskonventionen der Vereinten Nationen oder das Kindschaftsrecht unter dem Begriff »Wohl des Kindes« nicht zu gelten. Das Wohl oder Unwohl des Kindes wird somit auf der Grundlage der Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zum deutschen Staat oder der Europäischen Union entschieden.
Der Rassismus stellt also auch eine durch den Eingriff des Staates vermittelte Beziehung zum Anderen dar. Ohne den juristischen und politischen Eingriff des Staates (z.B. über Ausländergesetze) würden die kulturellen und soziologischen Unterschiede nur abstrakt bleiben. Erst von dem Zeitpunkt an, an dem die Minderheiten kodifiziert und kontrolliert werden, existieren sie als solche. In diesem gesellschaftlichen Kontext finden auch die Verhandlungen über die Kategorie ?Frau? innerhalb des Nationalstaates Deutschland statt.
Die Kritik an der nationalstaatlich produzierten differenten Position von Migrantinnen und der rassistischen Diskriminierung im Alltag fand trotz der Aktionen Schwarzer Frauen und Migrantinnen kaum Gehör in den Reihen deutscher Feministinnen. Daher blieb die Kategorie »Frau«, die in diesem Zusammenhang thematisiert wurde, für Schwarze Frauen und Migrantinnen inhaltsleer. Die Kategorie »Frau« im weißen Feminismus thematisierte zwar Sexismus und das Geschlechterverhältnis, doch war dies für viele Frauen und besonders für Schwarze Frauen und Migrantinnen ungenügend. Denn die Verquickung sexistischer mit rassistischen Strukturen wurde nicht wahrgenommen. Wenn das Thema Rassismus oder Antisemitismus auf die Tagesordnung gesetzt wurde, dann meist deshalb, weil eine schwarze oder jüdische Frau oder eine Migrantin dies gefordert hatte. Daß »weiße« Frauen genauso in den rassistischen Strukturen der internationalen wie nationalen Arbeitsteilung involviert sind, blieb außer acht. Die ausschließlich über das Geschlechterverhältnis erfolgende Bestimmung der Kategorie »Frau« erwies sich als unspezifisch, als vereinnahmend und unhistorisch. Die Notwendigkeit der Kontextualisierung der Kategorie Geschlecht wurde gerade von Schwarzen, postkolonialen Feministinnen und Migrantinnen in die feministische Debatte eingebracht.

Für einen Blick auf die Kategorie Geschlecht im deutschen Feminismus schlage ich die Perspektive der kritischen Dekonstruktion vor. Die Frage, die bei jeglicher Äußerung im Namen der Frau gestellt werden muß, ist: wer redet, von wo aus und für wen? Ein Feminismus, der über das Geschlecht nachdenkt, die Produktion desselben jedoch nicht innerhalb sozialer Verhältnisse verortet, kann nur sehr partielle Aussagen treffen. Innerhalb der sozialen Strukturen existieren wir nicht einfach als Frau. Jede Geschlechtskonfiguration hat ihre eigene historische und soziale Spezifität. Das bedeutet für die Untersuchung von Geschlecht immer auch, die strukturellen Prozesse im Auge zu behalten. Um das Geschlecht innerhalb seines zeitlichen und örtlichen Kontextes zu situieren, benötigen wir ein Instrumentarium, das uns Zeichen aufspüren läßt, die auf den Standort des Redenden hinweisen. Es geht um das »Lesen« politischer Praktiken als Text. Als Text sind dabei nicht nur schriftliche Äußerungen, sondern jegliche Repräsentation, von Welt, Mensch und Dingen zu verstehen. In solchen Texten werden vielfältige Bewußtseinskonzepte von den Kategorien Frau, Arbeiterin oder Migrantin etc. sichtbar.

Hegemoniale Denkmodelle
Im globalen Rahmen kann der Versuch der Universalisierung von Erklärungsmodellen ausgemacht werden. Dieser als »worlding« bezeichnete Prozeß beinhaltet die Hegemonialisierung der lateinischen Schrift, der okzidentalen Philosophie, der Ethno- und Historiographie sowie die Durchsetzung westlicher Ökonomiemodelle. So wurde z.B. die Verbreitung westlicher Denkmodelle durch die Kolonialisierung in Gang gesetzt. Die vorgefundene Wirklichkeit in den kolonisierten Ländern wurde durch die Brille der Kolonisatoren über Neologismen, die dem Wissen der Kolonialländer angelehnt waren, neu bestimmt. Nicht nur erhielten die Bewohner neue Namen, sondern deren Alltagspraktiken und Institutionen und die gesamten Landschaften wurden in der Sprache der Kolonisatoren neu bestimmt. Diese Beschreibungen waren in einen Entwicklungsdiskurs eingeschrieben, der die westliche Welt als universell gültigen Maßstab setzte. Die Kolonien wurden in diesem Verhältnis zum Objekt in Beziehung zum Subjekt Kolonialmacht. Als Projektionsfläche und notwendige Figur für die Herstellung des eigenen Subjektstatus kreierte der Westen die kolonialisierte Welt. Die Beschreibung der Wirklichkeit in den Kolonien vollzog sich daher nicht in einem Zustand der Orts- und Zeitlosigkeit, sondern sie war von Beginn an an die Herrschaftsmechanismen einer spezifischen, historischen Zeit gebunden.
Die Repräsentationen von Welt sind daher ein politisch umstrittenes Feld. Die geopolitische (damit ist der geographische und politische Ort gemeint) Situiertheit der Beteiligten fördert oder schränkt ihre Einfluß- und Darstellungsmöglichkeiten ein. Den verhandelten Text zu dekonstruieren bedeutet daher, die jeweiligen historischen, sozialen, ökonomischen und ideologischen Verhältnisse auszumachen, in denen dieser Text entsteht und in die er involviert ist. Die Kategorie »Frau« dekonstruieren heißt, sie aus ihrem universellen Repräsentationsanspruch herauszukicken. Als Identitätsmoment beschreibt sie zwar Erfahrungsschnittpunkte von Frauen, wie z.B. die sexistische Gewalt ? als Repräsentationsfigur muß jedoch immer wieder ausgehandelt werden, was wir über das Identitätsmoment ?Frau? politisch vermitteln oder bekämpfen wollen. Denn die »konkrete« Frau bildet sich immer neu in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen innerhalb regionaler Kräfteverhältnisse. In dieser Gesellschaftskonfiguration bewegt sich die soziale Kategorie »Frau«. Als politische Identität spricht sie weiterhin gegen Sexismus und benennt Vergeschlechtlichungsprozesse. Doch wenn aus dem politischen Identitätsbezug ein Gleichheits- oder Differenzpostulat aller Frauen proklamiert wird, ist damit der geographische und politische Standort, an denen ?Frau? produziert wird und an denen sie agiert, nicht erfaßt. So müssen wir immer fragen, in welchem Zusammenhang eine politische Identität angerufen wird, wen oder was sie beschreibt, wann und wo sie entsteht und mit wem und für wen sie spricht.


Encarnación Gutiérrez Rodríguez ist Soziologin, Politologin und engagiert in der Gruppe »Feministische Migrantinnen«


Literatur

Apostolidou, Natascha (1980): Für die Frauenbewegung auch wieder nur ?Arbeitsobjekte?? In: Informationsdienst zur Ausländerarbeit. Nr. 2. Frankfurt/M..

Brah, Avtar (1994): Difference, Diversity, Differentiation: Processes of Racialisation and Gender. London.

Camlikbeli, Deniz (1984): Deutsche Frauen ? türkische Frauen. In: Informationsdienst zur Ausländerarbeit. Nr. 1. Frankfurt/M.

Combahee River Collective (1979): A Black Feminist Statement. In: Hull, T. Gloria/Scott, Patricia Bell/Smith, Barbara (Hg.): All the Women Are White, All the Blacks Are Men, But Some of Us Are Brave. New York.

FeMigra (Feministische Migrantinnen) (1994): Wir, die Seiltänzerinnen. In: Eichhorn, Cornelia/Grimm, Sabine (Hg.): Gender Killer. Berlin.

Gutiérrez Rodríguez, Encarnación (1996a): Migrantinnenpolitik jenseits des Differenz- und Identitätsdiskurses. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis. Heft 42. Köln.

dies. (1996): ?Frau ist nicht gleich Frau, nicht gleich Frau, nicht gleich Frau ...?. In: Fischer, Ute-Luise/Kampshoff, Marita/Keil, Susanne/Schmidt, Mathilde (Hg.): Kategorie: Geschlecht. Opladen.

Kalpaka, Annita/Räthzel, Nora (1985): Paternalismus in der Frauenbewegung?! In: Informationsdienst zur Ausländerarbeit. Nr. 3. Frankfurt/M.

Kalpaka, Annita (1992): Die Hälfte des geteilten Himmels. In: Schulz, Marion (Hg.): Fremde Frauen. Frankfurt/M.

Lwanga Magiriba, Gotlinde (1993): Deutsch, nein danke? Anmerkungen zu Staatsangehörigkeit, BürgerInnenrechte und Verfassung. In: Entfernte Verbindungen. Berlin.

Scharlau, Birgit (1983): Tiger Semantik, Gonzalo Fernández de Oviedo und die Sprachprobleme in Las Indias. In: Iberoamericana, Nr. 18. Frankfurt/M.

Spivak, Gayatri Chakravorty (1990): The Post-Colonial Critic. Harasym, Sarah (Hg.). New York/ London.