Volltext

(Artikel * 2005) Schönherr, Valentin
"Wohin mit den abgetriebenen Träumen?" Daniel Maximins Roman Sonnenschwarz taucht tief in die kraibische Geschichte ein
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 370 * Seite 47 - 49
Themen: Befreiungskampf; Geschichte; Literatur * Guadeloupe; Karibik * Negritude * Dok-Nr: 155524
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur
?Wohin mit den abgetriebenen Tr?umen??
Daniel Maximins Roman Sonnenschwarz taucht tief in die karibische Geschichte ein

Der 1947 auf der franz?sischen Antilleninsel Guadeloupe geborene Daniel Maximin ist einer der gro?en karibischen Romanciers. Als Literaturwissenschaftler und Herausgeber, der unter anderem in den achtziger Jahren das literarische Programm des Pariser Verlags Pr?sence Africaine leitete, war und ist er Vermittler zwischen Insel und Metropole. In seinem ersten, bereits 1981 erschienenen Roman Sonnenschwarz schreibt er die Geschichte Guadeloupes so, dass sie an Vielschichtigkeit und Raffinesse kaum zu ?berbieten ist. Dennoch droht dem Buch die w?nschenswerte Aufmerksamkeit zu entgehen.

In diesem Roman steckt Geschichte. Schon im Schicksal der deutschen ?bersetzung spiegelt sich das Zeitgeschehen: Die erste Ausgabe erschien im Juni 1990, vierzehn Tage vor der W?hrungsunion, im Ostberliner Verlag R?tten & Loening. Wie viele andere DDR-Titel verschwanden auch einige Tausend sch?n gemachter, preiswerter Exemplare dieses Romans ? damals unter dem Titel ?Sonne mutterseelenallein? ? ?ber Nacht aus den Lagern und Buchhandlungen und damit vom Buchmarkt. Erst 2004, im Sklaverei-Gedenkjahr der Vereinten Nationen, ist er in ?berarbeiteter Fassung wieder erschienen. Damit k?nnte die Geschichte neuen Schwung gewinnen, zumindest die Publikationsgeschichte Daniel Maximins: L?Isol? soleil, so der klangvolle Originaltitel, ist nur der erste Band einer 1987 durch Soufri?res und 1996 durch L?Ile et une nuit komplettierten Romantrilogie.
Historisch ist aber zuallererst das Thema des Romans selbst. Daniel Maximin versucht darin nichts weniger, als eine Version ? seine Version ? von zweihundert Jahren Kolonialgeschichte darzulegen, vermittelt durch eine weitverzweigte Familie, die sich zwischen dem Mutterland und der Karibikinsel hin- und herbewegt. Ausgangs- und Endpunkt des Romans ist ein Briefwechsel zwischen dem j?ngsten Spross dieser Familie, Marie-Gabriel, und ihrem in Paris lebenden Freund Adrien. Darin tauchen sie andeutungsweise, wie zur Probe, in die Familiengeschichte hinab. Sie sto?en auf Marie-Gabriels Vater, der 1943 von Guadeloupe flieht ? die Insel ist von den Anh?ngern des Nazi-freundlichen P?tainregimes besetzt ? und in die USA entkommt, ein widerst?ndiger Jazzmusiker. Der Tod ereilt den Vater 1962, als er mit einem Passagierflugzeug am Vulkan der Inselgruppe zerschellt. Mit an Bord: zwei K?mpfer f?r die guadeloupische Autonomie. Wir befinden uns mitten in der Welle des antikolonialen Befreiungskampfes, der auch Guadeloupe streift.

Guadeloupe ist nicht Haiti

Nachdem also ein paar Pfosten angebracht sind, zwischen denen die Geschichte verlaufen wird ? der Jazz wird eine Rolle spielen, der Widerstand und das schmerzhafte Fehlen von Widerstand (die Insel geh?rt bis heute zu Frankreich), die enge Verkn?pfung von individuellem und kollektivem Schicksal ? taucht der Roman weit hinab in die Zeit um 1800. Die Franz?sische Revolution ist der Ausl?ser daf?r, dass sich die franz?sischen Antillen von Sklaverei und kolonialer Herrschaft befreien. Was in Haiti gelingt, scheitert hingegen auf Guadeloupe. Denn anders als in Haiti, wo die napoleonischen Truppen, die die Macht wiedererlangen und die Sklaverei wieder einf?hren sollen, in die Flucht geschlagen werden, ?bergibt der aufst?ndische General auf Guadeloupe die Insel den Franzosen kampflos. Nur eine kleine Truppe widersetzt sich und sprengt sich schlie?lich mit den Angreifern in die Luft.
Bei diesen K?mpfen, die als dem?tigende Katastrophe erscheinen, sind Marie-Gabriels Vorfahren dabei. Passage um Passage bewegt sich der Text nun mit der Familie in Richtung Gegenwart: ?ber eine Rebellionsbewegung 1843, die durch ein Erdbeben noch verst?rkt wird, ?ber die Abschaffung der Sklaverei durch das franz?sische Parlament 1848 ? die bewusst um zwei Monate verz?gert wird, damit die Sklaven noch die Zuckerernte einbringen ? bis hinein ins 20. Jahrhundert. Die an einschneidenden Ereignissen nicht gerade reiche Geschichte der Insel gewinnt ihre Bedeutung im reflektierten Erleben des Einzelnen, in der wohl ewig relevanten Frage danach, wie den Einzelnen die Geschichte pr?gt und welchen Stempel der Einzelne selbst der Geschichte aufdr?cken kann. Dass die Geschichte einer Familie gen?gt, um die Welt zu zeigen, diesen Gedanken f?hrt Maximin ?berzeugend aus.

Wo der S?bel h?ngen sollte

Der Roman ist jedoch doppelt gewebt. Maximin unterstreicht die Vielstimmigkeit der famili?ren Erinnerung, in dem er von Kapitel zu Kapitel eine andere Textsorte, eine andere Sprechweise und Perspektive w?hlt: mal einen Briefwechsel, mal die auktoriale Erz?hlung, mal ein Tagebuch, immer wieder eingestreute Originalzitate wie Reden, Verse, offizielle Berichte oder Verlautbarungen. Das Scheitern vor den napoleonischen Truppen wird beispielsweise in elf kurzen Abschnitten erz?hlt, die jeweils durch ein Sprichwort zusammengefasst werden (?H?nge deinen S?bel stets dorthin, wo deine Hand ihn greifen kann.?).
Als H?hepunkt des Romans in formaler wie inhaltlicher Hinsicht k?nnte das Kapitel ?Sim?as Tagebuch? gelten. Sim?a, die Mutter der eingangs erw?hnten Marie-Gabriel, lebt 1939 in Paris, wo sie in den Kreisen der afrikanischen und karibischen Intellektuellen verkehrt. Hier wird von Dichtern wie Aim? C?saire aus Martinique, L?on-Gontrand Damas aus Guayana und anderen das Konzept der n?gritude entwickelt. Es wird ein neues, antikoloniales schwarzes Selbstbewusstsein gefordert und formuliert. Just 1939 erscheint C?saires epochales Langgedicht Notizen von einer R?ckkehr ins Land der Geburt, das Sim?a mit ihren Freunden begeistert aufnimmt.
Sie selbst befindet sich zu dieser Zeit in einer tiefen pers?nlichen Krise: Eine Schwangerschaft wurde aus Gr?nden der ?Familienehre? durch eine erzwungene Abtreibung beendet. Sie leidet grauenhaft unter dem Verlust des Kindes: ?Dein Leichnam aus meinen Tr?mmern gezerrt?, schreibt sie. Bei C?saire nun findet sich, bezogen auf die schwarze Misere der Gegenwart, folgender Satz: ?Niemand wei?, wohin mit seinen abgetriebenen Tr?umen.? F?r Sim?a gewinnen solche Formulierungen ganz w?rtliche Bedeutung. Sie spricht mit ihrem ?abgetriebenen Traum? wie mit einem lebendigen Kind, und sie kehrt schlie?lich in ihr ?Land der Geburt? zur?ck. Was C?saire als Konzept formuliert hat, lebt sie. Daniel Maximin liefert hier eine Begr?ndung und W?rdigung der n?gritude, die nicht nur als Erz?hlung ergreifend, sondern auch literaturgeschichtlich h?chst intelligent ist und ganz nebenbei die Frage aufwirft, warum jemand wie C?saire heute, wenn ?berhaupt, nur noch in Universit?tsseminaren gelesen wird.

Erz?hlt mit eigenem Herzblut

In der Gegenwart der sechziger Jahre und wieder bei Marie-Gabriel angelangt, bleiben eine Menge Fragen offen. Sonnenschwarz ist ein Buch, das Zeit braucht, Zeit zum Lesen und zum Bl?ttern, zum Wirkenlassen, Zeit f?r den Gang in die Bibliothek, wenn man C?saire und Co. nicht zu Hause hat. Je l?nger man es bei sich tr?gt, umso st?rker wirken die einzelnen Szenen, die sich nicht unbedingt beim ersten Lesen erschlie?en. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.
Dennoch ist zu bef?rchten, dass das Buch nicht gen?gend wahrgenommen werden k?nnte. Warum? Es f?ngt zu schwierig an. Maximin, der die assoziativen, bei den Expressionisten ankn?pfenden Formulierungen liebt, ?berfrachtet die ersten Seiten, und wer das Buch mal schnell anliest, wird es kopfsch?ttelnd wieder weglegen. Warum noch? Es passt nicht zum Zeitgeist und d?rfte im ?gro?en? Rezensionsfeuilleton kaum eine Rolle spielen. Dort werden derzeit skeptische St?dter, Reisende und Krimistoffe bevorzugt. Wer mit eigenem Herzblut eine Geschichte des Widerstands erz?hlt, f?llt leicht unter den Tisch, und wer sich dabei nicht marktg?ngig ausdr?ckt, erst recht. Sollte das so sein, wird es weder eine zweite Auflage noch eine Taschenbuchausgabe geben. Man lese Sonnenschwarz also am besten jetzt, bevor es aus den Lagern wieder verschwindet.


Daniel Maximin: Sonnenschwarz. Aus dem Franz?sischen von Klaus Laabs. Rotpunktverlag, Z?rich 2004, 409 Seiten, 22,50 Euro.
Daniel Maximin wird an den Literaturtagen im schweizerischen Solothurn (6. bis 8. Mai) teilnehmen.

Text: Valentin Sch?nherr
Ausgabe: Nummer 370 - April 2005