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(Artikel * 2005) Dillmann, Hans-Ulrich
Eingemauert in äthiopischen Marmor Streifzug durch Bob Marleys Geburtsort Nine Mile
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 369 * Seite 49 - 51
Themen: Musik; Tourismus * Äthiopien; Jamaica * Macho; Rastafaris * Dok-Nr: 155505
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Musik
Eingemauert in ?thiopischen Marmor
Streifzug durch Bob Marleys Geburtsort Nine Mile

Bob Marleys 60. Geburtstag am 6. Februar wurde vor allem in ?thiopien gefeiert ? das f?r die Rastafaris sinnbildlich f?r den afrikanischen Kontinent steht. Die ?berlegungen, Bob Marleys sterbliche ?berreste nach ?thiopien umzubetten, sind vorerst wieder vom Tisch. Zur Freude der BewohnerInnen in seinem jamaicanischen Geburtsort Nine Mile, denn dort profitieren nicht wenige von Marleys Mausoleum.

Nine Mile ist ein verschlafenes Nest. Drei Dutzend eher ?rmliche H?user, eine schmale, schlecht asphaltierte Strasse, die sich durch das kleine Dorf windet, ein vegetarisches Restaurant, vor dem ein etwa Mittdrei?iger gelangweilt, aber vor allem vergeblich auf G?ste wartet. Von Ocho R?os aus, einer n?rdlichen Touristenhochburg Jamaicas, in der zur Hauptsaison t?glich die Kreuzfahrtschiffe anlegen, dauert die Fahrt dorthin knapp eine Stunde. Vorbei an tief ausgegrabenen Gruben, in denen tiefrote Erde zur Bauxitgewinnung abgebaut wird und ?ber Stra?en, die mit Schlagl?chern regelrecht gepflastert ist.
Das vielleicht auff?lligste an Nine Mile ist die kleine, in den Farben der Rastafaris rot, gelb und gr?n gestrichene Grundschule am Ortseingang. Cedella Marley Grundschule verk?ndet dem Besucher ein Schild. Die Mutter von Bob Marley, des einzigen ber?hmten Sohnes dieser Ein?de, hat der Bildungsanstalt ihren Namen gegeben. Ansonsten sieht alles ?rmlich aus. Der Reichtum hat sich bis in die H?tten der etwa 500 Einwohner nicht verirrt.
Am Ende der Dorfstra?e, die sich auf eine Anh?he hinauf windet, baut sich pl?tzlich ein halbes Dutzend Jugendlicher um das Fahrzeug auf. Der eine schiebt sich durch die halb heruntergelassene Scheibe rein: ?Hey man, no problem. Ich zeigt dir wo Bob beerdigt ist.? Auf der Beifahrerseite versucht ein vielleicht 15 Jahre alter Dreadlock-Tr?ger die verriegelte T?r aufzurei?en: ?Mann, ich bewach? den Wagen. Hier kannst du parken.? Ein anderer liegt schon fast auf der Motorhaube, um den Fahrer mit k?rperlichem Einsatz zu stoppen und in die von ihm bewachte Parkl?cke zu lotsen.
Kaum angekommen, m?chte man schon wieder umkehren. Zumal links fast h?misch ein Schild auf einer hohen Mauer verk?ndet: ?Sie sind bereits am Eingang vorbeigefahren.? Fragen nach der Bedeutung des Reggae-Idols Marley f?r den Ort werden von den maulfauleren Jungs mit der offen ausgestreckten Hand beantwortet. Anderen ist nur ?Hey whity, give me some bucks? zu entlocken. Ohne Moos nix los, scheint die Lebensdevise zu sein.
Auch Susanne Eid aus Leipzig wurde vor dem Tor zum Geburtshaus von Bob Marley von den Jugendlichen abgefangen. ?Bob Marley ist f?r mich die Reggae-Legende Number One.? Zuerst wurde sie durch einen Garten gezerrt, in der sie ein paar banale Marihuana-Pflanzen bewundern musste, deren Anbau im Prinzip illegal ist. Dann wurde ihr das Geburtshaus aus der Ferne gezeigt ? die Mauer im Vordergrund inklusive. Und als sie dann endlich mit ihrem Mann durch das Eisentor das Marley-Memorial-Gel?nde betreten wollte, formierten sich die Jungs mit den filzigen Dreadlocks davor zum un?berwindlichen Hindernis. Wieder wechselten Dollars den Besitzer: ?Nun haben wir drau?en schon mal bezahlt und wahrscheinlich bezahlen wir noch mal richtig, um das alles zu sehen von Bob Marley.? Richtig vermutet: 15 Bucks ? 15 US-Dollars kostet der Eintritt pro Person.

Von Sugar Hill zu Mount Zion

Jonathan empf?ngt die kleine Besuchergruppe im Fanshop. Die Zunge leicht schwer. Auf dem Gel?nde w?chst das Rauschkraut wie bei Muttern zu Hause die Alpenveilchen auf dem Balkon. ?Fossy?, so verr?t der ?Original Bob Marley Tour-Guide?, nennen ihn die Besucher. Schlecht ausgesteuerte Reggaemusik beschallt das Bistro, vor dem Fossy zum ersten Mal halt macht. ?Hier hat Cedella Marley Booker am 6. Februar 1945 Baby Bob zur Welt gebracht?, erkl?rt der Endf?nfziger, der mit dem legend?ren Musiker in die Schule gegangen sein will, und zeigt auf ein gegen?berliegendes Holzhaus mit roten Holzschindeln.
Gerade mal sechs Monate sp?ter zog die heute 80 Jahre Mutter Cedella Marley dann aus dem Haus ihrer Eltern aus, um sich nur wenige Meter weiter auf einer Anh?he anzusiedeln. Damals hie? der Fleck Sugar Hill, weil dort Rohrzuckerpflanzen dicht an dicht standen. Heute wird der H?gel ?Mount Zion? genannt, weil hier einmal Bob Marley lebte. ?Ein heiliger Ort?, wei? Fossy und singt atonal ?Zion on the top?, eine Zeile aus Marleys umfangreichen Liedgut. Steil zieht sich ein Rasenweg auf den heiligen Zionsh?gel hoch. Hier treffen sich jedes Jahr Tausende von Rastafari-J?nger und Reggae-Fans, um den Geburtstag des 1981 in Miami an Krebs verstorbenen Musikers zu feiern.
?Bob lives.? ?Bob lebt? ? aus eingef?rbten Steinen ist der Slogan in einem kleinen Garten auf dem Gel?nde geformt. Vor zehn Jahren haben die Tour-Guides diese beiden Worte anl?sslich des zehnten Todestages geformt. ?Bob lebt?, so erkl?rt der Ex-Schulkumpel aus Nine Mile, durch seine Musik, durch seine Botschaft von ?Love and Peace?, durch die Liebe unter den Menschen, durch seine rebellischen Songs gegen Diskriminierung, Rassismus und Unterdr?ckung. ?Rot steht f?r das Blut der Menschen. Das ist jedermann. Das bist Du selbst. Gelb symbolisiert die Sonnenstrahlen, die Seele, die alle besitzen?, berichtet Fossy den wissend nickenden Zuh?rern, ?und gr?n, ihr wisst schon, das ist Mutter Natur, Mutter Erde, Mutter Afrika.? Und, wir wissen es schon: ?Auch Ganja in Jamaika.?
Ein Gro?teil der ?ber mehrere H?tten verteilten ehemaligen Wohnr?ume der Marleys ist erhalten geblieben. In einem kleinen H?uslein ?on the top of the hill? mit zwei Zimmern hat Bob Marley, der bereits mit 13 Jahren nach Trenchtown, einem Armenviertel in der Hauptstadt Kingston umgezogen war, immer wieder Refugium gefunden, um zu meditieren, zu komponieren, zu texten und ? damit die Besucher nicht ihrer Klischees verloren gehen ? ?um zu kiffen?.

Der Stein war sein Kopfkissen

?Zieht Eure Schuhe aus?, ordnet Fossy an. Die Gruppe steht vor dem Schlafzimmer des Reggaepoeten. Ein schmales Einzelbett aus Eisen, eine d?nne ?berdecke, an der Wand ein Plakat mit den Kindern, die er zusammen mit seiner Frau Rita hatte. Wieder dr?ngt es Fossy alias Jonathan mit rauer Stimme zum Reggaegesang: ?I gonna love you. I?ll treat you right. I gonna love you every day and night. We?ll be together, with the roof over my head. We?ll share the shelter of my single bed. We?ll share the same room. It is love. It is love, it is love, it is love that I can feeling.?
Zeit ?ber die Virilit?t des mit 36 Jahren Gestorbenen zu berichten. ?Elf Kinder hat er offiziell gehabt?, bilanziert der Tour-Guide. Vier davon offiziell mit Rita Marley. ?Aber Bob ist in 52 L?ndern gewesen. Dort war es ?fters kalt und so sch?tzen wir, dass er bestimmt auch dort Kinder gezeugt hat ? also 52 oder mehr.? So werden Macho-Mythen gestrickt und fortgeschrieben.
Neben dem Wohnhaus befindet sich ein Stein, der sich keck gl?nzend in den Rastafarben bepinselt aus dem Beton herausstreckt. Hier soll Marley manche Nacht kiffend verbracht haben. ?Der Stein war mein Kopfkissen, singt Bob schon in ?Talking Blues??, berichtet Fossy und dr?ngt die Gruppe langsam auf dem Raum zu dem Nebengeb?ude hin, eine kleine Kapelle mit Buntglasfenstern, die in ?stliche Richtung ausgerichtet ist. Wieder m?ssen die Schuhe ausgezogen werden, bevor die schlecht ge?lte Eisent?r quietschend ins Schloss f?llt. ?Keine Fotos. Habt ihr verstanden, keine Fotos. Wie auch immer?, verf?gt Fossy drohend. Dann zieht das Mausoleum die Gruppe in ihren Bann.
Etwa zweieinhalb mal drei Mal eineinhalb Meter gro? ist der Sarkophag. Bob Marley ist in wei?en, blank polierten Bruchmarmor aus ?thiopien eingemauert. ?ber den Grabmal h?ngt eine rot, gelb, gr?ne ?thiopische Landesfahne, daneben ein Bild des Negus, des 1930 gekr?nten Ras Tafari Haile Selassie I., in dem die Rastafaris den direkten Nachfahren von K?nig Salomo sehen und den sie als ihren Gott verehren ? und den die ?thiopische Bev?lkerung durchaus nicht nur als liebevollen Landesvater, sondern auch als verschwenderischen und despotischen Kaiser in Erinnerung hat. Es riecht impertinent nach R?ucherst?bchen und nach ?Gras? in dem Raum. Links befindet sich eine ?berdimensionale Bronzeb?ste. Vor dem Grab die aufgeschlagene Bibel des Erfolgskomponisten und -musikers. Zwei seiner selbstgebauten Gitarren halten rechts und links Wache. Ein Buntglasfenster in Form eines Davidsterns befindet sich an der ?stlichen Stirnseite des kleinen Mausoleums. ?Bobs Kopf liegt nach Westen? sagt Fossy, ?so kann er morgens die aufgehende Sonne sehen.? Ein guter Hirte sei er gewesen, der einst auferstehen werde, verr?t Fossy/Jonathan. ?Und wir sind die Schafe.?
Derweil leben alle im Hier und Jetzt. Am Ausgang von Mount Zion erinnert ein Schild: ?Denkt an das Trinkgeld?. Das l?st sich hier vermutlich in Rauch auf. Es beginnt nieselnd zu regnen. Gleichzeitig scheint die Sonne. Und wie in einem Kitschfilm bildet sich pl?tzlich ein halber Regenbogen ?ber den Anh?hen von Nine Mile. ?Hey man, willst Du kein Souvenir kaufen?, ruft der Verk?ufer des Besucherzentrums auch noch fragend dem Besucher nach, der tief Luft holend versucht, diesen Pilgerort der Rastafaris und Reggaefans mit seinem Mietfahrzeug schnellstens zu verlassen. Enough is enough. ?No problem man.?

Text: Hans-Ulrich Dillmann
Ausgabe: Nummer 369 - M?rz 2005