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(Artikel * 2005) Costa, Sergio
Rassismus und Antirassismus in Lateinamerika Diskriminierung und neue Formen des Widerstands
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 367 * Seite 22 - 26
Themen: Diskriminierung; Rassismus; Widerstand * Lateinamerika * Antirassismus; Dominanzkultur; Affirmative Action; Mestizaje-Konzept * Dok-Nr: 155457
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Rassismus / Antirassismus
Rassismus und Antirassismus in Lateinamerika
Diskriminierung und neue Formen des Widerstands

Die durch Kolonialherrschaft und Sklaverei begr?ndete Tradition rassistischer Unterdr?ckung spiegelt sich noch heute in den lateinamerikanischen Gesellschaften wider. Rassismus in Lateinamerika findet sowohl auf sozio?konomischer als auch auf soziokultureller Ebene statt und betrifft besonders AfroamerikanerInnen und Ind?genas. Als Antwort darauf haben sich in den letzten Jahren zahlreiche antirassistische Bewegungen formiert, die den Rassismus auf allen Ebenen bek?mpfen, den Mythos der formalen Gleichheit bek?mpfen und ihre kulturelle Eigenst?ndigkeit verteidigen.

Rassismus entspricht der Unterstellung einer qualitativen Hierarchie zwischen den Menschen, die aufgrund bestimmter K?rpermerkmale in verschiedene Gruppen aufgeteilt werden. Daraus ergeben sich sowohl sozio?konomische als auch soziokulturelle Folgen. Erstere beziehen sich auf die Entstehung einer ungleichen Chancenstruktur, da diejenigen, die in der unterstellten rassistischen Hierarchie schlecht da stehen, im sozialen Wettbewerb (Jobsuche, Zugang zum Schulsystem usw.) systematisch benachteiligt werden. Die kulturelle Dimension des Rassismus dr?ckt sich im Alltag durch Verhaltensformen, Rituale (rassistische Beschimpfungen, Dem?tigungen) sowie r?umliche und soziale Exklusion aus.
In verschiedenen Regionen Lateinamerikas lassen sich beide Dimensionen des Rassismus beobachten. Allgemein richten sich die rassistischen Vorurteile gegen Bev?lkerungsgruppen, deren Aussehen einem idealisierten europ?ischen Menschentypus nicht entspricht. Generell erfolgt dies nach einer Diskriminierungsskala: Je mehr sich das Aussehen vom imaginierten Idealbild entfernt, desto h?rter ist der Rassismus. Etwa im Fall der Bev?lkerungsgruppen mit indigenen K?rpermerkmalen in Mexiko oder f?r die Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer tritt diese perverse Regel ein.

Von ?wei?er? Dominanz zum Konzept der Mestizaje
Rassistische Vorurteile haben tiefe historische Wurzel in Lateinamerika. Bereits in der zweiten H?lfte des 19. Jahrhunderts rezipierten die Gr?ndungsv?ter der lateinamerikanischen Nationen die Theoreme des europ?ischen pseudowissenschaftlichen Rassismus, wonach die Dominanz der wei?en Bev?lkerung eine Voraussetzung f?r die Entstehung moderner und fortschrittlicher Gesellschaften darstellt. Davon ausgehend entwarfen die Nationsideologen in Lateinamerika unterschiedliche Konzepte f?r die ?Europ?isierung? ihrer Gesellschaften: W?hrend einige dieser Intellektuellen eine offensive Migrationspolitik bef?rworteten, die m?glichst viele europ?ische EinwandererInnen ins Lande ziehen und durch ?Vermischungsprozesse? zu einem graduellen ?Wei?werden? der Gesamtbev?lkerung f?hren k?nnte, pl?dierten andere f?r interne Ma?nahmen, die die ?Vermischungsprozesse? stoppen sollten, damit eine intakt gebliebene wei?e Elite die F?hrungsfunktionen ?bernehmen k?nne.
Erst in den 1930er Jahren konnte Lateinamerika das Verm?chtnis des europ?ischen pseudowissenschaftlichen Rassismus ?berwinden. Zu dieser Zeit setzte sich in verschiedenen L?ndern des Subkontinents die Ideologie der Mestizaje durch, welche die Nationen Lateinamerikas zu einem positiven Modell f?r die friedliche Verschmelzung von vielf?ltigen Kulturen und Menschentypen erkl?rte. Die Botschaft der Mestizaje ist allerdings ambivalent: Einerseits erm?glichte diese Ideologie die symbolische Inklusion von dunkelh?utigen, indigenen und als ?Mestizen? bezeichneten Bev?lkerungsgruppen in die lateinamerikanischen Nationen, womit diese Gruppen nicht mehr die Rolle des ?internen Anderen? spielten. Gleichzeitig blendete das ideologische Lob der Verschmelzung die in der Gesellschaft tief verankerten rassistischen Hierarchien aus.

Antirassistische Bewegungen
Gegen derartige rassistische Vorurteile, die mit der Ideologie der Mestizaje historisch koexistierten, richten sich heute antirassistische Bewegungen in verschiedenen L?ndern Lateinamerikas. Im Allgemeinen versuchen diese Gruppen, den Rassismus sowohl auf der sozio?konomischen Ebene durch die Forderung kompensatorischer Politiken, als auch in seiner soziokulturellen Dimension herauszufordern. Dazu z?hlen die Aufwertung bzw. die Rekonstruktion des kulturellen Erbes von indigenen und afroamerikanischen Bev?lkerungen. Konkret lassen sich bereits im Rahmen der lateinamerikanischen Historiographie wichtige Ver?nderungen feststellen: Waren die nationalen Geschichten der L?nder Lateinamerikas bis vor nur wenigen Jahren vornehmlich durch die Pr?senz wei?er Helden gekennzeichnet, die ?barbarischen Einheimischen? moderne und universelle Werte auferlegten, so vermitteln die Museen, aber auch die Schulb?cher heute ein anderes Bild. Die Kolonisierung wird nicht mehr als eine altruistische Ausdehnung der europ?ischen Aufkl?rung, sondern als eine ?konomische und kulturelle Ausrottung dargestellt. Dabei werden indigenen Aufst?nden und Rebellionen gegen die Sklaverei ein positiver Stellenwert zugeschrieben.
Die antirassistischen Mobilisierungen, die sich derzeit in Lateinamerika beobachten lassen, sind heterogen und vielschichtig. Doch einige Charakteristika scheinen die unterschiedlichen Bewegungen gemein zu haben. Insgesamt bringen diese neuen antirassistischen Akteure einen wichtigen Innovationsimpuls in die lateinamerikanische Politik ein, da sie inhaltlich und anhand ihrer Handlungsformen Verbindungen zwischen Ebenen herstellen, die bislang als unvereinbar erschienen.

?ber Grenzen hinweg
Diese neuen Mobilisierungen handeln gleichzeitig national und transnational. Sowohl die neuen indigenen, als auch die afroamerikanischen Bewegungen versuchen neue R?ume in der jeweiligen nationalen ?ffentlichkeit zu schaffen, um ihre Staatsb?rgerrechte zu verwirklichen. Gleichzeitig artikulieren sie sich weltweit: Sie suchen die Unterst?tzung von Geldgebern aus dem Norden, wie transnationalen NGOs, Stiftungen und Entwicklungsagenturen; sie bilden aber auch neue transnationale Vernetzungen wie etwa die seit 1998 bestehende Alianza Estrat?gica de Afro-Latino-Americanos. Dabei verbinden sie Kultur und Politik.
Charakteristisch f?r den neuen Antirassismus ist der R?ckgriff auf einen kulturellen Fundus, der sich von der nationalen kulturellen Landschaft vermeintlich abhebt. Hier l?sst sich die Suche nach kulturellen Attributen und Produkten feststellen, welche die nationalistischen Assimilierungsstrategien ?berlebt haben. Damit wird das differenzierte Kulturerbe, wie etwa im Fall der Mapuche in Chile oder der Mobilisierungen der AfrokolumbianerInnen, zum politischen Mittel, um Zugang zur ?ffentlichkeit zu erhalten und ihre politischen Forderungen zu begr?nden.

Performances als Politik
Mit der Koppelung von Kultur und Politik h?ngt ein weiteres Merkmal des neuen Antirassismus in Lateinamerika zusammen: Die Verkn?pfung von Ethik und ?sthetik bzw. von Argumenten und Performance. Wer den ?ffentlichen Auftritt der Zapatistas in Mexiko oder die von der brasilianischen antirassistischen Bewegung Movimento Negro Unificado veranstalteten Demonstrationen ins Auge fasst, dem f?llt der medienkonforme Charakter dieser Ereignisse auf.
Durch das Verstecken ihrer Gesichter im ersten Fall oder das Schminken und die Stilisierung des eigenen K?rpers im zweiten Beispiel erinnern beide Bewegungen in unterschiedlicher Weise daran, dass sie Bev?lkerungsgruppen vertreten, die historisch zur politischen Unsichtbarkeit verurteilt wurden. Es handelt sich hier doch um mehr als eine blo?e symbolische Politik. In den neuen Formen des Antirassismus in Lateinamerika geh?ren K?rperinszenierungen und ?ffentliche Performances zu einem integrierten politischen Programm, das fundierte und im Rahmen von Studien, Publikationen und ?ffentlichen Reden verbreitete Argumente ebenfalls miteinbezieht.

Politische Unzul?nglichkeiten
Trotz seiner j?ngsten Erfolge ist der neue Antirassismus in Lateinamerika nat?rlich noch weit davon entfernt, die rassistischen Spuren wegzufegen, die sich w?hrend mehrerer Jahrhunderte Kolonisierung, Sklaverei und Import europ?ischer rassistischer Ideen eingepr?gt haben. Auch einige grunds?tzliche politische Unzul?nglichkeiten des neuen Antirassismus lassen sich bereits konstatieren. So konnten die antirassistischen Mobilisierungen ? mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel in Bolivien ? noch nicht die breite Basis der Bev?lkerung erreichen, die vom allt?glichen Rassismus betroffen ist. Oft vertritt nur eine kleine Minderheit einen dezidiert antirassistischen Diskurs, w?hrend die betroffenen Gruppen entweder noch auf die Ideologie der Mestizaje setzen oder politisch desinteressiert sind. Was die konkreten Ma?nahmen zur Etablierung einer realen Gleichberechtigung anbelangt, ist eine ?hnliche Einschr?nkung festzustellen. Bislang beg?nstigten Politiken ? wie die bevorzugte Zuschreibung von Studienpl?tzen f?r dunkelh?utige BewerberInnen an einigen staatlichen Universit?ten Brasiliens (affirmative action) ? nur die etwas besser situierten Individuen im Rahmen der diskriminierten Gruppen. Schlie?lich sind universit?re Quotenprogramme einer kleinen Minderheit der AfrobrasilianerInnen vorbehalten, die es schafft, die Oberschule abzuschlie?en. Aufgrund ihrer schlechten sozialen Stellung m?ssen die meisten dunkelh?utigen BrasilianerInnen bereits in der Grundschule die schulische Bildung abbrechen. ?berdies sind antirassistische Politiken darauf angewiesen, ihre Zielgruppen zu benennen und dabei auf die gleichen Kategorien zur?ckzugreifen, die die rassistischen Konstruktionen begr?nden. Mit anderen Worten: Ma?nahmen, die eine reale Chancengleichheit erzielen, m?ssen die benachteiligten Gruppen erfassen und definieren, womit die bestehenden rassistischen Hierarchien diskursiv best?tigt werden. Gegen solche Paradoxien des Antirassismus gibt es allerdings kein theoretisches Patentrezept. Im Rahmen der politischen Praxis und in jedem spezifischen Kontext m?ssen L?sungsans?tze gefunden werden, die den Rassismus und seine distributiven Folgen ad?quat bek?mpfen. Diese Tatsache ist den neuen antirassistischen Bewegungen l?ngst bewusst.

Text: S?rgio Costa
Ausgabe: Nummer 367 - Januar 2005