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(Artikel * 2005) Vogel, Saskia
Klare Worte gegen Rassismus Interview mit Esmeralda Ribeiro, Herausgeberin afrobrasilianischer Poesie
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 375/76 * Seite 66 - ^67
Themen: Literatur; Rassismus; Widerstand * Identität; Solidarität; Projekt; afrobrasilianische Gemeinschaft; Cadernos Negros CN; Gedichte und Kurzgeschichten; Schwarze Menschen; "schwarze Literatur" * Dok-Nr: 155193
Standorte: FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur
Klare Worte gegen Rassismus
Interview mit Esmeralda Ribeiro, Herausgeberin afrobrasilianischer Poesie

Die Cadernos Negros (etwa: Schwarze Hefte) sind ein Unikum der brasilianischen Literatur. Sie sind die einzige Anthologie, in der ausschlie?lich Texte schwarzer AutorInnen publiziert werden. Sie dr?cken Protest gegen den Rassismus aus und st?rken die Identit?t der afrobrasilianischen Gemeinschaft.

Seit wann gibt es die Cadernos Negros (CN)?

Die CN wurden 1978 von einer Gruppe von Autoren um Cuti gegr?ndet. Die Gruppe nannte sich sp?ter Quilombhoje (etwa: ?D?rfer gefl?chteter Sklaven heute?) und Cuti gilt heute als einer der bedeutendsten afrobrasilianischen Schriftsteller. Der erste Band zirkulierte unter der Hand, doch schon mit der zweiten Nummer ein Jahr sp?ter wurde die Verteilung perfektioniert. Heute erscheinen die CN j?hrlich ? Gedichte und Kurzgeschichten im Wechsel ? und wir erreichen eine Auflage von ?ber 23.000 St?ck.

Quilombhoje erh?lt weder Geld vom Staat noch von NRO. Wie organisiert sich das Projekt?

Quilombhoje ?bernimmt einen Teil der Kosten der CN, der andere Teil wird von den AutorInnen getragen. Es sind der Wille und die Spenden der Mitglieder, die das Projekt am Leben erhalten. Die Auswahl der Texte erfolgt unter Pseudonym, so dass jedem und jeder die gleiche Chance einger?umt wird. Leider ist es bisher immer noch so, dass es viel mehr Autoren als Autorinnen gibt. In der aktuellen Ausgabe sind nur zwei Frauen dabei.

Wer sind diese AutorInnen und wer ist die Leserschaft?

Die CN sind speziell von AfrobrasilianerInnen f?r ihresgleichen gemacht. Zwar haben wir auch eine interessierte wei?e Leserschaft, doch sie ist in der Minderheit. Alle unsere AutorInnen haben afrikanisches Erbe, und das ist ?u?erst wichtig. Ein besonderer Verdienst der CN ist, dass Schwarze den Stift in die Hand nehmen und aktiv werden. Dabei fungieren sie nicht, wie es lange in der brasilianischen Literatur ?blich war, ausschlie?lich als passive literarische Figur ? romantisiert und vorurteilsbelastet dargestellt aus wei?er Sicht. Nur wer in Brasilien mit einer dunklen Hautfarbe aufgewachsen ist, kann die spezifischen Probleme verstehen, mit der sich die afrobrasilianische Gemeinde konfrontiert sieht ? und diese auch zu Papier bringen.

Welche Probleme sind das?

Zuvorderst der allt?gliche offene wie auch subtile Rassismus mit all seinen Folgen. Schwarze Menschen gelten in Brasilien immer noch als minderwertig, als nicht zukunftsf?hig und unattraktiv. Wir bekommen ein enormes Misstrauen zu sp?ren. Ein klassisches Beispiel: In den meisten gutsituierten brasilianischen Hochh?usern gibt es zwei Fahrst?hle: Einer f?r die ? zumeist wei?en ? BewohnerInnen und ein anderer f?r das Dienstpersonal. Betreten nun AfrobrasilianerInnen den ?guten? Fahrstuhl, kommt es vor, dass sie vom Portier aufgefordert werden, den anderen zu benutzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Personen als BesucherInnen gekommen sind, oder sogar selber in dem Haus wohnen: Aufgrund der dunklen Haut wird automatische darauf geschlossen, dass sie zum ? nat?rlich schlechtbezahlten ? Dienstpersonal geh?ren.

Und diese Thematik findet Eingang in die literarischen Texte?

Genau. In ihren Kurzgeschichten und Gedichten versuchen die AutorInnen, den Rassismus zu entlarven und sichtbar zu machen. Schmerzvolle und erniedrigende Situationen werden k?nstlerisch aufgearbeitet oder als Protest formuliert. Die Literatur ist Ausdruck unseres Widerstands. In den CN wird das afrikanische Erbe, das so lange mit F??en getreten wurde, f?r die Gemeinschaft aufgewertet. So integrieren viele AutorInnen afrikanische Ausdr?cke, etwa aus dem Yorub?, in ihre Werke. Das brasilianische Portugiesisch ist von Sprachen aus Afrika stark beeinflusst worden, leider wird das bisher nicht ausreichend anerkannt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die positive Hervorhebung der spezifischen afrobrasilianischen Sch?nheit ? entgegen dem herrschenden blonden und blau?ugigen Ideal.

In welchem Sinne?

Viele Frauen ziehen sich die krausen Haare mit hei?en Eisen und viel Chemie in einer schmerzhaften Prozedur glatt. Es gibt Kinder, die versuchen, sich ihre Haut mit Scheuermilch zu ?bleichen?, nachdem sie in der Schule wieder einmal beleidigt wurden. Dem wollen wir entgegenwirken. Unsere LeserInnen erkennen sich in den Texten wieder und finden in ihnen oft pers?nliche L?sungen und Solidarit?t. Das macht die CN so wichtig und st?rkt das Selbstwertgef?hl unserer Gemeinschaft. Unser Leitsatz ist der des amerikanischen Aktivisten Marcus Garvey: ?Ein Volk, das nicht seine Geschichte, seinen Ursprung und seine Kultur kennt, ist wie ein Baum ohne Wurzeln.?

L?sst sich afrobrasilianische Literatur auch bei herk?mmlichen Verlagen publizieren?

Speziell schwarze AutorInnen haben es schwer, in Brasilien zu publizieren. Die gro?en Verlage haben kein Interesse an ?schwarzer? Literatur und ein entsprechender Absatzmarkt ist rar. Durch die starke ?konomische Benachteiligung k?nnen sich viele AfrobrasilianerInnen die B?cher nicht leisten, zudem gibt es in unserer Gemeinde leider immer noch viele Analphabeten. Doch es gibt auch Positives. So haben inzwischen afrobrasilianische Werke Eingang in die Literaturkritik gefunden und werden an Universit?ten diskutiert. Diese Diskussion ist kontrovers. Dass ?schwarze Literatur? als eigene Gattung hervorgehoben wird macht ?berdeutlich, wie gespalten zwischen Schwarz und Wei? die Gesell-schaft des Landes ist. Warum gilt unsere Literatur nicht einfach als brasilianisch, sondern bedarf eines speziellen Namens? Trotzdem sind wir stolz, uns einen eigenen literarischen Raum geschaffen zu haben, in dem unsere Stimmen und Werte z?hlen. Das ist das Wichtigste.

Text: Saskia Vogel
Ausgabe: Nummer 375/376 - September/Oktober 2005